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Digital In Arbeit

Freizeit gleich Freiheit?

Dir Spielraum für eine eigenständige Medienpolitik wird, realistisch betrachtet, Tür die Steiermark auch in Zukunft-relativ bescheiden sein. Vorstellbar sind für Gebiete mit der Größenordnung und Struktur eines österreichischen Bundeslandes äußerstenfalls zusätzliche und verstärkte Angebote von Regionalprogrammen, die auch über die neuen, elektronischen Medien verteilt werden.

Diese Medien-Regionalisierung wird notwendig sein, die traditionellen, gewachsenen Strukturen im Lande zumindest teilweise bewahren zu können. Sie darf weder als Verprovinzialisie- rung mißverstanden, noch als Gegensteuern oder in der Funktion eines hinhaltenden Kampfes gegen das auf uns zukommende „elektronische Weltdorf ‘ angesehen werden, welches spätestens mit dem Direktprogrammempfang über Satelliten beim häuslichen Empfangsgerät verwirklicht sein wird. Ein Faktum, auf das auch wir uns in

Österreich noch in den achtziger Jahren werden einstellen müssen.

Persönlich glaube ich allerdings nicht, daß der Preis eines solchen Versuches das finanzielle Engagement von Gebietskörperschaften sein muß und sollte. Vorsicht und Mißtrauen sind grundsätzlich angebracht, wo von Mei- nungs- und Informationsvielfalt die Rede ist, es im Grunde aber darum geht, auf lange Sicht und mit hohen Investitionskosten - womöglich und am liebsten unter Einsatz von Steuergeldern - monopolartige Strukturen zur Verteilung dieser Vielfalt zu schaffen.

Wer immer im Besitz solcher Monopol-Verteilstrukturen ist, hat im gege

benen Fall die technische Möglichkeit zur Gleichschaltung der Information bzw, zur Ausschaltung unliebsamer Informationen, also zur Meinungsmanipulation.

Nur die im freien Wettbewerb für Ideen und wirtschaftliches Handeln erbrachten Leistungen schufen für die Menschen im Westen spürbare und sichtbare Vorteile gegenüber jenen, die in sozialistisch-marxistisch geprägten Systemen leben müssen. Von Gesetzen dekretierte, monopolähnliche Systeme schaffen pragmatische Dienstverhältnisse, und diese bewirken naturgemäß pragmatisches Denken. Solche Verhältnisse und Strukturen aber gehen einer pluralistischen Gesellschaft, wie sie sich heute noch in unseren westlichen Demokratien manifestiert, auf Sicht gesehen auf den „nervus rerum“.

Diese Gefahren sollten beim Umgang mit den neuen elektronischen Medien von Anfang an mitbedacht werden. Im übrigen ist der Zug für das Sa- telliten-TV in Europa ja bereits angefahren, und der ORF ist bekanntlich bestrebt, daß Österreich noch rasch aufspringt und unter seiner Schirmherrschaft in einem der hinteren Waggons Platz nimmt. Eine "Entscheidung darüber wird die österreichische Bundesregierung auf Grund der ihr zukommenden Fernmeldehoheit zu treffen haben.

Die Vorlaufzeit für einen österreichischen Satelliten, eventuell in Kooperation mit der Schweiz, beträgt mindestens fünf Jahre. Schon 1984 aber - ob dieses Jähr der Orwell’schen Vision vom Großen Bruder reiner Zufall ist, sei dahingestellt - werden die BRD und

Frankreich mit ihren TV-Satelliten bereits den Betrieb aufnehmen. Führen wir uns in diesem Zusammenhang noch eine Prognose vor Augen: Schon Mitte der 80er Jahre sollen mehr als 50 Prozent aller westeuropäischen Haushalte an Gemeinschaftsantennen- bzw. Kabelanlagen angeschlossen sein.

In der Steiermark wurden nach längeren Geburtswehen im Februar 1981 zwei Gesellschaften gegründet, die den Steirern das Tor zur Kabelfernsehzukunft aufstoßen sollen. Die Konstruktion ist zwar vom Konsens aller politischen Kräfte in Land und Stadt getragen, und auch die lokalen Printmedien sind mit von der Partie, aber sie wird ihre Bewährungsprobe bei der Finanzierung, Installierung und schließlich beim Betrieb der Kabelnetze erst erbringen müssen.

Ein weiterer Gedanke sei diesen fragmentarischen Überlegungen angefügt: Für die technische und finanziell aufwendige Medienvielfalt der achtziger Jahre ist ein Markt auf breiter Basis erst durch zwei Umstände aufbereitet worden. Diese lassen sich mit den Schlagworten „Freizeitgesellschaft“ und „hohe Masseneinkommen" umreißen.

Mehrfach gesetzlich herabgesetzt wurde in der Zweiten Republik die wöchentliche, jährliche und die Lebensarbeitszeit. Uber 48, 45, 42 Stunden wöchentlicher Arbeitszeit machen wir derzeit bei der 40-Stunden-Woche halt.

Beim gesetzlichen Mindesturlaub stehen wir über zwei, drei, bei nunmehr vier Wochen. Das Pensionierungs- bzw. Rentenalter beträgt beim Unselbständigen 65,60 bzw. 55 Jahre und in man

chen Berufsgruppen darunter. Auf allen drei genannten Ebenen wurde nun eine weitere Herabsetzung der Arbeitszeit von gewichtigen Kräften unseres Staates unter dem Schlagwort „Arbeitsplatzsicherung“ in Diskussion gebracht.

Ohne auf diese Thematik hier näher eingehen zu können, nur so viel: Vielfach wird ein Maximum an Freizeit als Voraussetzung für ein Maximum an Freiheit angesehen. Freizeit als Synonym für Freiheit aufzubauen und darzustellen, mag zwar der Werbebranche zuträglich sein, stellt aber dennoch ein gefährliches Mißverständnis dar, welches unser System im schlimmsten Fall in eine irreversible Krise führen könnte.

Ich glaube, daß es heute gerade auch wegen des ungeheuren Medien- und Informationsangebotes für den einzelnen schwieriger denn je geworden ist, dem Imperativ „Mensch, werde wesentlich“ in seinem Leben, also in Arbeit und Freizeit, gerecht zu werden.

Die von den Medien angebotene Fülle der vermittelten Informationen und Eindrücke fordert den Menschen in einem für ihn bisher ungewohnten Bereich voll heraus. Es bedarf einerseits einer Leistung, die unbedingt notwendigen Informationen zu sortieren und aufzuarbeiten, und bedeutet andererseits eine Anstrengung, sich und seine Zeit unnötigen Informationen zu versagen.

Das menschliche Gehirn, das mit diesem permanenten Informationsaufarbeitungsprozeß befaßt ist, wird im Hinblick auf das Kurzzeitgedächtnis oft überstrapaziert. Ich fürchte die Gefahr, daß dafür vielfach ein gesicherter, persönlicher Wissensstand sowie das geistige Erarbeiten von beständigen Werten auf der Strecke bleiben.

Die neuen elektronischen Medien stellen sich so meiner Überzeugung nach als eine ungeheure Herausforderung dar, in Form eines Scheideweges, einerseits zum vielzitierten „mündigen", andererseits zum entwurzelten und total manipulierbaren Menschen.

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