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Scheitert die Zivilisation am Klimawandel?

Wieder ist ein globaler Klimagipfel zu Ende gegangen, ohne die wichtigen und ambitionierten Maßnahmen festzuschreiben, die nach dem Bericht des IPCC zu 1,5° C notwendig wären, um die Welt vor der Klimakatastrophe zu retten. So drastisch drückt der IPCC-Bericht die Folgen unzureichender Emissionsreduktion zwar nicht aus, aber die IPCC-Sachstandsberichte sind in Einklang mit dem herrschenden wissenschaftlichen Paradigma -lieber versäumen, ein eintretendes Ereignis vorherzusagen, als eines vorherzusagen, das nicht eintrifft -immer eher zurückhaltend. Das ist nachweislich so, denn die Realität lag seit dem ersten Bericht 1990 praktisch immer am oberen Rand dessen, was die Berichte für die Zukunft als Bandbreite erwarten ließen.

Jedes Jahr erhärten neue Forschungsergebnisse die bisherigen Aussagen der Wissenschaft zum Klimawandel: Beobachtungen ganz unterschiedlicher Meßplattformen bestätigen die bereits stattfindenden Veränderungen, Analysen historischer und prähistorischer Klimaänderungen machen deutlich, dass wenige Grade Temperaturunterschied auch in der Vergangenheit dramatische Folgen hatten - Artensterben, Hungersnöte, Völkerwanderungen - und zunehmend verlässliche Klimamodelle ermöglichen genauere und detaillierte Szenarienberechnungen zur zukünftigen Entwicklung von mittleren und extremen Temperaturen, Niederschlagsmengen und Strömungen von der globalen bis zur lokalen Ebene. Mit ökonomischen Modellen können Maßnahmenoptionen durchgespielt werden, um soziale und wirtschaftliche Auswirkungen zu erkunden, und die Ergebnisse sind seit Jahren eindeutig: Rascher Klimaschutz ist ökonomisch viel verträglicher als verzögerter wegen der zunehmenden Anpassungskosten; ökosoziale Steuern sind das treffsicherste Mittel, die Dekarbonisierung der Gesellschaft zu steuern, Lock-in-Effekte durch Errichtung nicht klimaverträglicher, langlebiger Infrastrukturen, wie Straßen statt Schienen, müssen vermieden werden, usw.

Wo der Wille fehlt

Obwohl die Notwendigkeit, Maßnahmen zu ergreifen, so eindeutig ist, obwohl eine Vielzahl von Maßnahmen in die "no-regret"-Kategorie fällt, und obwohl es zahlreiche, auch kurzfristig wirksame positive Nebeneffekte, z. B. für die menschliche Gesundheit gibt, fehlt es offenbar vielfach am politischen Willen, die notwendigen Schritte zu setzen. Woran liegt das?

Es mag Politiker_innen, Führungskräfte der Wirtschaft, Journalisten und andere Meinungsmacher geben, welche die Bedeutung des Problems noch nicht erkannt haben. Da der Zugang zur notwendigen Information gerade für diese Personen leicht ist, handelt es sich wohl eher um Wegschauen, als um Mangel an Information oder Verständnis. Es muss also andere Gründe geben.

Wirksam dürfte der Druck sein, den die Beharrungskräfte der einflußreichen fossilen Energiewirtschaft, der Automobilindustrie, etc. ausüben. Sehr deutlich wurde das im Fall von Deutschland, das lange Zeit führend und treibende Kraft im europäischen Klimaschutz war, in den letzten Jahren aber im kurzfristigen und kurzsichtigen Interesse der deutschen Automobilindustrie zu einem Bremser mutierte. Der Einfluss dieser nach hinten gewandten Kräfte ist zwar eine vorübergehende Erscheinung, denn die technologischen Fortschritte machen die Energieträger und so manche Technologie des vorigen Jahrhunderts obsolet - zu teuer, zu unsicher, finanztechnisch zu riskant - aber er verzögert den Transformationsprozess. Die verlorene Zeit kommt die Welt teuer zu stehen. Erfreulicherweise ist der Pariser Klimavertrag von der Finanzwirtschaft als das verstanden worden, was er ist: Das Einläuten des Endes des fossilen Zeitalters. Fehlende Investitionen beschleunigen zunehmend den Ausstieg aus fossilen Lösungen.

Weniger in der Öffentlichkeit diskutiert, aber ähnlich wichtig ist der Agrarsektor. Wie mit der Fläche, wie mit dem Boden umgegangen wird, welche Ernährung beworben und staatlich gefördert wird, orientiert sich an mächtigen wirtschaftlichen Interessen, nicht an den Erfordernissen des Klimaschutzes oder der menschlichen Gesundheit. So könnten in Österreich die ernährungsbedingten Treibhausgasemissionen bei Einhalten der medizinisch empfohlenen Ernährungspyramide und saisonaler, regionaler und biologischer Kost um 40 bis 70 %gesenkt werden. Bei vielen, vor allem jungen Menschen ist zwar auch hier ein Umdenken zu erkennen, aber dieser Wandel

wird vermutlich viel langsamer vor sich gehen, wenn nicht weitere Skandale, wie seinerzeit der BSE-Skandal, oder staatliche Aufklärung und Lenkungsmaßnahmen zu Hilfe kommen. Von Politiker_innen wird gerne als primäres

Hindernis angeführt, dass die Wählerschaft die Maßnahmen nicht mitträgt. Abgesehen davon, dass es die Aufgabe der Politik wäre, die notwendige Unterstützung durch entsprechende Aufklärung zu gewinnen, wird dabei übersehen, wie sehr die Menschen auf der lokalen und regionalen Ebene bereits aktiv sind: Gemeindebauten mit Solaranlagen, shared space zur Reduktion des motorisierten Individualverkehrs, biologische Landwirtschaft, vegetarische Restaurants, lokale Bauernmärkte, Tausch- und Reparaturnetzwerke, lokale Geldsysteme und vieles mehr trägt bereits zur Dekarbonisierung der Gesellschaft bei, selbst wenn manches aus anderen Gründen initiiert wurde. In vielen Fällen leidet der Tatendrang und der Veränderungswille auf dieser Ebene unter ungeeigneten Rahmenbedingungen, die auf nationaler Ebene zu korrigieren wären, wie dies auch immer wieder gefordert wird.

Verteilungsprobleme

Die Revolte der Gelbwesten in Frankreich gegen die Erhöhung der Treibstoffpreise kann als Gegenbeweis nicht herhalten. Diese Proteste richten sich offenkundig nicht gegen den Klimaschutz, sondern gegen die Ungerechtigkeit, dass gerade die wirtschaftlich Schwachen die Last tragen sollen, während den Wohlhabenden Steuererleichterungen gewährt werden. Das führt an den Kern der Sache: Klimaschutz zwingt dazu, sich dem Verteilungsproblem zu stellen. Staatliche Eingriffe in das Finanz-und Wirtschaftssystem, um die systemische Umverteilung von unten nach oben zumindest zu mildern sind aber, oberflächlich betrachtet, nicht im Interesse neoliberaler Regierungen. Eher links ausgerichtete Regierungen, denen Verteilungsgerechtigkeit ein Anliegen sein müsste, haben hingegen häufig weniger Verständnis für ökologische Fragen, und verfolgen konsekutive Politiken -erst Wohlstand, dann Umweltschutz -, die zum Scheitern verurteilt sind, weil das Ökosystem die erforderlichen Leistungen für 8 Milliarden Menschen nicht erbringen kann.

Es ist das große Verdienst der UNO Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung, eine Mischung aus 17 sozialen und ökologischen Zielen definiert zu haben, die gemeinsam erreicht werden müssen. Das heißt, dass die soziale und die ökologische Frage gleichzeitig und synergistisch zu lösen sind. Die dadurch entstehende größere Komplexität erweitert den Lösungsspielraum. Das bedeutet jedoch, dass nicht nur im Wissenschaftsbereich, sondern auch in Politik, Verwaltung und Wirtschaft der Quervernetzung viel mehr Augenmerk geschenkt werden muss. Das Wirtschaftssystem, als Mittel zum Zweck, muss so verändert werden, dass es die Erreichung der Ziele ermöglicht.

Das Ruder herumreißen

Können all diese, und zweifellos noch zahlreiche andere, z. B. strukturelle Hindernisse, zeitgerecht überwunden werden, um innerhalb der nächsten 10 Jahre das Klimasteuer herumzureißen und zu verhindern, dass die Temperatur um mehr als 1,5°C über das vorindustrielle Niveau ansteigt? Wohl nur, wenn starker Druck von der Bevölkerung kommt. Weltweit baut sich bereits Druck auf, erreicht aber bei Weitem noch nicht das notwendige Niveau. Zur Verbreiterung der Bewegung kann die Erkenntnis beitragen, dass Klimaschutzmaßnahmen nicht nur für die eigenen Kinder und Enkel wichtig ist, sondern auch den Akteuren selbst Vorteile bringen - wie z. B. bessere Gesundheit und mehr Genuss durch klimafreundliche Ernährung und aktives Mobilitätsverhalten. Besonders wichtig wäre es aber, die Vision des Guten Lebens für Alle zu konkretisieren. Mehr als Katastrophenszenarien können nämlich Visionen Menschen motivieren und aktivieren. Viel Zeit bleibt dafür nicht mehr.

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