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Ein Nationalheiligtum wie die Staatsoper

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Sollen wir uns den ORF als öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt mit unseren Gebühren noch leisten? Braucht Osterreich ein solches unverwechselbares „Nationalmedium”?

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Sollen wir uns den ORF als öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt mit unseren Gebühren noch leisten? Braucht Osterreich ein solches unverwechselbares „Nationalmedium”?

Um die 65 Prozent der Österreicher haben bemerkt, daß sich im ORF „viel verändert” hat. Zwei in den letzten Tagen stark diskutierte Umfragen sagen jedoch nichts darüber aus, ob Herr und Frau Österreicher eher eine Veränderung zum Guten oder zum Schlechten ausmachen. Der Salzburger Kommunikationswissenschafter Michael Schmolke (siehe Beitrag unten) betont dazu, daß die große Mehrheit des Radio-und Fernsehpublikums die Veränderungen in den verschiedenen ORF-Programmen seit dem Amtsantritt von Generalintendant Gerhard Zeiler „nicht mit der Seismographen-Empfindlichkeit der professionellen Beobachter aus Kunst und Kultur, aus den Konkurrenzmedien und der Wissenschaft” registriere. „Die Aha-Erlebnisse verlaufen eher so, daß man an einer vertrauten Programmstelle einen vertrauten Inhalt sucht und etwas anderes antrifft.”

Maximilian Gottschlich, Wiener Publizistik- und Kommunikationswissenschafter kritisiert: „Die ORF-Reform folgte bescheidenen Zielen. Zeiler setzte auf einen einfachen, europaweit beobachtbaren Mechanismus des Medienkonsum-Verhaltens im Unterhaltungsbereich: In kleineren Ländern, wie etwa t der Schweiz, Belgien, den Niederlanden und au Ji in Österreich erzielten gleichsprachige kommerzielle TV-Programme des jeweiligen benachbarten Auslands durchgehend hohe Marktanteile. Aber nur solange, solange die ,Kleinen' nicht selbst - etwa durch Zulassung von Privatfernsehen - ein vergleichbares kommerzielles Programm anboten. Dann gewannen sie im audio-visuellen

Amüsierbetrieb verlorene Attraktivität, Reichweite und damit Marktanteile schnell wieder zurück. In Österreich ging das auch ganz ohne Privatanbieter.” Nach den Worten Gottschlichs verlaufe die ORF-Reform nach dem Motto: „So kommerziell wie RTL und Pro 7 kann der ORF schon lange sein. Mögen andere öffentlichrechtliche Rundfunkanstalten noch uen Spagat zwischen Quotenjagd und Programmauftrag mühsam kaschieren -hierzulande ist die Quotenjagd Programmauftrag.”

„Mit der Ver-Talk-ung aller Lebensbereiche, dem medial inszenierten Dauergerede und dem Trend zum Infotainment werden auch hier Schritt für Schritt Maßstäbe anderer Art gesetzt.” Das habe mit Programm-Innovation nicht sehr viel zu tun, kritisiert Gottschlich - „und auch nicht mit dem Anspruch, vielleicht via ORF zu einer Bereicherung des Kommunikationsraumes Europa beizutragen”.

Zufrieden mit Zeilers Reformen sind die Sozialdemokraten. ORF-Kurator Christian Kern: „Zeiler hat die Balance zwischen öffentlich-rechtlichem Auftrag und Anspruch der Privaten ganz gut gefunden. Das läuft in eine gute Richtung”, auch wenn Nach Justierungen notwendig seien. Deutlich gebessert habe sich die Trivialisierung der Nachrichtensendungen.

Friedhelm Frischenschlager, Mediensprecher des Liberalen Forums, verweist auf die Grundsatzfrage, ob sich Österreich einen ORF, wie bei anderen, kulturellen Dingen, losgelöst vom Markt, leisten wolle. Frischenschlager bekennt sich zum momentanen Experimentieren im ORF, er steht auch zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk: „Gebühren sind da notwendig. Ich halte es für die politische und allgemeine Kultur als richtig, daß es so ein Medium gibt.” Beim ORF gehe es um die Darstellung Österreichs als unverwechselbares Kulturland, und schließlich leiste sich Österreich auch die Erhaltung der Wiener Staatsoper.

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