Statt den "neuen" ORF mit Quotenschelte niederzudiskutieren, sollte sich man innerhalb und außerhalb der Anstalt endlich der Frage stellen, was öffentlicher Rundfunk heute sein soll.

Wer wagt, gewinnt - oder fällt ordentlich auf die Nase. Beim ORF, der nun seit einem Monat TV-mäßig als "neuer ORF" on air ist, scheint letzteres der Fall zu sein. Aber wir haben ja gewagt, so der trotzige Tenor des Küniglbergs. Pech, dass die Quote im Keller ist.

Es könnte ja auch anders sein: Im Jänner, als Alexander Wrabetz und sein Team die Chefetage des ORF übernommen hatten, wurde alsogleich ein Themenschwerpunkt ausgerufen. Klimawandel tönte es da aus allen Ecken des Programms - und man musste der neuen Mannschaft konzedieren, dass sie da das richtige Gespür hatte: Seit damals trieft allerorten die Berichterstattung vor Klima-GAUs. Dennoch kamen dem Beobachter auch damals Zweifel auf: Denn der ORF-Schwerpunkt war schnell-schnell aus dem Boden gestampft, zusammengeschustert könnte man bissig bemerken.

Solches kann gutgehen - siehe Klima-Schwerpunkt - oder schief laufen - siehe der "neue ORF". Denn das eigentliche Problem der Programmreform ist nicht die schlechte Quote an sich (von den scheinheiligen Prügeleien der Konkurrenzmedien und der Politik kann einem übel werden), sondern dass diese Reform eines neuen konzisen Konzeptes enträt und eben husch husch statt nachvollziehbar entwickelnd angegangen wurde.

Symptomatisch, dass sich sowohl diese "Reform" als auch die Kritik daran an der Daily Soap Mitten im Achten entlanghantelt: In Wahrheit hatte der ORF für sein "Neuwerden" wenig Geld; wenn das Gros dieses Geldes aber in eine Sitcom fließt, die dann floppt, darf man sich über die Häme nicht wundern - auch wenn ehrlicherweise zugestanden werden muss, dass eine mehr oder weniger heimische Produktion dieser Art eben teures Geld kostet.

Das Ärgerliche an der derzeitigen Quotendiskussion ist, dass sich der ORF im Vorfeld wie in der Verteidigung seiner "Reform" um die Frage drückt, was öffentlicher Rundfunk leisten soll. Und auch die Kritiker der Quotenmisere scheren sich keinen Deut um dieses Thema. Doch genau hier hätte die Auseinandersetzung anzusetzen. Eine - verkürzte - Antwort auf diese Frage lautet: Öffentlicher Rundfunk hat seine genuine Aufgabe darin, ein öffentlicher Raum zu sein, der den gesellschaftlichen Diskurs ermöglicht und Demokratie befördert.

Dass der ORF genau dazu imstande ist, beweist er auch heutzutage zur Genüge - im Radio: Das Programm von Ö1 erfüllt diesen Anspruch auf vorzügliche Weise und das junge, urbane Publikum, dem man auf ORF 1 so hinterherhechelt, wird diskursiv wie unterhaltend mit FM4 bedient. Dass daneben das zum Formatradio verkommene Programm Ö3 als Cashcow dient, mag man hinnehmen, solange eben Ö1 oder FM4 das bieten, was sie heute tun. Auch wenn uns die Programmacher belehren werden, dass Radio nicht gleich Fernsehen ist: Der ORF täte gut daran, sich das eigene Beispiel vor Augen zu halten. Den gesellschaftlichen Diskurs zu ermöglichen, heißt ja ganz sicher nicht Extrazimmer (Gab es da nicht einmal eine Sendung namens Club 2?).

Natürlich ist auch die Diskussion um die Finanzierung dieses ORF zu führen. Dabei sollte die Frage der ORF-Gebühren ausgeklammert bleiben und jedenfalls nicht für billigen Populismus genutzt werden: Der ORF braucht Geld via Gebühren - und die sollten an dieInflationsrate angepasst werden. Punkt. Dennoch wären auch heilige Kühe zu schlachten: Muss der öffentliche Rundfunk wirklich alle Sportübertragungsrechte erwerben - Beispiel: auch die der Formel 1? Und muss sich der ORF wirklich die überaus teure Landesstudio-Struktur leisten, die den regionalen ORF überdies schon lange zum Landeshauptmann-TV verkommen lässt? Solche Fragestellungen werden wohl weiterhin als - politische - Hirngespinste abgetan werden. Man muss sie dennoch aufs Tapet bringen.

ORF-General Alexander Wrabetz ließ dieser Tage aufhorchen, dass ein weiterer Streitfall auf den Sanktnimmerleinstag verschoben wurde: Bei der Standortfrage fürs Fernsehen gebe es bis 2012 keinen Handlungsbedarf. Solange könne man das - viel zu große - ORF-Zentrum am Küniglberg ohne gröbere Sanierung weiter nutzen. Wir wollen hoffen, dass dieses Moratorium kein Omen dafür ist, auch beim (TV-)Programm so weiterzuwurschteln wie bisher.

otto.friedrich@furche.at

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