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Was, wenn der ORF werbefrei wäre?

Das ist ein Plädoyer für einen werbefreien ORF. Die Begründung dafür: Der ORF wäre, rein geführenfinanziert, frei von Quotendruck und Einfluss von Werbekunden. Fragen und Antworten sowie einige provokante Thesen zur Debatte rund um den ORF von einem österreichischen TV-Produzenten in München.

Wie soll ein Betrieb, der beinahe zur Hälfte werbefinanziert ist, öffentlich-rechtliches Profil entwickeln? Dafür ist der Einfluss der Werbekunden zu groß. Und wie soll ein zur anderen Hälfte gebührenfinanzierter ORF überzeugend werbeaffine Programme herstellen? Dafür ist der Einfluss der öffentlichen Hand zu groß. Hier gilt es also eine Entscheidung zu treffen!

Bei einem werbefreien ORF reduziert sich der Quotendruck auf ein annehmbares Maß. Es gäbe Atem für Qualitätsprogramme. Ein öffentlich-rechtlicher TV-Sender ist innovativer als der werbefinanzierte. Denn er kann mit unerwarteten und noch nicht getesteten Programmen „on air“ gehen. Im guten Fall entwickelt sich eine Show wie „Wünsch Dir was“, eine archäologische Hauptabendleiste wie „Terra X (ZDF)“, ein Politmagazin wie „Frontal 21“ (ZDF) oder ein TV-Schaukasten wie die legendären „kunst-stücke“.

Scheint dies nicht zukunftsträchtiger zu sein, als die Mittel in die von der Werbewirtschaft geforderten Programme wie Formel 1, Champions League oder amerikanische Serien zu stecken?

Neben der Stärkung der österreichischen Filmschaffenden böte ein werbefreier ORF eine Lebensmöglichkeit für ein aus Österreich heraus finanzierbares Privatfernsehen.

Ein werbefreier ORF wäre besser in der Lage, seine Kapazitäten mit öffentlichen Stellen abzustimmen: Warum besucht nicht jede Schulklasse ihr Landesstudio? Um dort eine Führung zu erhalten, um selbst einen Beitrag mit den ORF Profis zu erstellen? Die Jugendlichen lernen Fernsehen, Radio und Internet kennen, ihre Kurzfilme wären eine Art „ORF Youth Tube“.

Gebührenfinanziert brächte der ORF viele Vorteile: Das Kulturland Österreich würde gefördert. Denn der Staat setzt ein entsprechendes Signal, wenn er die Institution ORF bewusst finanziert, so wie Oper, Theater oder die großen Museen! Und der ORF wäre wieder attraktiv für Künstler und Kreative des Landes, denn sie müssten nicht mehr fürchten, in immer gleiche Formate gezwängt zu werden.

Eigene Shows entwickeln

Es müsste doch im Land des Walzers und des Opernballs möglich sein, eine Tanzshow aus eigener Kraft zu entwickeln, statt für „Dancing Stars“ Lizenzkosten zu zahlen. Und schließlich würde das Tourismusland Österreich beworben, denn die lokale Verwurzelung scheint bei Eigenproduktionen systemimmanent. In gekauften Formaten aus dem anglo-amerikanischen Raum kommt Österreich naturgemäß selten vor.

Die Werbefreiheit wäre darüber hinaus ein Signal dafür, dass der Markt eben nicht alles aus sich alleine heraus regelt. Die TV-Situation in Amerika (Fox ...) oder in Italien (Berlusconis TV-Macht) zeigt, was passiert, wenn der Markt die Kultur des Fernsehens bestimmt.

Durch den Wegfall der Werbeclips gerade in Primetime Sendezeiten kann dort werthaltiges Programm angeboten werden. Gerade in jenen Zeitfenstern, in denen die anderen TV-Anbieter Werbung bringen, kann der ORF sein Publikum dann holen, statt es zu verscheuchen.

Keine Unterbrechungen mehr

Denn die Werbung als Umschaltimpuls fällt weg. Ohne Werbung kann der Sender außerdem einen viel natürlicheren und für den Zuschauer nachvollziehbareren „Audience Flow“ erreichen. Die auslaufende Sendung geht sofort in eine nächste über. Das Programm wird durch keinen Werbeblock unterbrochen, der den Zuschauer aus seiner Stimmung reißt.

Wie man mit öffentlich-rechtlichem Programm auch Marktführer werden kann, zeigen die Zahlen in Deutschland. Dort liegen ARD, ZDF und in manchen Bundesländern auch schon das dritte Programm vor RTL und Sat 1!

Keinesfalls sollte man auf potenzielle technische Reichweite verzichten. Nur mit zwei Vollprogramme kann der ORF auch zukünftig ergänzend programmieren. Und damit nicht nur verschiedene Interessen der „breiten Masse“, sondern vor allem auch Bedürfnisse von Minderheiten im Land befriedigen helfen. Ein Verkauf von ORF1 wäre fatal.

Gerade in Zeiten, in denen Parteien, Kirchen, Gewerkschaften aber auch die klassischen Familienstrukturen an Bedeutung verlieren, erhält das Fernsehprogramm eine werte- und moralbildende Rolle. Die Protagonisten einer regelmäßig konsumierten Fernsehserie werden für viele Zuseher quasi zu Verwandten. Und so wie sich diese Figuren in der Lieblingsserie verhalten, so verhält sich dann auch der Rezipient im wirklichen Leben. Unterhaltung ist also zutiefst politisch. Ein werbefreier ORF könnte mit seinem Programm entsprechende Verantwortung und demokratiepolitische Kompetenz zeigen!

Ein werbefreier ORF könnte sich wieder Zeit für Reflexion nehmen. Zum Beispiel im Sport: Also nicht nur Sportberichterstattung, sondern auch wieder Reportagen und Reflexionen wie seinerzeit bei „Sport am Montag“ senden.

Wirkliche Unabhängigkeit

Ein werbefreier ORF könnte auch in einer gesunden Distanz zu den Printmedien agieren. Man müsste sich mit publikumswirksamen Zeitungen nicht mehr im gleichen Ausmaß arrangieren, wie man das bei einem werbebestimmten Sender wahrscheinlich sollte.

Ein werbefreier ORF könnte Pionier eines neuen, selbstbewusst multiethnischen Österreich sein. In Erweiterung eines Programmsplittings von „Bundesland heute“, wäre es denkbar, Programmflächen auch nach ethnischen Interessen zu erstellen und ggf. auch zu splitten. Jedenfalls sollte ein neuer ORF auf die Zuwanderer und Bürger anderer Muttersprache aktiv zugehen und damit ein zeitgemäßes Österreich- und Europa- Selbstverständnis schaffen.

Ein werbefreier ORF muss sich einfach einen inspirierten und zeitgemäßen Internetauftritt leisten. Auch dafür kann man sich durchaus Anregungen bei anderen öffentlich-rechtlichen Sendern holen. Etwa bei der ZDFmediathek oder der BBC ...

Wie soll der werbefreie ORF finanziert werden? Der werbefreie ORF sollte „Koproduktionskaiser“ Europas werden. Mit deutschen Sendern sowieso, aber auch mit Italien, Japan oder China!

Gebühren gehören dem ORF

Ein werbefreier ORF würde durch Gebühren finanziert. Dementsprechend müssten ihm selbstredend auch 100% der beim österreichischen Konsumenten als Fernsehgebühr eingehobenen Gelder zufließen. Die mehr als eigenartige Tatsache, daß die Bundesländer sich ein Drittel der Gebühren für lokale Ausgaben behalten, müsste ein Ende haben. Auch eine Refundierung der von der Politik ermöglichten Gebührenbefreiungen ist angebracht.

Aber vor allem müssen diesen werbefreien ORF natürlich wir, die Gebührenzahler finanzieren. Und das wäre ja auch gut so, solange wir einen ORF bezahlen, der sich als geistig-kultureller Dienstleister einer modernen demokratischen Gesellschaft versteht.

Einen derartigen öffentlich-rechtlichen ORF zu gestalten wäre sicher nicht einfach und viele Hürden gäbe es zu überwinden; aber ist denn die derzeitige Situation des ORF einfach und stellen sich dem Betrieb gerade dieser Tage keine großen Hürden?

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