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Digital In Arbeit

Ein Überlebensplan

1945 1960 1980 2000 2020

Alarmsignale, wohin man blickt: sterbende Wälder, wachsende Rüstungsarsenale, neurotische Men-“schen als Folge des Fort-, schritts. Im folgenden wird ein Ausweg skizziert.

1945 1960 1980 2000 2020

Alarmsignale, wohin man blickt: sterbende Wälder, wachsende Rüstungsarsenale, neurotische Men-“schen als Folge des Fort-, schritts. Im folgenden wird ein Ausweg skizziert.

31 Millionen Arbeitslose zäh-X len die OECD-Staaten offiziell, und diese Zahl wird weiter steigen, da gemäß seriösen Schätzungen erst 15 Prozent der Automatisierungsmöglichkeiten in Urproduktion, Industrie, Gewerbe und Dienstleistungssektor genutzt sind.

Der deutsche Weisenrat bekennt seine Hilflosigkeit gegen die Arbeitslosigkeit. In Japan kommt es erstmals zu Massenentlassungen und damit zum Bruch in der traditionellen Betriebsverfassung.

Die Optimistischen unter den Ökonomen sprechen von einer Zweidrittelgesellschaft—mit zwei Drittel Beschäftigten und einem Drittel Arbeitslosen. Dies sei der

Preis des Fortschritts, eines „Fortschritts“, der Millionen in das Los des Unnützangesehenseins und ins soziale Eck treibt.

Die Scheinlösung der Frühpensionierung macht die Budgets un-finanzierbar, und über die drük-kender werdenden Steuerlasten wird die Arbeit noch teurer, sodaß die Automatisierung beschleunigt wird und Schwarzarbeit überhandnimmt. Ein sich aufschaukelnder Teufelskreis in den Industriestaaten.

Der Wald stirbt vor unseren Augen. Der tropische Urwald wird breitflächig vernichtet (500.000 Quadratkilometer Amazonaswald in einer Generation!). Im Alpenland Österreich, dessen Staatsfläche zu 45 Prozent mit Wald bedeckt ist und das die grüne Lunge Europas sein sollte, sterben jeden Tag rund 3000 Bäume den Tod der „neuartigen Waldschäden“.

Die Keimfähigkeit der Hauptbaumart, der Fichte, sank binnen zehn Jahren um 50 Prozent. Bei der Tanne sank sie sogar um 90 Prozent! Das letzte Samenjahr der Fichte (rund alle sieben Jahre sollte ein solches sein) war 1971. . Zwei sind bereits ausgefallen, und die Samenreserven reichen für etwa drei Jahre.

Realität ist, daß wir das letzte Drittel des Waldsterbens einläuten, wenn wir die Schäden der geschwächten Pflanzen bereits äußerlich massiv erkennen. Die generelle Immunschwäche führt zu Infektionen und Schädlingsbefall, die den Bäumen den Rest geben.

In der Tierwelt schneiden wir ganze Arten aus dem Gesamtsy-

stem des Lebendigen und brechen so seine Kreisläufe auf. Auch der Mensch ist von der generellen Immunschwäche nicht mehr verschont. Die Pest des 20. Jahrhunderts (Aids) steht vor der Tür, und die Krebsrate steigt signifikant. Dies ist in der Breite der Tragweite noch bedeutsamer als die grauenhaften Großvergiftungsereig-nisse, die wir uns leisten: Seveso, Bhopal, Rhein ...

Dazu kommt die steigende Gefahr eines Vernichtungskrieges, zumal die Verschärfung der ökonomischen Lage immer dazu geführt hat, daß diktatorische Regime versucht haben, den Zorn der ausgepreßten Völker nach außen zu kanalisieren. Diese Gefahr wird noch dadurch erhöht, daß offiziell (ohne Dunkelziffern) bereits rund zehn Prozent der Bevölkerung als schwer neurotisch erfaßt sind.

Ist es da nicht an der Zeit, innezuhalten und Wesen und Kurs der sich bedrohlich nahenden apokalyptischen Reiter ins Auge zu fassen? Sie tragen nämlich bei näherem Hinsehen unser eigenes Antlitz!

Beim Erkennen der Situation wird regelmäßig auf das Gewirr

von Einzelkausalitäten verwiesen, die nicht mehr erfaßbar sind. Daraus wird die Unmöglichkeit einer wissenschaftlich gesicherten Gegensteuerung abgeleitet. Fazit: Man braucht nichts zu tun und wirtschaftet weiter ...

Gemäß den Erkenntnissen der Systemforschung ist es aber gar nicht erforderlich, alle Einzelkausalitäten zu erfassen. Wir müssen lediglich die Systemprinzipien erkennen und beachten.

Was sind nun die wesentlichen Systemprinzipien der Biosphäre?

• Das Biosystem dieser Erde hat sich in drei Milliarden Jahren auf die Nutzung der Sonnenenergie ausgerichtet.

• Das biologische Informationssystem ist konservativ.

• Die Natur kennt nur geschlossene Kreisläufe. Der Aufbau erfolgt immer aus den Bausteinen des Abbaues.

• Die Natur agiert in vernetzten, kleinen Einheiten.

Aus der Erkenntnis dieser Prinzipien ergibt sich auch die Erkenntnis der selbstzerstörerischen Grundmuster, die wir derzeit weltweit praktizieren:

• Wir brechen durch die Plünderung der fossilen *Primärener-

gieträger dieser Erde und durch Anzapfung der Atomenergie aus dem eingespielten entropischen Regelkreis des Lebendigen aus. Wir erzeugen einen Grundstreß für dJs Leben.

• Durch die rapiden Änderungen überfordern wir die Anpassungsgeschwindigkeit des biologischen Systems. Wir laufen der Natur davon und wundern uns, daß sie uns verläßt...

• Durch Produktion in offenen Systemen (Rohstoff — Fertigung — Konsum — Müll) mißachten wir das Kreislaufprinzip.

• Wir ziehen die starre Zentralisation der flexiblen Dezentralisation mit geschlossenen Kreisläufen vor. Hiezu kommt die Uberforderung des Menschen, der auf die überschaubare soziale Einheit angewiesen ist.

Die Mißachtung der Systemprinzipien hat bereits ein solches Ausmaß angenommen, „daß unsere Eingriffe in die Natur für den

Menschen und das Leben überhaupt zu einer Gefahr werden und unsere Weiterexistenz bedrohen“. (Hans Zeier)

Wir müssen also unser Verhalten ändern, und zwar rasch, breitflächig und konsequent — wenn wir überleben wollen. Daher ist es dringend geboten, daß soziale Steuerungsmechanismen (Gebote, Verbote, Anreize), die die Beachtung der Systemprinzipien

bewirken, in die Rechtsordnungen eingebaut werden.

Symptomkuren und Verdrängungen genügen nicht mehr. Wie muß ein „Uberlebensmodell für alle“ aussehen?

Seine Prinzipien müssen sein:

• Ausrichtung der Bedarfsdek-kung auf die Nutzung von Sonnenenergie in ihren verschiedenen Erscheinungsformen. Das heißt: Verbot der Nutzung der Atomkraft und massiver Anreiz zur Drosselung des Verbrauchs fossiler und mineralischer Rohstoffe und Primärenergieträger durch deren massive Besteuerung. Diese sollte nicht zur Erhöhung der Staatsquote, sondern zur Verbil-ligung der menschlichen Arbeit verwendet werden.

• Verzicht auf Techniken, die das vorgegebene genetische Programm überfordern: Massenhaltung von Menschen und Tieren auf engstem Raum; monokulturelle Einengung von Lebensraum;

Verweigerung von Luft, Kommunikations- und Rückzugsräumen (in der Städteplanung); Arbeit ohne Bezug zum Endprodukt und zum Endverbraucher.

• Verankerung des Kreislaufprinzips und der flankierenden Prinzipien der Vorsorge, Sicherheit, Verursachung und Nachsorge.

Das bedeutet: Verfahren, die in ihren Nebenwirkungen lebensschädigend wirken können, dürfen nicht angewendet werden; nur Produkte, die nach Ge- oder Verbrauch schadlos in gewerbliche und industrielle Wiederverwendung oder in natürliche Kreisläufe eingehen können, dürfen erzeugt werden.

Dieses Zusammenbinden der Anfänge und Enden der Wirtschaft bringt ebenso wie die Ver-billigung der Arbeit einen massiven Schub an Arbeitsplätzen.

Gemäß dem Vorsorgeprinzip muß auch bei möglicher Schädigung eine Aktivität unterlassen werden. Gemäß dem Prinzip der Sicherheit muß bei Entscheidungen mit größtmöglicher Schädigung gerechnet werden.

• Konsequente Begünstigung der überschaubaren und in den Kreislauf des Lebendigen einkoppel-baren Einheiten in allen Bereichen. Das „Grundgesetz des Umweltschutzes“ heißt: „Belastungen, die unvermeidbar sind, verdaubar verteilen und nicht unver-daubar konzentrieren (Prinzip der lokalen Entsorgung)“.

Da die Mikroelektronik das bislang als ehern angesehene Gesetz

der Economies of Scale (günstigere Kosten bei großen Einheiten) gebrochen hat, steht technisch der Weg für diesen notwendigen Kurswechsel offen. Wir können, wenn wir nur wollen, behutsam und auf das Leben und Wohlbefinden der Lebewesen Rücksicht nehmend mit einer neuen sanften Zivilisation in die Ökosysteme einkoppelh, ohne Wohlstand abzuliefern. Ja, wir würden den Wohlstand nachhaltig festigen.

Wesentlich ist, daß die Politik mit der Natur und nicht gegen sie, ■sowie für und mit dem Menschen als Teil der Biosphäre und nicht gegen ihn handelspolitisch flankiert wird. Der Schutz der Lebensgrundlagen ist durch Artikel 20 des GATT (Allgemeines Zoll-und Handelsabkommen) gedeckt.

Artikel drei des GATT ermöglicht die Einhebung von Abgaben, die inländische und importierte Produkte gleich belasten (etwa Ressourcensteuer auf Erdöl, Erdgas, Kohle ...), und deren Erstattung beim Export im Interesse der Herstellung gerechter Wettbewerbsverhältnisse.

Die erkenntnistheoretischen Grundlagen, die wissenschaftlichen und technischen sowie handelspolitischen Voraussetzungen für einen Uberlebensplan für alle—für eine neue Ordnungspolitik — sind vorhanden. Wir müssen nur wollen.

Die sterbende grüne Lunge Europas könnte gesunden und wieder zum geistigen Herzen Europas werden. Man wartet auf unser Beispiel! Das zeigen viele Gespräche mit ausländischen Kollegen.

Da die Zukunft in den Köpfen beginnt, träume ich zum Jahresbeginn den erlösenden Traum, daß Alois Mock in der EDU und Fred Sinowatz in der Sozialistischen Internationale um die Gestaltung der so dringend notwendigen ordnungspolitischen Kurswende wetteifern, die Freiheitlichen erkennen, daß nur durch neue Rahmenbedingungen die Freiheit gewahrt werden kann, und die Grünen sich zur Übernahme konkreter ordnungspolitischer Verantwortung bekennen, statt nur zu belehren.

Der Autor ist Präsident &er Osterreichischen Vereir-igung für Agrarwissenschaftliche Forschung (üVAD'i

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