Vom Umgang mit der Menschenwürde

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"Gesinnung" mag als altmodische Kategorie gelten. Doch in den Medien der 90er Jahre sollte sie mehr als gefragt sein.

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"Gesinnung" mag als altmodische Kategorie gelten. Doch in den Medien der 90er Jahre sollte sie mehr als gefragt sein.

In Österreich gibt es Gesinnungsmedien weitgehend nicht mehr. Die Aufteilung des Landes in ideologische Gruppen zu Beginn der Zweiten Republik hatte auch den Medienbereich betroffen: So wie Österreich in "schwarze" und "rote" Institutionen und Zuständigkeiten zersplittert war, die sich gleichermaßen konkurrenzierten wie symbiotisch ergänzten, so gab es eine Medienlandschaft, die den jeweiligen Reichshälften zugeordnet wurde.

Sogar der ORF war in den Jahren des Proporzes Teil dieses Geflechts, zum Teil mit skurril anmutenden Positionierungen: So erging sich Staatsvertragskanzler Julius Raab in der historischen Fehleinschätzung, das Fernsehen den "Roten" überlassen zu wollen, weil er diesem Medium keine Zukunft gab. Aber rund um den Staatsfunk begannen auch die alten Strukturen zu brechen: Mit dem Rundfunkvolksbegehren 1964 wurde nicht nur das Ende der ersten Ära der Großen Koalition eingeleitet, sondern auch der Grundstein einer Unabhängigkeit der Medien von Parteien, Verbänden und religiösen Institutionen gelegt, die sich heute mitunter ins Gegenteil verkehrt: Die Abhängigkeit der Medien von der Politik ist der Abhängigkeit der Politik von den Medien gewichen.

1998 sind die politischen Gesinnungsmedien an einer Hand abzuzählen und weisen wesentlich mehr journalistische Unabhängigkeit auf, als es in den klassischen Parteimedien möglich war. Sogar ein Medienprodukt wie das ÖVP-nahe Linzer "Neue Volksblatt" mutierte in diesem Sinn vom Partei-"Organ" zu einer Zeitung, das ehemals steirische SP-Organ "Neue Zeit" schmückt sich heute gar im Untertitel mit dem Prädikat "unabhängig". Ein Überleben solcher Medien ist aber nur durch eklatant hohe Subventionen aus dem Topf der staatlichen Presseförderung gewährleistet.

Nur mehr die FPÖ leistet sich mit der "Neuen Freien Zeitung" eine Wochenschrift, die dem klassischen Ideal der Parteipresse vergangener Zeiten nahekommt. Selbst die kommunistische "Volksstimme", Mutter aller doktrinären Organe im Nachkriegsösterreich, präsentiert sich heute als durchaus lesbares, journalistisch gemachtes linkes Blatt. Auf der entgegengesetzten Seite des politischen Spektrums ist mit Andreas Mölzers Wochenblatt "Zur Zeit", dem Sprachrohr des neurechten Zeitgeistes, auch die einzige Neugründung im Metier zu finden.

Überlebt haben den Niedergang viele der kirchlichen Medien. In einigen Bereichen wurden diese sogar ausgebaut (vgl. das Beispiel Erzdiözese Wien, Seite 16). Auch unter den Privatradios ist es der Kirche als einziger gesellschaftlicher Gruppe gelungen, Lizenzen für eigene Sender (Radio Stephansdom, Radio Maria) zu erhalten. Außerdem haben die Kirchen begonnen, über ihr "Studio Omega" andere Radios zu beliefern.

Auch das ist neu, denn im Bereich der Gesinnungsmedien waren die elektronischen Medien bislang ausgeblendet: Im öffentlich-rechtlichen ORF galt und gilt das Prinzip eines Binnenpluralismus, das heißt, innerhalb der Sendungen des ORF sollte die gesellschaftlich relevante Vielfalt zum Ausdruck kommen. Wahrscheinlich standen diese Überlegungen auch beim Privatradiogesetz Pate, sodaß - mit Ausnahme der Kirchen - hier weltanschauliche Ausrichtung kaum möglich ist: Daß in den einzelnen Sendern so unterschiedliche Medienunternehmen wie "Krone" und "Standard" (bei "88.6"), "Presse" und "News" (bei "Antenne Wien") oder "Falter" und "RTL" (bei "92.9 RTL") zusammengespannt sind, läßt kaum eine weltanschauliche Linie zu. Und erste Erfahrung zeigt: Die neuen Radioprogramme gleichen einander bis zur Ununterscheidbarkeit. Gesinnung, die auch ein Unterscheidungs- und Beurteilungsmerkmal wäre, ist in diesen Konstruktionen nicht zu finden.

Bedeutet das Ende der Gesinnungsmedien auch das Ende der Gesinnung in den Medien? In gewisser Weise: Ja. Denn die Entwicklung der letzten Jahrzehnte führte dazu, daß die Medien von Transporteuren der Wirklichkeit auch zu deren Schöpfern mutierten. Und aus einer Dienstleistung, nämlich Kommunikation zu gewährleisten, wurde ein eigener Markt, auf dem sich der behauptet, der mehr Konsumenten versammelt als sein Konkurrent. Auch auf dem Printsektor sind diese Vorgänge zu beobachten: Zwischen den großen Medien Österreichs gibt es zwar unterschiedliche Akzente, was die weltanschauliche Ausrichtung betrifft. Doch jene steht - im Vergleich zum Marktanteil, zur Quote - nicht im Vordergrund: Daß etwa die "Krone" im jüngsten Wahlkampf gleichzeitig die Kandidaten Thomas Klestil und Gertraud Knoll heftig unterstützte, ist eines der vielen Indizien für diesen Befund.

Bleibt die Gesinnung somit auf der Strecke? Zumindest gibt es Nischen, in die sie sich zurückziehen kann, obwohl auch Weltanschauung ein Markt ist, ein besonders chaotischer. Das neueste Medium "Internet" bietet sich hierfür an, ebenso "Spartenprodukte" in den klassischen Medien.

Gleichzeitig ist die ideologische Verwischung im Medienbereich auch eine Chance für journalistischen Pluralismus. Horst Pirker, als "Styria"-Vorstand einer christlichen Ausrichtung der Medienprodukte seines Unternehmens verpflichtet, definiert diese so (vgl. Furche 41/1997): "Wir wollen einen begründeten Verdacht auslösen, daß in unseren Medien - wegen des christlichen Menschenbildes - mit der Menschenwürde erkennbar sorgfältig umgegangen wird". Derartige Umschreibung ersetzt alte ideologische Grundmuster durch einen offenen Begriff von Weltanschauung, die sich mit ihresgleichen messen kann. (Auch die Furche, findet sich - als letzte kulturpolitische Wochenzeitung aus dem christlichen Bereich - in dieser Definition wieder.)

"Gesinnung" mag als altmodische Kategorie gelten. Doch in den Medien der 90er Jahre ist sie umso mehr gefragt: Nicht im Sinn der früheren (Partei-)Ideologien. Aber als unterscheidendes Merkmal demokratischer Reife: Denn Gesinnungslosigkeit mündet vielfach in Menschenverachtung. Diese ist in allen möglichen Medien zu finden. Und zu bekämpfen.

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