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Klüger werden

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Belebend - © Foto: iStock/baona

Bildung: belebend und befreiend

1945 1960 1980 2000 2020

Ausbildung mag die finanziellen Mittel für den Lebensunterhalt liefern, doch erst Bildung schafft ein gutes Leben und macht den Menschen zum Menschen. Ein Essay über das "Lebensmittel Bildung", dem das 10. Symposion Dürnstein gewidmet ist.

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Ausbildung mag die finanziellen Mittel für den Lebensunterhalt liefern, doch erst Bildung schafft ein gutes Leben und macht den Menschen zum Menschen. Ein Essay über das "Lebensmittel Bildung", dem das 10. Symposion Dürnstein gewidmet ist.

Im Wiener Tiergarten ist zu Neujahr ein kleiner Wasserbüffel auf die Welt gekommen. Wenige Stunden nach der Geburt ist er schon auf seinen vier Beinen unterwegs, und wenn der Sommer zu Ende ist, wird er bereits ein respektables Jungtier sein. Bis menschliche Neujahrsbabys laufen können, wird ein gutes Jahr vergehen, und Jugendliche sind sie erst in rund eineinhalb Jahrzehnten.

Kleine Menschen sind Traglinge, angewiesen auf Schutz und Hilfe. Wenn sie auf die Welt kommen, ist vieles noch im Werden. Das Gehirn zum Beispiel ist erst rund zwei Jahrzehnte nach der Geburt weitgehend ausgebildet, und es bleibt plastisch, also lernfähig, bis zum Ende des Lebens, anpassungsfähig im Jargon der Biologie. Diese Plastizität macht Menschen auch fähig, Krisen wie die derzeitige zu meistern – vorausgesetzt allerdings, sie erhalten menschengerechte Bildung. Mit anderen Worten: Menschen brauchen Bildung, damit sie Menschen werden.

Im Wiener Tiergarten ist zu Neujahr ein kleiner Wasserbüffel auf die Welt gekommen. Wenige Stunden nach der Geburt ist er schon auf seinen vier Beinen unterwegs, und wenn der Sommer zu Ende ist, wird er bereits ein respektables Jungtier sein. Bis menschliche Neujahrsbabys laufen können, wird ein gutes Jahr vergehen, und Jugendliche sind sie erst in rund eineinhalb Jahrzehnten.

Kleine Menschen sind Traglinge, angewiesen auf Schutz und Hilfe. Wenn sie auf die Welt kommen, ist vieles noch im Werden. Das Gehirn zum Beispiel ist erst rund zwei Jahrzehnte nach der Geburt weitgehend ausgebildet, und es bleibt plastisch, also lernfähig, bis zum Ende des Lebens, anpassungsfähig im Jargon der Biologie. Diese Plastizität macht Menschen auch fähig, Krisen wie die derzeitige zu meistern – vorausgesetzt allerdings, sie erhalten menschengerechte Bildung. Mit anderen Worten: Menschen brauchen Bildung, damit sie Menschen werden.

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Dieser Anspruch ergibt sich aus ihrer soziobiologischen Situation und ist im Artikel 26 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 festgeschrieben. Jeder Mensch hat das Recht auf Bildung, auf Schulbildung und auf Bildung im umfassenden Sinn. Erst Bildung macht Menschen zu Menschen. Shakespeare, den Unterschied zwischen Mensch und Tier betonend, schrieb: „Allow not nature more than nature needs, Manʼs lifeʼs as cheap as beastʼs“ – gewährt man Menschen nur, was ihre Körper brauchen, hält man sie wie Vieh.

Geist „in gehöriger Richtung“

Bildung heißt, so das Wörterbuch Adelung (1793), „den Fähigkeiten des Geistes und Willens die gehörige Richtung geben. Eines Herz, eines Gemüth bilden.“ Bildung ist die Formung menschlicher Fähigkeiten in „gehöriger Richtung“ – mit anderen Worten: Bildungsziele werden von Erwartungen und Vorstellungen der Gesellschaft bestimmt, damit die so Gebildeten dann auch „gehörig“ seien. Das wechselte sehr stark und orientierte sich an der Oberschicht. Das antike Bildungsideal verband Schönheit und gutes Handeln, kalokagathía.

Die war freilich Männersache: In den Gymnasien der griechisch sprechenden Welt zwischen Sizilien und Kabul betrieb man Gymnastik und philosophierte gemeinsam. Im frühen Mittelalter galt für Männer als Ideal, ehrenhaft und ein guter Reiter und Kämpfer zu sein. Schreiben und Lesen waren lange Zeit etwas für Subalterne oder Kleriker. Erst mit der Renaissance war Lesen ein Zeichen der Distinktion – wie an dem Grabmal des Doncel, eines Jakobsritters, in der Kathedrale von Sigüenza (Spanien) zu sehen: Der Ritter liegt in bequemer Stellung und liest ein Buch.

Genau genommen ist es eine Schande, auf die Nützlichkeiten von Bildung hinzuweisen. Denn Bildung und Kultur machen vor allem Freude.

Kenntnisse und Ausbildung werden wichtiger, je mehr Staaten ab dem 17. Jahrhundert auf Handel, industrielle Produktion und daher auch Verwaltung setzen. Die Einführung der allgemeinen Schulpflicht in Österreich 1774 unter Maria Theresia soll der Konkurrenzfähigkeit des österreichischen Staates dienen. Mit dem Aufstieg des Bürgertums wird Bildung verstärkt zu einem Medium der Distinktion: Bildungsreisen etwa nach Italien sind eine Frage des Geldes.

Bildung, so Wilhelm von Humboldt, ist mehr als Ausbildung. Wer durch Unterricht zum aufgeklärten, mündigen, autonomen Menschen und Weltbürger geworden ist, wird auch im Beruf gut und flexibel sein können. Bildung bedeutet für Humboldt Weltoffenheit als Lebensvollzug: Es gelte, „so viel Welt als möglich in die eigene Person zu verwandeln“, so Humboldt 1793. Frauen im allgemeinen und Industriearbeiterinnen und Arbeiter im Besonderen mussten sich allerdings den Zugang zur Bildung erst erstreiten. Die Arbeiterbewegung verstand sich auch als Bildungsinitiative.

Aus ihr entstanden Volkshochschulen und Erwachsenenbildung – durchaus mit kritischem Anspruch: Bert Brechts „Fragen eines lesenden Arbeiters“ (1935) richteten sich an die Sieger der Geschichte und damit an den Kanon des Bildungsbürgertums. Lesen, Schreiben und Rechnen gehören heute und hierzulande zu den Minimalerfordernissen. Über die Effizienz dieser Ausbildung soll zum Beispiel die Pisa-Studie Auskunft geben, die Fertigkeiten in verschiedenen Abstufungen überprüft. Die klassischen Hacke-und-Schaufel-Jobs werden in der postindustriellen Informationsgesellschaft immer weniger.

Ohne gehobene Kenntnisse des Lesens, Schreibens und Rechnens sind Menschen zu einer Existenz am Minimum verurteilt. Im Prekariat leben jedoch auch viele Kulturwissenschafter und Kulturschaffende. Kultur ist in der postindustriellen Industriegesellschaft eine Randerscheinung, auch wenn Kultur – Orchester, Opernhäuser, Museen, Theater, Jazzensembles, Blaskapellen usw. – als Wirtschaftsfaktor in der EU vor der Pharma-Industrie liegt. Doch Kultur gilt nicht als wirtschaftlicher Schlüsselfaktor, wie die Monate des Covid-19-Lockdowns zeigen. Das ist kein Zufall.

Bildung wird als Ausbildung verstanden, in der Grundschule genauso wie auf den Universitäten. Hier soll marktkonformes Personal formatiert werden, Schrauben und Bolzen für den Betrieb, wie Politiker-Statements belegen. Kultur als Form der intellektuellen und affektiven Reflexion, der Schulung von Wahrnehmung und des Ausdrucks, als Performance eines sinnvollen und begeisterten Lebens soll abgewickelt werden – Bildung ist nicht „systemrelevant“.

Bildung und Zukunft

Ausbildung mag unter Umständen die finanziellen Mittel für den Lebensunterhalt liefern, doch erst Bildung schafft Lebensqualität und ein gutes Leben. Man weiß schon seit Langem, dass Bildung und Kultur nützlich sind: Gesundheit ist abhängig vom Bildungsniveau. Musik gibt Halt und Disziplin und fördert Lernfähigkeit und Lernerfolg. Körperliche Bewegung – Tanz – unterstützt Denken und Kreativität. Literatur fördert Kommunikationsfähigkeit. Genau genommen ist es eine Schande, auf die Nützlichkeiten von Bildung hinzuweisen. Denn Bildung und Kultur machen vor allem Freude, und sie sind grundlegend als Menschenrechte festgeschrieben.

Das Recht auf Kultur fehlt jedoch in der österreichischen Verfassung, weswegen es eingeklagt werden muss. Ebenso ist trotz der Ratifizierung der Kinderrechtskonvention durch den österreichischen Staat nicht einmal eine anständige Ausbildung für alle Kinder und Jugendliche zugänglich. Das gilt ganz besonders für Kinder, deren Eltern zugewandert sind. Zudem ist die Zukunft sehr ungewiss: Kommt ein globaler Kollaps durch die Klimakrise? Werden Arbeitskräfte durch den Einsatz von Robotern überflüssig? Muss der größte Teil der Gesellschaft in prekären Verhältnissen leben?

Bisher hat Arbeit dem Leben Sinn gegeben – woher kommt der Lebenssinn, wenn es keine Arbeit mehr gibt? Welche Fähigkeiten müssen Menschen lernen, um in einer unsicheren Welt zu überleben? Diese Frage haben sich Forscher des Gottlieb-Duttweiler-Instituts in der Schweiz gestellt. Ihre Antworten sind überraschend und einfach. Wichtig ist, zu wissen, was man nicht weiß, sowie die Fähigkeit, rasch Neues lernen zu können. Digitale Kenntnisse sind genauso wichtig wie handwerkliche Kompetenzen und Wildniswissen. Gefordert sind Introspektion und Kreativität, Selbstwirksamkeit und die Fähigkeit, gemeinsam zu handeln. Um Shakespeare zu paraphrasieren: Bildet man Menschen nur zu dem, was nützlich ist, dann nutzt man sie als Sklaven. Bildung dagegen befreit.

Die Autorin ist Philosophin, Autorin und Kuratorin des Symposions Dürnstein.

Fakt

Hinweis

Das 10. Symposion Dürnstein findet heuer coronabedingt online statt – und kostenlos. Von 4. bis 6. März diskutieren namhafte Referent(inn)en über das „Lebensmittel Bildung“, darunter Schriftsteller Michael Köhlmeier, Historiker Timothy Snyder, Pianist Florian Krumpöck, Soziologin Gabriele Klein, Philosoph Christoph Paret und Biologe Sebastian Pfütze.
Weitere Informationen und Anmeldung unter www.symposionduernstein.at

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