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Digital In Arbeit

Eine „neue“ Solidarität

Einerseits tendiert unsere Gesellschaft immer mehr zu einer Arbeitnehmergesellschaft, andererseits gehen gerade in der Arbeitswelt gewaltige Änderungen vor sich. Die Rationalisierungs-und Mechanisierungsmöglichkeiten haben ein vor Jahren noch nicht geahntes Ausmaß angenommen.

Wir können uns dem Zwang zur Einführung und Nutzung neuer Technologie nicht entziehen, wenn wir mit den Konkurrenten in anderen Ländern mithalten wollen. Wenn wir nicht rationalisieren und uns der neuen Techniken bedienen, werden wir mit der Konkurrenzfähigkeit auch eine Vielzahl von Arbeitsplätzen verlieren.

Diese Rationalisierung wird nicht alle Bereiche gleichmäßig treffen. In verschiedenen Dienst-

leistungen, wie etwa im sozialen Bereich, sind die Möglichkeiten dazu wesentlich geringer als in den Produktionsbetrieben oder in Banken und Versicherungen.

Am härtesten werden die Aus-wirkimgen zweifelsohne im Produktionsbereich sein, nicht nur weil dort die neue Technologie große Rationalisierungsmöglichkeiten bietet, sondern weil die Zahl der Betroffenen dort am größten ist.

Dabei wird gerade bei steigender Arbeitslosigkeit besonders deutlich, daß die Arbeit für den Menschen nicht nur ein Mittel ist, den Lebensunterhalt zu bestreiten, sondern ganz wesentlich auch Lebensinhalt zu bieten vermag. Sichere Arbeitsplätze und gesichertes Einkommen gelten nach wie vor als Voraussetzung für ein erfülltes Leben.

Zweifelsohne muß sich eine zukunftsorientierte Arbeitnehmerpolitik weiterhin dem Postulat der Humanisierung der Arbeit widmen. Von der Forderung, der Mensch müsse im Mittelpunkt der Wirtschaft stehen, sind wir noch weit entfernt. Vielmehr scheinen die Sachzwänge eher zu- als abzunehmen. Wenn wir uns ihnen kurzfristig kaum entziehen können, darf doch das Ziel, dem einzelnen Arbeitnehmer durch eigene Dispositionsmöglichkeiten und ihm persönlich zukommende Mitbestimmungsrechte einen möglichst weiten Gestaltungsspielraum einzuräumen, nicht aus dem Auge verloren werden.

Und wenn auch vorerst der Konflikt zwischen Humanität und Wirtschaftlichkeit in der Mehrzahl der Fälle zugunsten der Wirtschaftlichkeit entschieden wird, darf das nicht zur Resignation führen.

Daneben aber wird die Frage der Verteilung der Arbeit und damit der Einkommen zum dominierenden Problem der Zukunft.

Trotz aller Diskussionen, den Arbeitsbegriff zu erweitern oder einen neuen Arbeitsbegriff zu schaffen, wird es für die überwiegende Mehrzahl der arbeitsfähigen und arbeitswilligen Menschen entscheidend sein, ob sie eine Erwerbsarbeit finden, die ihnen und ihrer Familie das Auslangen sichert.

Es wird uns kaum gelingen, dem Familienvater, der seinen Arbeitsplatz verloren hat, zu erklären, der Begriff der Arbeit habe sich gewandelt und mehr Lebens-’ Qualität sei nur durch mehr (auch erzwungene) Freizeit zu erreichen.

Das bedeutet aber, daß die Forderung nach Vollbeschäftigung nach wie vor Priorität haben muß. Nur wird es uns unter den derzeitigen Bedingungen in nächster Zeit immer weniger gelingen, sie zu erhalten.

Deshalb müssen die Interessenverbände und die politischen Organisationen der Arbeitnehmer jene, die Arbeit haben, darauf vorbereiten, die Arbeit zu teilen, und sich auch für jene engagieren, die keine Arbeit haben.

Solange sich die Arbeitnehmerinteressenverbände als Kartelle zur Wahrung und Verteidigung von Sonderinteressen verstehen, werden wir damit nicht weit kommen. Wenn wir aber zu dieser Solidarität nicht bereit sind, könnte der soziale Friede empfindlich gestört werden.

So wie früher Verteilungskämpfe um Anteile am Ertrag der Arbeit zwischen den Interessengruppen ausgetragen wurden, könnte die Zukunft Verteilungskämpfe um die verbleibende Arbeit zwischen jenen, die Arbeit haben, und solchen, die Arbeit wollen, aber keine bekommen, bringen.

Viele empfinden es berechtigterweise als Ärgernis, daß die Menschen in der Dritten Welt in Armut leben müssen. Und diese Völker selbst beginnen sich gegen die ungerechte Verteilung der Güter aufzulehnen.

Um wieviel mehr wird es zam Ärgernis werden, wenn Menschen Haus an Haus, ja Tür an Tür wohnen, deren Lebensstandard und Wohlstand allzu große Unterschiede aufweisen.

Eine neue Solidarität ist daher gefordert! Solidarität war relativ leicht zu erreichen, als es darum ging, sich gegen den Klassenfeind zusammenzuschließen und von ihm mehr Lohn und bessere Arbeitsbedingungen zu fordern.

Jetzt wird eine Solidarität innerhalb der Arbeitnehmerschaft zum Gebot der Stunde, die wesentlich anspruchsvoller ist als die kämpferische Solidarität des Mehr-Forderns.

FURCHE-Herausgeber Bertram Jäger ist Präsident der Vorarlberger Kammer für Arbeiter und Angestellte, Landtagsabgeordne-ter und stellvertretender OVP-Bundespar-teiobmann. Er kandidiert als stellvertretender Bundesobmann des Osterreichischen Arbeiter- und Angestelltenbundes (OAAB) beim 17. ordentlichen Bundestag vom 3, bis 4. April in Eisenstadt.

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