Digital In Arbeit

Bewährte Systeme nicht sprengen

1945 1960 1980 2000 2020

Die Globalisierung der Wirtschaft schreitet unaufhaltsam voran. Aber nach welchen Kriterien geht dieser Vorgang vor sich? Der folgende Beitrag plädiert für die Herstellung einer weltweiten sozialen und ökologischen Marktwirtschaft.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Globalisierung der Wirtschaft schreitet unaufhaltsam voran. Aber nach welchen Kriterien geht dieser Vorgang vor sich? Der folgende Beitrag plädiert für die Herstellung einer weltweiten sozialen und ökologischen Marktwirtschaft.

Die ökonomische Globalisierung ist heute die stärkste Wirkungsmacht der weltweiten Entwicklung. Die Globalisierung, wie wir sie heute erleben, ist dabei etwas fundamental anderes als der Welthandel alter Prägung. Welthandel kann man treiben, egal, wie unterschiedlich man ist. Dabei geht es um die Erschließung komparativer Vorteile, zum Beispiel zwischen "weißen Siedlern" und "schwarzen Ureinwohnern".

Die aktuelle Globalisierung ist demgegenüber dadurch gekennzeichnet, dass es zu einer fast totalen Durchgängigkeit aller Wertschöpfungsketten kommt, dass man beginnt, in den Wertschöpfungsprozessen zwischen den Erdteilen hin- und herzuspringen.

Das ist im wesentlichen eine Folge der Aufhebung von Distanz, die in den letzten zehn bis 20 Jahren dramatisch fortschreitet und das eigentlich neue Phänomen darstellt. Diese Distanzaufhebung wird vor allem bewirkt durch die enormen Leistungssprünge der modernen Informations- und Kommunikationstechnik und ebenso durch die immer höhere Leistungsfähigkeit der Verkehrssysteme.

Insofern ist Globalisierung auch nicht primär Folge von politischen Entscheidungen, so wenig wie die Aufhebung der Telekom-Monopole in Europa. Die Politik reagiert eher auf bestimmte Zwänge, das heißt die treibende Kraft hinter all diesen Veränderungen ist primär die Wechselwirkung der bestehenden Ordnungssysteme im Bereich der Wirtschaft (GATT/WTO, Weltfinanzmarktordnung) mit den enormen Möglichkeiten, die die moderne Technik eröffnet.

Wenn Bangalore neben München liegt Es gibt insofern auch keinen "Schuldigen" für die Globalisierung. Es ist einfach so, dass heute in vielen Wertschöpfungsketten Bangalore in Indien näher an München liegt als ein kleiner Ort im Allgäu. Diese Art der Globalisierung ist primär ein ökonomischer Prozess und zu diesem ökonomischen Prozess korrespondiert bisher (leider) keine entsprechende globale Politik, die steuernd eingreifen könnte, weil wir politisch immer noch primär national organisiert sind.

Konsequenter Weise wird dann in einer eher darwinistischen Art zwischen verbliebenen Optionen entschieden, und zwar unter den bestehenden, im wesentlichen ökonomischen und finanzpolitischen weltweiten Rahmenbedingungen. Dabei sollte man nie vergessen, dass die heutigen Rahmenbedingungen nie auf diese Rolle hin ausgelegt wurden.

Um es noch einmal deutlich zu sagen: GATT/WTO und die Weltfinanzmarktordnung sind Handelsregime, keine Marktordnungen. Zunehmend wächst ihnen nun aber auch die neue Aufgabe zu, Marktordnung zu sein. Parallel dazu beginnt der globale Markt, der Politik - über konkurrenzbasierte Wirkungsmechanismen - Verhaltensmöglichkeiten zu diktieren. Der Primat der Politik geht verloren.

Konkret bedeutet das heute für die global operierenden Unternehmen in vielen Bereichen ein Hin- und Herspringen zwischen Ländern und Kontinenten im Rahmen ihrer Wertschöpfung, die ihrerseits oft schon auf einen globalen Markt ausgerichtet ist. Die Kosten für ein Hin- und Herspringen sind mittlerweile so weit gesunken, dass sich dies immer öfter lohnt, das heißt, die Einsparpotentiale durch dauernden Wechsel der Lokalität sind höher als die dadurch verursachten Zusatzkosten.

Eine globale Organisation von Wertschöpfungsprozessen eröffnet dabei Verbesserungspotentiale in vielen Segmenten, zum Beispiel bezüglich Kosten, Geschwindigkeit, Vielfalt, Focus, Präsenz, und wird den Unternehmen letztlich selbst über den Marktdruck aufgezwungen. Die Marktverhältnisse motivieren dann auch - vor allem bei unter Druck stehenden Firmen - das Ausnutzen ganz spezifischer Möglichkeiten an den jeweiligen Standorten. (...)

Wieso ist diese Art der Durchmischung von Wertschöpfungsprozessen so problematisch? Hierzu ist daran zu erinnern, dass in allen Ländern die jeweiligen Gesellschaftssysteme ganz unterschiedliche Kompromisse und Querfrequenzmechanismen in allen möglichen Bereichen beinhalten, vor allem, wenn es um soziale und ökologische Aspekte des Wirtschaftens geht.

Als die Distanzüberwindung noch genügend teuer war, konnten sich das alle Länder erlauben. Jeder konnte auf seine Art "selig werden". Jetzt können Unternehmen und Konsumenten solche gewachsenen Kompromisse durch Hin- und Herspringen und "Herauspicken der Rosinen" unterlaufen und überall das Minimum an Belastung und Querfinanzierung anstreben.

Dadurch werden letztlich - über dumpingartige Mechanismen - alle diese gewachsenen Systeme "gesprengt" und auf Dauer in eine zunehmend uniforme Marktstruktur überführt, die heute die Logik von GATT/WTO und den internationalen Finanzmärkten reflektiert. Das heißt, soziale und ökologische Aspekte werden zunehmend weniger beachtet. Eine solche Entwicklung favorisiert Länder, die sich ohnehin schon immer stärker entsprechend dieser Logik organisiert hatten. Davon profitieren - wenig überraschend - nicht zuletzt die USA.

Überall die Vorteile herausgepickt Länderspezifische Vorteile, die man dabei nutzen kann, betreffen zum Beispiel die Besteuerung, die Sozialabgaben im weitesten Sinne, die Höhe der Löhne, der Umfang an Regulierung und die Genehmigungsfristen, Abschreibungsmöglichkeiten und Subventionen, Devisen- und Zollvorschriften, vorhandene Infrastrukturen im Verkehr, der Telekommunikation, Ausbildungssysteme und Verfügbarkeit von Humanressourcen, Zugang zum Kapitalmarkt, Spekulationsmöglichkeiten, allgemeine soziale Dienste, Sicherheit und so weiter.

Das Beispiel Arbeitskosten und -bedingungen: Im Rahmen der Devise großer international operierender Unternehmen - "Konstruiere 24 Stunden am Tag, aber zahle nie einen Nachtzuschlag: "Follow the sun" - konkurriert heute ein indischer Software-Ingenieur mit einem deutschen. Während für den einen 140.000 Schilling pro Jahr viel Geld ist, sind für den anderen 700.000 inklusive Nebenkosten wenig.

Warum ist das so? Unter anderem deshalb, weil die billigste Kategorie an personeller Dienstleistung in Indien nur etwa sieben Schilling pro Tag kostet. Man kann sich also viel mehr an Dienstleistung in Indien erlauben, wenn man 140.000 Schilling verdient, als bei uns mit 700.000.

Natürlich sind auch die Motivationsstrukturen andere, wenn man heutigen indischen Verhältnissen entwachsen will. In einem solchen Umfeld sind auch die Anforderungen an die Arbeitsbedingungen viel niedriger und die Bereitschaft zur Weiterbildung ist viel höher. Man käme dort nie auf den Gedanken, während der Arbeitszeit weitergebildet zu werden. Dafür sorgt man aus gutem Grunde selbst - in der Freizeit. Auch die Mobilität ist viel höher - selbst weltweite Engagements sind kein Problem.

In Bezug auf Mobilität sind beispielsweise auch die Mentalitätsunterschiede zwischen Europa und den USA dramatisch. Unterschiedliches Mobilitätsverhalten bedingt unter anderem ganz andere Co-Finanzierungssysteme: In dem einen Fall wandern die Menschen zur Arbeit, in dem anderen Fall muss eher versucht werden, die Arbeit zu den Menschen zu bringen. (...)

Die USA sind kein Zukunftsmodell Beispiel Umweltbewusstsein: In der globalen Ökonomie trifft auch eine spezifische amerikanische Sicht von Freiheit für vergleichsweise wenige Menschen in einem großen Land mit enormen Umweltressourcen mit den Nöten eines ansonsten dicht bevölkerten Globus aufeinander.

Dies führt zu einer aus Sicht der übrigen Welt unglaublichen Verschwendung von Ressourcen in den USA (Benzin, CO2-Emissionen, Flächen), obwohl sich andererseits manche US-NGOs gebärden, als sei ihr Land er "Umwelt-Engel" schlechthin. Da werden dann Staaten wie Mexiko oder Thailand wegen ihrer Art der Fischfangnetze (Gefahr für Delphine, für Schildkröten) gebrandmarkt, ohne dass man erkennt, wieviel nachhaltiger diese Länder immer noch organisiert sind als die USA - die Spitze des Eisbergs auch in Bezug auf einen ressourcenintensiven Lebensstil.

Dies alles fällt aber noch nicht in einer für jeden offensichtlichen Weise auf, weil die Zahl der Menschen in Nordamerika immer noch relativ gering ist. Diese "freien" Menschen bevorzugen einen Lebensstil, der ungestört sein will von Regulierung, der die offenen Grenzen nach Westen oder sonst wo sucht und braucht.

Dies steht im Gegensatz zu einer europäischen Tradition der Kleinräumigkeit der Landschaften und hoher Investitionen in den Schutz dieser Landschaften. Diese tätigen wir auch dann, wenn dies ökonomischen Überlegungen entgegensteht.

Zu beachten ist dann auch eine asiatische Situation der enormen Zusammenballung von großen Menschenmassen auf kleinstem Raum mit entsprechenden Zwängen der Organisation, der Einschränkung des Verhaltens und der dennoch fast unvermeidbaren Umweltbelastung.

Eines ist klar: Würde man die Muster der US-Gesellschaftsorganisation auf den ganzen Globus mit zukünftig zehn Milliarden Menschen übertragen, käme es kurzfristig zum Öko-Kollaps. Der US-Lebensstil ist insofern nicht übertragbar. Die USA sind kein Modell für eine zukunftsfähige Weltordnung.

Der Autor Univ. Prof. DDr. Franz Josef Radermacher, ist Leiter des Forschungsinstituts für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung in Ulm. Sein Beitrag ist ein Auszug aus dem Abstract des Vortrags, den er im Rahmen des vom ORF veranstalteten internationalen Symposions "Zukunft Europas" gehalten hat.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau