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Die Zukunft der Arbeitswelt

Eine neue Arbeitswelt in der Dienstleistungsgesellschaft skizziert der Freizeit- und Tourismusforscher Peter Zellmann in seinem neuen Buch. Statt dem klassischen Modell der Entlohnung für Arbeitszeit und Anwesenheit soll die Werkentlohnung stehen. Die Lebensqualität wird zunehmend höher bewertet werden als der herzeigbare Lebensstandard.

Eine ganzheitliche Auffassung und nachhaltiges Handeln (Wirken) als Grundlage für das Verständnis der Dienstleistungsgesellschaft, das Herausarbeiten der Bedeutung der personenbezogenen Dienstleistung als Wertschöpfungsressource wird für die Arbeitswelt immer wichtiger und damit zukunftsbestimmend. Für das Tourismusland Österreich ist das darüber hinaus ein besonders wichtiger Denk- und Handlungsansatz. Halten wir uns vor diesem Hintergrund vor Augen, was den Wandel der Gesellschaft in Hinblick auf die zukünftige Welt der Arbeit ausmachen wird. Die Industriegesellschaft wird sich unzweifelhaft immer stärker zu einer Wissensgesellschaft weiterentwickeln. Statt traditionell für Arbeitszeit und Anwesenheit wird vermehrt für Werke und Ergebnisse bezahlt werden, aus Arbeitern und Angestellten werden neue Selbstständige und ausgelagerte Dienstleistungs- (Ich-) AGs.

Bruch mit Traditionen

Der neue Selbstständige muss sich nicht im traditionellen Sinne selbstständig machen, sondern der inhaltliche Spielraum und zeitliche Freiraum wird zu einem Kennzeichen einer Arbeitstätigkeit werden, die heute von tarif- und kollektivvertraglichen Regelungen noch nicht erfasst ist. Weil die „Chefs“ der Sozialpartner diese Entwicklung im Grundsätzlichen noch nicht, und in ihren aktuellen Auswirkungen nach ihren, teilweise eben überholten, Grundwerten beurteilen und daher manchmal falsch „bewerten“.

Und genau das gefährdet die Grundlagen des mitteleuropäischen Sozialstaats, der seine Leistungen an voll sozialversicherungspflichtige Ganztagsarbeitsverhältnisse und übrigens im Wesentlichen an aufrechte Familienstrukturen knüpft, die es ebenfalls so nicht mehr gibt und noch weniger geben wird. Geschweige denn, dass er diese jemals im Detail eindeutig definiert hätte. Um den europäischen Sozialstaat und damit den Arbeitsmarkt in seinen ursprünglichen Absichten erhalten zu können, sind grundlegende Änderungen in der Praxis notwendig. Das rüttelt viel weniger an grundsätzlichen Einstellungen, Moral- und damit Wertbegriffen, als uns dies in der oft verkürzt dargestellten öffentlichen Diskussion – und manchmal auch rein populistisch – dargestellt wird.

Manches an gängigen Gemeinplätzen ist daher kritisch zu hinterfragen:

Zum Beispiel der Begriff „Work-Life-Balance“: Er ist aus meiner Sicht falsch, weil er oberflächlich betrachtet einen Gegensatz zwischen Arbeit und Leben darstellt oder zumindest zulässt. Das harmonische Zusammenwirken von Arbeit und Freizeit muss und wird zur eigentlichen „Life-Balance“ führen: Besonders gut Festzumachen an der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, dem wichtigsten Anliegen eines überwiegenden Teiles der Berufstätigen.

Es geht den Menschen nicht mehr ausschließlich um Status oder Ansehen: Vielen ist vor allem Lebensqualität zunehmend wichtiger als der herzeigbare Lebensstandard des Industriezeitalters.

Produktivitätsgewinne der Wirtschaft brachten der Gesellschaft Arbeitszeitverkürzungen und damit gewonnene Lebenszeit. Diese als neue Schaffenszeit einer neuen, postindustriellen Leistungsgesellschaft zu definieren, ist die wichtigste Aufgabe einer wirklich aktuellen, innovativen Arbeits(markt)politik. Dieses neu entstandene Leistungspotenzial abzusichern liegt nun zunächst bei jedem Einzelnen von uns. Die vom Staat mitgetragene Wirtschaftsgesellschaft kann nur von interessierten, informierten, also mündigen Bürgern und Bürgerinnen im Alltag verändert werden. Zeit für etwas Erfolg versprechend aufzuwenden, egal ob in Arbeit oder Freizeit, wird im 21. Jahrhundert vor allem die Kompetenz zum Erwerb von Zeitsouveränität bedeuten.

Dafür ist ein wirtschaftlich funktionierender Sozialstaat die beste Grundlage. Er ist auch für den notwendigen Neuaufbau unserer Wirtschaftsstrukturen besonders wichtig. Dies setzt freilich voraus, dass jenes Geld, das „gerecht verteilt“ werden soll, zunächst einmal vorhanden sein muss. Die Basis dafür haben die „ehemaligen Industriestaaten“ nun einmal dadurch geschaffen, dass sie der Not leidenden, weil aus dem Ruder gelaufenen Marktwirtschaft, namhafte Summen an Steuergeld für die Gesundung zur Verfügung gestellt haben. Was liegt näher, als diese Mittel als Start in eine neue Leistungsgesellschaft zu verwenden? Was für die Volkswirtschaften insgesamt gilt, das erweist sich für den/die Einzelnen ebenso als richtig: Ab einem sinnvollen Mindestmaß an Absicherung, an Existenzgrundlage können die Menschen ihr angeborenes Leistungspotenzial ausschöpfen, ihre evolutionär angelegte Kreativität entfalten.

Der Weg zu sicherem Wissen

Davon wird die Berufs- und Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts gekennzeichnet sein, und es ist sicher nur eine Frage der Zeit, bis sich die Erkenntnis auch in den Kreisen der Machthaber in Politik und Wirtschaft durchsetzt: Nachhaltig wirkende Leistung kann erst jenseits der Existenzsorge erbracht werden.

Die wirtschafts- und sozialpolitische Diskussion wird immer noch von der Polarisierung zwischen dem „neoliberal“-angelsächsischen und dem, mittlerweile wieder verstärkt diskutierten, (öko)sozialmarktwirtschaftlich-europäischen System geprägt. Die aktuelle Krisensituation wird diese Debatte nicht beenden. Sie verschiebt nur den augenblicklichen Schwerpunkt. Beendet wird sie erst dann sein, wenn Einsicht, also abgesichertes Wissen abseits von Glaubensfragen und Ideologien, zum abgesicherten Gemeingut der Gesellschaft zählen wird. Auf diesem Weg sind durchaus noch Rückschläge, mindestens Rückschritte zu befürchten, aber aufzuhalten ist der Fortschritt nicht. In diesem Jahrhundert wird er noch endgültig erreicht werden.

Das Pathos scheint mir deshalb gerechtfertigt, weil heute Geborene bereits unzweifelhaft in diese Richtung erzogen, gebildet und ausgebildet werden müssen. Jedenfalls wenn man möchte, dass sie sich in einer dann vollkommen neuen Arbeitswelt zurechtfinden können. Ein solches Verantwortungsbewusstsein wird den Lesern dieses Buches jedenfalls unterstellt.

Die Erwerbsarbeit kann und wird im 21. Jahrhundert aber nicht mehr die alleinige Garantie für Wohlstand und Lebensqualität sein. Auf diesen grundlegenden Wandel müssen sich Politik, Gesellschaft und Individuen aber auch endgültig einstellen.

Mut zur sozialen Fantasie ist daher von allen gefordert. Wenn wir uns mit der „Zukunft der Arbeit“ auseinandersetzen, dann müssen vor allem Wege aus der drohenden arbeitslosen Gesellschaft gefunden werden. Traditionelle Maßnahmen, wie sie derzeit diskutiert werden, müssen versagen.

Die Suche nach neuen Arbeitswelten muss zum Credo für das 21. Jahrhundert werden. Im gleichen Maße, wie die bezahlte Arbeit zur Mangelware wird, muss ernsthaft Ausschau nach neuen Beschäftigungsformen gehalten werden, die Existenzsicherung und Lebenserfüllung gleichermaßen gewähren.

Solche Tätigkeiten sind in den Bereichen von Familienarbeit, sozialen Aktivitäten, ehrenamtlicher soziokultureller Arbeit, von Weiterbildungsangeboten u. a. zu finden. Dieses Leistungspotenzial ist dann in weiterer Folge in die Berechnung des Bruttosozialprodukts, in eine Verwertbarkeit für die Betroffenen, zumindest als Pensionsanrechnungszeit einzubeziehen.

Die Zukunft der Arbeit – Viele werden etwas anderes tun

Peter Zellmanns Buch wird ab 12. April im Buchhandel erhältlich sein. Erschienen ist es im Molden Verlag.

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