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Digital In Arbeit

Auf dem Arbeitsmarkt entscheidet sich die soziale Frage

Rund um die Uhr leistet die Caritas Hilfe. Tag für Tag. Tau-sende Menschen suchen Hilfe. Als Hilfsorganisation hat die Caritas die Aufgabe, jenen, die auch in unserer Wohlstandsgesellschaft in Not geraten, beizustehen. Aus dieser täglichen Arbeit heraus gewinnt die Caritas Einblick über die Mechanismen der Armut. Auch darüber, wie Armut strukturell in unserer Gesellschaft entsteht, wie Armut manchmal geradezu erzeugt wird. Hier sieht es die Caritas als ihre Verpflichtung an, der Gesellschaft diese Erfahrung zurückzumelden. Diese Form der loyalen Kritik ist nicht als Opposition zu verstehen, sondern als Mittragen sozialer Verantwortung.

Der Befund, der sich aus der Caritasarbeit ergibt, ist eindeutig: Auf dem Arbeitsmarkt entscheidet sich die soziale Frage von heute. Denn der überwiegende Teil der sozialen Absicherung ist an die Erwerbsarbeit geknüpft. Christen braucht dieser Mechanismus nicht verwundern. Seit dem Sündenfall nennen wir den Vorgang, mit dem sich der Mensch die Güter dieser Welt aneignet, Arbeit. Grundsätzlich sind diese Güter für alle Menschen da. Der einzelne muß aber etwas dazu tun, um sie gebrauchen zu können. Daraus leitet sich eine Pflicht zur Arbeit des einzelnen ab.

Die Möglichkeit dieses Tuns muß aber auch für alle gewährleistet sein. Die soziale Gerechtigkeit schließt daher ein Recht auf Arbeit ein. Unsere Gesellschaft steht vor dem Problem, daß das Gut der Arbeit zur Mangelware geworden ist. Für eine verantwortungsvolle Politik bedeutet dies, daß man entweder Wege finden muß, neue Arbeitsfelder zu erschließen, oder die Rahmenbedingungen so zu setzen hat, daß das bestehende Arbeitsvolumen von mehr Menschen genützt werden kann.

Die Caritas hat daher in ihren gesellschaftspolitischen Leitlinien festgestellt, daß Arbeitszeitverkürzung unter anteiligem Lohnverzicht ein Weg sein kann, das Ziel für eine Beschäftigungsmöglichkeit für eine möglichst große Zahl zu erreichen.

Gleichzeitig muß aber das Bewußtsein wachsen, daß die Gesellschaft auch wesentlich von solchen Arbeiten getragen wird, die nicht zur Lohnarbeit zählen. Die Caritas tritt daher für eine Grundsicherung all jener ein, die wichtige Aufgaben für die Gesellschaft erfüllen (zum Beispiel Kindererziehung oder Altenpflege). Genauso für jene, die eine Erwerbsarbeit zur eigenen Lebenssicherung nicht ausführen können (zum Beispiel Menschen, die körperlich, psychisch oder geistig behindert sind). Hier wäre es sinnvoller, ein transparenteres und einfacheres System zu finden, das eine Vielzahl von Transferleistungen und Sozialhilfen ersetzen könnte.

Auf dem Weg dorthin wird es notwendig sein, zu einer gerechteren Verteilung des erwirtschafteten Produktes der Erwerbsarbeit zu kommen: Etwa durch eine Anbindung höherer Einkommen in allen Bereichen, die aus Steuern finanziert werden, in einem plausiblen Verhältnis an das gesellschaftliche Durchschnittseinkommen.

Darüber hinaus wird im Sinne der Generationenwahrheit rasch eine gerechtere Verteilung der Pensionen nötig sein. Geschichtlich gewachsene, unterschiedliche Systeme müssen dabei auf ihre aktuelle Gerechtigkeit untersucht werden. Nimmt man diesen Gradmesser, kann man den Begriff der „wohlerworbenen Rechte" problemlos aus dem Vokabular eines Sozialstaates streichen.

Im Sinne einer ökologischen und ökonomischen Kostenwahrheit ist auch eine Ressourcenbesteuerung angezeigt, die dazu führt, daß jene, die überproportional Ressourcen der Gesellschaft nutzen, auch entsprechend dazu beitragen, und dafür nicht öffentlich subventionierte Güter in Anspruch nehmen.

Mit diesen Leitlinien leistet die Caritas einen Beitrag zur politischen Diskussion. Diese Positionen erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit und verstehen sich nicht als einzig mögliche Lösungsvarianten. Sie erhalten ihr Gewicht aber aus der tagtäglichen Erfahrung und versuchen dem Auftrag gerecht zu werden, der sich aus der Katholischen Soziallehre und aus dem Sozialhirtenbrief der Osterreichischen Bischöfe ergibt.

Der Autor ist

Präsident der Caritas.

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