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Die Presse hat noch eine Chance

Von allen Seiten wird der Mensch heute mit Informationen bombardiert. Er wird von verschiedenen Interessengruppen als Zielscheibe genommen: man will in ihm Uberzeugungen, Neugierden, Hoffnungen wecken, man will ihn reif machen für Entscheidungen, von denen sich die Sender der Information einen Vorteil erwarten für politische, wirtschaftliche oder sonstige Zwecke. Die Empfänger, wir alle, werden unter Druck gesetzt, die Druck-Sachen haben ihren Namen nie besser verdient, sowohl diejenigen, die wir jeden Morgen mit der Post auf den Tisch bekommen, als alle optischen Signale, von denen wir, auch wenn wir uns zur Wehr setzen, immerhin einige Fetzen in uns aufnehmen. Wir werden umworben, und zwar nicht mehr nach den zarten Regeln des Schäferspiels, sondern auf immer aggressivere, kalt berechnende Art. Wer würde schon heute eine Werbeaktion in Gang bringen, ohne vorher von Spezialisten den Stil der Beeinflussung und das Ausmaß der potentiellen Beeinflußbarkeit erforschen zu lassen? Wo es noch eine Oase gibt, in der unerfüllte Wünsche vermutet werden, die „Marktlücke“, wird schnellstens dafür Sorge getragen, daß sie ausgefüllt wird.

Auf der anderen Seite: auch wenn wir als Objekte behandelt werden, hören wir doch nicht auf, uns als Subjekte zu benehmen. Wir alle, als Staatsbürger, als Konsumenten, oder einfach als Menschen, die Zusammenhänge erkennen wollen, brauchen und suchen Orientierungshilfen. Das Bedürfnis an Information, politischer, wirtschaftlicher, technischer, kultureller, medizinischer, sportlicher Natur nimmt ständig zu. Sowohl für den unmittelbaren Gebrauch als für langfristige Planung. Das Neue übt immer noch dieselbe Faszination aus: kaum ist etwas passiert, ein Fußballspiel, eine Wahl, der Tod einer prominenten Persönlichkeit, müssen wir es in unser Bewußtsein aufnehmen, dem nichts Schlimmeres passieren könnte, als den Anschluß an die jüngste, blitzartig Gegenwart gewordene Vergangenheit zu verlieren. Man mag darüber philosophieren, ob der moderne Mensch nicht dadurch sein gesundes Zeitgefühl verloren hat, ob er nicht zu sehr auf Termine setzt, die seinen Sinn für größere Zyklen verdunkeln. Tatsache ist, daß er am Ereignis kleben möchte, in der Illusion, intensiver, näher den Lauf der Welt zu erleben.

Daß die Informationsmedien diesem Bedürfnis nach zeitlicher und räumlicher Unmittelbarkeit Rechnung tragen, ist klar. Im Wettlauf mit dem Ereignis kämpfen die Presse-Agenturen um jede Minute. Aus Angst, ein „flash“ zu verpassen, wird die Meldung schon vor dem Eintreffen des Ereignisses verbreitet: so ist General Franco ein paar Mal gestorben, bevor der Tod ihn wirklich traf, und die Berichterstatter machten kein Hehl aus ihrem Ärger darüber, daß der Generalissimo bis zuletzt seine Mißachtung der Presse so schadenfroh kundtat.

Im Wettbewerb um die Aktualität sind nicht alle Massenmedien gleich gut ausgerüstet. Das Fernsehen, das Bild und Wort verbindet, vermittelt am überzeugendsten das Gefühl des Dabeiseins: aber die Filme müssen befördert und entwickelt werden. Dagegen hat der Hörfunk, der nur Wort sendet, den Vorteil, direkt übertragen zu können. Bei Geiselnahmen, Banküberfällen, Straßenschlachten, hat er immer einen kleinen Vorsprung vor dem Fernsehen, das überdies nur abends sendet, während der Rundfunk rund um die Uhr in Betrieb steht. Mit diesen Medien kann die Presse nicht Schritt halten. Eine Zeitung erscheint nur einmal am Tag, und in 24 Stunden kann eine Nachricht viel von ihrer Brisanz verloren haben. Nur eines der Probleme der Presse von heute, die, um überleben zu können, einen neuen Stil der Nachrichtenvermittlung entwik-keln muß.

Es ist viel, auch in Frankreich, von einer Krise der Presse die Rede.Diese Krise ist nicht mit der Ölkrise 1973 entstanden, aber seitdem besonders akut in Erscheinung getreten. Dabei ist das Bild keineswegs einheitlich, die Pariser Tagespresse ist härter getroffen worden als die Tagespresse der Provinz, die Tagespresse härter als die periodische Presse.

In Zahlen ausgedrückt, kennzeichnet sich die Situation der Tagespresse in Frankreich:

•Durch eine ständige Reduzierung der erscheinenden Titel. Um 1900 gab es noch über 400 Tageszeitungen. Heute zählt man nur noch 94 Titel, 16 in Paris, 78 in der Provinz. Selbständige Redaktionen gibt es 62, davon 9 in Paris. 1980 dürften kaum mehr als 40 Redaktionen im ganzen Land bestehen.

•Durch, einen Rückgang der Aufla-genziffern bei gleichzeitiger Zunahme der Bevölkerung. Das Frankreich von 1946, mit nicht ganz 40 Millionen Einwohnern, verbrauchte jeden Tag über 15 Millionen Tageszeitungen. 380 Exemplare pro 1000 Einwohner. Das Frankreich von heute, mit 52 Millionen Einwohnern, kauft nur noch 12 Millionen Exemplare, 230 Exemplare pro 1000 Einwohner. Dies liegt u. a. an der ständigen Erhöhung des Verkaufspreises.

•Durch eine neue Gewichtsverteilung zugunsten der regionalen Presse. Zwischen 1960 und 1973 sank die Tagesauflage der Pariser Presse um 400.000, die regionale Presse erzielte einen Zuwachs von über 500.000. Diese Erfolge verdanken die Blätter in der Provinz verschiedenen Umständen:

Sie haben unter sich die Landkarte Frankreichs aufgeteilt und in ihrem Absatzgebiet (oft bis an die zehn Departements) keine Konkurrenz zu befürchten, so L'Est Ripublicain (300.000), La Voix du Nord (400.000), Ouest-France (700.000), La Montagne (300.000) im Zentrum, Sud-Ouest (400.000) und La Depeche du Midi (300.000), Le Provencal und NiceMatin (350.000 und 240.000) an der Mittelmeerküste, Le Progres (fast 500.000) und Le Dauphini Libere (400.000) im Rhonetal und im Alpenland Les Dernieres Nouvelles d'Al-sace (200.000) und L'Alsace (130.000) im Elsaß. Grenzkämpfe können stattfinden, aber innerhalb ihrer Hoheitsgebiete haben sie praktisch eine Monopolstellung, die kleinere Blätter nicht gefährden können.

Auch seitens der großen Medien droht ihnen in nächster Zukunft, anders als der überregionalen Presse, keine Gefahr. Fernsehen und Hörfunk sind zu vornehm, und außerdem viel zu wenig dezentralisiert, um sich um das Alltagsleben der kleinen Gemeinden zu kümmern. Die Stärke der Regionalpresse besteht darin, daß sie banalen Vorfällen Bedeutung verleiht und so eine Masse von einfachen Menschen anspricht, die die Gerüchte der vertrauten Umgebung mehr interessieren, als die Stimme der großen weiten Welt. Fern von den überregionalen Werbeaktionen kann die Lokalpresse mit einem ständigen Fluß von Lokalanzeigen rechnen. 1974 hatte sie einen Gewinn von 70 Millionen Francs, während die Presse im allgemeinen Verluste hinnehmen mußte.

Selbstverständlich hüten sich diese Organe, in den politischen Kampf einzugreifen. Eindeutige Stellungnahmen könnten Leser verärgern: so steuert man geschickt zwischen den Extremen ohne parteipolitisch Farbe zu bekennen. Manche Beobachter sehen darin eine unheilvolle Entwicklung, die die Gefahr der Ent-politisierung erhöht. Die Parteipresse ist in der Tat völlig aus der Provinz verschwunden.

Auch im Bereich der Wochenzeitungen macht sich die Krise bemerkbar, ohne daß man von einem eindeutigen Trend sprechen könnte. Aufsehenerregende Fortschritte und Rückschläge sind in den letzten Jahren verzeichnet woren, ohne daß die Gründe für Aufstieg oder Abstieg sich mit Sicherheit feststellen ließen. Die Auflage von Paris-Match ging seit 1960 von 1,5 Millionen auf 800.000 herunter, Le Nouvel Observateur konnte seine Auflage (400.000) innerhalb von zehn Jahren vervielfachen, L'Ea^ress blieben über 700.000 Leser treu. Die politisch stark engagierten Magazine hatten in den letzten Jahren Rückenwind, die politisch farblosen verlieren an Boden.

Die satirische linksgerichtete Can-ard Enchaine, mit 450.000 Exemplaren wohl das florierendste Geschäft der französischen Presse, erweitert ständig seinen Leserkreis, der im „Ententeich“ genügend Nahrung für seinen Unmut gegen die Mächtigen dieser Welt findet. Decken die Nachrichtenmagazine Bedürfnisse, die die politische Lauheit vor allem der Regionalpresse unbefriedigt lassen? Dies mag zum Teil stimmen, wenigstens für gewisse Alters-, Bildungsund Bevölkerungsschichten, für junge, vornehmlich Stadtbewohner mit Oberschulausbildung, und für gewisse intellektuelle Kreise.

Aber die große Masse scheint ohne eine wöchentliche Ration an Gesellschaftskritik und aufrührerischer Ideologie ganz gut auszukommen: die Wochenendausgaben der Regionalzeitungen erreichen beträchtliche Auflagen über 500.000 für Le Progres-Di-manche, über 400.000 für Le Dau-phini-Liberi-Dimanche, 250.000 für L'Est-Rpeublicatn-Dtmanche sowie für Sud-Ouest-Dimanche. Die einzige Zeitung dieser Art, die in Paris erscheint, le Journal du Dimanche, hat starke Einbußen erlitten (350.000 Exemplare 1975 gegenüber 600.000 1960).

Auch in Frankreich erfreuen sich die Fernsehmagazine großer Beliebtheit. Readers Digest — monatlich, 1,2 Millionen Auflage — sorgt mit vielen andern für Lesestoff. Skandalblätter, so France Dimanche (800.000), Ici Paris (500.000) sind stark zurückgefallen. Illustrierte, Frauenzeitschriften, Eltern- und Kirchenblätter, Jugend- und Kinderpresse, Auto-, Sport-, Wortschafts- und Literaturzeitungen in reichem Spektrum runden das Bild mit einem vielfachen Angebot ab.

Die Höhe der Auflagen sollte nicht der entscheidende Maßstab sein, um über Funktion und Bedeutung der Presse zu urteilen. Wer Rücksicht auf eine Million Leser nehmen muß,kann nicht anders, als sich nach dem Niveau des Bescheidensten unter ihnen richten. Der gebotene Stoff ist eine Art Eintopfgericht, mit immer gleichen Ingredienzien und Gewürzen zubereitet, auf den computermäßig ermittelten Geschmack dieses oder jenes Normalverbrauchertyps zugeschnitten. Kein Wunder, wenn dabei Qualität und Quantität im umgekehrten Verhältnis stehen.

Doch sind unter den rund 15.000 Titeln der periodischen Presse in Frankreich die Massenkonsumblätter zwar die vordergründigste Erscheinung, aber bei weitem nicht ein treuer Spiegel der Wirklichkeit Die meisten Leser von Zeitschriften wollen nicht anonym behandelt werden, sie suchen für ihr Berufsleben, für ihre technische, wissenschaftliche, kulturelle, soziale Tätigkeit präzise Informationen über die Entwicklung in ihrem Fachbereich, in ihrer Interessengruppe, in ihrer religiösen oder sozialen Gemeinschaft.

Solange Presseleute allein von einer Krise der Presse reden und reden dürfen, ist noch längst nicht der Beweis erbracht, daß der Weltuntergang bevorsteht. Es ist ohne weiteres klar, daß die Presseprodukte, wie jedes andere industrielle Produkt, vielleicht mehr als andere Konsumgüter, unter den Folgen der weltweiten wirtschaftlichen Rezession zu leiden haben. Die Verdoppelung des Papierpreises, der gleichzeitige Rückgang der Werbeeinnahmen, der unverminderte Druck der Gewerkschaften, die praktisch in dieser Branche eine Monopolstellung innehaben, sind harte Wirklichkeiten, mit denen jedes Presseunternehmen fertig werden mußte. Daß einige, darunter Giganten, dabei Federn lassen mußten, ist unbestreitbar. Andere hingegen sind ganz gut über die Runde gekommen.

Ist die Konjunktur, wie man allenthalben hört, an allem schuld, stellt sie allein die Existenz und die Freiheit der Presse in Frage? Sicher ist, daß bereits gefährdete Organe die Erschütterungen nicht überlebt haben oder nicht überleben werden. Aber genau so sicher ist es, daß Abwärts- und Aufwärtstendenzen sich nicht erst Ende 1973 gezeigt haben. Wenn in dem Jahrzehnt nach Ende des Krieges nach jahrelanger Knebelung der Presse jegliches gedruckte Blatt sich ohne weiteres verkaufte, ist heute der von anderen Medien verwöhnte Leser wählerischer und anspruchsvoller geworden. Seine dringendsten Bedürfnisse, was die Aktualität angeht, werden Stunde für Stunde durch den Rundfunk gedeckt Das lebendige Ereignis bekommt er durch das Fernsehen ins Haus geliefert

Die einzige Chance für die Presse bleibt in dem Abstand, den sie gegenüber dem Geschehen wahren kann. Nicht nur einen kritischen Abstand, der über Sensation und Emotion hinaus eine Bewußtseinsbildung ermöglicht. Eine Berichterstattung, die ihr tägliches Brot aus Konflikten, Aggressionen, Zwist und Blut macht, die mit primitiven Emotionen spielt, indem sie unablässig die Unzufriedenheit schürt und den aktiven Widerstand predigt, wirkt am Ende unerträglich. Sensation allein, die angeführten Zahlen zeigen es deutlich, zahlt sich nicht mehr aus. Die Erfolge der spezialisierten Presse hingegen deuten darauf hin, daß es noch unter unseren Zeitgenossen ungeheure Reserven an Kreativität gibt, Kreativität im Beruf und außerhalb des Berufs.

Vielleicht sollte die Presse daran denken, daß der Mensch sich nicht so leicht als Massenartikel behandeln läßt. Sobald er sich als Individualität angesprochen fühlt, als Mensch, der in der Masse nicht aufgehen wül, wird sein Interesse wach. Die Presse, die das begreift, kennt nicht nur keine Krise, sondern hat schöne Tage vor sich.

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