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Noch Identitätsstifter und KULTURTRÄGER?

Die Diskussionen rund um den öffentlichen "Wert" des ORF wogt seit langem. Darüber diskutierten die ORF-Altvordere Trautl Brandstaller, der Public-Value-Beauftragte des ORF, Klaus Unterberger, sowie Medienberater Peter Plaikner.

DIE FURCHE: Der frühere ORF-Generalintendant Teddy Podgorski hat vor zehn Jahren Österreichs Fernseh-Geschichte in vier Stufen geteilt: zuerst war es ein Kulturmedium, dann ein Informationsmedium, dann wurde es zum Unterhaltungsmedium. Und vor zehn Jahren war es für ihn ein Ablenkungsmedium. Was ist Fernsehen heute?

Trautl Brandstaller: Die Entwicklung des Fernsehens geht stark mit der Entwicklung Österreichs und der Demokratie einher. Angefangen hat es als ein Medium, das die große Koalition widergespiegelt hat. Der Zugriff der Parteien hat dann zum Rundfunkvolksbegehren 1964 geführt. Ich glaube, dass dieses der erste Aufstand der Zivilgesellschaft in Österreich war. Was dann im Gesetz daraus geworden ist, was Gerd Bacher nach 1967 daraus gemacht hat, ist eine andere Sache. 1974 kam die Rundfunkreform von Bruno Kreisky, deren hauptsächliches Ziel war, Meinungsvielfalt zu erzeugen. Danach ist ja immer wieder Bacher zurückgekehrt. Und dann begann die Fit-and-Fun-Gesellschaft -auch im ORF. Ab 1994, unter Gerhard Zeiler, hat der ORF sich teilweise selbst kommerzialisiert. Das ist seither nicht verändert worden, obwohl wir längst am Ende der Fit-and-Fun-Gesellschaft sind. Das spiegelt sich aber nicht im Programm wider, da ist weiter Big Entertainment angesagt. Insofern klaffen die Entwicklung der Gesellschaft und die des Fernsehens auseinander.

Klaus Unterberger: Was Fernsehen heute ist, lässt sich nicht mehr so leicht beantworten wie unter Podgorski. Damals haben wir vom Fernsehen geredet und automatisch den ORF gemeint. Heute haben wir da den massiven Einbruch des Kommerzfernsehens, das weltweit Big Business ist. Wir wollen nach wie vor der Spiegel gesellschaftlicher Entwicklung sein. Insgesamt begreife ich wie Frau Brandstaller das ORF-Fernsehen als Teil der österreichischen Demokratiegeschichte. Es stimmt, dass es eine zu große Annäherung an kommerzielle Formate gegeben hat. Ich habe aber den Eindruck, dass wir da eine deutliche Kurskorrektur durchgeführt haben. Ich stimme mit Frau Brandstaller nicht überein, dass wir nur mehr auf Unterhaltung fixiert wären. Wir haben gerade Bilanz über unseren letzten Zeitgeschichteschwerpunkt gelegt, das waren 190 Programmstunden, 4,5 Millionen Zuseher: 63 Prozent der heimischen TV-Bevölkerung haben das gesehen! Peter Plaikner: 1994 war der Zeitpunkt des Sündenfalls. Sie, Herr Unterberger, haben das Kampfwort "Kommerzfernsehen" für die anderen verwendet -ohne zu sagen, dass der ORF zum Teil selber Kommerz-TV macht. Heute steht der ORF wieder an einer Weggabelung zwischen diesen beiden Entwicklungen. Ich will aber bei Podgorski einhaken, der die Entwicklung des Fernsehens in seiner Beziehung zum Publikum beschreibt, wenn er sagt, es wurde Begleitmedium

DIE FURCHE: er hat es viel böser formuliert: Ablenkungsmedium!

Plaikner: Wir haben heute ein Definitionsproblem, was Fernsehen ist. Wenn die Wochenzeitung Falter vor einigen Monaten titelt: Das Ende des Fernsehens, dann meinen sie das Fernsehen als Patschenkino, das berühmte Lagerfeuer der Nation. Da kann man die Frage stellen: Ist es am Ende, oder wie viel ist es uns wert, es am Flackern zu halten? Es müsste die Aufgabe des ORF sein, um dessen Langzeitchef Gerd Bacher zu zitieren, der "größte Kulturträger und Identitätsstifter" dieses Landes zu bleiben. Wie kann man das aber mit einem Marktanteil um die 30 Prozent erfüllen? Es wird für den ORF zwangsläufig immer schwieriger, die Grundlagen für das öffentliche Gespräch zu liefern. Andererseits gibt es auch eine erfreuliche Entwicklung, was diesen Public Value, den öffentlichen Auftrag betrifft: Die ZIB 2 hat heute mehr Publikum als vor zehn Jahren. Das ist doch eigentlich ein sehr großer Erfolg, ungewöhnlich, der bestätigt, dass es da eine leichte Rückentwicklung in Bezug auf die Fehlentwicklungen seit 1994 gegeben hat. Die größte Herausforderung für den ORF besteht darin, ein interaktives Kommunikationsmedium zu werden, das das Fernsehen herkömmlicher Weise nicht sein kann.

Brandstaller: Da kommt die Frage der Generationen: Wie ist das mit der jungen Generation, sieht die überhaupt fern? Gibt es für die nicht ganz andere Medien? Wie kann ein großes Institut, das zu den wesentlichen Fundamenten dieser Republik zählt, die Jungen einbeziehen? 1994 kam ja die schlichte Aufteilung: Der "Einser-Kanal", das sind die Jungen und der "Zweier-Kanal" ist die alte Generation. Also US-Serien vs. Patschenkino! Da wurde verkündet, im Einserkanal ist das werbeträchtige Publikum, de facto ist das ja nicht wahr: Die Jungen heute schauen sich die US-Serien nicht an -zumindest nicht im Fernsehen. Man hat 1994 schon eine Aufspaltung des Publikums betrieben, die überhaupt nicht realistisch war. Dieses Gespräch der Generationen, das damals verleidet wurde, ist wiederherzustellen.

Plaikner: Ich bin ganz Ihrer Meinung: Wie kann der ORF zur Überwindung beitragen, woran auch die Politik krankt: mangelnde Partizipation einer Gesellschaft, die sich in immer mehr Segmente aufspaltet?

Unterberger: Ja, wir haben es zurzeit mit einer Verfallssituation der politischen Kultur zu tun. Ich sehe den öffentlich-rechtlichen Rundfunk da tatsächlich gefordert Brandstaller: gefährdet und gefordert!

Unterberger: Wir können nicht mehr davon ausgehen, dass öffentlich-rechtliche Mediensysteme in Europa selbstverständlich sind. Ob wir es schaffen, unseren gesellschaftlichen Aufträgen nachzukommen, wird die entscheidende Bewährungsprobe in der Zukunft. Da stimme ich Ihnen zu. Aber wir können weder die gesellschaftliche Entwicklung zurückdrehen, noch die politischen Probleme von uns aus lösen. Frau Brandstaller kritisiert, dass man das Publikum geteilt hat. Heute teilt sich das Publikum ganz von selbst: Die Jungen leben in einer YouTube-Kultur, die zum Teil schrecklich kulturlos abläuft. Wir können da nur Angebote machen in der Hoffnung, dass wir diese Leute auch abholen und zu gesellschaftlich relevanten Programmen verleiten. Es geht ja nicht nur darum, die Gescheiten zu beliefern, sondern um alle Menschen der Gesellschaft.

Brandstaller: Das ist schon richtig. Man muss nur dann fragen, wie das der ORF macht. Ich sehe diese "relevanten" Angebote kaum. Schafft es der ORF aber nicht, diese soziale Kohäsion herzustellen, ist er überflüssig, es erübrigen sich seine Gebühren.

DIE FURCHE: Das heißt, der ORF erfüllt seinen Auftrag nicht?

Brandstaller: Der ORF verwirklicht seinen Kultur-und Informationsauftrag im Fernsehen vor allem auf ORF III. Das hat kürzlich auch der Verwaltungsgerichtshof kritisiert: Das Spartenprogramm ist kein Alibi des öffentlich-rechtlichen Auftrags, sondern es muss in den beiden Hauptprogrammen der Programmauftrag erfüllt werden - auch am Hauptabend. Viele wunderbare Geschichtsdokumentationen, sind zumeist um 23 Uhr.

Unterberger: Selbstverständlich sind die Zahlen zur Zeitgeschichte, die ich genannt habe, auch auf ORF 2 bezogen, Sie kennen Sendungen wie "Menschen und Mächte", und die finden auf ORF 2 statt! Ich weise Sie nur darauf hin, wie sich Mediennutzung mittlerweile verändert hat. Heute haben Sie 100 Kanäle. Und der Unterschied für Sie zu Hause zwischen ORF 1 und ORF III ist für Sie ein einziger: nur auf einen anderen Knopf drücken. ORF 1 ist ja nicht deswegen der publikumsstärkere Sender, weil ihn die Leute überall empfangen können und ORF III nicht, sondern weil sich mehr Leute für ein populäres Programm entscheiden und weniger für die Zeitgeschichtedoku auf ORF III. Wichtig ist, dass wir dieses Programm anbieten. Ob Sie dann einschalten oder nicht, das kann kein Generaldirektor beeinflussen.

Brandstaller: ORF 1 ist aber nicht das Massenprogramm - es hat sechs Prozent Reichweite - sechs Prozent! Also diese Ankündigung des Herrn Zeiler 1994, dass dorthin die Jungen laufen - es ist genau umgekehrt

Plaikner: nimmt man es von 1994 bis heute, dann ist ORF 2 viel stabiler geblieben.

Unterberger: Ich verstehe die Kritik an der Unterhaltung nicht: Unterhaltung war und ist im öffentlich-rechtlichen Rundfunk immer wieder Kulturträger. Wir haben "Alpensaga" gemacht, den Mundl, wir machen jetzt die Schalko-Formate wie "Braunschlag", wir machen "Vorstadtweiber", das sind Formate, bei denen es um österreichische Identität und um Gesellschaftskritik geht. Hier wird in einem Unterhaltungsprogramm mit gesellschaftlich relevanten Themen konfrontiert.

Plaikner: Ich kritisiere nicht die Unterhaltung an sich. Aber ich frage mich schon, inwieweit etwa Hollywood-Blockbuster mit österreichischer Identität und öffentlichrechtlichem Auftrag zu tun haben. Indem ich genau das runternudle, was jedes "Kommerzfernsehen", wie Sie sagen, auch macht! Brandstaller: Ein wesentlicher Kritikpunkt ist der Mangel an Hintergrundinformation und kreativer Kulturberichterstattung. Das kreative Potenzial, dass es in diesem Lande gibt, wird im ORF nicht genügend genützt.

Unterberger: Der ORF investiert pro Jahr 100 Millionen in die österreichische kreative Industrie -so viel wie noch nie, in einer Zeit, in der die Budgets hinuntergehen. Natürlich wäre es aber wünschenswert, mehr zu tun.

DIE FURCHE: Wo findet man beim ORF-Fernsehen den Public Value?

Plaikner: Das, was "Public Value", der öffentlich-rechtliche Auftrag des ORF, als Corporate Identity darstellt, verkörpert am ehesten ORF III, in Kombination mit Unterhaltung am ehesten noch ORF 2. In dieser Logik wäre eigentlich ORF 1 der Spartensender.

Unterberger: ORF 1 als Spartensender ist eine originelle Wahrnehmung! Wir haben auf ORF 1 Programme, die sich erfolgreich an Unterhaltung suchende Menschen richten. Ich bin nicht bereit, hier eine Argumentation zu führen, die für oder gegen ORF 1 vs. ORF III ist. Der ORF ist angehalten, dass es ausreichend Informations-und anspruchsvolle Angebote gibt, und die gibt es auf unterschiedlichen Kanälen. Wir werden in den nächsten Jahren eine massive Veränderung in der Weise wahrnehmen, wie wir unsere Information abrufen. Die Digital Natives

DIE FURCHE: diejenigen, die schon in der digitalen Welt aufgewachsen sind...

Unterberger: machen das schon. Die würden über unsere Diskussion nur lachen.

DIE FURCHE: Inwieweit hat das Hineinwirken des ORF-Fernsehens in die Social Media mit dem öffentlich-rechtlichen Auftrag zu tun? Armin Wolf ist ja der "Mr. Twitter" in Österreich. Fernsehen ist da über ihn präsent.

Plaikner: Aus Sicht des ORF ist es richtig und wichtig, wie seine Leute agieren. Das sorgt am ehesten für komplementäres Publikum, für eine Zugang zu den Jungen. Ich verstehe, dass er darum kämpft, hier jegliche Freiheit zu haben, das sichert Wettbewerbsfähigkeit. Aus Sicht der Mitbewerber in diesem Bereich, etwa der Verleger, wird die Dominanz des ORF da zusätzlich verstärkt.

DIE FURCHE: Und der Public Value dabei?

Brandstaller: Es ist sicher gut für den ORF, wenn seine Moderatoren in den Social Media populär sind. Mehr Public Value hätte es, wenn das Fernsehen endlich eine gesellschaftskritische Diskussion zustande brächte.

Plaikner: Diese Individualisierung ist heute sehr wichtig und wird langfristig wahrscheinlich auch eine Demokratisierung innerhalb des ORF bewirken. Die Personen, die wie Armin Wolf dort stark sind, werden so auch innerhalb des Hauses stark.

Unterberger: Wir müssen die sozialen Medien berücksichtigen, denn man kann den Leuten nicht einfach vorschreiben, wie sie die Medien nutzen sollen. Die österreichische Gesetzeslage ist da schrecklich anachronistisch, das führt zu einer Innovationsbarriere, die sich sehr nachteilig für den öffentlichen Auftrag auswirkt. Aber das Wesentliche ist für mich der Inhalt: Es ist wichtig, dass wir den Qualitätsstandard, den wir heute haben, in die Online-Kommunikation übertragen. Wir haben mittlerweile Social Media Guidelines -Empfehlungen für Kolleg(inn)en, wie sie sich auf den Social Media verhalten sollen. Qualitätssicherung ist das Stichwort - wir machen uns schon jetzt Gedanken, wie das im digitalen Umfeld zu erreichen ist.

DIE DISKUTANTEN

Trautl Brandstaller

Die einstige FUR-CHE-Redakteurin war bereits 1972 in der ersten Ära Bacher für das ORF-Magazin "Querschnitte" tätig. Sie gestalte das TV-Frauenmagazin "Prisma" und leitete u.a. die Hauptabteilung "Gesellschaft, Jugend und Familie" (1986-92).

Klaus Unterberger

Der Fernsehmacher leitet das in der ORF-Generaldirektion angesiedelte Public Value-Kompetenzzentrum, das u.a. die jährlichen Public Value-Berichte des ORF erstellt. Er war Mitarbeiter von Sendungen wie "Hohes Haus","Argumente", "Bürgerforum".

Peter Plaikner

Der FURCHE-Kolumnist (vgl. Seite 18 dieser Ausgabe) ist Medienberater und Politikanalyst. Er war Chefredakteur der Tiroler Tageszeitung und ist bis heute auch Lehrgangsmanager für Politische Kommunikation an der DonauUniversität Krems.

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