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Digital In Arbeit

Zwischen Fron und Freiheit

Man arbeitet iieute nicht mehr, um eine bestimmte Sache, ein fest definiertes Objekt zu produzieren, sondern man arbeitet, um so schnell wie möglich soviel Geld wie möglich zu verdienen. Die hergestellte Sache, das produzierte Objekt, ist nur noch eine Übergangsform auf dem Weg zu diesem Geld.

Diese Feststellung trifft genauso auf den Arbeiter zu wie auf seinen Arbeitgeber. Der eine wie der andere sind meistens bereit, ihre Tätigkeit zu verändern, etwas anderes herzustellen, wenn das mehr einbringen sollte.

Sicher, vom rein wirtschaftlichen Standpunkt aus ist eine Mobilität dieser Art vortrefflich; Deshalb fördert man sie durch eine Vielzahl von Maßnahmen. Aber man muß sich darüber im klaren sein, daß damit eine weitgehende Lockerung der Beziehungen zwischen dem produzierenden Menschen und dem produzierten Produkt verbunden ist.

Das fertige Produkt ist dann nicht mehr eine konkrete Realität, die Rechtfertigung und der Lohn der aufgewandten Mühe, etwas, was man in einer gewissen Weise „lieben" kann, sondern nur noch das Mittel, um einen Gewinn zu erzielen…

Wenn es sich nur noch darum handelt, daß Zeit gegen Geld verkauft wird - dann geht der Sinn der Arbeit verloren; das Gefühl der Gemeinschaft, des eigenen Beitrags, des geleisteten Dienstes verfällt in die Abstraktion eines „Nicht-Lebens", das einsam und leer ist.

gendeiner Weise Geschmack oder Interesse abgewinnen könnte. Sein einziger Wunsch ist es dann, die Dauer dieser Tätigkeit möglichst zu verkürzen und sie dann schnellstens zu vergessen, ohne auch nur den kleinsten Teil seiner selbst darin zu investieren.

Das andere Extrem ist die Tätigkeit, die mit Leidenschaft verrichtet wird, die man auch ohne den Zwang zum Brotverdienen ausführen würde und die so interessant ist, daß man ihr gerne jede freie Minute widmet. In diesem Fall gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Arbeitszeit und Freizeit…

Unzweifelhaft ist es sehr schwierig, konkrete Mittel und Wege vorzuschlagen, um Arbeit und Privatleben gegenseitig zu verbinden. Denn diese Mittel und Wege können nur spezifisch für jede Art der Tätigkeit gesehen werden. Unzweifelhaft ist es aber auch, daß solche Verbindungen eine positive Wirkung für alle hätten.

Ganz besonders würde das zutreffen, wenn jemand das Unglück hat, arbeitslos zu werden. Dieses Schicksal wäre weniger grausam, wenn es den Betroffenen nicht in die Leere der reinen „Nicht-Arbeit" stürzen würde, sondern ihm trotz allem die Möglichkeit einer „Freizeitbeschäftigung" ließe, die nicht sinnlos wäre und nicht nur dazu diente, die Zeit totzuschlagen.

Er könnte sich dann ernsthaft beschäftigen, weil diese Beschäftigung eine Verbindung zu der Arbeit hätte, die bisher sein Leben ausfüllte und die er so schnell wie möglich wieder aufnehmen möchte…

Unter solchen Umständen bleibt dann nichts anderes übrig, als möglichst wenig Zeit auf die Arbeit zu verwenden, um dabei möglichst viel zu vįr-dienen. Das „wahre Leben" sucht man außerhalb der Arbeit, in der „Freizeitgestaltung", im „Privatleben".

Freizeitbeschäftigungen werden damit zum wichtigsten Bestandteil des Lebens. Man glaubt, daß eigentlich nur dieser Teil der Würde des Menschen entspreche, daß der Mensch seine Genugtuung gegenüber dem Arbeitsanteil am Leben darin finde, all das zu konsumieren, was ihm die Industriegesellschaft gegen Geld bieten kann.

Und je zahlreicher und vielseitiger das Freizeitangebot ist, desto mehr wird der andere Teil des Lebens verhaßt und entfremdet, in dem man sich -ohne darin einen eigentlichen Sinn zu erkennen - der Arbeit widmen muß…

Die Beziehung zwischen Arbeitszeit und Freizeit ist von großer Bedeutung. Alles hängt hier von der objektiven Art der Arbeit und von der subjektiven Einstellung des Arbeitenden zu seiner Arbeit ab.

Das eine Extrem ist eine Tätigkeit, die - objektiv betrachtet - zu mühselig ist, oder unter zu unangenehmen Bedingungen durchgeführt werden muß (Lärm, Gestank, extreme Temperaturen), als daß der Ausführende ihr in ir

Die Zukunft hängt nicht nur von materiellen und sozialen Einrichtungen und Organisationsformen ab, so wichtig diese auch sein können. Sie hängt vor allem davon ab, daß es gelingt, den Menschen wieder im Innersten mit seiner Arbeit in Einklang zu bringen, ihn also auch mit den Zwängen, die mit dieser Arbeit verbunden sind, zu versöhnen.

Eine solche Versöhnung ist nur dann möglich, wenn einerseits die Zwänge auf das Unvermeidliche reduziert werden, und wenn der Mensch andererseits lernt, daß die Arbeit und ihre Zwänge von Natur aus zu seinem Leben und zu seinen Lebensumständen gehören.

Der Irrtum mit schweren inhumanen Folgen - man könnte es geradezu eine Perversion nennen - beginnt dann, wenn man totale Lösungen in die Zukunft projiziert, Lösungen, bei denen eine Menschheit und eine Gesellschaft vorgespielt wird, die von aller Last und Mühe befreit ist und die im Garten Eden lebt. Vor diesem vorgespiegelten Bild wird dann die Wirklichkeit, so wie sie ist, als unerträglich empfunden.

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