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Hetze in die Rezession?

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Krieg oder Frieden? Wie immer auch der Golfkonflikt ausgehen wird - die negati- ven Auswirkungen der Krise bekommen die westlichen Industrieländer auf jeden Fall zu spüren.

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Krieg oder Frieden? Wie immer auch der Golfkonflikt ausgehen wird - die negati- ven Auswirkungen der Krise bekommen die westlichen Industrieländer auf jeden Fall zu spüren.

Welche Auswirkungen hat der Konflikt am Golf auf die Weltwirtschaft und auf Österreich? Diese Frage ist nicht einfach zu be- antworten. Fest steht jedenfalls zweierlei: Panik ist nicht ange- bracht, aber konjunkturell so kom- fortabel wie vor Ausbruch des Konflikts werden wir selbst bei rascher Beilegung nicht mehr leben können. Was konkrete Auswirkun- gen betrifft, so sind Einschätzun- gen nur aufgrund von denkbaren Szenarien möglich.

Die meisten Überlegungen, die in der Öffentlichkeit angestellt wer- den, scheinen mehr oder weniger unausgesprochen davon auszuge- hen, daß es zu lang andauernden Störungen im weltwirtschaftlichen

Gefüge und zu dauerhaften Ölpreis- steigerungen kommen wird. Daß sich also eine den seinerzeitigen Ölpreiskrisen und deren Konse- quenzen vergleichbare Situation einstellen wird.

Das ist ein Szenario, das ökono- misch noch am ehesten Quantifi- zierungen zuläßt; ob es das wahr- scheinlichere ist, kann gegenwär- tig schwer beurteilt werden. Nicht unrealistisch erscheinen aber noch zwei andere Szenarien. Nämlich erstens, daß die Krise doch noch auf diplomatischem Weg rasch beigelegt werden kann, und zwei- tens, daß es zu Kriegshandlungen kommt, über die militärische Absi- cherung des Embargos hinaus.

Bleiben wir zunächst bei diesem unerfreulichen Szenario. Was wä- ren die Folgen eines Krieges in der Golfregion? Klar ist, daß die Roh- ölpreise durch den Ausfall eines wahrscheinlich großen Teils der arabischen Öllieferungen in exor- bitante Höhen steigen würden. Experten halten Barrelpreise von 45 bis 50 Dollar für nicht ausge- schlossen (derzeit unter starken Tagesschwankungen 28 bis 32 Dol- lar, im Juni noch unter 13 Dollar). Die Börsen würden weiterhin hy- sterisch reagieren, die Kurse stark fallen (mit Ausnahme von Rü- stungsaktien), die Weltwirt- schaft sowohl wegen der hohen Preise der Energieversorgung als

auch wegen großer Verunsicherung und zerstörten Erwartungen in eine Rezession schlittern.

Wie rasch sie sich davon wieder erholen kann, wird von vielen Umständen abhängen. Zum Bei- spiel, in welchem Ausmaß Anlagen der Ölförderung und des -trans- ports zerstört wurden, wie weit nicht-arabische Produzenten in der Lage sind, wenigstens teilweise einen Ausgleich der Fördermen- gen zu leisten. Überhaupt käme es im Kriegsfall wahrscheinlich zu einer völligen Neuorientierung und -strukturierung der gesamten Nah- ostregion. Welche Implikationen das für die internationale Ölpolitik hätte, kann derzeit kaum beurteilt werden.

Natürlich gibt es auch Länder und Branchen, die von einer sol- chen Entwicklung profitieren wür- den. Asiatische und lateinamerika- nische Produzenten könnten ihre Ölproduktion sowohl mengenmä- ßig steigern (sofern möglich), als auch teurer verkaufen und damit Teile ihrer Schuldenlast abtragen. Hohe Staatsausgaben einzelner Länder für Kriegsfinanzierung sowie für anschließende Wieder- aufbauarbeiten würden aber auf mittlere Sicht - wie die Geschichte zeigt - einen Wiederaufschwung herbeiführen. Für Österreich kann man nur soviel sagen, daß es bei einer solchen Entwicklung - je nachdem, wie lange eine solche Auseinandersetzung dauern würde - zu hohen Energiepreisen, deut- lich höherer Inflation, möglicher- weise Energierationierungen und zu einer schwachen Wirtschafts- entwicklung käme.

Was passiert, wenn es kurzfristig doch zu einer diplomatischen Bei- legung der Krise kommt? Dann

könnten zwar einige der bis jetzt eingetretenen Entwicklungen und verfügten Maßnahmen wieder rück- gängig gemacht werden (zum Bei- spiel das Handelsembargo, das Österreich aber ohnehin nicht sehr schmerzlich trifft: Irak und Kuweit sind quantitativ unbedeutende Handelspartner). Ob man aber so tun kann, als wäre nichts gewesen, ist fraglich: Ein gewisser, gar nicht unbeträchtlicher Schaden wird auf

jeden Fall bleiben. Ein inflationä- rer Auftrieb - selbst wenn die Öl- preise wieder sinken - zum Beispiel wird einige Regierungen zu re- striktiveren wirtschaftspolitischen Maßnahmen zwingen, die sonst nicht notwendig gewesen wären.

Damit geht eine gewisse konjunk- turelle Dämpfung der Weltwirt- schaft einher. Die bereits seit Jah- resanfang zu beobachtende Verfla- chung der Entwicklung in den USA und in Großbritannien wird damit zumindest zu keinem Stillstand kommen. Der Optimismus, den Mittel- und Westeuropa durch die deutsche Vereinigung mit einer Art Sonderkonjunktur aufrecht- erhalten können, scheint so gleich- falls gebremst.

Ein Inflationsanstieg wird auch deshalb bleiben, weil Ölexporteure und Konzerne versuchen werden, den Ölpreis etwas höher zu halten als zuletzt. Denn die OPEC-Länder haben zumindest gelernt, daß es ihnen selbst sehr schadet, wenn sie die westlichen Industrieländer in eine Rezession hetzen. Es fallen nicht nur ihre wichtigsten Abneh- mer aus. Viele dieser Länder haben heute hohe Kapitalveranlagungen im Westen, die durch eine Flaute an den Börsen viel an Wert verlieren.

Alles in allem: die günstigsten Konjunkturperspektiven, die vor der Krise gegeben waren, scheinen selbst bei rascher Beilegung zumin- dest gefährdet. Das gilt im verstärk- ten Ausmaß dann, wenn die Krise zu einer Dauerkrise wird, sich zum diplomatischen und militärischen Stellungskrieg auswächst, das Handelsembargo durchgezogen wird, der Irak sich aber dennoch über Wasser halten kann. Denn dann werden auch alle Belastun- gen zu Dauerbelastungen und eine ziemlich gravierende konjunkturel- le Verschlechterung der Weltwirt- schaft kann als sicher angenom- men werden.

Die OECD hat in einer ersten Berechnung unter der Annahme von Barrel-Preisen von 28 Dollar ab August dieses Jahres bis Ende 1991 um 0,2 Prozentpunkte niedrigere Wachstumsraten noch im heurigen Jahr für die Gesamtheit der OECD- Länder und um ein Prozent niedri- gere im nächsten Jahr kalkuliert. Das ergäbe ein Wachstum von 2,7 Prozent im heurigen und 1,9 Pro- zent im nächsten Jahr. Es sind dies jedoch noch sehr optimistische Ergebnisse, weil Zins- und Wech- selkurseffekte noch nicht berück- sichtigt wurden.

Die Inflationsraten werden in beiden Jahren um ein Prozent stär- ker ansteigen, also Werte von deut- lich über fünf Prozent erreichen (Österreich liegt hier günstiger, aber 3,5 Prozent im heurigen Jahr und über vier Prozent 1991 wären in jedem Fall anzusetzen). Die Lei- stungsbilanz des OECD-Raumes, mit Defiziten von 77 und 67 Mil- liarden US-Dollar für 1990 und 1991 ohnehin nicht gerade zum Jubeln, würde sich um jeweils wei- tere 25 Milliarden Dollar ver- schlechtern.

Auch hier kann für Österreich mit weniger Dramatik gerechnet werden: das Wirtschaftsfor- schungsinstitut hatte in seiner letz- ten Prognose vor Ausbruch des Konflikts in beiden Jahren mit Überschüssen von fünf beziehungs- weise zehn Milliarden Schilling gerechnet. Die Verschlechterung sollte nicht wesentlich größer aus- fallen, als daß diese Überschüsse aufgezehrt werden, sodaß immer noch ausgeglichen abgeschlossen werden könnte.

Mit Recht stehen bei diesem Konflikt derzeit die humanitären Maßnahmen im Vordergrund der Berichterstattung. An den ökono- mischen Folgen werden aber alle noch längere Zeit zu verdauen haben.

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