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Indiens einäugige Blindheit

Für den vom Hinduismus geprägten Inder ist — bedingt durch seine nahezu völlige Vorurteilslosigkeit — die Verständigung mit Fremden nicht leicht, sind doch Urteil und Vorurteil Voraussetzung jeder menschlichen Verständigung. Und obgleich die Informationsmöglichkeiten für beide nicht groß sind, überwiegen ja auf der Seite der Ausländer die Vorurteile und hier wieder die weniger begründeten. Unter den unberechtigten oder unbegründeten Vorurteilen, die Ausländer über Indien mitzubringen pflegen, ist auch das vom passivfriedlichen Staate und Volke Indiens nach dem Vorbild des großen Lehrers Gandhi. Daß die unendliche Kette von Kriegen, die schon seit der Zeit des Kaisers Asoka im 4. vorchristlichen Jahrhundert bis hin zur Vertreibung des letzten Kaisers aus dem Hause Timur durch die Kolonialherren im Jahre 1857, zwischen Stämmen, Sprachen und Religionen, und manchmal auch unbegründet geführt, das Land erlahmen ließ, inzwischen der Vergessenheit anheimfiel, war nur der einigenden Anstrengung zur Vertreibung der englischen Sahabs zu danken. Seither hat — während alle anderen Staaten, die arabischen und indochinesischen ausgenommen — den Frieden pflegten, Indien zweimal gegen seinen Nachbarn Pakistan im Krieg gestanden. Daß aber nicht einmal der von inneren Feinden vom Zaun gebrochene letzte Krieg, den jeder friedliebende Inder verabscheut hat, dessen Milliardenkosten Indien durch den Appell an das Weltgewissen nicht annähernd mildern konnte — daß nicht einmal diese harte Lehre dieses Vorurteil vom friedlichen Indien berichtigen konnte, ist unverständlich.

Davon, daß sich Westbengalen in Schwierigkellen:“befand“,'' hat 'der Krieg nach außen vorübergehend abzulenken vermocht. Und daß sich Ostbengalen, das frühere Ostpakistan und jetzige Bangladesch, in Schwierigkeiten befindet, die noch zunehmen werden, wenn die letzten indischen Helfer und Hilfen einmal abgezogen sind, kann nicht wundernehmen. Präsident und Ministerpräsident, Scheich Mudjibur Rahman und sein Helfer Sajjed Nazrül al Islam, die sich schon acht Monate vor Kriegsbeginn in Kalkutta befanden und dort — durch den nahen Kontakt auch der Presse mit den Problemzentren des damals noch nicht einmal ausgebrochenen Aufstandes — Gelegenheit zur guten Vorbereitung ihrer Aufgaben gehabt haben, unterstützt auch „in aller Aufrichtigkeit“ durch die indische Regierung, sind jetzt wohl bald auf sich allein gestellt.

Auf sich selbst müssen sie bald gestellt sein, schon weil es wenig genug ist, was Indien ihnen jetzt noch geben kann. Während sich in der Zeit vor der Befreiung des

Bengalenlandes der enorme Stahlmangel durch den Vorrang des militärischen vor dem zivilen Sektor erklären ließ, ist die Produktionsziffer indessen doch noch mehr hinter dem Plan und noch weiter hinter dem Bedarf zurückgeblieben. Unter den vielen Langfristigen und ehrgeizigen Projekten, die sich das Land selbst gestellt hat und hat stellen müssen, seit die Kolonialherren das Land verlassen haben, ist das der Stahlversorgung das dringendste und ungelösteste. So erzeugt Rourkela auch heute noch nicht die ursprünglich vorgesehene Menge und es bleibt ungewiß, ob dieses Ziel jemals erreicht werden wird. Doch schon sind neue Werke gebaut, wie etwa Durgapur, und gehen einem ähnlichen Schicksal entgegen. Die Projekte und Monumente der Besatzer sind verschwunden und haben, wie die Säule des englischen Generals Ochterlony-Dyce (übrigens des einzigen Erben des deutschen Nawabs von Sardhana, Balthasar Reinhard) zum Minhar wurde, neuen Selbstdarstellungen Platz gemacht.

Woher sollen die für die Durchführung so vieler ehrgeiziger Projekte noch immer erforderlichen Devisen jedoch kommen, da der Industrie schon das für di'e Herstellung exportfähiger Erzeugnisse erforderliche Rohmaterial fehlt? Und tatsächlich scheint der Kapitalexport, der zur Zeit der frühkolonialen Ausbeutung, im Jahre 1772 etwa, nach den Annalen der Ostindischen Handelskompagnie immerhin 40 Millionen Pfund Sterling erreichte, durch die weitestgehenden Forderungen an Entwicklungshilfe, zu denen sich die indische Bundesregierung berechtigt meint, nicht ersetzbar zu sein. Indien produziert Mig-Kampfflugzeuge, de Havilland-Aufklärungsflugzeuge, Kanonen, PaftZfirr1; Gewehre,-1 Mas hin«ngeweh-> re, Munition, aber nicht genug“ Werkzeugmaschinen für den Export (1971 für 393 Millionen Rupees), oder Fahrräder (mehr als 2 Millionen), oder gar Kraftwagen (90.000), bezogen auf seine Bevölkerung von schon 560 Millionen. Bald wird auch die Atombombe hinzukommen, wenn die Forschungen im Atomzentrum von Bombay genügend Fortschritte gemacht haben werden. Aber für die Finanzierung der erforderlichen friedlichen Projekte verbleibt damit ein zu geringer Spielraum, da der Devisenertrag aus Exporten damit weit hinter den Bedürfnissen zurückbleiben muß. Wenn die im verkehrstechnischen Abseits gelegenen Stahlwerke — solange sich in ihrer Nähe, wie das für Rourkela erhoffte „Ruhrgebiet Indiens“, keine ausreichende verarbeitende Industrie ansiedelt — durch das Fehlen von Transportmitteln abseits bleiben, sind diese Hoffnungen noch jahrzehntelang unerfüllbar, auch wenn die Entwicklungshilfe einspringt.

In» Zentrum des Ballungsgebietes von Kalkutta mit seinen bald 8 Millionen unternimmt man jetzt mit russischer Entwicklungshilfe die Lösung des Verkehrsproblems durch eine U-Bahn, die das neueste Monument dieser farbigen, großen Stadt werden soll. Daneben bleibt aber die viel dringendere Lösung der Kanalisationssanierung (nach UN-Expertisen sind hierfür 4 Milliarden erforderlich) oder des Behausungsproblems offen. Der Lösung des Per-sonentransportproblems, steht neben allem anderen das Fehlen eigenen Treibstoffes entgegen. Ob die Automobilproduktion durch die' Produktion der unter der Leitung des Sohnes von Frau Gandhi zu errichtenden Automobilfabrik den erforderlichen Aufschwung nehmen wird, steht dahin.

Wie in vielen Staaten der Erde, und hier insbesondere in den sozialistischen, klaffen auch in Indien Konsumgüterproduktion und Volkseinkommen auseinander, wobei die Preisentwicklung den kleinen Mann am ehesten auf die Lage aufmerksam macht. Mit einem starken Anstieg des Nominaleinkommens verband sich in den letzten Jahren ein noch größerer Verlust an Realeinkommen, so daß heute das indische Durchschnittseinkommen niedriger liegt, als zur Zeit von Frau Gandhis Vater. Wieviel die indische Regierung durch den Verfall des Dollars verloren hat, da sie seit Jahren ihre Deviseneinkünfte auf den Platz New York konzentrierte, wird wohl nie geklärt werden.

Ein sehr spezielles Kapitel bilden die Mittel des PL 480 — Fund, der aus den seinerzeitigen amerikanischen Getreidelieferungen stammenden Counterpart-Mittel. Nachdem Frau Gandhi sich im Jahre 1971 durch die Gunst der Wettergötter, die Indien einen günstigen Zwischenmonsun bescherten, in der Lage sah, den Vereinigten Staaten eine Kostprobe ihrer besonderen Art von Diplomatie zu geben und zu erklären, daß sie die amerikanischen Getreidelieferungen nicht mehr benötige, haben, wie vorauszusehen war, die folgenden Perioden wieder einen Rückschlag gebracht. Uber die Verwendung der Counterpart-Mittel, bei der die Vereinigten Staaten, nach mit der Geldverwendung gemachten einschlägigen Erfahrungen, auch andernorts nunmehr mitbestimmen möchten, gab es seit Jahren ein unersprießliches Tauziehen. Es liegt in der Natur des vom indischen Klima nun einmal nicht immer begünstigten Ackerbaus, daß er Indien von Getreidelieferungen auch dann abhängig machen muß, wenn „totale landwirtschaftliche Autarkie“ ' in guten Jahren erzielt wird. Gute Jahre ermöglichen die Anlage von Devisenreserven, die dann aber in schlechten schon für andere — meist technische — Einfuhren und für den steigenden Bedarf an Erdölderivaten verplant sind. So geschah es auch. Nachdem man die Eitelkeit der Massen durch gegen die Amerikaner gerichtete offensichtliche Unverschämtheiten vor den Karren der

Regierung gespannt hat, wird man jetzt eine plausible Erklärung für die notwendige Schwenkung in der Außenpolitik finden müssen.

Die Industrie, soweit sie leistungsfähig ist, sieht sich darüber hinaus nicht in der Lage — auch bei günstigen Finanzierungen und auch, wenn nach langem Kampf die „produetion licence“ vorliegt — neue Investitionen für den Export vorzunehmen, wenn — wie in der jüngsten Vergangenheit — für solche ein bis zu 90 Prozent reichender Exportanteil festgesetzt wird, da die Differenz zu den inländischen Kosten sich bei den zu festgelegten anreizlosen Wechselkursen erzielbaren Preisen durchaus nicht erwirtschaften läßt. State Trading Corporation, Trade Development Authority, Engineering

Export Promotion Councils und wie sie alle heißen, können — zwar zur Beseitigung der administrativen Behinderung des Exportes bestimmt — mit den bei der Administration liegenden Schwierigkeiten doch nicht fertig werden. Neben dieser kleinen wirtschaftlichen Schicht der neuen Industriellen, die meinungsunabhängig zu werden droht, macht nun auch die agrarische Seite der Zentralregierung Kummer.

Der Kummer reichte bis zu dem Punkt, an dem sie sich entschloß, den Handel mit Landwirtschaftsprodukten zu verstaatlichen, was indirekt auch auf eine Eigentumsbeschränkung an den in die Landwirtschaft geflüchteten Vermögenswerten hinausläuft. Man muß dabei nicht erst dem Witzwort eines ausländischen Diplomaten aus der Zeit der Bankenverstaatlichung beipflichten, der sagte: „Diese Regierung versteht nichts von Banken und nichts von Verstaatlichung, und dennoch hat sie die Banken verstaatlicht.“ Ob die Agrarier nämlich in der Lage sein werden, das Getreide selbst zu bevorraten, bleibt abzuwarten. Findet dies jedoch statt, so wird sich die Regierung bald schwersten Versorgungs- und Verteilungsproblemen gegenübersehen, insbesondere, solange das Transportproblem nicht gelöst ist. Wenn man schon jetzt gezwungen ist, an den Staatsgrenzen die Polizei gegen den Getreide-(Reis-)Schmuggel patrouillieren zu lassen — was wird dann erst sein? Außerdem kann offen bleiben, ob die Gewinne und die Verteilungsfunktion des privaten Getreidehandels bei der Übertragung auf den Staat von diesem schnell genug erzielt und übernommen werden können, wenn man die aus der Kolonialzeit herüberreichende

Schwerfälligkeit der Verwaltung in Betracht zieht.

Auf dem Weg zur zentralistisehen Alleinherrschaft der indischen Bundesregierung gibt es, seit dem ersten an den Fürsten verübten Verfassungsbruch, kaum noch Hindernisse. Bengalen und einige andere Staaten mit eindeutig kommunistischer, oder doch nicht regierungsfreundlicher Mehrheit im Landesparlament, werden traditionsgemäß durch die Suspendierung der legalen Gewalt durch „Presidents Rule“ bei der

Stange gehalten. Mit „Presidents Rule“ vor Augen, in Erkenntnis der Tatsache, daß auch der zur Staatsgründung von Frau Gandhis Vater abgeschlossene Verfassungspakt mit den Fürsten nicht gehalten wurde, und in Berücksichtigung außerdem der wirtschaftlichen Abhängigkeit von der Zentralregierung wird der notwendige Widerstand, ja sogar die unbedingt erforderliche Anpassungsleistung der einzelnen Staatsregierungen gegenüber unsinnigen Maßnahmen des Zentrums notwendigerweise immer schwächer werden. Auch wenn es sich um Widerstand gegen eine öffentliche Unehrlichkeit handelt, denn was bedeuteten die Einsparungen an den Fürsten-Apanagen gegenüber den Kriegsausgaben für den gleich darauf geführten Krieg in vielfacher Höhe? Den Beifall, den Frau Gandhi dafür erhielt, kann man nur durch die irrationale Popularität von Maßnahmen gegen die Maharadjas und die einäugige Blindheit der Sozialisten in allen Ländern der Erde für Fehler von anderen Sozialisten erklären. Jedenfalls hat der Applaus für die Ministerpräsidentin bei ihren gelegentlichen Internationalen

Werbetourneen noch nicht gelitten. Der Nizam von Haidarabad wird also in einem hoffentlich nicht stattfindenden künftigen Weltkrieg nicht mehr auf seine Kosten eine Staffel von Spitfire-Kampfflugzeugen in den Kampf schicken können — aber was ist sonst gewonnen?

Vor den Gefahren, die Indien durch neue Ideologien drohen, werden weder die Götterberge noch die Meere, die das Land begrenzen, zu schützen vermögen, weniger noch als die Kontrollen von Einfuhr, Ausfuhr, Devisentransfer, Banken, Agrarhandel, ja die Zensur von Post, , Telegraph, Presse und selbst die Verhaftung von Mißliebigen, die der „preventive detention act“ von 1971 ja gestattet.

Wird der im Schatten dieses Nationalismus stattfindende Kampf mit den religiösen und stammesbedingten Vorurteilen aller Schattierungen der unzähligen indischen Miadß.rheiten —. yon weißen, ..Juden, über Thqm,aschrLSten bis hin zu den „alten“ Buddhisten — den traditionellen Pluralismus langfristig bedrohen? Man will es nicht hoffen. Und wievielen wird dieser entlang dem indischen „Weg zum Sozialismus“ verlaufende Kampf Erlösung aus ihrer unerträglichen Lage bringen? Der kleine arbeitslose Intellektuelle, der sich als Koch, Schreiber oder Busfahrer verdingt, um Seine Familie zu' erhalten und seinem „Clan“ die Studienkosten erstatten zu können, wird er zu integrieren sein und wenn, wie? Offene Fragen — keine Antworten. Noch sind es rund 600.000 arbeitslose Intellektuelle, bald werden es Millionen sein. Aber die Geburtenbeschränkung, zu der man aufruft, erreicht in der Regel den falschen Mann. Hat Nehru seine Hoffnungen auf die studierende weibliche Jugend gesetzt, die Bildung in die Familien tragen sollte, so beschränkt die Kampagne zur Familienplanung die Entwicklung der Bevölkerung am unrichtigen Ende.

Ausländische Journalisten, wie jene Kanadier in Begleitung seines Ministerpräsidenten, der die indische Regierung zu kritisieren wagte, dürfen schon lange nur mehr das Land betreten, wenn sie „personae gratae“ sind. Und auch einem sehr indienfreundlichen Reporter des Deutschen Fernsehens ist es vor einiger Zeit wegen des Verdachtes inopportuner Reportage gelungen, hinter Gitter zu geraten. Selbstzen-surierung als ein Gebot der Stunde zu verstehen, ist eine der Meisterlehren der asiatischen Religionen, denen die Vorherrschaft zu sichern die indische Bundesregierung sich ja bemüht. Den eigenen asiatischen Stil anzudeuten, macht man sich Mühe genug, wie etwa, als ein Bild des sich nach japanischer Sitte vor Frau Gandhi tief verbeugenden japanischen Botschafters ausgiebig die Runde der indischen Zeitungen machte — aber ob diese Werbung an den Massen angesichts der fühlbaren Tatsachen nicht doch vorbeigeht, wird sich jeder aufmerksame Beobachter fragen müssen. Letzten Endes wird ja doch das Volk es sein, das entscheiden muß, wohin Indien geht.

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