Die Auflösung der Zeit der Arbeit

Die in strenge Lebenszeitabschnitte gegliederte Existenz des modernen Menschen steht vor einschneidenden Veränderungen. Die Gliederung Ausbildung, Berufskarriere, Pension hat ausgedient. Gleichzeitigkeit ist gefragt.

In Anbetracht der Geschwindigkeit, mit der sich die Welt der Arbeit gegenwärtig verändert, gestaltet sich unser Lebensablauf oft noch erstaunlich gleichförmig. Wir alle durchleben eine Qualifikationsphase, die wir in der Jugend absolvieren, eine „produktive“ Phase im erwerbsfähigen Alter und eine Ruhephase, die uns im Pensionsalter zugestanden wird – auch wenn diese so natürlich scheinende Daseinsaufteilung allmählich prekär wird - siehe Pensionsdebatte.

Woher kommt diese Gleichförmigkeit, die unser Dasein, unsere Lebenszeit, so starr in vor, während und nach der Arbeit einteilt? Sie kommt – wie vieles was uns heute umgibt – aus der Industriearbeit, einer Form von Arbeit, die von jenen, die in ihr tätig waren, Fleiß, lateinisch industria, forderte. Natürlich hatten die Menschen auch früher schon fleißig gearbeitet. Ihr Fleiß in der Landwirtschaft, im Handwerk, im Handel machte jene Überschüsse erst möglich, mit denen die Industrie in die Aufteilung von Produktionsschritten und ihre Automatisierung investierte. Dieser Fleiß war freilich lebenszeitlich anders verteilt. Noch in der Landwirtschaft etwa galt es, außer fest zu zupacken, auch Pflanzen zu kennen, nützliche Arten von unnützen zu unterscheiden, Samenarten samt optimalen Aussaat- und Erntezeiten auseinanderzuhalten, die Wetterbedingungen einzuschätzen, die Krankheiten des Viehs zu behandeln und vieles mehr. Wissen und Erfahrungen waren nötig, die eher die Älteren einbrachten. Die Industrie dagegen, die vor allem dann rentabel war, wenn die teuren Maschinen möglichst gleichmäßig liefen, bot, weil sie auf wiederholte, meist körperlich anstrengende Tätigkeiten setzte, nur Arbeit für Starke und Dumme. Kein Wunder, dass die Arbeitenden von ihr nicht sonderlich angetan waren – und genau deshalb zum Fleiß, zur industria, angehalten werden mussten.

Zeit strukturiert Arbeit

Eine Möglichkeit dazu bot sich den frühen Industriellen in der Demografie ihrer Zeit. Die Massen, die unter Versprechungen wie „Stadtluft macht frei“ ihre ländliche Heimat aufgaben, ließen sich leicht zur „Reservearmee“ organisieren. Arbeitshäuser – die Vorläufer unseres Arbeitsmarktservice – halfen dabei. Weil die „Reservisten“ dabei um die neuen Aus- und Einkommensquellen konkurrierten, hatten die Unternehmer leichtes Spiel, auf Ordnung zu pochen. Und dies hieß Gleichförmigkeit im Arbeits- und Daseinsablauf. Weil sich am Beispiel der Maschinen und ihrer Bestandteile überdies der Vorteil von Normen schnell zeigte – kaputte Bestandteile ließen sich dann problemlos auswechseln, wenn sie genormt waren –, lag es nahe, auch die Arbeitskräfte zu normen. Und dies gelang mit einem Bildungssystem, das alsbald nicht mehr nur Eliten ausbildete, sondern ausnahmslos alle auf das Erwerbsleben hintrimmte.

Das industrielle Dasein war damit klar strukturiert. Es gab ein „vor der Arbeit“, das Ausbildung vorsah, ein „während der Arbeit“, das möglichst produktiv zu sein hatte, und ein „nach der Arbeit“, das Ruhe erlaubte und damit das Versprechen verband, die Früchte der Arbeit genießen zu können. Dass diese „Früchte“ dabei nicht übernutzt wurden, garantierte die relative Kürze dieses Lebensabschnitts. Die frühe Industriearbeit laugte ihre Beschäftigten aus. Für Ruhestand blieb nicht allzu viel Zeit.

All dies hat sich von Grund auf verändert. Die post-industrielle Arbeit ist nicht mehr auf jene körperlich-physischen Voraussetzungen angewiesen, die in früheren Zeiten dafür gesprochen haben mögen, die Erwerbsarbeitszeit der Menschen mit der Phase ihrer größten Körperkraft zu korrelieren. Unsere Arbeit erfordert heute nur selten ein Maß an physischer Leistung, das nur Junge aufbringen. Viele von uns verlangen ihrem Körper am Wochenende oder im Urlaub bereits mehr ab als während der Arbeit. Und die Reste des Bedarfs an Körperkraft werden uns bald schon Roboter wegrationalisieren. Die Übereinkunft, Ruhestand ausschließlich im Alter zu gewähren, wird damit hinfällig, vergeudet sie doch überdies eine Ressource, auf deren Bedeutung wir uns vielleicht in Zukunft wieder besinnen: die Lebenserfahrung älterer Menschen.

Arbeit heute

Zum zweiten wird die aktuelle Aufteilung von Arbeitsvorbereitung und Arbeitsdurchführung mit dem rasanten technischen Fortschritt und den damit sich ändernden Wissensständen hinfällig. Kaum noch eine Qualifikation lässt sich heute in der Jugend so aneignen, dass sie sodann ein Erwerbsleben lang als Arbeitsgrundlage taugt. Der Wandel der Arbeit hat die Notwendigkeit zur Weiterbildung, Umschulung, kurz „lebenslanges Lernen“, auf Dauer gestellt. Selbst für Grundschüler ist das einst gefeierte „Nie mehr Schule“ nur mehr ein Songtitel aus früheren Zeiten.

Zum Dritten ist die Arbeit heute auch nicht mehr im selben Ausmaß auf menschliche Gleichförmigkeit angewiesen, auch wenn sich der eigentliche Grund ihrer Produktivität wohl nach wie vor in der geschickten Bündelung sich wiederholender Abläufe findet. Genau dazu stehen aber nun Computer bereit, Maschinen also, die darauf spezialisiert sind, Wiederholungen – etwa in nahezu beliebig komplexen Loops – zu ordnen und so Regelmäßigkeiten produktiv zu nutzen.

Individualisierte Zeit

Angesichts der Allgegenwart solcher „Wiederholungsmaschinen“ läge es nahe, dem Menschen zu erlauben, seiner Neigung zur Individualisierung nachzugehen, sich also seinerseits ungehemmt zu spezialisieren und zwar auf Bereiche, für die sich Computer nicht so gut eignen. Anders gesagt, die Allgemeinbildung könnte sich längst verstärkt sozialen und kulturellen Aspekten zuwenden. Die Normierung dagegen, wie sie auch heute noch vielen Bildungsplänen zugrunde liegt, ist entbehrlich. Sorgt sie doch dafür, dass zu viele Ähnliches tun wollen, in einer Situation, in der es einfach nicht mehr genug von dem gibt, auf das wir hingetrimmt werden.

Was, wenn wir Maßnahmen wie die in Österreich zur Zeit (noch) geltende „Hackler-Pension“ mit dem Handel von Zertifikaten wie denen zur CO2-Emission zusammendenken, wenn wir also die Möglichkeit in Betracht ziehen, mit Ruhe- und Arbeitsanrechten zu handeln.

Stellen wir uns dazu ein Land namens EU vor, in dem eine beauftragte Bundesagentur unterschiedliche Ausbildungs- und Arbeitsaktivitäten im Hinblick auf jeweils aktuell erhobene ökonomische, aber auch soziale, kulturelle oder ökologische Nachfragen gewichtet. Ausgehend von der gewünschten Gesamtleistung (BIP) sei sie ökonomischer, oder auch sozialer oder kultureller Natur, und der politisch gewünschten weiteren Entwicklung des Landes versieht diese Agentur ein Spektrum möglicher Aktivitäten mit Werten, die der jeweiligen Nachfrage entsprechen. Diesen Werten entsprechend verteilt die Regierung von EU sodann jedes Jahr am 1. Jänner so genannte „Aktivitätsanrechtszertifikate“. Jeder Einwohner der EU erhält die gleiche Zahl dieser Anrechte, die allerdings für sich noch nicht reicht, um einen vollständigen Erwerbsarbeits- oder Ausbildungsplatz zu erstehen.

Arbeitszeit-Zertifikate

Für eine ganze Stelle müssen (entsprechend der von der Agentur bewerteten Einkommenschancen bzw. des Werts der Ausbildung dieser Stelle) zusätzliche Zertifikate angekauft werden und zwar bei jenen, die bereit sind, im laufenden Jahr auf Erwerbsarbeit bzw. Ausbildung zu verzichten. Da diese Personen sonst kein Einkommen beziehen, achten sie sorgsam darauf, ihre Anrechte so teuer zu verkaufen, dass sie damit bis zur nächsten Zertifikatsverteilung leben können. Wenn freilich zu viele verkaufen, steigt der Preis dazu nicht hoch genug.

Sich selbst überlassen, wird sich also ein Gleichgewichtspreis einpendeln, der den Stellenmarkt räumt und damit stets gerade so vielen Personen zu arbeiten, so vielen eine Ausbildung zu absolvieren und so vielen „nichts zu tun“ erlaubt, wie die Ökonomie und die Umverteilungsbereitschaft in EU verkraftet. Die EUler sind in der glücklichen Lage, ihre Aktivitäten Jahr für Jahr zu verändern und sich damit einen Lebensplan zu gestalten, der ihren individuellen Vorlieben entspricht.

* Der Autor ist Philosoph und Dozent für Sozialwissenschaft an der Universität Wien

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