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Härtetest für die Wirtschaft

1945 1960 1980 2000 2020

Die Weltwirtschaft gerät zunehmend aus den Fugen. Die Wachstumsaussichten für Österreichs Wirtschaft wurden kürzlich auch nach unten revidiert. Der Grat für die Lohnverhandlungen wird immer schmäler. Mehr als früher ist Augenmaß und Geschick der Tarifverhandler erforderlich.

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Die Weltwirtschaft gerät zunehmend aus den Fugen. Die Wachstumsaussichten für Österreichs Wirtschaft wurden kürzlich auch nach unten revidiert. Der Grat für die Lohnverhandlungen wird immer schmäler. Mehr als früher ist Augenmaß und Geschick der Tarifverhandler erforderlich.

Wie jedes Jahr im Spätsommer haben auch heuer Vorgeplänkel die Herbstlohnrunde eingeläutet. Präsident Maderthaners forscher Appell, angesichts der durch Auftragsmangel und Ostkonkurrenz verursachten Ertragsschwäche der Industrie heuer auf jedwede Lohnsteigerung zu verzichten, wurde von den Gewerkschaften mit dem Hinweis auf die in den meisten Bereichen florierende Wirtschaft entrüstet zurückgewiesen.

Nun sind die Forderungen für die großen Gruppen der Metallarbeiter und der öffentlich Bediensteten, nach denen sich die übrigen Branchen orientieren, mit plus sieben Prozent auf dem Tisch; jedem Beobachter ist freilich klar, daß diese Zahl ebensowenig realistisch ist wie die Idee der „Null-Lohnrunde" - ein Kompromiß wird, wie üblich, etwa auf halbem Weg gefunden werden.

Vom Standpunkt des Wirtschaftsforschers gesehen, bewegt sich die Lohnpolitik stets auf schmalem Grat: Zu niedrige Abschlüsse beeinträchtigen die Massenkaufkraft und damit das Wachstumspotential der Konsumnachfrage, mittelbar auch die Investitionstätigkeit - zu hohe verstärken andererseits Lohnkostendruck und Inflation und schwächen die internationale Konkurrenzfähigkeit des inländischen Güterangebotes. Die „goldene Regel" der Lohnpolitik lautet auf Steigerungsraten im Ausmaß des Produktivitätsfortschritts zuzüglich einer Inflationskomponente in tolerablem Ausmaß.

Die Entwicklung der letzten Jahre und Jahrzehnte stellt Österreichs Tarifpartnern ein gutes Zeugnis aus. Sie haben durch Geschick

und Augenmaß unter wechselnden Rahmenbedingungen maßgeblich dazu beigetragen, daß sich das Wohlstandsgefälle zum westlichen Ausland verringerte und gleichzeitig ein Höchstmaß an Preis- und Währungsstabilität gewahrt wurde. Konsens in Fragen der Einkommensverteilung und sozialer Friede sind geradezu zum Markenartikel des österreichischen Modells im Ausland geworden.

In diesem Herbst finden die Verhandlungspartner schwierigere Bedingungen vor als in den letzten Jahren. Die Wirtschaft gerät immer stärker in den Sog der internationalen Konjunkturschwäche, deren Ende nach wie vor nicht abzusehen ist. In den USA bemüht sich die Notenbank beinahe verzweifelt, durch historisch niedrige Zinsen die Konjunktur flottzumachen. In Europa dämpft dagegen die Hochzinspolitik der Deutschen Bundesbank die Nachfrage; das Wechselkursgefüge ist in Unordnung geraten und verunsichert Exporteure und Investoren.

Verunsicherte Exporteure

Wenngleich in Österreich die rege Inlandsnachfrage der Konjunktur noch eine verläßliche Stütze bietet, mußten die Wachstumsaussichten für 1993 kürzlich von den Prognostikern von drei auf zwei Prozent korrigiert werden. Gleichzeitig wird die externe Wettbewerbsfähigkeit gleich von drei Seiten einem Härtetest unterzogen: durch den schrankenlosen Wettbewerb im westeuropäischen Binnenmarkt, durch die wachsende Importkonkurrenz aus den östlichen Nachbarländern sowie durch die effektive Aufwertung des Schillings nach den jüngsten Währungsturbulenzen. Schließlich sind noch Altlasten an Strukturproblemen zu bewältigen wie die neuerliche Krise der verstaatlichten Industrie, oder die noch nicht wirklich erreichte Konsolidierung der öffentlichen Haushalte.

In Zeiten größerer Unsicherheit scheint es für die Wirtschaftspolitik ratsam, den eigenen Handlungsspielraum nach Möglichkeit zu vergrößern. Jene österreichischen Unterneh-

men, die sich auf die neuen internationalen Wettbewerbsbedingungen einzustellen haben, wissen, daß dies nur über die Entwicklung höherwertiger Produkte und die Umstellung auf modernere Produktions- und Vertriebsmethoden zum Erfolg führen kann, nicht aber durch Kostenkonkurrenz mit Niedriglohnländern.

Geschützte Sektoren aufgeben

Es hieße aber die Anpassungsfähigkeit der Firmen überfordern, sie in diesem Prozeß der Strukturverbesserung zusätzlich mit überhöhten Lohnkosten zu belasten. Dies würde einerseits unnötig viele Arbeitsplätze in Österreich gefährden, andererseits den Ruf nach Importbeschränkungen und ähnlichen protektionistischen Maßnahmen verstärken, die via überhöhte Preise letztlich zu Lasten der Konsumenten gehen. An Wachstumsgewinnen dagegen, die durch die Verbesserung der Produktionsstruktur zu lukrieren sind, haben es Österreichs Arbeitnehmer stets verstanden, ihren Anteil zu sichern.

Nicht alle Branchen stehen freilich unter ähnlichem Ertragsdruck wie die exportorientierte Industrie. Der Handel und andere Dienstleistungssparten profitieren von der nach wie vor regen Inlandskonjunktur und können bequeme Gewinne dadurch erzielen, daß sie die höheren Kosten auf die Preise überwälzen. Dies schafft Anreize, Wirtschaftsaktivitäten vom exponierten in den „geschützten" Sektor zu verlagern, eine Tendenz die in Österreich weit fortgeschritten ist.

Um eine weitere unerwünschte Verschiebung der Wirtschaftsstruktur zu verhindern, wird es nötig sein, auch den bislang geschützten Sektor härteren Wettbewerbsbedingungen zu unterwerfen. Den wichtigsten Beitrag hiezu leistet die europäische Integration, die auch Österreich zwingt, zu einer modernen Wettbewerbsordnung überzugehen.

Der Autor ist Referent für Konjunkturanalyse und -progno-se am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung. Der Beitrag gibt seine persönliche Meinung wieder.

Von Christof Gaspari

Ab 1993 werden von allen Sparbüchern 22 Prozent der Zinseneinkünfte direkt auf das Konto der Finanz abgebucht: Z'wider, nicht wahr? Die Säulen österreichischen Sparbewußtseins geraten ins Wanken. Da können wir ja auf die ganze Anonymität pfeifen. Zahlt sich ja kaum noch aus.

Oder doch? Am ehesten wohl für jene mit hoher Steuerprogression. Die will der Finanzminister ja weiter bei Laune halten. Für die kleinen Leut' werden die bitteren 22 Prozent mit einem Zuckerguß versehen: Die Finanz „vergißt" großzügig die (ohnedies uneintreibbaren) Steuersünden von früher. Das hat mit der Steuererhöhung selbst zwar gar nichts zu tun, wirkt aber großzügig, bietet der Erschließung neuer Steuereinnahmen Flankenschutz und ebnet die Bahn für eine doch bald fällige Aufhebung der Anonymität. Ist das nicht gutes Finanzmarketing?

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