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Digital In Arbeit

Flucht in eine gefahrliche Defensive

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„Arbeit wird knapp und muß daher neu verteilt werden.” Diese Antwort auf die derzeitige Krise ist weder zukunftsorientiert, noch löst sie die wirklichen Probleme der Men-' sehen in der Arbeitswelt. (Fortsetzung von S. 1)

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„Arbeit wird knapp und muß daher neu verteilt werden.” Diese Antwort auf die derzeitige Krise ist weder zukunftsorientiert, noch löst sie die wirklichen Probleme der Men-' sehen in der Arbeitswelt. (Fortsetzung von S. 1)

Die Krise der alten Arbeitnehmer-Gesellschaft führt zu einer differenzierten, für den Soziologen kaum typisierbaren Mischung unterschiedlichster Verarmungen, Belastungen, Frustrationen, Sinnlosigkeiten, Ärgernisse, seelischer Verletzungen, Vernachlässigungen und Brüche.

Die Kunst und vor allem die Literatur sind sicherlich weit besser als Soziologen und politische Bhetorik dazu in der läge, derart subtile qualitative Veränderungen in den Lebenslagen nachzuzeichnen. Abstrakte Begriffe können nur einen dürren Baster dafür liefern, was hier abläuft. Es geht etwa um die Hetze im Alltag, die mangelhafte Koordinierung zwischen Leben und Arbeit, um das Zerrinnen des Erwerbseinkommens in einer Konsumwelt, die zwar „Thrills” und werbespotähnliche Inszenierungen, aber keine Sinnzusammenhänge anbieten kann, es geht um die fehlende Unterstützung der Nich-terwerbsarbeit, die allgemeine Unsicherheit, die Faust des ständigen Mithalten-Müssens im Nacken, die arbeitsbedingten psychischen Erkrankungen und das Ausgebrannt-Sein, die unkalkulierbaren Wenden und Brüche in den Lebensverläufen, die Entwertung mühsam erworbener Qualifikationen, die selbst auferlegte

Ausbeutung, das emotional zermürbende Zerrissenwerden zwischen Erwerbsarbeit, Familienarbeit und notwendiger Eigenarbeit, die sozialen Folgen familiärer Krisen.

Ähnliche Erfahrungen machen immer mehr Menschen auch unmittelbar am Arbeitsplatz: die Vergeudung von Arbeit, das ungenützte Wissen um Verbesserungsmöglichkeiten, die unterbundene Kreativität, die fehlende Zeit, um die Arbeit mit Freude und Engagement in der selbst gewünschten hohen Qualität zu verrichten, der Ellenbogenwettbewerb mit den Kollegen, die Machtspiele und Intrigen im Betrieb, der Druck immer raffinierterer Kontrollen, die immer öfter mit nach Hause genommene Arbeit.

Von Medien- und Bewußtseinsindustrie gelieferte Deutungen, Alltagsdrogen, aber auch Apathie und Alternativelosigkeit verhindern, daß solche Erfahrungen politisch relevant werden. Außerdem sind sie in ihrer Art zumeist keine spektakulären Brüche oder Ereignisse, sondern werden als eine laufende und zunehmende Dauerbelastung des mentalen Immunsystems erfahren. Solche Probleme werden aber heute als individuelles Schicksal oder Versagen definiert, nur im Bahmen eines sensiblen Diskurses werden sie als gesellschaftliche Problematik wahrnehmbar. Und den gibt es nicht.

Damit ist ein weiteres wichtiges Thema zur der Krise der Arbeit angeschnitten: die Mißachtung ihrer grundsätzlich unermeßlichen Potentiale. Die vorerst überzogen und idealisiert erscheinende Darstellung des amerikanischen Theologen Matthew Fox (siehe dazu Seite 10) steht in verblüffendem Einklang mit den allgemein beobachtbaren Bealitäten. Diese „eigentliche” Arbeit finden wir in den Basteleien der Kinder ebenso wie bei der freiwilligen Feuerwehr, bei Künstlern und jenen, von denen man oft sagt, sie arbeiteten „wie Besessene”. Befreite Arbeit findet sich aber auch im Zentrum der modernen Erwerbswirtschaft, bei den Symbolanalytikern.

Genau diese neue Kaste der Infor-mations-Arbeitsgesellschaft beweist, daß es ökonomisch höchst erfolgreiche Arbeit gibt, bei der die der militärisch organisierten „tayloristi-schen” Erwerbswelt Grenzen weitgehend eingeebnet sind. Dort verschwimmen die scharfen Demarkationslinien zwischen Arbeit und Spiel, Lernen, Problemlösen, Kunst, Sport, Kommunikation und Diskurs. Dort bietet die Arbeit die Erfahrung der Unbegrenzt-heit des Schaffens und führt uns das faszinierende Gegenbild der traurigen Kargheit von „Jobs” und der Verteilung und Umverteilung von knapper entfremdeter Arbeit vor Augen. Genau deswegen (nicht trotzdem) - werden diese Symbolanalytiker zum ökonomischen Bückgrat der Weltökonomie im.21. Jahrhundert.

Arbeit steht hier im Zentrum einer hochproduktiven technischen Umwelt, ist kommunikativ, ständig lernend und kreativ. Weder Arbeitszeit noch Arbeitskosten sind ein Problem. Hier steht Arbeit nicht als Mauerblümchen am Bande der Informati-ons- und Robotergesellschaft. dem bedient sich selbstbewußt des Orchesters der Technik, der Wissenschaft, der Werkzeuge der Kreativität, der neuen Kommunikationsmöglichkeiten, der Psychologie und des Managements von Visionen.

Es gibt keinen Grund anzunehmen, daß dies nur ein Konzept für kleine hochqualifizierte Eliten ist. Es handelt sich vielmehr um ein grundvernünftiges allgemeines Organisationsprinzip von Arbeit, das allerdings zu dem heute in der Massenarbeit herrschenden Prinzip der Ökonomisierung der Zeit und Verknappung der Arbeit, der Kartellierung, der Trennung von den Produktionsmitteln und der Flucht in die „Freizeit” nicht vereinbar ist. Es stellt sich nun die Frage, ob die aufgezeigten Krisen, das Zusammenbrechen der sozialen Funktion des Arbeitnehmer-Status, die dadurch ausgelösten Probleme in den Lebenswelten und die Unternutzung des menschlichen Arbeits-„Vermögens” zur Grundlage einer „großen Alternative” werden könnten? Wie kann sie aussehen? Der Kernpunkt ist: Die Philosophie der knappen Arbeit sollte durch eine Philosophie der Entwicklung der in der Arbeit angelegten (und auf Lager gelegten!) Möglichkeiten überwunden werden. Das bedeutet für den Erwerbssektor: mehr Vertragsfreiheit, mehr Markt, mehr flexible und selbstbestimmtere Arbeitsformen. Zunehmend würde dann Arbeit in Form von Werkverträgen, freien Dienstverträgen, in Arbeitnehmer-Unternehmen, Kooperativen, Ar-son- beitsgruppen oder Teams organisiert sein, gekennzeichnet durch einen selbstbestimmten und souveränen Umgang mit Technik, Vertragspartnern, Wissen und Information.

Gleichzeitig müßte es zu einer Aufwertung, Attraktivierung und selbstverständlich auch zu einer Bezahlung der Nicht-Erwerbsarbeit kommen. Die von den Unternehmen und von den Bedürfnissen der Arbeitnehmer her erforderliche „Befreiung” der Arbeit im Sinne von mehr Markt und mehr Flexibilität ist ohnehin nur verantwortbar, wenn es lückenlose, ganz wesentlich auch erwerbsunabhängige soziale Grundsicherungen gibt. Die zentrale Aufgabe ist dabei die enge Verwebung des neuen Soziallei -stungssystems mit der Bezahlung von Nichterwerbsarbeit, ersatzweise der Bereitschaft, für die Gesellschaft in unterschiedlichen, von ihr definierten Bollen und Formen tätig zu sein.

Ganz im Sinne der er forderlichen

Senkung der Arbeitskosten ist damit auch eine Umstellung des Sozialstaats auf eine stärker steuerfinanzierte Basis verbunden. Atypische Arbeitsformen (Werkverträge und andere) verlieren wegen dieses Netzes an Grundsicherungen ihren Schrecken und können auf sozial akzeptable Weise ihre großen Vorteile in Hinblick auf mehr Selbständigkeit und Flexibilität entfalten.

Die soziale und rechtliche Anerkennung der gesellschaftlichen Nichterwerbsarbeit ist ein überfälliges Konzept zu deren Entstigmatisie-rung und Herausführung aus einer heute oft stumpfsinnigen und ineffizienten Organisation. Auch die Nichterwerbsarbeit braucht Unterstützung, Ausstattung, Logistik, Organisation, elektronische Vernetzung, Qualifikationsangebote, ein freundliches Umfeld. Die Aufwertung der Nichterwerbsarbeit trägt auch der Erkenntnis Rechnung, daß Erwerbsarbeit den besonderen qualitativen Wert vieler Tätigkeiten in Haushalt und Familien, in Beziehungen und im zwischenmenschlichen Bereich seiner eigentlichen Qualitäten beraubt.

Heute werden leider ganz andere Wege vor- und eingeschlagen. Der eine, die weitgehende Demontage des Schutzes der Erwerbsarbeit und ein Niedrigst-Level-Sozialstaat (Modell USA) zerstört die zivilisatorische Errungenschaft des Sozialstaats und destabilisiert die Demokratie.

Die andere, heute politisch recht nachdrücklich forcierte Alternative ist der Weg einer rigorosen Verwaltung des Arbeitsvolumens und einer Verstärkung der Kartellwirkungen des Arbeitsrechts. Er ist von der Aura eines linken, „fortschrittlichen” und sozialen Ansatzes umgeben, denn sein strategischer Kern ist es, das Arbeitsangebot zu begrenzen, die Arbeit gerechter zu verteilen, Lücken im arbeitsrechtlichen Schutz zu schließen, eine Anhäufung von Arbeitszeit (und Einkommen) bei einzelnen Personen zu verhindern und um jeden Preis „Arbeitsplätze” im Erwerbssektor zu schaffen.

Dieser Weg wird aber zunehmend zu einer Sackgasse und ist, eine Flucht in eine gefährliche Defensive: Entgegen allen Befunden bleibt die Verknüpfung von Erwerbsarbeit und Einkommen aufrecht. Entgegen den Bedürfnissen der neuen hochproduktiven Unternehmen wird eine zügige Flexibilisierung der Arbeit behindert. Entgegen der Lage am Weltmarkt bleiben die Arbeitsstunden teuer und der Kreislauf des Exports von Arbeitsplätzen und des Rationalisierungsdrucks wird aufrechterhalten.

Entgegen jeder Vernunft wird die Entfaltung der in jeder Hinsicht zentralen Arbeit der Symbolanalytiker behindert. Entgegen aller Vernunft wird qualitativ hochwertige Nicht-Erwerbsarbeit in prekäre Erwerbsarbeit umgewandelt. Und schließlich gerät, dieser Ansatz immer mehr in die Falle der Wachstumsbeschleunigung 'um jeden Preis und mündet damit unvermeidlich in die Hinnahme jedweder Produktionen unabhängig von ihren Folgen auf Umwelt, Gesundheit und Frieden.

Der hier skizzierte Ansatz wäre hingegen nicht nur sozial, sondern er stärkt den Standort, entspricht den Anforderungen an das neue „virtuelle”, hochflexible Unternehmen, bringt die Potentiale der Arbeit zur Entfaltung, löst den •mm~mmmmmmmmm Gegensatz von P&-beit und Kapital auf und schafft Identifikationen mit den Unternehmen. Er ist politisch integrie, rend, weil er den heutigen Ausgrenzungen eine Solidarität entgegensetzt, die nicht eine der Almosen und der Mildtätigkeit ist, sondern Solidarität als Anerkennung der spezifischen Möglichkeiten jedes Menschen realisiert und damit die Würde jener Menschen besser wahrt, die nicht immer olympiareife Leistungen erbringen können oder wollen und die für eine harmonischere Kombination aus Arbeit, Tätigkeit und Leben(skunst) optieren.

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