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Digital In Arbeit

Computer-Chauffeure sind wir alle

1945 1960 1980 2000 2020

In 50, vielleicht schon in 20 Jahren wird sich unser Leben stärker verändert haben als in Hunderten, ja Tausenden Jahren zuvor. Haupttriebkraft dieser Veränderung ist der Computer, der gestern noch groß wie eine Liftkabine war und heute kleiner als ein Babyfingernagel ist. 18 europäische Journalisten studierten die neuesten Entwicklungen in den USA.

1945 1960 1980 2000 2020

In 50, vielleicht schon in 20 Jahren wird sich unser Leben stärker verändert haben als in Hunderten, ja Tausenden Jahren zuvor. Haupttriebkraft dieser Veränderung ist der Computer, der gestern noch groß wie eine Liftkabine war und heute kleiner als ein Babyfingernagel ist. 18 europäische Journalisten studierten die neuesten Entwicklungen in den USA.

Das Auto wird nie ein Massenfahrzeug werden, weil es nicht genug Chauffeure geben wird, solche Vehikel zu steuern: Das war die Fehlprognose am Beginn des Automobilzeitalters. Die Überraschung kam mit der Erkenntnis, daß jeder ohne Hexerei sein eigener Fahrer werden konnte.

Jetzt hat das Computerzeitalter dieses Erkenntnisstadium erreicht: Man braucht, um einen Computer zu bedienen, keine besonderen Experten mehr — jeder ist sein eigener Programmierer. Einfach genug, von jedem gehandhabt zu werden, ist der P. C.

— der „persönliche Computer“, auch Heimcomputer genannt.

Der P. C. vermittelt (mit Hilfe einer schreibmaschinenähnlichen Tastatur, einem Telefonanschluß und einem Fernsehbildschirm) Informationen über Zug- und Flugverbindungen, Hotelreservierungen, Kontostände, Wetter, Aktien- und Devisenkurse, Sonderangebote in Warenhäusern, Urlaubsofferte, freie Stellen auf dem Arbeitsmarkt, die letzten Weltnachrichten — die Speisekarte ist fast endlos.

Die Gesellschaft, die uns in den nächsten 50 Jahren erwartet, hat vor einiger Zeit ein Sonderheft des Nachrichtenmagazins „US News and World Report“ beschrieben: Bändigung von Krebs, Kreislauf- und genetischen Krankheiten, Superdrogen gegen Akutschmerz, Schizophrenie, Depression und Senilität, Organverpflanzung als medizinischer Alltag, Regeneration abgestorbener Gehirnzellen, hundert Jahre Lebenserwartung …

Im Erziehungswesen könnten Computer vor allem eine stärkere Individualisierung der Lernprozesse ermöglichen: lernen, wann und wo man will und je nach subjektivem Aufnahmevermögen.

Neuere Forschungen haben ergeben, daß das Gehirn schubweise, nicht kontinuierlich wächst. Lehrpläne können den Schüben angepaßt werden, Schüler in ein und derselben Klasse an ihren Apparaten mit unterschiedlichem Tempo arbeiten. (Kein Zweifel besteht in einem Punkt: Lehrer können von Maschinen niemals verdrängt, sondern nur unterstützt werden!)

Manche Forscher prophezeien eine tiefgreifende Veränderung unserer Kommunikationsgewohnheiten — von der Buchstaben- und Wort- zu einer Zeichen- und Bildersprache: „Computerspeak“.

Heute schon helfen Computer bei der Abfassung von Briefen, Aufsätzen, Redetexten, indem sie Grammatik- und Stilempfehlungen erteilen: beim „Janus“-Sy- stem im IBM-Forschungszen- trum von San Jose im Bundesstaat Kalifornien etwa. 18 Journalisten aus sechs westeuropäischen Ländern, drei davon aus Österreich, wurden dieser Tage von IBM letzte Entwicklungen der Computerforschung und Entwicklung in New York und Kalifornien vorgeführt.

Die Entscheidung hat, wie prinzipiell immer im Computerbereich, der Mensch. Aber die Versuchung wird groß sein, diese freiwillig dem Computer abzutreten. Dann wird dieser Briefentwürfe umstilisieren (und damit vereinheitlichen), Redemanuskripte nivellieren, Grammatik „vereinfachen“, also verkürzen.

Und Geschichte: Wenn künftig nur noch aus Riesendatenbanken Informationen angefordert werden, dann kommt alles darauf an, was in diesen gespeichert ist. Fällt die Schlacht von Issos oder ein Bonmot Napoleons aus dem Speicher der Weltinformation, haben Schlacht und Witz nicht länger stattgefunden.

Es sei denn, es liest jemand auch noch Bücher. Handbücher über „Wie mache ich …?“ dürften auf jeden Fall veralten. Ein Auto wird man auf Grund der Bilder reparieren, die auf dem Bildschirm erscheinen. Die Anleitungen für einen Rad- oder Zündkerzenwechsel wird man zuerst mit Tastendruck abrufen, später durch ein bloßes Wortkommando, zuletzt einfach, indem man den Blick auf das gewählte Stichwort („Reifenwechsel“) heftet.

Opern- und Fußballdramatik wird man dreidimensional ins traute Heim geliefert bekommen, Informationen über neue Nah- rungs- und Rohstoffquellen in dię Datenspeicher von Universitäten und Regierungen. Optimisten glauben auch nicht an ein rasches Versiegen der natürlichen Vorräte der Erde.

Verschmutzung der Gewässer ist durch riesige Meerwasserentsalzungsanlagen wettzumachen. Regen wird in bestimmte Regionen dirigierbar sein. Die Genmanipulation, beim Menschen voll schreckhafter Gefahren, wird die Züchtung von Pflanzen ermöglichen, die ihren eigenen Dünger erzeugen und schädlingsabweisend sind.

Zuchttiere werden in der Halbzeit von heute reifen, Nahrungsmittel aus RegenxVäldern und Ozeanen, Minerale aus dem Boden der Meere und später des Mondes gehoben werden.

Die Abfallbeseitigung, heute eines der Hauptprobleme der Umweltpolitik, wird in großem Stil durch computergesteuerte Effizienzkontrolle, aber auch durch Verbrennung auf Meeresplattformen oder Wiederverwendung als Baustoff verbessert werden. (Sogar für Atommüll sehen Optimisten die Möglichkeit einer Verbrennung oder Nochmalverwendung in Fusionsreaktoren voraus.)

Viel Arbeit, vor allem büromäßige, wird zu Hause verrichtbar sein. Aber auch Züge im 400-km/h- Tempo, radargesteuerte Autos, rohrpostartige Warenanlieferung und Untergrundtunnels für Müllbeseitigung könnten das Leben in Großstädten aufwerten.

Die Kommunikationsindustrie wird jeden und alles für jedermann erreichbar machen: über

Bildschirmpost mit über einer Milliarde Stundenkilometern geht’s heute schon. Morgen wird es auch mit Bildtelefon am Handgelenk oder im Knopfloch möglich sein.

Daß dergleichen Zukunftsvisionen kein Paradies auf Erden, sondern auch eine Unzahl neuer Probleme schaffen werden, sollte jenseits aller Zweifel gleichfalls feststehen. Daß die Wunderwelt der Computer auch eine Perfektionierung der Zerstörungskräfte einschließt, ist bekannt: Das „elektronische Schlachtfeld“ macht Massenvernichtung zum Produkt einer Fließbandindustrie.

Viele prophezeien auch, daß die Vervollkommnung der Kommunikationstechnik letztlich nicht Massenkommunikation, sondern Massenvereinsamung erzeugen wird. Und die Vervollkommnung der Technik überhaupt vermehrte die Sehnsucht nach Gefühl, Herz, Intuition. Ethik muß eine fundamentale Komponente jeglicher Politik werden.

„An der Universität merkt man das wachsende Interesse dafür bereits an den steigenden Inskriptionszahlen für Ethikkurse“, verrät Sissela Bok von der Harvard University. Die Computermanager geben sich bei diesem Thema noch recht cool.

„Beim heutigen Stand der Technologie, so achtunggebietend dieser ist, sind wir noch weit von dem Punkt entfernt, wo die Erarbeitung ethischer Leitlinien notwendig wird“, meinte IBM-Vize- präsident und Forschungsdirektor Ralph E. Gomory.

Lewis M. Branscomb, ein anderer Vizepräsident (und „Chefwissenschafter“) von IBM, hält eine Steuerung der technischen Computerentwicklung durch ständige Moralkontrolle durchaus für wichtig, manche Gefahren aber für stark übertrieben.

Die Vision etwa, man könnte eines Tages mit Computerhilfe die menschlichen Gehirnströme entschlüsseln, was einer totalen Manipulationsfähigkeit des Menschen gleichkäme, sieht auch Branscomb „unendlich fern am Horizont.“ Aber wenn man bedenkt, wie sehr gerade der Computer Distanz relativiert…

Deutlicher, aber auch erst um- rißhaft vorauszusehen sind die Konsequenzen der Computerrevolution für Wirtschaft und Arbeitsmarkt: weitere drastische Rückgänge im Bereich Produktion, wachsende Nachfrage bei den persönlichen Dienstleistungen.

Klar ist: Gesellschaftliche Um- walzungęn dieses Kalibers vernichten und schaffen Millionen Arbeitsplätze. 1982 gingen in den USA 25.346 Firmen bankrott, aber 566.942 wurden neu gegründet.

Der Weltbürger von morgen, das weiß man mit Sicherheit, wird sein 100 Jahre währendes Leben lang lernen, umlernen, dazulernen müssen.

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