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Unabhängiger Religionsjournalismus: Dolmetscher für das Publikum

1945 1960 1980 2000 2020

Um der Kirchenkrise medial gerecht zu werden, braucht man Fachjournalisten: Politik- und Wirtschaftsberichterstattung setzen Maßstäbe - auch für "Religion".

1945 1960 1980 2000 2020

Um der Kirchenkrise medial gerecht zu werden, braucht man Fachjournalisten: Politik- und Wirtschaftsberichterstattung setzen Maßstäbe - auch für "Religion".

Die österreichischen Medien sind voll von Kirchenberichterstattung. Wer hätte noch vor wenigen Jahren gedacht, wie interessant Kardinäle und Bischöfe für Journalisten sein können, obwohl sie beharrlich schweigen oder nur Diplomatisches zu Protokoll geben.

Diese Situation wird in journalistischer Arbeitsteilung bewältigt: Enthüllungsjournalisten spüren die Opfer auf; politische Journalisten kommentieren die österreichische Weltlage; Romkorrespondenten mutmaßen unsichtbare vatikanische Aktivitäten; Reporter liefern Stimmungsberichte von den Brennpunkten: Göttweig und Maria Roggendorf; Chefredakteure interviewen zuständige Bischöfe und vorlaute Pfarrer. Und da capo ... Das Schwungrad der Berichterstattung dreht sich wie von selbst.

Die österreichischen Medien sind voll von Kirchenberichterstattung. Wer hätte noch vor wenigen Jahren gedacht, wie interessant Kardinäle und Bischöfe für Journalisten sein können, obwohl sie beharrlich schweigen oder nur Diplomatisches zu Protokoll geben.

Diese Situation wird in journalistischer Arbeitsteilung bewältigt: Enthüllungsjournalisten spüren die Opfer auf; politische Journalisten kommentieren die österreichische Weltlage; Romkorrespondenten mutmaßen unsichtbare vatikanische Aktivitäten; Reporter liefern Stimmungsberichte von den Brennpunkten: Göttweig und Maria Roggendorf; Chefredakteure interviewen zuständige Bischöfe und vorlaute Pfarrer. Und da capo ... Das Schwungrad der Berichterstattung dreht sich wie von selbst.

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Herzlichen Dank, Ihre Doris Helmberger-Fleckl (Chefredakteurin)

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Ausgeschlossen sind nur die letzten Vertreter der Gesinnungspresse. Was soll eine Kirchenzeitung dazu sagen? Die Kolleginnen und Kollegen kirchlicher Organe sind nicht zu beneiden, zumal sie einer aussterbenden Spezies angehören. Seit den 60er Jahren verschwinden die Medien der großen politischen Gesinnungsgemeinschaften. Was die Kirche drucken läßt, ist von diesem Wandel nicht verschont geblieben. Das Ende der Gesinnungpresse wurde vielfach beschrieben; erst im Rückblick kann man zur Vermutung kommen, es habe sich damals das Ende von Gesinnung angekündigt.

Die erkennbaren Programme und Ideologien der großen Parteien bieten tatsächlich nicht mehr Stoff genug, um Zeitungen zu füllen. Und die kirchlichen Medien? Wenn man von religiösen Fragen im engeren Sinn absieht, so bietet jedenfalls die Kirchenpolitik nicht mehr Gesinnung genug, um daraus ein Blatt zu bestreiten.

Auf der einen Seite wird die Kirchenkrise als originelles politisches und gesellschaftliches Ereignis abgehandelt; auf der anderen Seite herrscht Ratlosigkeit, weil auch theologischer Zuckerguß die Affäre nicht mehr versüßt. Dort agiert vordergründige Neugierde mit wenig Interesse für die Umwälzungen, die die Krise signalisiert; hier führt die Loyalität mit der Institution zu einer Lähmung, weil diese Institution hoffnungslos gespalten ist.

Was fehlt, ist eine dritte Kraft der Analyse und Vermittlung. Das ist die Stunde des unabhängigen Religionsjournalismus.

Die dritte Kraft fehlt nicht ganz. Schon gibt es in verschiedenen Zeitungen Journalisten und Journalistinnen, die de facto den neuen Religionsjournalismus betreiben. Besonders gediehen ist die Entwicklung in den Religionsabteilungen von Hörfunk und Fernsehen, weil dort Fachkompetenz, jahrelange Beschäftigung mit dem Thema und Unabhängigkeit von der Kirche einen Raum eigenständiger publizistischer Arbeit geschaffen haben.

Damit ist ein Prozeß in Gang gekommen, der mit Verspätung nachholt, was im Bereich des politischen Journalismus schon vor Jahren begonnen hat. Zwischen den politischen Institutionen und den Bürgern hat sich eine unabhängige Vermittlungsinstanz etabliert, die den Bürgern die politischen Vorgänge vermittelt und den Politikern hilft, das Ohr an den Mund des Volkes zu halten. Unbestritten ist, daß im Vorgang dieser Vermittlung Verzerrungen vorkommen, Manipulation möglich und Mißbrauch nicht auszuschließen ist. Trotzdem würde die Demokratie ohne diese Zwischeninstanz nicht mehr funktionieren.

Theologischer Zuckerguss versüßt die kirchlichen Affären nicht mehr.

Die Auflösung der weltanschaulichen Lager hat hohen Erklärungsbedarf entstehen lassen. Der Stammwähler, der sich einer Partei zugehörig fühlt, muß nicht besonders intensiv mit Argumenten versorgt werden; der Wechselwähler stellt diesbezüglich weitaus höhere Ansprüche, umso mehr, als das Spektrum politischer Meinungen, Parteien und Bürgerinitiativen bunter geworden ist. Mit diesem wachsenden Pluralismus sind auch die Kirchen konfrontiert. Religiöses Interesse hat in der Gesellschaft enorm zugenommen, während die Kirchen ihre durch Jahrhunderte abgesicherte Monopolstellungen einbüßen. Immer mehr Anbieter tummeln sich auf dem Markt der Weltanschauungen, es ist längst nicht mehr nötig, einer Kirche anzugehören, um religiös aktiv zu sein.

Österreich erreicht diese Entwicklung erst allmählich, aber man kann an anderen Ländern ablesen, was uns bevorsteht. In den USA, in England und in den nordischen Ländern ist es seit langem auch eine politische Aufgabe, die Vielfalt der religiösen und weltanschaulichen Gruppen so zu moderieren, daß sie den demokratischen Grundkonsens nicht beschädigen. Ein Instrument dieser Moderation ist der Journalismus, der sich zwischen den Kirchen und anderen religiösen Institutionen und den religiös interessierten Bürgern positioniert hat. Diese Aufgaben kann keine kirchliche Öffentlichkeitsarbeit, die notwendig Partei sein muß, erfüllen; nur eine unabhängige öffentliche Plattform der Auseinandersetzung kann Übersicht über Positionen und Interessen und den Bürgern eine eigene Stellungnahme ermöglichen.

Die kirchlichen Skandale der letzten Zeit lassen sich nicht mehr mit den Mitteln geheimer Kabinettspolitik bewältigen, obwohl das von Seiten der römischen Kirche nach wie vor versucht wird. Eine Kirche, die sich eine öffentliche Aufgabe beimißt, die öffentlich anerkannt und öffentliches Gewissen sein will, kann nicht auf der anderen Seite Geheimabsprachen treffen, Untersuchungen unterdrücken, Visitationsprotokolle schubladisieren ... Diesen Widerspruch kann auch eine kircheneigene Publizistik nicht lösen: Hat man je eine Parteizeitung gesehen, die einen Parteiskandal aufdeckt?

Auf der anderen Seite fehlt vielen politischen Journalisten das nötige Wissen, um religiöse Konflikte in ihrer Eigenart zu verstehen. Die verbreitete Ansicht, Religion sei Privatsache, führt leicht zur irrigen Annahme, jeder verstünde genug davon, da jeder auch Privatmensch ist. Erschwerend kommt die Atemlosigkeit des aktuellen Journalismus hinzu, die zumeist die geschichtlichen Ursachen für aktuelle Phänomene ausblendet.

Religion, in welcher Form auch immer, ist aber ohne theologische und religionswissenschaftliche Grundkenntnisse und ohne den Blick in die Geschichte nicht zu verstehen. Der neue Religionsjournalismus braucht daher solides Wissen: Wie sieht das Selbstverständnis der Religionen aus, welche Interessen und Konflikte bestimmen sie, welche institutionellen Strukturen bauen sie auf, welche Herkunft haben neue religiöse Gruppen, mit welchen Problemen der Inkulturation kämpfen Religionen, die aus anderen Kulturkreisen importiert wurden, usw. Dieser hohe Standard an gefordertem Fachwissen, verbunden mit institutioneller Unabhängigkeit, konstituiert den Religionsjournalismus als eigene Sparte in der publizistischen Arbeit.

Die römisch-katholische Kirche sieht den unabhängigen Religionsjournalismus immer noch als Konkurrenten, wo es ihr nicht gelingt, ihn für ihre Öffentlichkeitsarbeit zu instrumentalisieren. Es wäre interessant, Parallelen im Wirtschaftsjournalismus nachzugehen, der sich ebenfalls erst seit kurzem zum unabhängigen Aufgabengebiet entwickelt. Die Machtinteressen sind in diesem Fall noch greifbarer - und der Widerstand dagegen, daß alle wirtschaftlichen Vorgänge auch für Normalbürger transparent sind, die sich gefälligst auf seine Rolle als Konsument beschränken sollen.

Unabhängige Religionsjournalisten rekrutieren sich zu einem großen Teil aus dem Reservoir von Laientheologen, deren Einsatz für die römische Kirche sowieso ein ungelöstes Problem darstellt. Die Kirche müßte froh sein, daß sie so kompetente Partner hat, die ihr zwar das verlorene Monopol nicht wiedergeben können, ihr aber in der neuen Lage Aufgaben abnehmen, die sie selbst überfordern: eine Agora religiösen Disputs bereitzustellen, Brücken zu anderen Weltanschauungen zu schlagen und die Intentionen der Kirche (und anderer religiöser Gruppen) dem Publikum zu verdolmetschen.

Der Autor war bis 1997 Leiter der Religionsabteilung im ORF-Fernsehen.

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