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Unverschämte Mediensaurier

1945 1960 1980 2000 2020

Die Ereignisse der letzten Wochen beweisen: Österreichs Medienwesen trägt albanische Züge.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Ereignisse der letzten Wochen beweisen: Österreichs Medienwesen trägt albanische Züge.

Ich bin nicht gegen die beiden Koalitionsparteien. Mir ist die eine wie die andere sympathisch, je nachdem, mit welcher ich gerade zu tun habe, da ist mir immer die andere sympathisch.”

Dieser Satz von Hans Wei-gel genügte in den frühen sechziger Jahren, und seine Radiosendung „In den Wind gesprochen” wurde vom damaligen Koalitions-Rundfunk kurzerhand eingestellt. Schon kurz darauf wurde die „Wat-schenmann”-Sendung von Radio Wien abgewürgt. Denn Proporz verträgt keine Kritik.

Mittlerweile ernannte die Regierung in den sechziger Jahren den neuen Aufsichtsrat des Osterreichischen Rundfunks genau nach dem Proporz, und dieser bestellte die Geschäftsführung des Unternehmens, den vierköpfigen Vorstand, im Verhältnis 2 : 2 zwischen schwarz und rot. Dieses starre Proporzverhältnis hatte auch in allen Abteilungen des Osterreichischen Rundfunks Geltung.

Gegen diesen Unfug erhoben sich im Sommer 1964 nicht weniger als 52 österreichische Zeitungen und Zeitschriften, die in einem Volksbegehren die Reform des Österreichischen Rundfunks nach dem Muster der britischen BBC forderten. 832.353 Österreicher unterstützten dieses Verlangen durch ihre Unterschrift. So entstand der neue, an Haupt und Gliedern reformierte ORF, der allerdings schon zehn Jahre später auf Betreiben von Bruno Kreis-ky „gegenreformiert” und in weiteren Etappen noch ärger zurechtgestutzt worden ist.

Jetzt hat die Journalistengewerkschaft ein neues Medienvolksbegehren angekündigt. Die Zeit ist reif dafür. Denn Österreichs Mediensystem trägt durchaus albanische Züge. Während es in Deutschland 400 Tageszeitungen und in der Schweiz 80 Tageszeitungen gibt, können Österreichs Zeitungsleser nur noch zu insgesamt 16 heimischen Tageszeitungen greifen. Eine ganze Reihe dieser Blätter ist chronisch defizitär, mehrere Zeitungen sind mittlerweile in deutschen Besitz übergegangen. Prominente österreichische Journalisten sprechen schon von Österreich als einer deutschen Medienkolonie. Unter deutscher Kapitalbeteiligung hat der Medienkonzern „Mediaprint”, der die „Kronenzeitung”, den „Kurier” und die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung” in Essen zu einer übermächtigen Einheit zusammenbindet, in Ostösterreich eine schrankenlose Vorherrschaft erreicht: Täglich lesen acht von zehn Wienern Zeitungen der „Mediaprint”.

Auf dem elektronischen Bereich drohen ähnliche Verhältnisse: Die deutschen Privatsender RTL und SAT 1 wollen mit „ Österreich - Werbefenstern ” im Fernsehen in die rot-weißrote Alpenrepublik vorstoßen. Das vom deutschen Springer-Konzern unterstützte Medien-Magazin von „News”, „tv-me-dia”, das mit dem Dumpingpreis von zehn Schilling pro Ausgabe den österreichischen Markt erobern soll, fördert diese Expansion durch ständige seitenlange Reportagen über die Österreich-Initiativen von RTL und SAT 1. Gewiß mehr als ein Zufall: Auch der Vertrieb von „tv-media” wird von der „Mediaprint” besorgt.

Es ist auffallend, daß zu diesem Zeitpunkt, an dem der gesamte Medienmarkt in Österreich in Bewegung geraten ist und finanzstarke deutsche Medienunternehmen verstärkt nach Österreich greifen, plötzlich wieder von der Privatisierung eines ORF-Fernsehkanals gesprochen wird. ORF-Generalintendant Gerhard Zeiler sucht ausgerechnet jetzt Partner für den ORF: Da kommt einem in den Sinn, daß es ja alte Seilschaften zwischen

Gerhard Zeiler, dem Sekretär zweier sozialdemokratischer Bundeskanzler, dem Kronenzeitung-Macher Hans Di-chand, dem Ex-Krone-Ge-schäftsführer und RTL-Chefredakteur Hans Mahr, dem gegenwärtigen ORF-Generalsekretär Andreas Rudas und dem Vranitzky-Pressesprecher Karl Krammer bis hin zu Helmut Zilk und RTL-Chef Helmut Thoma gibt. Durch die gemeinsame Finanzierungsklammer eines so mächtigen Bankinstituts wie der Bank Austria sind da jederzeit neue Zusammenschlüsse möglich, die auf dem Reißbrett wohl schon längst in allen Varianten durchbesprochen worden sind. Dazu kommt noch die personelle Verflechtung zwischen öffentlich-rechtlichem Fernsehen und privaten Printmedien. So hat Gerfried Sperl erst kürzlich daran erinnert, daß dieser Tage eine Fernsehsendung „Zur Sache” an der personellen Verflechtung gescheitert ist, als man das Thema Pressefreiheit „aus Mangel an Diskutanten” im TV absagte. Sperl dazu: „Irgendwie wäre es ja grotesk, würde der Mediaprint-Mann Peter Rabl just diese Debatte moderieren ...”

Nachdenklich stimmt auch, daß der ORF auf seiner Suche nach neuen Geschäftsfeldern ausgerechnet jetzt die Idee der regionalen Rundfunkwerbung wieder aufgegriffen hat. Wohl existiert nach wie vor ein Abkommen zwischen dem ORF und dem Zeitungsherausgeberverband, in dem die ORF-Geschäftsführung auf jede regionale Anzeigenwerbung verzichtet, doch nun wirkt der ORF entschlossen, dieses Abkommen zu brechen. Es liegt nahe, darüber nachzudenken, warum das jetzt geschehen soll. Vielleicht will man mit einem solchen Vorstoß die Bundesländerzeitungen kommerziell treffen, die sich bisher erstaunlich gut gehalten haben, und von denen ein zumindest hinhaltender Widerstand gegen die neuen Konzentrationspläne zu erwarten ist?

Schon dieser kurze Überblick zeigt, wie komplex die Situation des österreichischen Medienwesens geworden ist. Heute geht es nicht mehr um die einfache Alternative ja oder nein zum Proporz. Heute ist der Kampf an einem Mehrfrontenkrieg zu führen, der von den Medienkonsumenten gar nicht mehr so einfach zu überschauen ist. Der

Journalistengewerkschaft wünsche ich, daß sie den Kampf dennoch aufnimmt. Daß sie allen Interventionen und Drohungen standhält. Und daß es ihr gelingt, möglichst viele Journalisten zum Widerstand gegen die Medien-Saurier zu ermuntern, die immer unverschämter werden. Der Autor, viele Jahre Chefredakteur der Grazer „Kleinen Zeitung”, ist freier Publizist

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