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Das fehlende Weisheitswissen

Das herrschende Modell der Aus- und Weiterbildung dient der Bearbeitung und Zurichtung des menschlichen Arbeitsvermögens entsprechend den Anforderungen des Arbeitsmarktes. Seine Rationalität fußt ausschließlich auf ökonomischen (Einkommens- und Gewinn)Kalkülen. Mit Bildung hat das selbstverständlich nichts zu tun. Es geht um eine permanente Um-, Zu- und Aufrüstung der Arbeitskraft ("lebenslanges Lernen") für Jobs, besser, für mögliche Jobs.

Die Abschottung dieses Modells gegen Kritik ist perfekt, Fragen nach dem Wohin und Wozu sind schlicht nicht vorgesehen. Wer kann es schon wagen, gegen die Verknüpfung von Arbeit und Qualifikation zu argumentieren?

Kennzeichen und Folgen dieses Qualifikationsmodells können sich somit als elementar-gesetzmäßig und daher auch völlig ohne Alternative präsentieren: so etwa, daß Lernzeit und Lernkosten steigen und Bildungsinvestitionen teurer und riskanter werden, daß sich Unternehmen und Staat aus der Verantwortung zurückziehen, daß ein gigantischer Prozeß der Überwälzung öffentlicher und betrieblicher Verantwortlichtkeit in den Privatbereich stattfindet, daß Qualifikation und Bildung zur Waffe im täglichen Konkurrenzkampf jeder gegen jeden werden, daß die Lerninhalte rationalisiert werden, daß sich Staat, Wirtschaft, Unternehmen und Arbeitnehmer überflüssiges Wissen nicht mehr leisten wollen, daß der Ausbildungssektor zu einem großen neuen Markt wird, und soweit er in der Hand des Staates bleibt, unternehmensähnlich organisiert, und damit von ökonomisch nutzlosen Inhalten entschlackt wird.

Das alles wird verklärt, euphorisch begrüßt und den staunenden Betroffenen, garniert mit positiv besetzten Begriffen wie Lerngesellschaft, Wissensexplosion, Qualifikationskapital und Selbst-Management-Kompetenz, als attraktive Zukunft serviert.

Aus lebensweltlicher Perspektive findet diese Hochstimmung aber nur wenig Widerhall. Qualifizierungsarbeit ist oft Knochenarbeit. Sie geht häufig Hand in Hand mit einer prekären, abhängigen Lebenssituation, mit schwierigen sozialen Verhältnissen und mit einem enormen Zeitdruck. Lebenslanges Lernen kann auch als lebenslängliche Fehlinvestitionen definiert werden. Berufliche Mobilität kann auch als Synonym für die Entsorgung mühsam erworbenen Wissens begriffen werden. Das neue Selbst-Management von Qualifikationen kann auch als Gratisleistung für Unternehmen gesehen werden.

Der skeptische Bürger delektiert sich eben nicht übermäßig daran, daß die Müllberge, die der Konsumismus hinterläßt, in den Müllbergen vorzeitig entwerteter, künstlich gealterter und ins Ausgedinge gestellter Qualifikationen ihr Pendant finden, während gleichzeitig Weisheiten, Wahrheiten und grandiose Denkprodukte der menschlichen Zivilisation, deren Halbwertszeit sich bisher, wenn überhaupt, in Jahrhunderten bemessen hat, in der Hitze eines panischen Rationalisierungswahns verdunsten.

Den Universitäten stehen düstere Evaluationen bevor, liegen sie doch hinsichtlich der Verdichtung des Stoffes auf das praktisch Verwertbare hinter dem leuchtenden Vorbild der Fachhochschulen hoffnungslos zurück, ein Skandal: volkswirtschaftlich unvertretbar, und überdies Diebstahl an den Jobchancen der Studierenden?

Es ist nicht nur hoffnungslose Nostalgie, wenn sich Auflehnung dagegen breitmacht, daß das "Wahre, Gute und Schöne" im Bildungssystem keinen Platz mehr haben soll, daß es Menschen-Kindern künftig vorenthalten sein soll, einen Vergleich zwischen Zen-Philosophie und der christlichen Mystik einer Hildegard von Bingen anzustellen, den Übergang vom Impressionismus zum Expressionismus ganzheitlich und facettenreich nachzuvollziehen, das Phänomen der Exponentialität an Beispielen aus Natur und Wirtschaft zu begreifen oder - wie ich es in Salzburg erlebt habe - in der Schule auch auf einem Teppich zu sitzen und die Loslösung eines Tropfens aus einem Gefäß und seinen Weg in ein anderes bewußt und achtsam mitzuverfolgen.

Es gibt Eltern und Lehrer, die es als schmerzhaft empfinden, wenn sie auf ein Kind Druck ausüben, um sein Lernverhalten zu rationalisieren, Überflüssiges von Verwertbarem (das sind die in rasendem Stillstand sich ständig verflüchtigenden, daher "flüssigen" Lerninhalte) zu trennen und beim Lernen den Blick auf den Uhrzeiger einzuüben. Ich nehme an, daß derartige Entscheidungsnöte und die damit verbundene Erfahrung, daß es sich dabei nur um die bittere Vollstreckung einer sehr vordergründigen Vernunft handelt, inzwischen massenhaft auftreten.

Die spontan wahrgenommene Unfähigkeit des herrschenden, von der neoliberalen Bildungsökonomie heilig gesprochenen Qualifikationsmodells, ein Lernen und Wissen anzubieten, das dem Menschen das gibt, was es ihm schuldet, nämlich die Befähigung zur Bewältigung, Verfeinerung, humanen Durchdringung und Vertiefung von Leben, Gesellschaft, Natur, Kultur, Anlagen und Fähigkeiten, ist nicht nur eine emotionale Aufwallung und Erinnerungen verbundene Trauerreaktion. Es lassen sich in diesem Zusammenhang solide und präzise Fragen formulieren. Die Antworten darauf offenbaren Widersprüche, Inkonsistenzen, Fehlschlüsse und Halbwahrheiten, mithin alle Anzeichen dafür, daß es sich um eine schlechte und nur von mächtigen Interessen getragene Ideologie handelt.

Macht man den Versuch, über die sich so perfekt gerierende neue Qualifikationswelt einige Folien zu legen, um sie - frei von der verbreiteten Nicht-Machbarkeits-Neurose - mit unschwer feststellbaren Entwicklungen und Bedarfslagen zu konfrontieren, so erweist sich das herrschende Qualifikationsparadigma nicht nur als riskant, deprimierend und unsozial, sondern auch als den neuen gesellschaftlichen Aufgaben nicht gewachsen.

* Legen wir in diesem Sinne über das Qualifikationssystem die Folie der gesellschaftlichen Reichtumsproduktion: Lebensqualität, Reichtum und Glück entspringen nur zum kleinen Teil der Produktion von Waren für Märkte. Sie entstehen aus dem Zusammenwirken mehrerer Produktionssphären, was solange vergessen wird, bis uns ihr Verschwinden schmerzhaft in Erinnerung gerufen wird. Zu nennen sind die Nicht-Erwerbsarbeit und die Natur (bei beiden liegt der bezifferbare fiktive Produktionswert in der Höhe des Bruttosozialprodukts), die kulturell-sozialen und psychosozialen Verarbeitungsebenen der Realität, die soziale und kommunikative Kompetenz, das ethische Verhalten und nicht zuletzt die Eigenarbeit. Jedoch: Das herrschende Bildungsdenken ist einseitig auf den Markt ausgerichtet. Es qualifiziert damit nur für einen Bruchteil der reichtumschaffenden Potentiale.

* Legen wir über das Qualifikationssystem nun die Folie der Arbeitswelt: Von den acht Millionen in Österreich wohnenden Menschen stehen weniger als ein Viertel in einem klassischen Arbeitsverhältnis. Darin verharren sie aber höchstens ihr halbes Leben. Der Anteil der nur teilweise und diskontinuierlich Beschäftigten steigt. Nur für eine immer kleiner werdende Bevölkerungsgruppe ist Job-Qualifikation von Interesse. Immer weniger Menschen mit Spitzenqualifikationen oder klassischen Berufsqualifikationen werden benötigt. Immer mehr Menschen werden über immer längere Phasen ihres Lebens nicht oder nur in geringem Umfang beschäftigt. Jedoch: Das expandierende Job-Qualifikationssystem konzentriert sich fast ausschließlich auf dieses schmale Segment. Es qualifiziert damit für weniger als (auf das Leben durchgerechnet) zwei Stunden pro Tag. Zieht man davon die unqualifizierte Arbeit ab, für weniger als eine Stunde. Der durchschnittliche TV-Konsum liegt deutlich darüber.

* Legen wir nun die Folie einer längeren Zeitperspektive über das Qualifikationsystem: Die Reduzierung qualifizierter Voll-Erwerbsarbeit mit hohem Qualifikationsbedarf wird sich weiter fortsetzen. Die alte Arbeit wird im Leben der Mehrheit nur noch eine randständige Rolle spielen. Jedoch: Das Qualifikationsystem bereitet auf diese neue Situation nicht vor. Es beordert die künftige Generation daher in eine Sackgasse.

* Legen wir nun die Folie der erforderlichen Neugestaltung der Arbeits- und Soziallandschaft über das Qualifikationsystem. Die Erweiterung des Arbeitsbegriffs, die Schaffung eines "dritten Sektors" der Ökonomie, die Anerkennung von Nichterwerbsarbeit, die Schaffung von Grundsicherungen sind die einzige Alternative gegen ein Auseinanderbrechen der Gesellschaft. Das Qualifikationssystem müßte die Menschen für diese Neukombination von Arbeit, Tätigkeit, kulturellem und öffentlichem Engagement qualifizieren. Jedoch: Es arbeitet genau gegenläufig, indem es die Konzentration auf die hochwertige, vom Umfang her zur Ausnahme werdende Erwerbsarbeit verstärkt.

* Legen wir nun die Folie des gesellschaftlichen (nicht nur vom Markt ausgehenden) Bildungsbedarfs über das Qualifikationssystem. Da zeigt sich, daß ein gewaltiges Defizit an Qualifikationen besteht, die in den Bereichen der lebensweltlichen Arbeit, der Freizeit, des Konsums, des Umgangs mit Natur und Mitmensch, der öffentlichen Angelegenheiten, der Organisierung von Projekten zur Steigerung der Lebensqualität fruchtbar werden könnten. Das Bildungssystem hätte die Chance, zum wissensmäßigen und qualifikatorischen Rückgrat einer neuen Menschenfreundlichkeit, Gemeinnützigkeit und Konvivialität, einer intelligenten Organisierung der täglichen Lebensprozesse, einer kulturellen Explosion von unten, zu werden.

Ein bedachter und qualifizierter Umgang mit Natur und Umwelt, eine größere Kompetenz im Bereich der Gestaltung von Alltagsbeziehungen, eine fundierte kulturelle Basis für einen mit sozialem und kulturellem Wissen angereicherten Umgang mit (Frei-)Zeit, Waren und Kommunikation, ein bewußteres, marktsteuerndes Konsumverhalten, eine andere Nachfragestruktur nach Medienangeboten, all dies könnte die Gesellschaft beträchtlich humanisieren. Das Bildungssystem würde auf diese Weise den Anspruch einlösen, Lernprozesse für das (ganze) Leben und nicht nur für das am meisten entfremdete Fragment anzubieten. Jedoch: Die herrschende Sichtweise ignoriert diesen Bedarf und setzt auf den aufgezehrten Grenznutzen der Marktökonomie.

* Legen wir schließlich über das Qualifikationsystem noch die Folie seiner eigenen Zerstörungskraft, so zeigt sich, daß ein mächtiger Rationalisierungs- und Privatisierungsschub lebenswichtige Inhalte des alten Bildungssystems liquidiert: Weisheitswissen, Wertewissen, Organisierungswissen, Gegenwissen, Wissen über Gesellschaft und Staat, Kunst und Kultur, Philosophie, die vielfältigen Dimensionen des Seins. In einer Zeit, in der genau diese Qualifikationen den Reichtum der Menschheit (wie des Individuums) vermehren könnten und in der erstmals, wegen des rapide sinkenden Volumens an entfremdeter Job-Arbeit, die Verbreiterung und Verallgemeinerung eines Bildungsansatzes jenseits entfremdeter Nützlichkeit real möglich wäre, wird ein überholtes Paradigma vergöttert.

Der Autor ist Professor für Arbeits- und Sozialrecht und Abgeordneter zum Salzburger Landtag.

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