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Der Rundfunkkrieg

Nach knapp 50 Minuten ließen die 35 Mitglieder des ORF-Kuratoriums an diesem-späten Vormittag des 7. Juli die Katze aus dem Sack.

Mit 20 gegen 14 Stimmen bei einer Stimmenthaltung sprach sich das höchste Gremium der staatlichen Rundfunkanstalt zuerst gegen eine Vertragsverlängerung um weitere vier Jahre für den amtierenden Generalintendanten Gerd Bacher aus. Wenige Minuten später wurde der bisherige Leiter der Hauptabteilung Sport im Fernsehen, Thaddäus „Teddy“ Podgorski, mit der erforderlichen Zweidrittel-Mehrheit von 25 gegen zehn Stimmen zum neuen ORF-Generalintendanten bestellt.

Podgorski tritt sein neues Amt am 11. Oktober 1986 an. Bacher führt die ORF-Geschäfte noch bis zum 10. Oktober, dann endet sein laufender Vertrag.

Was sich liest wie die trockene Darstellung einer in der Wirtschaft sonst durchaus üblichen Berufung eines neuen Managers an die Unternehmensspitze, schlägt mittlerweile in der österreichischen Öffentlichkeit hohe Wellen. Denn der österreichische Rundfunk ist kein Unternehmen wie jedes andere.

Der ORF steht immerhin für das - nicht mehr und nicht weniger — staatliche Monopol im Bereich der elektronischen Medien. Die Bedeutung und der Einfluß der „größten Medienorgel des Landes“ (Gerd Bacher) auf Gesellschaft und Politik sind mithin schon ein Gemeinplatz.

Und der ORF ist darüber hinaus kein kleines Unternehmen. Immerhin beschäftigt er über 3.000 Mitarbeiter bei einer jährlichen Bilanzsumme von rund zehn Milliarden Schilling.

Umso mehr muß überraschen, daß die ORF-Kuratoren dieses Mal ohne jede Anhörung und Befragung der Bewerber um die Funktion des Generalintendanten entschieden haben. Weder Gerd Bacher noch Teddy Podgorski

wurden um Konzepte für die Führung des Unternehmens gebeten.

Abgesehen von der Wortmeldung eines Kurators ist am 7. Juli nicht einmal innerhalb des Kuratoriums über kommende Aufgaben und Herausforderungen des ORF diskutiert worden. Die restlichen zwei Stellungnahmen im Verlauf dieser Stunde erschöpften sich in der Nennung der Namen der zwei — wie die interne Sprachregelung lautet - „aus-

sichtsreichsten Kandidaten“ für den Posten eines ORF-Generalintendanten.

Allein diese Tatsache macht deutlich, daß die nach dem Buchstaben des Rundfunkgesetzes von 1974 an sich „weisungsfreien“ und nur am Wohl des Unternehmens und an den Interessen der Hörer und Seher orientierten Kuratoren selbst nicht so recht an das Märchen vom unabhängigen Rundfunk glauben.

Und dennoch gilt die Entscheidung für Podgorski als „Umbruch“ in der österreichischen Medienlandschaft.

Nie zuvor, auch nicht in den unseligen Zeiten des Parteienproporzes vor dem Rundfunkvolksbegehren und dem Rundfunkgesetz von 1967, setzte eine politische Partei mit einer ähnlichen Druck-und Machtausübung ihre Interessen und ihren Mann durch. Daß die oppositionelle Volkspartei jetzt den „Rundfunkkrieg“ ausruft, macht die Sache nicht besser.

Der neue Generalintendant wird damit leben müssen. Zum Teil wird er sich dabei durchaus ein Beispiel an seinem Vorgänger nehmen können.

Gerd Bacher hat zumindest in den letzten acht Jahren seiner Tätigkeit so manchen politischen Winkelzug willfährig mitgemacht, nur um den von ihm selbst proklamierten „Rundfunkfrie-

den“ scheinbar am Leben zu halten. Und seine eigene Position zu sichern.

Und wo Medienpolitik längst zur Parteipolitik verkommen ist, da weiß auch jeder neue Mann an der Spitze des ORF nur allzu gut, was zu tun ist und was von ihm in Wahrheit erwartet wird. Noch dazu arbeitet Teddy Podgorski seit mehr als 30 Jahren in diesem Unternehmen.

Tatsächlich soll Medienpolitik ja auch nicht ausschließlich von Medienmanagern gemacht werden. Da sind vielmehr die parlamentarischen Repräsentanten der verschiedenen gesellschaftlichen Interessen in Gestalt der politischen Parteien herausgefordert.

Aber während der Himmel voller Satelliten hängt und in den angrenzenden Ländern die Zukunft der elektronischen Medien nicht nur mehr diskutiert wird, hat hierzulande die sozialistischfreiheitliche Regierungskoalition ein Kabelfernsehgesetz ins Parlament gebracht, das in seinen Grundzügen anachronistisch ist. Zumindest wenig realitätsnah.

Der Führungswechsel im ORF bietet vielleicht eine kleine Chance, die elektronische Medienszene Österreichs und ihre Organisation neu zu überdenken und sie auf die Medienrealität am Ende des 20. Jahrhunderts auszurichten.

Von Gerd Bacher wußte man, was von ihm in dieser Hinsicht in den nächsten vier Jahren zu erwarten gewesen wäre. Teddy Podgorski hält sich in der Frage ORF-Monopol noch bedeckt. Daß er „ein besseres Programm, was immer das bedeutet“, nach seiner Wahl versprochen hat, läßt aber nicht zwingend auf konkrete medienpolitische Perspektiven schließen.

Nur in einem kann dem neuen ORF-Generalintendanten vorbehaltlos zugestimmt werden: daß er dem „Großen Bruder“ vom Kü-niglberg mehr Demut und Bescheidenheit verordnen wilL

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