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Digital In Arbeit

Veränderte Bedürfnisse

Wenn man versucht, Entwicklungstendenzen für die Arbeitswelt von morgen vorauszusagen, erscheint es ratsam, die Erfahrungen der Vergangenheit mit-einzubeziehen, konkrete erste Ergebnisse neuer Entwicklungen zu berücksichtigen und vor allem nur mittelfristige Zeiträume zu betrachten. Längerfristige Betrachtungen fallen meines Erachtens in den Bereich der Spekulation oder Vision.

Wenn man die bisherigen Entwicklungen in der Arbeitswelt ganz kurz und global zusammenfassen möchte, so könnte man vereinfacht sagen, daß die humanen Aspekte in der Arbeitswelt immer stärker in den Vordergrund treten. Dies ist die logische Konsequenz aus der Erkenntnis, daß die Arbeit nun einmal ein wesentliches Lebenselement des Menschen darstellt und seine Persönlichkeit prägt.

Arbeitsplatz und Beruf sind heute nicht nur Basis der wirtschaftlichen Existenz, sondern auch zentrale Bereiche der menschlichen Entfaltung und Persönlichkeitsentwicklung. Die Qualität des Lebens wird in hohem Maße von der Qualität des Arbeitslebens bestimmt.

Der Mensch der heutigen Zeit, vor allem auch die Jugend, stellt höhere Ansprüche an die Arbeit. Arbeit soll mehr sein als nur die

Befriedigung von Einkommensund sozialen Schutzbedürfnissen.

Die Frage nach dem Sinn des Lebens und dem Sinn der Arbeit wird intensiver gestellt und höherrangige, vor allem immaterielle Bedürfnisse und anspruchsvollere Arbeitserwartungen treten in den Vordergrund: der Wunsch nach mehr Freiheits- und Verantwortungsspielräumen in der Arbeit, nach mehr sozialen Kontakten und sozialer Wertschätzung sowie nach mehr persönlicher Entfaltung und Anerkennung.

Diese Veränderungen in der Bedürfnisstruktur von den materiellen zu immateriellen Bedürfnissen sind meines Erachtens eine wichtige Veränderung der Rahmenbedingungen, die erheblichen Einfluß auf die Arbeitswelt von morgen haben werden.

Daneben erscheinen schwerpunktmäßig zwei weitere Einflußparameter wesentlich, nämlich weltweite Veränderungen in der Wirtschaftsstruktur und das Eindringen neuer Techniken und Technologien in die Arbeitswelt.

Die meisten westlichen Industriestaaten stecken in einer hartnäckigen Struktur- und Anpassungskrise, wobei neuen Nachfragestrukturen alte Angebotsstrukturen gegenüberstehen.

Deshalb ist — nebenbei bemerkt — auch die von den Arbeitszeitverkürzern immer wieder geäußerte Theorie der Sättigungskrise falsch. Denn es ist nicht so, daß die Bedürfnisse der Menschen von Natur aus begrenzt sind, sondern diese Bedürfnisse wandeln sich ständig, und die ökonomischen Angebotsstrukturen passen sich diesem Wandel nur mit Verzögerung an.

Für die aktuelle Frage der Arbeitszeit bedeutet dies etwa, daß die Frage der Arbeitszeitgestaltung vor allem in Richtung flexibler Arbeitszeitmodelle gesehen werden muß. Aber auch das Ausmaß der Arbeitszeit kann nur differenziert von der Unternehmensebene aus gesehen werden.

Im Grunde ist es ja geradezu grotesk, welch große Unterschiede in Arbeitsinhalt, Arbeitsgestaltung und Bezahlung zwischen einzelnen Berufen, z. B. Krankenschwester/Stahlarbeiter oder Forschungsingenieur/Hilfsarbeiter, bestehen, nur in einem Punkt sind alle gleich, sie haben alle die gleiche (gesetzliche) Arbeitszeit.

Berichte und Publikationen über Chancen und Risken neuer Technologien und ihre Auswirkungen auf die Arbeitswelt füllen heute schon ganze Bibliotheken.

Es geht dabei aber nicht um Zukunftsvisionen, sondern auch in Osterreich um zum Teil bereits sehr handfeste technologische Realitäten.

Was die Entwicklung der nächsten Jahre betrifft, so kann davon ausgegangen werden, daß in Österreich ein Grundkonsens der Sozialpartner besteht, die Basisinnovation und die Techniken, die darauf aufbauen, entsprechend einzusetzen und zu nützen. Unterschiedliche Auffassungen ergeben sich aber bei der Frage der Rahmenbedingungen des Einsatzes, also hinsichtlich Tempo, Intensität und in welchen Bereichen der Einsatz erfolgen soll.

Zu den Rahmenbedingungen hat vor einiger Zeit Peter von Siemens festgestellt, daß „unsere Gesellschaft technische Innovationen nur mit gleichzeitigen sozialen Innovationen durchführen und anwenden werde können, damit die Menschen den äußerlichen Fortschritten auch innerlich gewachsen sind."

Als wichtigste Veränderungstendenzen durch neue Technologien seien vier Schwerpunkte hervorgehoben:

• Die strenge Trennung zwischen Ausbildungsphase und Arbeitsphase wird zweifellos nicht bestehen bleiben, vielmehr wird die Arbeitsphase immer stärker von Lernphasen durchdrungen sein.

• Auch die starren Grenzen zwischen Arbeitszeit und Freizeit werden aufgelockert werden, insbesondere durch das Vordringen flexibler Arbeitszeitmodelle.

• Hinsichtlich der Qualifikation kann mit ziemlicher Sicherheit vorausgesagt werden, daß niedrige und gering qualifizierte Tätigkeiten sowohl in Produktion als auch in Verwaltung abnehmen und hoch- und höchstqualifizierte Arbeitsplätze weit überproportional zunehmen werden.

• Die Erkenntnisse der Arbeitswissenschaft werden verstärkt Eingang in die Gestaltung der Arbeitswelt und der Arbeitsplätze finden. Gesundheitliche Gefährdungen durch neue Technologien werden sich nicht in Form spezifischer Erkrankungen wie bei den klassischen Berufskrankheiten ergeben, sondern mit generellen Symptomen im Sinne von „Befindlichkeitsstörungen" einhergehen.

Diese können fast immer nicht direkt kausal auf die Arbeit allein zurückgeführt werden, sondern es spielen neben der objektiven Belastung am Arbeitsplatz immer auch personen- und situationsgebundene Einflüsse außerhalb der Arbeitswelt eine Rolle.

Der Autor ist Nationalratsabgeordneter und Gesundheitssprecher der OVP. Der Beitrag ist ein Auszug eines Referats vor dem Freiheitlichen Bildungswerk.

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