Digital In Arbeit
Wirtschaft

Ökologische Achillesferse der Globalisierung

1945 1960 1980 2000 2020

Wie vertragen sich Globalisierung und nachhaltige Entwicklung? Der Soziologe Wolfgang Sachs präsentiert sechs Thesen.

1945 1960 1980 2000 2020

Wie vertragen sich Globalisierung und nachhaltige Entwicklung? Der Soziologe Wolfgang Sachs präsentiert sechs Thesen.

Das Endziel der "Globalisierer", so Wolfgang Sachs vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie, sei die Herstellung eines "ebenen Spielfelds", das es erlaube, über den gesamten Globus frei zu investieren, zu produzieren, zu handeln, zu vermarkten. Derzeit behinderten noch zahlreiche Protektionismen und Fußangeln diese Vision: Nationalstaaten und ihre Gesetze, Gemeinwesen und ihre Traditionen, Regionen und ihre Besonderheiten.

Die Ökonomien sollten nach Vorstellung der Globalisierungsbefürworter aus diesen lokal-regional-nationalstaatlichen Kontexten herausgehoben und zu einem gemeinsamen Weltmarkt verschmolzen werden. Erste Teilgebilde seien in Form der EU, der NAFTA (Nordamerikanische Freihandelszone) oder der ASEAN (Vereinigung südostasiatischer Länder) bereits entstanden. Und internationale Organisationen wie die Welthandelsorganisation (WTO) oder der Internationale Währungsfonds (IWF) seien eifrig damit beschäftigt, das globale Spielfeld zu planieren.

Wolfgang Sachs, Leiter der Arbeitsgruppe "Neue Wohlstandsmodelle" am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie, hat sich eingehend mit Globalisierungsprozessen und ihren ökologischen Auswirkungen befasst. Seine Erkenntnisse lassen sich in sechs Thesen zusammenfassen.

* Effizienzgewinne werden durch Expansionseffekte aufgefressen: Wenn sich Ökonomien dem Weltmarkt öffnen und dem freien Wettbewerb aussetzen, werden sie einer Effizienzkur unterzogen, die auch den Ressourcenverbrauch mit einschließt. Produkte, Verfahren und Technologien werden zunehmend effizienter und ressourcenschonender.

Das Problem: Dieser ökologisch positive Effekt auf betriebswirtschaftlicher Ebene wiederholt sich auf volkswirtschaftlicher Ebene nicht. Denn wenn immer mehr Unternehmen immer mehr Produkte immer öfter verkaufen, dann findet ein Expansionsprozess statt, der den Effizienzprozess auffrisst. Im Gefolge dessen steigen der Ressourcenverbrauch und die Emissionen trotz (oder gerade wegen) zunehmender Effizienz unvermindert an: die erste ökologische Achillesferse der Globalisierung.

* Über Direktinvestitionen im Ausland wird das fossile Wirtschaftsmodell exportiert: Die ausländischen Direktinvestitionen gelten als Schlüsselindikator der Globalisierung. Sie wachsen seit Jahren schneller als der zwischenstaatliche Handel und um ein Vielfaches schneller als die Produktion. Gerade Grundstoffindustrien sowie Energie- und Transportinfrastrukturen sind vorrangige Investitionsziele.

Auf diese Weise wird unser nicht nachhaltiges "Raubwirtschaftsmodell", das darauf basiert, unbezahlte Naturwerte in Warenwerte zu verwandeln, ausgeweitet. In der Folge steigt der Ressourcenverbrauch abermals enorm an. Die Pkw-Zuwachsraten Südkoreas betrugen in den Neunzigerjahren 20 Prozent. Auch der Fleischkonsum hat sich in Südostasien in den letzten 20 Jahren verdreifacht. Gleichzeitig sind 10 bis 30 Prozent der Wälder - unter anderem für Rinderweiden - verloren gegangen. Sachs: "Die rauchenden Wälder in Indonesien wurden als Menetekel gelesen für das asiatische Wirtschaftswunder."

Die Umweltpolitik stagniert * Ökologische Schutzinteressen stehen im Widerspruch zu Wettbewerbsinteressen: Das Ziel des "ebenen Spielfelds" ohne "Fußangeln" richtet sich gegen Regulierungen jeder Art. So geraten auch umweltpolitische Normen, die oft in jahrelanger demokratischer Auseinandersetzung erkämpft wurden, unter Druck. Die WTO hat wiederholt Umweltgesetze geklagt und gekippt. Infolgedessen stagniert die Umweltpolitik überall seit etwa acht Jahren. Es gibt zwar kein "race to the bottom" (also keinen Wettlauf bergab), aber auch keine Fortschritte. Im Zweifelsfall setzen sich Wettbewerbsinteressen gegen Schutzinteressen (Umwelt, Konsumenten, Arbeitnehmer, Menschenrechte) durch.

Erschwerend ist folgendes: Wenn für das "ebene Spielfeld" alle Fußangeln und Hindernisse weggeräumt werden, kommen die Marktkräfte voll zum Tragen. Es ist aber bekannt, dass der Markt keine ökologisch wahren Preise kennt. Der Effizienzwettlauf wird somit unter falschen Signalen forciert. Sachs: "Wir laufen noch schneller in die falsche Richtung."

* Instabile Finanzmärkte vertiefen die Umweltkrise: Infolge der Freigabe der Wechselkurse sind auch Währungen und somit ganze Ökonomien zu Waren geworden. Regierungen müssen neben der demokratischen Wählerschaft eine Gruppe globaler Investoren, die über den Wert der Währung bestimmen, berücksichtigen, wobei letztere oft den größeren Einfluss haben und eine Steuer-, Sozial- und Wirtschaftspolitik gegen die Interessen der Bevölkerung durchsetzen.

Finanzkrisen verstärken Umweltkrisen Besagte Investoren verhalten sich jedoch oft wie ein Rudel Wildpferde: Bald stürmen sie in Hoffnungsmärkte hinein, bald wieder fluchtartig heraus und tragen so entscheidend zum Entstehen von Finanzkrisen bei. Diese verschärfen ihrerseits die Umweltkrisen. Denn damit die Währungen nicht ins Bodenlose fallen, müssen gerade schwache Länder wie Brasilien oder Indonesien verstärkt Naturgüter - Öl, Metalle, Futtermittel, Holz - exportieren. Sachs: "Mit den Währungen fallen die Bäume."

* Multiplikation des Transports: Keine Globalisierung ist ohne Transport möglich. Das Internet bietet hier keine Abhilfe. Denn auch wenn ein Teil elektronisch abgewickelt wird, so gehen zwei Teile immer noch physisch über die Bühne. Die Folge ist ein ungebremstes Anwachsen des globalen Gütertransports. Beispielsweise verdoppelt sich der Flugverkehr alle zwölf bis 15 Jahre, der Luftfrachtverkehr wächst noch schneller, und die UPS-Pakete per Flugzeug explodieren regelrecht. Sachs: "Der Verkehr ist der Grund, warum wir das Kyoto-Ziel nicht einhalten können."

In Globalisierungsdebatten wird uns stets gesagt, Austausch sei bereichernd, weil wir etwas bekämen, was wir nicht hätten. Doch 50 Prozent des Welthandels sind redundant: Ins Bierland Deutschland kommt Bier aus Mexiko, ins nicht gerade weinarme Österreich Wein aus Australien und Kalifornien, und der erste große Globalisierungsschub brachte japanische Mittelklassewagen ins Autoland USA.

* Die Geographie der Umweltbelastung verändert sich durch die Verlängerung der Wertschöpfungsketten: Auch Fisch gibt es in Deutschland und Österreich ausreichend. Jedoch erfreut sich nichtheimischer Lachs größerer Beliebtheit.

Das Problem: Die kalorienarme Delikatesse kommt aus schottischen und norwegischen Fischfarmen, die mit Fischmehl aus Peru und Ekuador gefüttert werden. Pro Kilo Lachs sind fünf Kilo "Primärfisch" aus Südamerika nötig, wo daher die Bestände zurückgehen und Nahrungsengpässe auftreten. Außerdem verschmutzen die Fischfabriken in den Häfen Perus die Luft und die Bäche. Womit wieder einmal wir den Nutzen hätten und die armen Länder den Schaden.

Eine Verlängerung der Wertschöpfungsketten über den gesamten Globus bedeutet demnach eine Neuverteilung von Vor- und Nachteilen. Während in den Schwellenländern die Umweltbelastung massiv zunimmt, wachsen in Frankfurt sterile Glastowers aus dem Boden. Die High-Tech-Industrie profitiert besonders von der ökologischen Arbeitsteilung: Von den 22 Computerfirmen in den Industrieländern haben mehr als die Hälfte die zumeist toxische Chipherstellung in Entwicklungsländer ausgelagert. Auch der Aluminiumverbrauch nimmt in den Industrieländern zu, während die Produktion rückläufig ist. Als Folge dieser Entwicklungen beträgt der im Ausland anfallende Anteil des Ressourcenverbrauchs für Deutschland 35 Prozent, für Japan 50 Prozent und für die Niederlande 70 Prozent. "Macht im ökologischen Sinn bedeutet die Möglichkeit, Umweltvorteile zu internalisieren und Umweltkosten zu externalisieren", so Sachs.

Eine neue Hierarchie entsteht So entsteht unter den Ländern eine neue Hierarchie: Am Ende hätten wir * saubere, postindustrielle (digitale) Ökonomien im Norden, * schmutzige, industrieintensive Schwellenländer und * ressourcenausbeutende Schlusslichter.

Ein gravierendes Problem: Wenn Wald, Fisch und Mutterboden ausgebeutet werden, verliere jener Teil der Menschheit, der direkt von der Natur lebt, seine Lebensgrundlage. Dessen ungeachtet empfehle der IWF: Export, Export, Export.

Fazit: Wir würden einen gerechtigkeitsfähigen Wohlstand brauchen anstelle unseres oligarchischen. Unsere Autodichte, unser Fleischkonsum, unser Landwirtschaftsmodell seien nicht globalisierbar. Es gehe weniger darum, mehr zu geben, als vielmehr darum, weniger zu nehmen. Als zentrale Lösungsstrategie schlägt Sachs die Stärkung der regionalen Ökonomien vor. Und zur Zähmung der zügellosen Finanzmärkte eigne sich eine (geringfügige) Steuer auf internationale Kapitaltransaktionen, die unter dem Namen "Tobin Tax" langsam an Bekanntheit gewinne.

Der Autor ist freier Journalist in Wien.