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Feuilleton

Die Hetzjagd bremsen

1945 1960 1980 2000 2020

Das Dilemma scheint perfekt: Wird global wirtschaftlich weiter gewachsen, kommt unweigerlich ein ökologisches Desaster. Stagniert aber die Wirtschaft, so explodiert die Arbeitslosigkeit: eine Analyse der Folgen der Euro-Einführung.

1945 1960 1980 2000 2020

Das Dilemma scheint perfekt: Wird global wirtschaftlich weiter gewachsen, kommt unweigerlich ein ökologisches Desaster. Stagniert aber die Wirtschaft, so explodiert die Arbeitslosigkeit: eine Analyse der Folgen der Euro-Einführung.

Der Eintritt Österreichs in den europäischen Markt hat die Arbeitslosigkeit nicht wie versprochen halbiert, sondern verdoppelt. Der Euro wird die Situation weiter verschärfen. Der Grund: Der sich steigernde Wettbewerb wird nochmals den Rationalisierungsdruck erhöhen, das Fusionskarussell wird einen weiteren Gang zulegen und den Arbeitsplatzabbau beschleunigen. Die wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger sprechen von "kurzfristigen" Effekten. Damit wird suggeriert, daß später alles besser werde.

Die Erfahrung lehrt leider anderes. Beispielsweise sah das Weißbuch der EU-Kommission "Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung" 1993 eine Halbierung der Arbeitslosigkeit bis 2000 vor. Nun, dieses Datum liegt nicht fern und die Arbeitslosigkeit ist mit 10,8 Prozent höher als im Ausgangsjahr (10,5 Prozent).

Dabei stünden die Vorzeichen gar nicht so schlecht: Die Weltwirtschaft wächst seit Dekaden beharrlich ihre paar Prozent, der Welthandel rund das Doppelte, und die heilbringenden Direktinvestitionen im Ausland nehmen gar um das Dreifache zu. Dennoch hagelt es Schönheitsfehler: Die Kluft zwischen Arm und Reich hat sich zwischen 1960 und 1990 verdoppelt, ganze 225 Milliardäre besitzen mittlerweile soviel wie 47 Prozent der Menschheit; die ökologischen "side effects", sprich Nebenwirkungen, der weltwirtschaftlichen "performance", sprich Leistung, nehmen hartnäckig zu, und sozial unschöne Phänomene wie Verarmung, Obdachlosigkeit und Massenarbeitslosigkeit grassieren selbst in den weitestgereiften Industrienationen.

Einer der Gründe: Der Wettbewerb hat längst destruktive Ausmaße angenommen. Reibungsloser Handel und schrankenlose Konkurrenz machen ein behutsames Wirtschaften unmöglich. Aber genau sie sind die Hauptkonsequenzen des Euro.

Der Euro vollendet das Bauernsterben Der Euro wird das Bauernsterben vollenden, das industrielle Greißlersterben intensivieren und die Rationalisierungswalze auch auf dem Dienstleistungsektor wüten lassen. Wenn in großen Wirtschaftsräumen arbeitsintensive Kleinstrukturen durch maschinen- und energieintensive Großstrukturen ersetzt werden, geht Arbeit verloren.

Die Zahl der Betriebe mit großen Belegschaften steigt zwar, doch insgesamt nimmt der volkswirtschaftliche Bedarf an Arbeitskräften ab. Das Beschäftigungsniveau kann dann nur gehalten werden, wenn die Wirtschaft dauerhaft über zwei Prozent wächst (angesichts der boomenden Krisen keine verläßliche Planungsgrundlage) oder wenn ein immer größerer Teil der Arbeitnehmer in Halbtags- und Teilzeitjobs gedrängt wird ("McDonaldisierung") und: wenn die Löhne gestutzt werden.

Die Netto-Lohnquote, also jener Anteil, den die unselbständig Beschäftigten am Volkseinkommen lukrieren, ist in Österreich laut jüngstem Sozialbericht seit 1980 von 54,3 Prozent auf 44,9 Prozent gesunken. Der Euro wird anhaltende "Lohndisziplin" einmahnen, damit Unternehmens- und Zinsgewinne weiter bergsteigen dürfen.

Was hat nun das eine, der Euro, mit dem anderen, dem dünnflüssigen globalen Finanzkapital, zu tun? Dreierlei: Erstens ist der Euro ein währungspolitisches Verteidigungsprojekt gegen destruktive Devisenspekulation. Einen Riesen bringt man nicht so leicht zu Fall. Anstatt aber den dünnflüssigen Finanzströmen ein Gerinnungsmittel zu injizieren - in Frankreich etwa denkt man wieder laut über die Tobin-Steuer (also über eine Steuer auf Devisentransfers) nach - schützt man sich durch Größe.

Zweitens ist eine mögliche "langfristige" Stabilisierung des EU-Binnenmarktes durch den Euro nur auf Kosten anderer Regionen denkbar. Die Weltwirtschaft ist ein kommunizierendes Gefäß: Erobert Europa saftige Marktanteile, schnappt es sie anderen Wirtschaftsblöcken weg. Tut mäßiger Wettbewerb im Binnenmarkt not und gut, so ist das gegeneinander Antreten von Kontinenten ökonomisch destruktiv (ganze Regionen verlieren).

Drittens schwappt überflüssiges Eurokapital auf der globalen Profitjagd von einem "emerging market" zum nächsten und wirbelt in seiner Sogwelle alles gründlich durcheinander (Mexiko, Südost-Asien, Rußland, Brasilien). Krisen in anderen Regionen wirken aber auf Europa zurück und drücken das Wirtschaftswachstum unter die beschäftigungserhaltende Zwei-Prozent-Marke.

Die (realen, "guten") Direktinvestitionen pflegen außerhalb der OECD westliche Produktions- und Konsummuster zu initiieren. Die rohstoff- und energieintensive Wirtschaftsweise des industrialisierten Weltfünftels ist aber keinesfalls globalisierbar.

Die Konsumenten des Nordens verbrauchen vier Fünftel aller Ressourcen und verursachen vier Fünftel aller Umweltschäden. Schon jetzt liegt das weltweite Konsumniveau über den Belastungsgrenzen der Biosphäre. Der Kollaps droht sowohl, wenn die 80 Prozent Minderbegüterten dieser Welt es den OECD-Bürgern gleich tun wollen (worauf diese hoffen), als auch dann, wenn die Reichen weiteres Wachstum organisieren, um die Beschäftigung zumindest konstant zu halten. Das Dilemma scheint perfekt: Wird global weitergewachsen, sind ökologische Desaster unausweichlich. Stagniert die Wirtschaft, explodiert die Arbeitslosigkeit.

Gibt es Auswege? Den Euro kann man so schnell nicht zurückpfeifen, es warten aber effiziente Gestaltungsintrumente.

* Kapital muß wieder zähflüssiger werden. Neben Kapitaleinfuhrsbeschränkungen für Schwellenländer ist die Tobin-Steuer ein probates Gerinnungsmittel.

* Ferne muß teurer, Nähe billiger werden. Kostenwahrheit im Güterverkehr ist überfällig.

* Der Ressourcen- und Flächenverbrauch muß seinen ökologischen Konsequenzen entsprechend teurer werden.

* Miniaturisierte Märkte und wirtschaftliche Kleinstrukturen bieten nicht nur höhere Stabilität als globale Marktkonstrukte, sie beschäftigen auch ein Vielfaches an Arbeitskräften. Nicht Wachstum, sondern Entwicklung, Qualität, lokale Vollbeschäftigung und effiziente, aber Groß und Klein gleichberechtigende Versorgung (Strom, Wasser, Telefon, autofreie Mobilität) könnten die Hauptziele einer ökologisch und sozial verträglichen EU-Wirtschaftspolitik werden.

Der Autor ist freier Journalist in Wien.

Der Eintritt Österreichs in den europäischen Markt hat die Arbeitslosigkeit nicht wie versprochen halbiert, sondern verdoppelt. Der Euro wird die Situation weiter verschärfen. Der Grund: Der sich steigernde Wettbewerb wird nochmals den Rationalisierungsdruck erhöhen, das Fusionskarussell wird einen weiteren Gang zulegen und den Arbeitsplatzabbau beschleunigen. Die wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger sprechen von "kurzfristigen" Effekten. Damit wird suggeriert, daß später alles besser werde.

Die Erfahrung lehrt leider anderes. Beispielsweise sah das Weißbuch der EU-Kommission "Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung" 1993 eine Halbierung der Arbeitslosigkeit bis 2000 vor. Nun, dieses Datum liegt nicht fern und die Arbeitslosigkeit ist mit 10,8 Prozent höher als im Ausgangsjahr (10,5 Prozent).

Dabei stünden die Vorzeichen gar nicht so schlecht: Die Weltwirtschaft wächst seit Dekaden beharrlich ihre paar Prozent, der Welthandel rund das Doppelte, und die heilbringenden Direktinvestitionen im Ausland nehmen gar um das Dreifache zu. Dennoch hagelt es Schönheitsfehler: Die Kluft zwischen Arm und Reich hat sich zwischen 1960 und 1990 verdoppelt, ganze 225 Milliardäre besitzen mittlerweile soviel wie 47 Prozent der Menschheit; die ökologischen "side effects", sprich Nebenwirkungen, der weltwirtschaftlichen "performance", sprich Leistung, nehmen hartnäckig zu, und sozial unschöne Phänomene wie Verarmung, Obdachlosigkeit und Massenarbeitslosigkeit grassieren selbst in den weitestgereiften Industrienationen.

Einer der Gründe: Der Wettbewerb hat längst destruktive Ausmaße angenommen. Reibungsloser Handel und schrankenlose Konkurrenz machen ein behutsames Wirtschaften unmöglich. Aber genau sie sind die Hauptkonsequenzen des Euro.

Der Euro vollendet das Bauernsterben Der Euro wird das Bauernsterben vollenden, das industrielle Greißlersterben intensivieren und die Rationalisierungswalze auch auf dem Dienstleistungsektor wüten lassen. Wenn in großen Wirtschaftsräumen arbeitsintensive Kleinstrukturen durch maschinen- und energieintensive Großstrukturen ersetzt werden, geht Arbeit verloren.

Die Zahl der Betriebe mit großen Belegschaften steigt zwar, doch insgesamt nimmt der volkswirtschaftliche Bedarf an Arbeitskräften ab. Das Beschäftigungsniveau kann dann nur gehalten werden, wenn die Wirtschaft dauerhaft über zwei Prozent wächst (angesichts der boomenden Krisen keine verläßliche Planungsgrundlage) oder wenn ein immer größerer Teil der Arbeitnehmer in Halbtags- und Teilzeitjobs gedrängt wird ("McDonaldisierung") und: wenn die Löhne gestutzt werden.

Die Netto-Lohnquote, also jener Anteil, den die unselbständig Beschäftigten am Volkseinkommen lukrieren, ist in Österreich laut jüngstem Sozialbericht seit 1980 von 54,3 Prozent auf 44,9 Prozent gesunken. Der Euro wird anhaltende "Lohndisziplin" einmahnen, damit Unternehmens- und Zinsgewinne weiter bergsteigen dürfen.

Was hat nun das eine, der Euro, mit dem anderen, dem dünnflüssigen globalen Finanzkapital, zu tun? Dreierlei: Erstens ist der Euro ein währungspolitisches Verteidigungsprojekt gegen destruktive Devisenspekulation. Einen Riesen bringt man nicht so leicht zu Fall. Anstatt aber den dünnflüssigen Finanzströmen ein Gerinnungsmittel zu injizieren - in Frankreich etwa denkt man wieder laut über die Tobin-Steuer (also über eine Steuer auf Devisentransfers) nach - schützt man sich durch Größe.

Zweitens ist eine mögliche "langfristige" Stabilisierung des EU-Binnenmarktes durch den Euro nur auf Kosten anderer Regionen denkbar. Die Weltwirtschaft ist ein kommunizierendes Gefäß: Erobert Europa saftige Marktanteile, schnappt es sie anderen Wirtschaftsblöcken weg. Tut mäßiger Wettbewerb im Binnenmarkt not und gut, so ist das gegeneinander Antreten von Kontinenten ökonomisch destruktiv (ganze Regionen verlieren).

Drittens schwappt überflüssiges Eurokapital auf der globalen Profitjagd von einem "emerging market" zum nächsten und wirbelt in seiner Sogwelle alles gründlich durcheinander (Mexiko, Südost-Asien, Rußland, Brasilien). Krisen in anderen Regionen wirken aber auf Europa zurück und drücken das Wirtschaftswachstum unter die beschäftigungserhaltende Zwei-Prozent-Marke.

Die (realen, "guten") Direktinvestitionen pflegen außerhalb der OECD westliche Produktions- und Konsummuster zu initiieren. Die rohstoff- und energieintensive Wirtschaftsweise des industrialisierten Weltfünftels ist aber keinesfalls globalisierbar.

Die Konsumenten des Nordens verbrauchen vier Fünftel aller Ressourcen und verursachen vier Fünftel aller Umweltschäden. Schon jetzt liegt das weltweite Konsumniveau über den Belastungsgrenzen der Biosphäre. Der Kollaps droht sowohl, wenn die 80 Prozent Minderbegüterten dieser Welt es den OECD-Bürgern gleich tun wollen (worauf diese hoffen), als auch dann, wenn die Reichen weiteres Wachstum organisieren, um die Beschäftigung zumindest konstant zu halten. Das Dilemma scheint perfekt: Wird global weitergewachsen, sind ökologische Desaster unausweichlich. Stagniert die Wirtschaft, explodiert die Arbeitslosigkeit.

Gibt es Auswege? Den Euro kann man so schnell nicht zurückpfeifen, es warten aber effiziente Gestaltungsintrumente.

* Kapital muß wieder zähflüssiger werden. Neben Kapitaleinfuhrsbeschränkungen für Schwellenländer ist die Tobin-Steuer ein probates Gerinnungsmittel.

* Ferne muß teurer, Nähe billiger werden. Kostenwahrheit im Güterverkehr ist überfällig.

* Der Ressourcen- und Flächenverbrauch muß seinen ökologischen Konsequenzen entsprechend teurer werden.

* Miniaturisierte Märkte und wirtschaftliche Kleinstrukturen bieten nicht nur höhere Stabilität als globale Marktkonstrukte, sie beschäftigen auch ein Vielfaches an Arbeitskräften. Nicht Wachstum, sondern Entwicklung, Qualität, lokale Vollbeschäftigung und effiziente, aber Groß und Klein gleichberechtigende Versorgung (Strom, Wasser, Telefon, autofreie Mobilität) könnten die Hauptziele einer ökologisch und sozial verträglichen EU-Wirtschaftspolitik werden.

Der Autor ist freier Journalist in Wien.