Global, lokal, persönlich

Es gibt die Wahl zwischen einer Politik, mit der die Umwelt vor die Hunde geht, die Konflikte immer mehr werden - und einer Politik, die nachhaltige Umwelt- und Sozial-Ziele verfolgt. Jede/jeder hat persönlich die Wahl, muss lokal handeln, wird global die Erfolge sehen.

Die in diesem Dossier dargelegten Beispiele zeigten auf, wie ungleich die Ressourcen - und damit Lebensmöglichkeiten - auf der Erde verteilt sind. Globalisierung und die damit einhergehende Verquickung von Nationalökonomien, Intensivierung von Handelsströmen und Öffnung von Finanzmärkten haben bisher nicht zu einer gerechteren Verteilung geführt, im Gegenteil. Der Abstand zwischen den Einkommen der reichsten und ärmsten Länder war 3 zu 1 im Jahr 1820, 35 zu 1 im Jahr 1944, 44 zu 1 im Jahr 1973 und 72 zu 1 im Jahr 1992. Das reale Pro-Kopf-Einkommen von 30 Entwicklungsländern ist heute niedriger als vor 35 Jahren. In 50 Ländern war das Wachstum des jährlichen Pro-Kopf-Einkommens im Zeitraum 1990 bis 1998 negativ. Die Uruguay-Runde über Welthandelsfragen hat den Entwicklungsländern deutliche und messbare Nachteile gebracht, während die Industriestaaten ihre Vorteile weiter konsolidierten.

Die Welt ist nach einem Jahrzehnt Globalisierung ungerechter geworden. Ungerechtigkeit diesen Ausmaßes steht in direktem Gegensatz zur sozialen Dimension von Nachhaltigkeit. Profitmaximierungsdenken von weitgehend unkontrollierten multinationalen Betrieben berücksichtigt weder soziale noch ökologische Werte ausreichend, und selbst die rein ökonomischen Kriterien erweisen (siehe die Skandale von Enron bis WorldCom) als wenig überzeugend.

Unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen wird - durch exzessiven Konsum im Norden und extreme Armut im Süden - aber auch mehr Druck auf die Umwelt ausgeübt, als ökologisch verträglich ist. Mittelfristig zerstören wir die Voraussetzungen für eine Weiterführung unserer hohen Lebensqualität und verunmöglichen es den Menschen in Entwicklungsländern, bessere Lebensperspektiven für sich und ihre Kinder zu realisieren. Dies trägt zu einer Situation von politischer Brisanz bei, deren extreme Auswirkungen wir am 11. September 2001 erlebten.

Die Internationale Konferenz über die Finanzierung von Entwicklung in Monterrey im März 2002 (www.un.org/esa/ffd) zog als einen Schluss aus dieser Situation, dass zumindest die Kohärenz von Entwicklungskooperation und Handelspolitiken erhöht werden muss. Es macht nicht viel Sinn, kleine Hilfestellungen an die Entwicklungsländer im EZA-Bereich zu geben und gleichzeitig die Handelsströme so zu gestalten, dass den Entwicklungsländern ein Vielfaches der EZA-Leistungen durch Handelsbarrieren und Agrarsubventionen im Norden entgeht. Monterrey hat natürlich auch die Verantwortung der Entwicklungsländer für eine gesunde ökonomische Politik und zielführende Rahmenbedingungen hervorgehoben.

Im Vorfeld des Treffens in Johannesburg zeigt der "Global Environment Outlook 3" des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) auf, welchen Unterschied politische Weichenstellungen für die mehr oder weniger nachhaltige Entwicklung in den nächsten Jahrzehnten haben könnten (www.unep /GEO/geo3/index). UNEP unterscheidet vier Szenarien, je nachdem ob das Hauptgewicht auf das Funktionieren der Märkte, den gestaltenden Eingriff der Politik, Sicherheitsdenken oder auf einen Paradigmen-Wechsel hin zur Nachhaltigkeit gelegt wird. (siehe Kasten).

Die Unterschiede der einzelnen Szenarien werden deutlich, wenn ihre Auswirkungen auf einzelne Politikbereiche untersucht werden. Etwa der Bereich Klima-Wandel: In den "Markets First" und "Security First" Szenarien würde es keine effektiven Politiken zur Verminderung der Treibhausgas-Emissionen geben und es würde zu einem drastischen Anstieg in den nächsten 30 Jahren kommen. Die Politik-Maßnahmen in einem "Policy First"-Szenario, insbesondere CO2-Steuern und Investitionen in nicht-fossile-Energie-Quellen, würden zu einer Verlangsamung des Wachstums der Emissionen und einer effektiven Reduktion um das Jahr 2030 führen. Die Verhaltensänderungen im "Sustainability First" Szenario, gepaart mit besserer Produktions- und Umwandlungseffizienz würden zu einer raschen Abflachung der Emissionen und einem Rückgang Mitte der 2020er Jahre führen.

Europas Fähigkeit, weiträumige Luftverschmutzung und Treibhausgasemissionen zu bekämpfen, wird zu einem sehr hohen Grad von den Entwicklungen im Bereich von Energie-Verwendung und Transport abhängen. Aktive Politik zur Verbesserung von öffentlichem Verkehr und Energie-Effizienz kann man in "Policy First" und "Sustainability First"-Welten erwarten, aber nicht unter den "Security First" oder "Markets First" Szenarien. Wasserknappheit würde sich unter dem "Markets First" Szenario für alle Regionen der Welt verschärfen; global würden in 30 Jahren rund 55 Prozent der Weltbevölkerung an extremer Wasserknappheit leiden (2002: 40 Prozent), während "Policy First" und "Sustainability First" sogar eine Verbesserung gegenüber dem Status quo erzielen könnten.

Szenarien sind Gedankenspiele mit gewissen Variablen. Sie eignen sich nicht, die Zukunft vorherzusagen, aber sie machen deutlich, dass es Wahlmöglichkeiten gibt. Ethisches Handeln bedingt, dass man unter mehreren Optionen jene auswählt, die man als die bessere erkennt. Diese Wahlmöglichkeiten haben in erster Linie Regierungen; da sie auf die öffentliche Meinung und auf "Pressure Groups" hören, gibt es - zusätzlich zum "Kreuzerl" am Wahltag - viele Wege, ihre Entscheidungen zu beeinflussen. Darüberhinaus gibt es Gestaltungsmöglichkeiten für alle gesellschaftlich relevanten Akteure, im Alleingang oder in Allianzen. Auch David Korten, der Initiator des People-Centered Development Forum (http://iisd.ca/pcdf) zeigt in seinem Buch "The Post-Corporate World" konkrete Handlungsanweisungen auf:

* Das Leben vereinfachen ("In einer kapitalistischen Wirtschaft ist eine Rücknahme des Konsums ein revolutionärer Akt");

* bei kleinen und lokalen Betrieben mit überschaubaren Eigentumsverhältnissen einkaufen;

* Sich informieren (über die Boulevard-Presse hinaus!);

* Auto-Abhängigkeit reduzieren;

* Veränderung in Richtung Nachhaltigkeit durch finanzielle Unterstützung nicht auf Profit ausgerichteten Organisationen fördern;

* sich in der lokalen Gemeinschaft engagieren;

* für erschwinglichen Wohnraum und öffentlichen Verkehr eintreten;

* Die StaatsbürgerInnen-Rechte nützen, um Veränderung in Richtung Nachhaltigkeit zu fördern;

* Die Arbeit der Vereinten Nationen stärken; Weltbank, IMF und WTO zügeln; sich in globalen Netzwerken engagieren.

(Zur österreichischen Strategie für Nachhaltige Entwicklung siehe auch: www.nachhaltigkeit.at)

Einen nachhaltigen Lebensstil zu entwickeln, der dem Sein gegenüber dem Haben den Vorzug gibt und der neben nötiger Effizienzsteigerung auch die Muße anerkennt, sollte eigentlich eine spannende und lohnende Aufgabe sein. Realität wird ein derartiger neuer Lebensstil aber nur werden, wenn genügend Männer, Frauen und Kinder beginnen darüber miteinander zu diskutieren und einzeln und gemeinschaftlich zu experimentieren. "Global denken, lokal handeln", ist seit längerem als Slogan im Umlauf. Vielleicht ist es an der Zeit den Slogan weiterzuentwickeln: Global denken, lokal handeln, persönlich Verantwortung übernehmen.

Die Szenarien des Global

Environment Outlook:

Im ersten Szenario, "Markets First", machen sich die meisten Länder der Welt, die heute in den Industriestaaten vorherrschenden Werte und Erwartungen zu eigen. Globalisierung und Liberalisierung werden mit dem Ziel der Wertschöpfung für Konzerne weitergeführt. Die Rolle des Staates in der Gestaltung von Gesellschaft, Wirtschaft, und Umwelt geht weiter zurück.

Im zweiten Szenario, "Policy First", unternehmen Regierungen entschlossene Maßnahmen zur Erreichung spezifischer sozialer und Umwelt-Ziele. Weiters gibt es eine koordinierte Pro-Umwelt-Politik und Armutsbekämpfung, ausgedrückt auch durch fiskalische und Steuermaßnahmen, wie CO2-Steuern.

Im dritten Szenario, "Security First", geht UNEP von einer Welt großer Ungleichheiten aus, in der Konflikte vorherrschen. Soziale und Umwelt-Probleme führen zu Protesten und Aufständen; die Wohlhabenderen schließen sich mehr und mehr in bewachten Enklaven ein. Wohlfahrt und regulatorische Rahmenbedingungen verschlechtern sich, während die Marktkräfte weiter die Situation außerhalb der privilegierten Enklaven bestimmen.

Das vierte Szenario, "Sustainability First" träumt von einem neuen Paradigma der internationalen Beziehungen, das die Herausforderung der Nachhaltigkeit ernst nimmt und durch neue, gerechtere Werte und Institutionen bestimmt ist. Die StaatsbürgerInnen fordern größeres Verantwortungsbewusstsein von Politikern und Wirtschaftsbossen. Ein gesellschaftlicher Konsens wird erarbeitet, über das was nötig ist, um Grundbedürfnisse zu befriedigen und persönliche Ziele zu verwirklichen, ohne andere zu Armut zu verdammen.

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