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Wahl der Zukunft

Die hinter uns liegenden acht - ziger Jahre begannen unter dem Eindruck des Nichts-geht- mehr. Die politische Landschaft zwischen Ost und West und auch innerhalb des Westens schien eini- germaßen erstarrt, hilflos dem Diktat der Ölexporteure ausgelie- fert, von Inflation und Verschul- dung bedroht, von steigender Steu- erbelastung und um sich greifender Bürokratie immobilisiert. Wie anders steht die Welt, steht Europa und steht auch Österreich heute da!

Das heißt nicht, daß alle Proble- me gelöst sind. Vielleicht ist es sogar so, daß wir in unserer Europabezo- genheit übersehen, daß die Durch- setzung von Vernunft, Demokratie und gedeihlichem Zusammenleben, der augenscheinliche Anbruch ei- nes neuen Zeitalters in allen Teilen Europas nur ein kleiner Fortschritt sind im Weltmaßstab. Die Situa- tion vieler Entwicklungsländer er- scheint dramatischer und bekla- genswerter als vor zehn Jahren. Die Umweltprobleme konnten viel- leicht partiell entschärft werden, global haben sie offenbar eher zugenommen. Aber immerhin wird heute nicht wie damals am Golf ein menschenfressender Krieg geführt, immerhin eröffnet eine Koopera- tion der Supermächte bisher undenkbare Perspektiven, immer- hin ist die Verschuldungskrise wenigstens teilweise leichter ge- worden.

Für Europa und damit auch für uns in Österreich hat das ursprüng- lich wenig verheißungsvolle Jahr- zehnt zuletzt noch einen großen, wohl historischen Aufbruch in eine bessere Zukunft gebracht. Auch aus der rein wirtschaftlichen Perspek- tive: neben der Öffnung Osteuro- pas hat etwa ein Umdenken über die Grenzen der Leistungsfähigkeit des Staates stattgefunden, wurden Schritt für Schritt lebensnotwen- dige Elemente der Verantwortung gegenüber der Umwelt in die Rah- menbedingungen, Institutionen und die Kostenstrukturen der Wirt- schaft eingebaut und konnten die Arbeitslosigkeit, die ursprünglich in die Nähe von zehn Prozent der Erwerbstätigen extrapoliert wur- de, wieder verringert und die Ju- gendarbeitslosigkeit abgebaut werden.

Was speziell Österreich anlangt, konnte eine die ganze Volkswirt- schaft in Mitleidenschaft ziehende Krise der traditionsreichen großen Industrien, vor allem des verstaat- lichten Sektors, durch unterneh- merische Kraft weitgehend über- wunden und auch das Budgetdefi- zit des Staates eingedämmt wer- den. Österreichs Wirtschaft hielt sich trotz der tiefgreifenden struk- turellen Umstellungen auf den Weltmärkten gut und konnte ihre Position sogar verstärken. Das sind keine geringen Erfolge. Sie sind auch nicht vom Himmel gefallen, sondern die Nutzung einer günsti- gen weltwirtschaftlichen Konjunk- tur setzte sehr wohl auch eigene Leistungsbereitschaft voraus.

Mit Blick auf das anbrechende letzte Jahrzehnt des Jahrhunderts herrscht also Optimismus vor, der jedenfalls die gegenwärtige Situa- tion widerspiegelt. Wir müssen uns natürlich fragen, ob wir auch auf einen Rückschlag vorbereitet wä- ren, ob wir die wichtigsten Trends in unseren Entscheidungen einkal- kuliert haben, ob wir mit der inter- nationalen Entwicklung mithalten können.

Die größten Schwächen der öster- reichischen Wirtschaft liegen zwei- fellos darin, daß sie zwar über- durchschnittlich innovativ und auch flexibel auf Veränderungen der Rahmenbedingungen zu rea- gieren versteht, aber weder die sie bestimmenden Trends im Griff hat, noch genügend konsequent strategisch operiert. Die langfristi- gen und planvollen Entscheidun- gen treten auf fast allen Ebenen hinter der Fähigkeit zu geschickter Improvisation und Reaktion auf von außen kommende Entwicklungen zurück. Und wenn dennoch aus- nahmsweise die großen Perspekti- ven zu Entscheidungen heute und jetzt führen, wie etwa beim Antrag auf Beitritt zur EG oder bei Grund- satzerklärungen zugunsten der Zu- sammenarbeit mit Osteuropa, so drängt sich danach leider nicht selten der Eindruck auf, daß man das Problem mit der Willenserklä- rung im wesentlichen gelöst zu haben glaubt.

Es ist zweifellos richtig, daß viel von dem, was auf uns zukommt, Schicksal ist. Aber es ist auch rich- tig, daß man innerhalb gewisser Grenzen zwischen verschiedenen Zukünften wählen kann, wenn man sie sich bewußt macht und danach handelt.

Die vielversprechenden Entwick- lungen in Osteuropa verbessern aus geographischen und historischen Gründen den Standort Österreich. Dies wird zweifellos auch auslän- dische Unternehmungen anziehen. Wir sollten diese Standortgunst nutzen und noch stärken, indem wir unser Potential in dieser Rich- tung bündeln: die hier vorhande- nen unternehmerischen und wis- senschaftlichen Kenntnisse über die osteuropäischen Länder zum Nut- zen der österreichischen Wirtschaft und anderer westlicher Interessen- ten, unsere wirtschaftspolitischen Erfahrungen für Problemlösungen in Osteuropa. Wenn sich heute konkret Prager oder Budapester Politiker und Wissenschafter, die in der Regel erst seit kurzem Ver- antwortung tragen, angesichts ih- rer drängenden Probleme auch oder gerade nach Österreich wenden, so fürchte ich, werden sie hier von Tür zu Tür geschickt, ohne daß ihnen ein ernstzunehmendes Beratungs- paket angeboten würde. Ich meine, es wäre im gesamtstaatlichen und im längerfristigen Interesse Öster- reichs, zweifellos vorhandene Bau- steine solcher Produkte zusammen- zufassen, zu koordinieren und zu unterstützen. Österreichisches ökonomisches Consulting zieht früher oder später österreichische wirtschaftliche Erfolge nach sich.

Ein bißchen wird man den Ein- druck nicht los, daß wir ein wenig zu spektakulären Aktionen neigen, ohne ihre Substanz und ihre Mög- lichkeiten dann in harter Kleinar- beit konsequent auszuschöpfen. Angesichts der Vielzahl an Ideen dazu und ihrer faszinierenden und befruchtenden Visionen ist nur zu hoffen, daß das Projekt Expo Wien- Budapest nicht ein Beispiel für dieses Defizit wird und schließlich in einer Art Disneyland am Donau- strand versandet.

Die Stärke der österreichischen Wirtschaft besteht im Weltmaßstab nur ausnahmsweise in natürlicher Standortgunst: der Fremdenver- kehr lebt davon, die Umwelt ist noch vergleichsweise heil. Im übri- gen sind wir aber auf die Qualität unserer Arbeit, auf Erfindungs- reichtum und wirtschaftlichen Spürsinn verwiesen. Die Erfolgs- stories österreichischer Unterneh- men, die sich mehren, handeln nahezu alle vom Auffinden von bisher nicht genützten Marktni- schen auf der Basis hervorragender Technologien und Organisation.

Trotz aller dieser Erfolge gibt es viele Indikatoren, daß unsere Wirt- schaft nach wie vor in ihrer Orien- tierung einen zu kleinen Radius hat und zudem zu wenig in ihre techno- logische Basis investiert. Dazu kommen die vielfach zu beklagen- de Wirtschaftsfremdheit der regu- lären schulischen Ausbildung, das Ausklammern von technischen und ökonomischen Fächern aus dem traditionellen Bildungskodex und eine gewisse Berührungsangst auch junger Österreicher mit dem Aus- land, mit fremden Kulturen und Sprachen.

Die Folge ist, daß wir mit den dynamischen Regionen der Erde, vor allem in Asien trotz eines ge- wissen Aufholens in jüngster Zeit, nach wie vor nur in einem relativ losen Kontakt stehen.

Angesichts der gerade jetzt wirt- schaftlich berauschenden Perspek- tiven ist natürlich die Frage zu stel- len, ob diese nicht schon bald an ökologische Grenzen stoßen müs- sen. Die Gefahr ist zweifellos groß. Die augenblicklich hervorragende wirtschaftliche Situation sollte daher auch nicht verstreichen, ohne daß der notwendige Systemumbau (etwa des Verkehrs- oder des Ener- giesystems) entschieden vorange- trieben wird. Gegenüber den Wachstumspessimisten ist aber festzuhalten, daß Wirtschafts- wachstum keineswegs notwendi- gerweise vermehrten physischen „Stoffwechsel" bedeuten muß, sondern einfach nur die Vermeh- rung der Möglichkeiten, wirtschaft- liche und soziale Bedürfnisse zu befriedigen.

Wenn daher die Bevölkerung mit Recht sensibler geworden ist für die Erhaltung einer gesunden Umwelt, dann wird dies - soferne nicht grobe wirtschaftspolitische Fehler gemacht werden - auch zu einem wirtschaftlichen Ziel und zu einer wirtschaftlichen Aufgabe.

Der Autor ist Leiter des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung in Wien.

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