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Weniger Wettbewerb: Langzeitfolgen der Pandemie

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In mehreren Branchen, wie etwa bei digitalen Dienstleistern, bringt die Corona-Pandemie die großen Unternehmen in eine sehr vorteilhafte Situation, während die kleineren Mitbewerber benachteiligt sind. Mit negativen Folgen für Wettbewerb und Arbeitsmarkt.

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In mehreren Branchen, wie etwa bei digitalen Dienstleistern, bringt die Corona-Pandemie die großen Unternehmen in eine sehr vorteilhafte Situation, während die kleineren Mitbewerber benachteiligt sind. Mit negativen Folgen für Wettbewerb und Arbeitsmarkt.

Die Pandemie wird durch die Impfung besiegt werden. Die wirtschaftlichen und sozialen Kosten sind aber enorm, und die Frage, wie rasch sich die Wirtschaft wieder erholen kann, ist von hoher Relevanz, besonders für jene, die ihren Job verloren haben oder ihr Unternehmen zusperren mussten. Aktuelle Studien dämpfen positive Erwartungen und weisen auf die Gefahr einer abnehmenden wirtschaftlichen Dynamik mit Langzeitfolgen hin.

Konkret geht es um eine Zunahme der Konzentration und die daraus sich möglicherweise ergebende Abnahme des Wettbewerbs. Dies bedeutet, dass weniger Unternehmen einen größeren Anteil an der Geschäftstätigkeit haben und im Extremfall monopolartige Strukturen entstehen. Die damit verbundenen Gefahren wurden bereits von Adam Smith und Karl Marx analysiert und sind bis heute ein zentrales Problem jeder marktwirtschaftlichen Wirtschaftsordnung. Der Konkurrenzkapitalismus ist eben kein stabiles Gleichgewicht, weil Unternehmen einen ständigen Anreiz haben, den Wettbewerb zu reduzieren oder gar auszuschalten. Eine „Vermachtung“ der Märkte hat ein geringeres und ungleich verteilteres Sozialprodukt zur Folge. Dominante Unternehmen schränken ihre Produktion ein, erhöhen die Preise, reduzieren ihre Investitions-­ und Innovationsaktivitäten und stellen weniger Beschäftigte ein. Auf Kosten der Gesellschaft können die Profite gesteigert und an die Klasse der Kapitalbesitzer ausbezahlt werden.

Lohnbezieherhaushalte werden gleich mehrfach ökonomisch ausgebeutet: Weniger Arbeitsplätze treiben die Arbeitslosigkeit nach oben und sorgen so für einen Lohndruck nach unten, höhere Preise senken das Realeinkommen, und durch fehlenden Aktienbesitz kommt es zu einer Verschlechterung der relativen Einkommensposition.

Anlass zur Sorge

Leider sind diese Entwicklungen nicht nur Theorie, sondern geben bereits seit Längerem Anlass zur Sorge. Entgegen der von Managern gern und nicht uneigennützig ins Treffen geführten Zunahme der Konkurrenz dürfte ziemlich genau das Gegenteil zutreffen. Ursächlich für die steigende Marktmacht von Unternehmen sind sowohl neue Technologien als auch politische Entscheidungen, die etwa in den USA zu einer weniger strengen Wettbewerbskontrolle führten. Auf Basis von Daten über börsennotierte Unternehmen schätzt der Internationale Währungsfonds eine Zunahme der Marktmacht von Unternehmen in Nordamerika und der Eurozone um jeweils etwa 40 Prozent seit 1980.

Studien der EZB kommen mit anderen Datensätzen zum Ergebnis, dass in Europa keine derartige Zunahme erfolgte. Eine endgültige Beurteilung steht hier also noch aus. Unbestritten sind jedoch die Monopolmacht von GAFAM (Google, Apple, Facebook, Amazon, Microsoft) und die auch in anderen Branchen beobachtbare Konzentrationstendenz. Die Folgen: Wäre der Wettbewerb in den USA heute so intensiv wie vor 20 Jahren, so wäre das Einkommen der Erwerbstätigen in Summe um 1,5 Billionen Dollar höher, das entspricht den Lohnsteigerungen von sechs Jahren. Covid­19 droht diese problematischen Trends weiter zu verschärfen. Wirtschaftlich starke Unternehmen könnten noch stärker aus der Krise hervorgehen. So zeigen sich etwa für die Aktienpreise in den USA in den letzten drei Rezessionen ein Rückgang um 44 Prozent für Unternehmen mit niedriger Bewertung und ein Anstieg um sechs Prozent für Unternehmen mit hohen Kurswerten. Diese Divergenz wird aktuell von der steigenden Profit erwartung für die GAFAM­ Unternehmen verursacht. Massiv steigenden Aktienbewertungen steht eine schwere volkswirtschaftliche Rezession gegenüber.

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