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Müllvermeidung ist überfällig

Daß unsere Gesellschaft so lange blind für die Müllproblematik war, hat seine Ursachen nicht zuletzt im Vorherrschen des traditionellen ökonomischen Denkens. Warum? Weil für die Wirtschaftswissenschaften Abfälle nicht so recht ins theoretische Konzept passen. Oder genauer: Sie sind nicht wirklich Gegenstand der Modellbetrachtungen.

Die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (als zahlenmäßige Erfassung der wichtigsten ökonomischen Vorgänge) interessiert sich — was die Güter anbelangt — nur für einen Teü des tatsächlich ablaufenden Geschehens.

Der Ökonom verfolgt das Produkt nur in der Phase seiner Entstehung bis zu jenem Moment, wo es seiner Bestimmung zugeführt wird: dem Konsum oder der Nutzung als Produktionsmittel. Damit ist es dort gelandet, wo es hingehört: beim End-Verbraucher. Hier endet das Interesse des Ökonomen.

Endstation Konsum, der möglichst wachsen soll, so könnte man versuchen, das Ziel wirtschaftlicher Bemühungen heute zu beschreiben.

Zugegeben: Ganz wird das, was nach dem Konsum geschieht, nicht ausgeblendet. Als Leistung der öffentlichen Hand findet die Müllbeseitigung auch Eingang in die ökonomische Betrachtung, aber nicht in angemessener Form. Je aufwendiger Müllbeseitigung nämlich ist, umso mehr erhöht sie rechnerisch unseren Wohlstand!

Da merkt man doch: Hier versagt das Denkmodell. Es sieht das tatsächliche Geschehen verkürzt. Produktion, Herstellung sind Begriffe, die mehr das Schaffen als das Umwandeln von Stoffen zum Ausdruck bringen. Und genauso assoziiert man mit Konsum allzusehr das Aufzehren.

Man vergißt, daß Konsum nichts verschwinden läßt, sondern entweder Güter in neue Stoffkombinationen verwandelt, etwa die Nahrungsmittel in Ausscheidungen, die Energieträger in Abgase oder Asche, viele Chemikalien in neue chemische Verbindungen ..., oder in der Nutzung von Gütern besteht. Diese hören nach Beendigung ihrer Funktionsfähigkeit eben nicht einfach zu existieren auf, obwohl sie weitgehend ihren ökonomischen Wert verloren haben.

Solange die Ökonomie nur die Einbahn von der Produktion zum Endverbrauch betrachtet und dabei versucht, diese Straße möglichst weiter zu verbreitern, muß das geschehen, was wir heute beobachten: Raubbau an den Ressourcen der Erde an einem, und explosionsartiges Anwachsen der Abfälle am anderen Ende der Sackgasse.

Was müßte also geschehen? Wir müßten von den natürlichen Produktionssystemen rund um uns lernen: Sie existieren auf der Grundlage eines Kreislaufes der Stoffe. Sie funktionieren so, daß es für die Abbauprodukte jedes Konsumenten eine interessierte Nachfrage gibt. In der Natur gibt es keine grundsätzlich wertlosen Stoffe, wie wir sie in unserer ökonomischen Betrachtung sehr wohl kennen.

Wie wäre aber unser ökonomisches Modell umzubauen, damit die Müllberge nicht weiter so rasch wachsen?

Das Durchschleusen von möglichst viel Material durch unsere Wirtschaft muß gebremst werden. Das bedeutet weniger rohstoffintensive Produktion. Wie man das erreicht? Da gibt es bereits Konzepte.

Erstens muß Druck auf die Erzeugung längerlebiger Produkte ausgeübt werden. Ein Autoreifen, der 80.000 Kilometer hält, ersetzt zwei, die nach 40.000 Küometern abgefahren sind. Ein paar Schuhe, das fünf Jahre dem Regen trotzt, ersetzt fünf Paare, die nur eine Saison halten (wie meine letzte Akquisition).

Das bedeutet natürlich auch: Schluß mit den Wegwerfprodukten. Was schleppen wir nicht alles an unnützer Verpackung heim! Vielfach ist es Material, das nur vom Verkauf, nicht vom Verbrauch her sinnvoll ist. Hierher gehört jene Verpackung, die nur wegen der Selbstbedienung erforderlich ist, oder jene, die Massentransporte über weite Strecken notwendig machen.

Wer genauer hinschaut, erkennt, daß intensiver Materialeinsatz stets Folge der Bemühung ist, Arbeitskräfte zu sparen: Verkaufspersonal, Speditionsarbeiter, Handwerker in Reparaturbetrieben. Wie oft passiert es, daß man zu hören bekommt: „Das wollen Sie reparieren lassen? Zahlt sich nicht aus, kaufen Sie lieber gleich ein neues Gerät!“

Wer für Müllvermeidung eintritt — und das ist zumindest verbal heute die Mehrzahl der mit dem Thema Befaßten —, muß sich bewußt sein, daß dies ohne Änderung der wirtschaftlichen Steuerung nicht möglich sein wird.

Material und Energie müssen wertvoller, also viel teurer, und Arbeit muß billiger werden. Das ließe sich leicht über eine Veränderung unserer Besteuerung ändern. Hohe Rohstoff- und Energiesteuern könnten an die Stelle der heute überhöhten Belastung der Einkommen treten.

Je wertvoller, weil teurer dann die Rohstoffe werden, umso eher wird es für die Wirtschaft interessant, sparsam mit ihnen umzuge-gehen, aber auch Stoffe wieder rückzugewinnen. Derzeit werden diese Recycling-Verfahren noch viel zu wenig eingesetzt.

Uber Steuern in die Wirtschaft einzugreifen, widerspricht keineswegs den Regeln der Marktwirtschaft. Es geschieht ja heute schon, aber eben nicht in einer — unseren heutigen Problemen — entsprechenden Form.

Die Entwicklung solcher Recycling-Verfahren ließe sich auch dadurch begünstigen, daß man bei geeigneten Produkten, etwa bei Batterien, Neonröhren oder Behältern verschiedenster Art, eine Rücknahmeverpflichtung einführt. Ihre Einmahnung durch den Konsumenten kann man durch die Bezahlung eines Pfandes absichern. Wer sagt, daß Wasch- und Spülmittel, Fruchtsäfte und Milchprodukte nicht in Mehrwegverpackungen verkauft werden könnten?

Natürlich käme das teurer. Aber die Verbrennung oder Deponierung dieser Produkte ist ja auch nicht umsonst. Nur entstehen heute die entsprechenden Kosten so, daß sie nicht von den Verursachern getragen werden. Und damit wird Müllbelastung indirekt subventioniert. Denn Subvention ist jede Maßnahme, die tatsächlich anfallende Kosten nicht restlos preiswirksam werden läßt.

Und es ist gut, wenn das, was hohe Kosten verursacht, teuer ist. Dann wird signalisiert: Vorsicht, hier ist sparsamer, sorgfältiger Umgang angebracht!

Leider sind trotz wachsenden Bewußtseins, daß uns die Müllprobleme über den Kopf zu wachsen beginnen, gerade bei der Müllvermeidung kaum Ansätze zu einer Neuorientierung zu erkennen. Hier wären weitsichtige Politiker aufgerufen, statt Lippenbekenntnisse abzugeben,neue Konzepte zu entwickeln. Wissenschaftliche Vorarbeiten dazu gibt es (etwa die Arbeiten von Hans Aubauer und Gerhart Bruckmann).

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