Digital In Arbeit
Bildung

Lesen, Rechnen -und

1945 1960 1980 2000 2020
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Aktuell vergeht keine Woche, in der nicht weitere digitale Anwendungen offenkundig werden, die menschliche Arbeitskraft -sowohl physische als auch geistige (im Rechtswesen etwa) - ersetzen werden. Ob der Wegfall all dieser Arbeitsplätze zur Gänze kompensiert werden kann, erscheint heute unsicher.

Festzustehen scheint, dass das Ausmaß an Freizeit -beabsichtigte und ungewollte - insgesamt zunehmen wird. Weitgehende Einigkeit besteht darüber, dass verstärkt Berufsfelder an Bedeutung verlieren, andere neu entstehen werden. Diese Entwicklung findet bereits statt. Auch wird daran erinnert, dass die bisherigen industriellen Revolutionen zwar vorerst Einbrüche hinsichtlich der Gesamtzahl der Arbeitsplätze verursacht haben, diese allerdings kompensiert werden konnten und letztlich ein Anwachsen der Beschäftigung und des allgemeinen Wohlstandes mit sich gebracht haben. Es herrschen aber Zweifel darüber, ob dieser "Automatismus" angesichts der beispiellos raschen und alle Gesellschaftsbereiche umfassenden Entwicklung von "Industrie 4.0" wieder in der gewohnten Weise greifen wird.

Als gefährdeter Berufsstand wird etwa jener des Kraftwagenlenkers, des Busfahrers eingeschätzt -weltweit gibt es deren Millionen. Der Beruf des Kraftfahrzeuglenkers ist der letzte "Massenberuf", für den keine mittlere oder höhere Qualifikation verlangt ist. Da das "autonome Fahren" ohne Lenker in naher Zukunft sowohl im Fracht-als auch im Personenverkehr weltweit die Norm sein wird, stellt sich die Frage, in welchen Berufen die in der Regel niedrig qualifizierten Kraftfahrzeuglenker Beschäftigung finden werden.

Wenn "falsch" richtig ist

Die fortschreitende Robotisierung wird den Menschen vom "mechanisch immer Gleichen" weiter entlasten, ihn aber dort verstärkt fordern, wo es darum geht, "falsch" zu reagieren -also "intuitionsgeleitet" anders, als es die Programmierung vorsieht.

"Eine penible Vorbereitung ("Programmierung") hat den einzigen Zweck, im entscheidenden Moment etwas völlig anderes als das Vorbereitete (also das Programmierte) zu tun, nämlich das in diesem Moment einzig richtige"! Jeder, der wie etwa Lehrer oder Dirigenten beruflich mit größeren Gruppen von Menschen kommuniziert, weiß, wovon hier die Rede ist. Durch die Fähigkeit der intuitionsgeleiteten "Falsch-Reaktion" ist der Mensch allen digitalen Maschinen überlegen. "Die Intuition trifft nur einen vorbereiteten Geist", hat der Biologe Louis Pasteur bereits im 19. Jahrhundert konstatiert.

Von noch nie dagewesener Bedeutung wird das gekonnte verbale Kommunizieren, Argumentieren, Legitimieren, Erklären und Rechtfertigen sein -und dies gegenüber Personen, die sich allein schon innerhalb ihrer Gruppe durch extreme Unterschiedlichkeit und Individualität auszeichnen. Diese Fähigkeiten werden unabdingbar sein, um innerhalb der Gesellschaft Vertrauen aufzubauen und zu erhalten -dies besonders angesichts von Vertrauenskrisen, die die "Fake-Kultur" mit sich bringt. Dies wird alle Berufe in den Bereichen Bildung, Medien, Gesundheitswesen, Pflege und andere Dienstleistungen betreffen.

Die Digitalisierung betrifft die Schule auf zumindest zwei Ebenen. Einerseits ersetzt Digitales in steigendem Maße analoge Lehrmittel. Ob Schüler aus einem E-Book lesen oder aus einem traditionellen Buch aus Papier, macht keinen grundlegenden Unterschied. Andererseits kann die Digitalisierung Menschen, auch Lehrer, ersetzen und dennoch eine hoch individuelle fachliche(!) Betreuung der Schüler sicherstellen. Digitale "Lehrpersonen" für Mathematik etwa sind geduldig und verlieren nie die Beherrschung, sie provozieren keine Gewalt, man kann sie x-mal um die Wiederholung einer Erklärung bitten, inklusive eines langsamen Sprechtempos -Stichwort Lernvideo. Man kann digitale Lehrpersonen nicht beleidigen, sie ihrerseits können Schüler nicht beschämen. Wie sich dies mit dem gesetzlich normierten Erziehungsauftrag der Schule vereinbaren lässt, ist eine zentrale Frage, auf die noch keine werthaltigen Antworten gefunden worden sind.

Der neue Einstein

Die Digitalisierung kann je nach Anwendung der Bildung ein noch nie dagewesenes Maß an Demokratisierung bringen. "Wenn der neue Albert Einstein ein Jugendlicher im afrikanischen Busch ist, der einen Laptop und ein Solarpanel besitzt, dann wird er entdeckt werden", sind Experten überzeugt. Die Digitalisierung der Bildung kann aber auch zu einer totalen Entpersönlichung und "Autistisierung" von Bildung führen, die nicht einmal mehr Spuren des Erlernens des "sozialen Miteinanders" übrig lässt. Auch die konkrete Gefahr einer Spezialbildung ohne jede Allgemeinbildung ist evident.

Es wurde versucht, aus allen seit April 2016 verfügbaren Quellen herauszufiltern, welche meist bereits im Alter zwischen 0 und 15 Jahren grundzulegenden Aspekte von Wirtschafts-und Zukunftsexperten einhellig als zentral bedeutend zur Bewältigung der gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen der von der Digitalisierung und Robotisierung geprägten "Zukunft 4.0" eingeschätzt werden:

Grundfähigkeiten: Lesen, Schreiben und Rechnen -zum Erlangen einer kritisch-realistischen Weltsicht, der Fähigkeit zur Abstraktion und damit zur demokratischen Teilhabe sowie zu orientiertem Planen der Zukunft.

Überblicks-und Kombinationsfähigkeit: zum qualifizierten Erkennen, Orientieren, Werten, Planen und Handeln -dies ganz besonders auch in Anbetracht des regionalen und globalen Klimawandels mit Blick auf künftige Generationen.

Ein soziales, also ein "Menschen verbindendes" Fühlen, Denken und Handeln: zur Sicherung des Gemeinsamen, zur Vermeidung von Einsamkeit und gesellschafts-und selbstzerstörendem Autismus und Egoismus in Privat-und Berufsleben.

Feinmotorische Fähigkeiten, Handwerkslehre NEU, das Ineinanderfließen künstlerischer, manueller und digitaler Aspekte: für Traumberufe, für eine sinnerfüllte Freizeit und zur lustvollen und erfolgreichen Bewältigung geistig/manueller/künstlerischer/digitaler Herausforderungen (Mechatronik!).

Kreativität & Innovationsinteresse: noch nie Dagewesenes (er)denken und tun, zum Entdecken des "immer Neuen im Ich &Du" und zum Erdenken und zur Bewältigung von noch niemals Dagewesenem (Literatur, Musik, Bildende Kunst, Sprachen, Sport!).

Selbstgeleitete Flexibilität: nötige Änderungen seismografisch eigenständig vorab spüren, dieses "Spüren" analysieren und das Tun danach ausrichten.

Mehrberuflichkeit: zur persönlichen Zukunftssicherung, aber auch für eine sinnerfüllte Freizeit mehrere traumberufrelevante Interessen nutzen und (aus)bilden.

Die Ambition, Gestaltungsverantwortung und berufliche Risiken zu übernehmen: unbeirrt vom Zeitgeist den "Gestalter &Unternehmer" in sich entdecken und risikobewusst tätig "wirken" lassen.

Umfassendes passives und aktives digitales "Auskennen", Programmieren: das kritische Erkennen dessen, was das Digitale mit uns macht und für künstlerisches/kreatives/technisches und sonstiges Gestalten in Beruf und Freizeit.

In den angeführten neun Aspekten finden sich sowohl die Anforderungen der Wirtschaft und der Digitalisierung als auch die "klassischen Bildungsziele": Lesen, Schreiben, Rechnen, ein positives Sozialverhalten, motorisch/manuelle Fähigkeiten, künstlerisch/musisches Wissen und Können, das Welterkennen durch Überblick, die Bildung von kritischer Intelligenz -"inter-legere", also zwischen den Zeilen und zwischen den Computerchips "lesen" - Verantwortlichkeit, Kreativität - also Mündigkeit.

Die Balance von digital und analog

Der Schlüssel zu diesen neun Aspekten findet sich in der frühen Lebensphase (bis etwa sechs Jahre), da hier die Interessenfähigkeit der Kinder am umfassendsten grundgelegt werden kann. Testregimes, Verschulung der Frühbildung und Portfolios im Kindergarten sind diesem Ziel hinderlich. Menschliche Zuwendung, Geduld und das gleichsam "absichtsfreie, zwanglose, uninsistierende Bekanntmachen" junger und jüngster Menschen mit allem, was Interesse wecken könnte, ist hier ein erfolgversprechender Weg -dies besonders auch in Hinblick auf die Berufsorientierung.

Der "Aufmerksamkeitsspeicher" sehr junger Kinder, die "wandelnde Entwicklungspotentiale" verkörpern, bietet weit mehr freien Raum als jener der Halbwüchsigen, deren Aufmerksamkeit bis zu rund 50 Prozent durch Inhalte gebunden sein kann, die via Smartphone ankommen. Auch aus diesem Grund ist zu später Berufsorientierung heute oft wenig nachhaltiger Erfolg beschieden. Menschen, die ihre Profession als "Traumberuf" bezeichnen, berichten mit überwältigender Mehrheit von prägenden, von "zufälligen" Anregungen in ihrer frühesten Kindheit.

Allgemeinbildung kann so zu einer humanen allgemeinen Lebens-,Freizeit-und Berufsfähigkeits(aus)bildung im besten Sinne werden. Voraussetzung dafür ist, dass es in allen Gesellschaftsbereichen gelingt, das Digitale und das Analoge in einer menschenzentrierten Balance zu halten.

Der Autor ist Koordinator eines 100köpfigen informellen Teams, das an einem "Bildungsplan Österreich 2030" arbeitet