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Digital In Arbeit

Kürzer arbeiten ist keine Lösung

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Streiks, Aussperrungen und Betriebsstillegungen im Kampf um die Einführung der 35-Stundenwo-che in Deutschland, Sozialpartnergespräche in Österreich: Kommt die Arbeitszeitverkürzung?

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Streiks, Aussperrungen und Betriebsstillegungen im Kampf um die Einführung der 35-Stundenwo-che in Deutschland, Sozialpartnergespräche in Österreich: Kommt die Arbeitszeitverkürzung?

Die Ausgangssituation: Arbeitnehmer und Gewerkschaften sind wegen der steigenden Arbeitslosigkeit besorgt: In den OECD-Ländern sind rund 35 Millionen Menschen ohne Arbeit. Laut Statistik ist die Situation in Osterreich mit fünf Prozent Arbeitslosigkeit relativ günstig. Dafür hat sich aber die Zahl der Frühpensionierungen hierzulande seit 1977 auf 100.000 verdoppelt. Nur jeder vierte Psterreicher zwischen 60 und 65 Jahren ist noch berufstätig (Schweiz und Japan rund 80).

Ist die Situation derzeit schon schwierig, so läßt der technische Fortschritt (Einführung von Mikroelektronik, Robotern, usw____) eine weitere Verschärfung der Lage erwarten.

Daher fordern die Gewerkschaften eine Verkürzung der Arbeitszeit (AZV). Die bisher für solche Maßnahmen verwendete Argumentation tritt in den Hintergrund, Ralf Dahrendorf kennzeichnet sie, wie folgt: „Die Forderung nach dem Acht-Stunden-Tag war ein Stück Verlangen nach Gerechtigkeit, nach Bürgerrechten für alle".

Heute ist das anders: Der einzelne soll nicht deswegen kürzer arbeiten, um es persönlich besser zu haben, sondern um Platz für die Beschäftigung Arbeitsloser zu machen. Die vereinfachte Rechnung: . Wenn sieben Leute fünf Stunden weniger in der Woche arbeiten, kann ein zusätzlicher Mitarbeiter angestellt werden.

Eine der Verkürzung entsprechende Verringerung des Lohns wird mit folgendem Hinweis abgelehnt: Sinken die Einkommen, so wird weniger konsumiert. Dann geht aber auch die Produktion zurück und Arbeiter werden freigesetzt und der positive Effekt der AZV verloren.

Diese Argumentation betrachtet die Dinge aus volkswirtschaftlicher Sicht. Die Gegenseite, also die Unternehmervertretung, argumentiert mit den betriebswirtschaftlichen Folgen der AZV:

Kürzere Arbeit bei gleichem Lohn erhöht die Kosten des Unternehmens. Dies führt zu erhöhten Preisen und in der Folge zu einer Verschlechterung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit.

Sowohl im Ausland als auch im Inland würde man dann gegenüber der ausländischen Konkurrenz ins Hintertreffen geraten. Firmenzusammenbrüche würden die Arbeitslosigkeit weiter steigern.

Außerdem seien schon derzeit mehr Menschen in der Wirtschaft beschäftigt, als diese tatsächlich benötigen würde. Dies gilt insbesondere für das Gewerbe. Der Beschäftigungseffekt einer AZV sei daher weit geringer, als erhofft. Nur ein höheres Wirtschaftswachstum könne die Probleme lösen. Höhere Umsätze würden sich in steigenden Beschäftigungszahlen niederschlagen.

Damit sind die beiden Grundpositionen — wenn auch etwas überzeichnet — charakterisiert. Die bisherigen Erfahrungen sind für beide Positionen allerdings nicht allzu ermutigend: Der jüngste Aufschwung in den Industrieländern hatte bisher keinen signifikanten Einfluß auf die Beschäftigung. Aber auch die AZV in Frankreich und Belgien waren alles andere als ein durchschlagender Erfolg.

Diese Pattsituation kann dann aufgebrochen werden, wenn man sich der eigentlichen Problematik stellt. Sie besteht darin, daß unsere Technik zu einseitig ist. Technischer Fortschritt zielt allzu sehr darauf ab, menschliche Arbeit durch maschinelle Leistung zu ersetzen. Daher wird pro Arbeitskraft immer mehr erzeugt: In Deutschland und Österreich hat sich die Produktivität seit 1960 etwa verfünffacht!

Solange die Wirtschaft rasch wächst, kann man ein gegebenes Beschäftigungsniveau halten. Aber selbst in der Wachstumsperiode bis 1974, den Jahren des Wiederaufbaus, blieb noch ein Polster für AZV. Jetzt, da wir ein hohes Konsumniveau erreicht haben (allgemeine Motorisierung, Fernseher, Waschmaschine in jedem Haushalt, enormer Fleischkonsum, Urlaub...) und sich die

Nachfrage stabilisiert, treffen uns jedoch die Folgen weiterer Rationalisierungen härter.

Wird sich der private Konsum steigern lassen? Die bisherige Entwicklung spricht für eine Abflachung: 1950 wurden in Österreich noch 70 Prozent der wirtschaftlichen Leistung von Privaten konsumiert. 1980 betrug dieser Anteil nur mehr 54 Prozent.

Den öffentlichen Konsum steigern, heißt wiederum mehr Belastung durch Steuern und Abgaben. Diese Last ist jedoch ohnedies schon zu hoch (in Österreich bei 50 Prozent). Steuerflucht und Schwarzwirtschaft sind die Folgen (rund zehn Prozent des Nationalprodukts in Österreich). Damit reduziert sich die Frage auf folgendes: Entweder die Richtung des technischen Fortschritts bleibt erhalten, dann muß der Arbeitseinsatz immer mehr abnehmen (durch Arbeitslosigkeit oder kürzere Arbeitszeit) oder aber es verändert sich die Stoßrichtung der technischen Entwicklung.

Ich bin überzeugt, daß letzteres dringend erforderlich wäre. Wir brauchen heute eine Technik, die nicht etwa den Menschen ersetzt, sondern nach dem Maß des Menschen funktioniert. Vielfach entstehen schlechte Arbeitsbedingungen erst durch technische Neuerungen:

„Würde man einen Schweißer fragen, bevor der Roboter zum Einsatz kommt, welcher Teil seiner Arbeit ihn am meisten befriedigt, wäre die Antwort: .Schweißen'. Doch genau diese qualifizierte Aufgabe wird zunächst dem Roboter übertragen, dem Arbeiter verbleibt die Resttätigkeit des Beschickens der Maschine, bis auch diese automatisiert wird." So beschreibt eine Studie über die Einführung von Robotern in österreichischen Unternehmen die Situation.

Aus ökonomischen Gründen schafft technischer Fortschritt allzu oft triviale Arbeit, deren Beseitigung als Rechtfertigung neuer Rationalisierung dient. Hier sollte die Wirtschaftspolitik ansetzen und die Entwicklung und Einführung einer Technik fördern, die dem Umstand Rechnung trägt, daß Freude an der Arbeit ein wichtiger Aspekt eines erfüllten Lebens ist.

Das mag heute utopisch klingen. Aber war unsere heutige Welt für unsere Vorfahren im 19. Jahrhundert nicht auch utopisch?

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