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Einfach komplex

goethe & ich - „Goethe hat mit der Menschheit zu tun, mit einer Gedankenwelt und einer ästhetischen Welt, die allgemein relevant ist.“ - © gettyimages
Religion

„Was hat Goethe mit mir zu tun?“

1945 1960 1980 2000 2020

Der Islamwissenschaftler und Essayist Thomas Bauer ortet die globale Abnahme von „Ambiguitätstoleranz“, der Fähigkeit von Gesellschaften, unterschiedliche Meinungen und Anschauungen auszuhalten.

1945 1960 1980 2000 2020

Der Islamwissenschaftler und Essayist Thomas Bauer ortet die globale Abnahme von „Ambiguitätstoleranz“, der Fähigkeit von Gesellschaften, unterschiedliche Meinungen und Anschauungen auszuhalten.

Mit seinem Buch „Die Kultur der Ambiguität“ machte der Münsteraner Islamwissenschaftler Thomas Bauer 2011 Furore: Bauer zeigt in seiner Studie die „Ambiguitätstoleranz“ des vormodernen Islam auf, das heißt die Fähigkeit dieser Religion, mehrere Interpretationen religiöser Texte und Sachverhalte zuzulassen und auch anderen Kulturen gegenüber tolerant zu sein. Heute allerdings, so Bauers Conclusio, schwindet die Ambigutitätstoleranz in der islamischen Welt massiv. In seinem Essay „Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt“ (2018) übertrug Bauer seine Erkenntnisse auf globale kulturelle Phänomene der Gegenwart. Dafür wurde der Autor im Vorjahr auf dem Philosophicum Lech mit Essay-Preis „Tractatus“ ausgezeichnet.

Mit seinem Buch „Die Kultur der Ambiguität“ machte der Münsteraner Islamwissenschaftler Thomas Bauer 2011 Furore: Bauer zeigt in seiner Studie die „Ambiguitätstoleranz“ des vormodernen Islam auf, das heißt die Fähigkeit dieser Religion, mehrere Interpretationen religiöser Texte und Sachverhalte zuzulassen und auch anderen Kulturen gegenüber tolerant zu sein. Heute allerdings, so Bauers Conclusio, schwindet die Ambigutitätstoleranz in der islamischen Welt massiv. In seinem Essay „Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt“ (2018) übertrug Bauer seine Erkenntnisse auf globale kulturelle Phänomene der Gegenwart. Dafür wurde der Autor im Vorjahr auf dem Philosophicum Lech mit Essay-Preis „Tractatus“ ausgezeichnet.

Thomas Bauer - © Foto:  Julia Holtkötter / Exzellenzcluster „Religion und Politik“  Universität Münster

Thomas Bauer

Thomas Bauer, geb. 1961 in Nürnberg, ist Professor für Islamwissenschaft an der Universität Münster. Er forscht zu arabischer Literatur und zur Kulturgeschichte der arabischen Welt von vorislamischer Zeit bis zum Beginn der Moderne.

Thomas Bauer, geb. 1961 in Nürnberg, ist Professor für Islamwissenschaft an der Universität Münster. Er forscht zu arabischer Literatur und zur Kulturgeschichte der arabischen Welt von vorislamischer Zeit bis zum Beginn der Moderne.

DIE FURCHE: Vor 25 Jahren hat der Soziologe Peter Gross den Begriff der „Multioptionsgesellschaft“ geprägt. Das deutet darauf hin, dass man meint, es gebe eine große Vielfalt, man habe die Freiheit, aus allem auszusuchen, was einem am besten behage etc. Ein Vierteljahrhundert später konstatieren Sie das Gegenteil: Die Vielfalt geht zurück.
Thomas Bauer: Es stimmt, dass wir heute eine enorme Vielfalt an Konsummöglichkeiten haben. Wir leben in einer kapitalistischen Gesellschaft, und die bietet uns alle denkbaren Konsummöglichkeiten. Andererseits streben die Menschen heute nach Eindeutigkeit – was die Meinungen wie auch was ihre Optionen im Leben betrifft. Die Meinungen werden, weil die Mentalität der Menschen eben nicht nach Offenheit und Vielfalt strebt, beschränkt.

DIE FURCHE: Ist das ein allgemeiner kultureller Trend oder fokussiert sich der auf bestimmte Gesellschaften?
Bauer: Wir erleben einen Rückgang an Ambiguitätstoleranz, eine zunehmende Verbissenheit und den Wunsch nach Eindeutigkeit seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in weiten Teilen der Welt. Es fing in Europa an, weil das 19. Jahrhundert auch das Zeitalter der Ideologien sowie des Imperialismus und Kolonialismus war. Fast die ganze Welt musste sich dazu irgendwie verhalten und hielt dem immer eindeutigere Positionen entgegen. Im 19. Jahrhundert findet man etwa im Katholizismus eine immer stärkere Zentralisierung und Regelung von oben. Das kulminiert dann im Ersten Vatikanischen Konzil mit dem Unfehlbarkeitsdogma. Die gleiche Entwicklung sieht man im Islam, wo die Vielfältigkeit der Koranauslegungen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts immer stärker abnimmt hin zu immer fundamentalistischeren Positionen, der merkwürdigen Idee, man könne einen heiligen Text „wörtlich“ verstehen. Das sind Parallelentwicklungen, die es heute in der ganzen Welt gibt, auch in Religionen wie dem Buddhismus oder Hinduismus nehmen radikale, nationalistische Kräfte zu. Wir sehen es auch in der Politik, wo in verschiedenen Ländern Journalisten sagen: Das ist ein gespaltenes Land. Es gibt aber so gut wie keine „ungespaltenen“ Länder mehr.

DIE FURCHE: Haben sich die Spaltungen zuletzt stärker akzentuiert oder nimmt man sie einfach stärker wahr?
Bauer: Es gab immer ein sehr breites Spektrum an Überzeugungen, aber gleichzeitig eine viel breitere Toleranz, das auch hinzunehmen. Die abweichende Meinung wird aber heute – nach dem Ende des Zeitalters der Höflichkeit – sofort durch Shit­storms sanktioniert, ich muss nur an den amtierenden US-Präsidenten erinnern. Doch auch innerhalb unserer Länder hat sich das Meinungsklima sehr verschärft: Die kompromissbereite Mitte nimmt ab.

DIE FURCHE: Großinstitutionen sind in der Krise, auch sogenannte Volksparteien, die in sich eine Ambiguitätstoleranz hatten, wo es bei Christdemokraten wie Sozialdemokraten einen „linken“ und einen „rechten“ Flügel gab, die miteinander koexistieren konnten.
Bauer: Heute legt man viel Wert auf sehr eindeutige Positionen. Das sieht man am unglaublichen Aufschwung populistischer Parteien, die vor allem aus dem Impetus heraus existieren, gegen alle anderen zu sein. Das eigentliche Drama ist, dass sich populistische Parteien erlauben können, was sie wollen; man wählt sie ja nur, weil man gegen die anderen ist. Je schlechter sie sich benehmen, desto mehr Sympathien bekommen sie. Parteien, in denen eine Abwägung, ein vernünftiger Diskurs über Positionen stattfindet, erscheinen zunehmend als unattraktiv. Das gilt auch für die Politik als Ganzes, weil Politik Abwägen, Kompromiss erfordert. Und da kann ein Politiker nicht immer „authentisch“ sein, wie es so oft gefordert wird. Denn die Demokratie ist darauf angewiesen, dass Politiker Kompromisse eingehen, dass sie manchmal auch Dinge machen, die sie als Privatperson nicht tun oder sagen würden.

Die abweichende Meinung wird heute – nach dem Ende des Zeitalters der Höflichkeit – sofort durch Shit­storms sanktioniert.

DIE FURCHE: Wenn sie da den Populismus ansprechen: Darunter sind ja wesentlich Proponenten der Neuen Rechten, die schon vor mehr als 20 Jahren den „Ethno­pluralismus“ propagierten, der ja zumindest im Wortsinn für Vielfalt eintritt, gemeint ist da ein Nebeneinander vieler Ethnien.
Bauer: Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es zu einer Verhärtung von Begriffen., die es in der Geschichte so nicht gab, etwa die starke Normierung und Überwachung hat es vorher so nie gegeben. Man hat dann aber gemerkt, dass diese Kategorisierung, diese binäre Festlegung in A und B in der Natur nicht funktioniert. Wie schafft man aber trotzdem Eindeutigkeit und löst diese „Kästchenbildung“ auf? Man sucht sich einzelne Kästchen und versucht, innerhalb dieser Eindeutigkeit zu haben, und lässt die Kästchen, weil es nicht anders geht, nebeneinander bestehen. Das zeichnet diesen Ethnopluralismus aus: Die Menschen werden in Kulturen eingeteilt, die besser keinen Kontakt miteinander haben; das hatten wir auch schon bei Wissenschaftlern im Dritten Reich. Dann kann jedes Kästchen, jede Kultur sich in sich selbst entfalten. Das ist nur eine etwas andere, subtilere Methode, Eindeutigkeit zu erreichen. Vielfalt dagegen bedeutet immer, dass es ein Spektrum, ein Kontinuum gibt und keine Kästchen.

DIE FURCHE: Sie haben Ihre Überlegungen über Ambiguitätstoleranz zuerst am Beispiel des Islams entwickelt. Aber wie sich der Islam heute darstellt, scheint diesen Überlegungen entgegenzustehen.
Bauer: Seit ich 1980 anfing zu studieren, hat sich einerseits vieles in islamischen Gesellschaften verändert – hin zu einer noch stärkeren Ideologisierung. Die Ideologisierung war ja durch die politischen Verhältnisse längst angestoßen. Zum anderen hat sich auch unser Bild vom Islam stark verändert, 1980 war es noch lange nicht so islamfeindlich wie heute. Man kannte den Islam von Karl May, von 1001 Nacht und vielleicht noch von Goethes West-östlichem Divan. Und dann gab es noch ein paar türkische Gastarbeiter, die man aber als Türken und nicht als Muslime wahrgenommen hat. Das Islam-Bild hat sich zuerst im Gefolge der Islamischen Revolution im Iran 1979 stark verändert und dann vor allem nach dem Zusammenbruch des Ostblocks. Es kam aber nicht dazu, dass die Rüstungsausgaben in der ganzen Welt rapide gesunken sind, weil der Erzfeind weg war. Man hat einen neuen Feind gesucht und diesen dann in alter imperialistischer Tradition im Nahen Osten und in islamischen Ländern gefunden. Das bedingte eine komplizierte Wechselwirkung. Der islamistische Terrorismus kam erst durch den Afghanistan-Konflikt in die Gänge. Das heißt, islamische Gesellschaften haben sich sehr zu ihrem Nachteil, aber nicht ganz ohne Schuld äußerer Einflüsse entwickelt. Sie sind heute von der Ambi­guitätstoleranz des klassischen Islams so weit weg wie nie zuvor.

DIE FURCHE: Ist es in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Konstellation nicht sehr schwer, das Bild eines ambiguitätstoleranten Islams zu vertreten, angesichts der Entwicklung in den islamischen Ländern sowie der spiegelbildlichen Uniformierung in der Ablehnung durch den Westen?
Bauer: Wenn man heute etwas zum Islam sagt, bekommt man einen Shitstorm. Es ist inzwischen egal, was man sagt. Das Klima ist auf eine unglaubliche Weise aufgeheizt. Dennoch hat man als Wissenschaftler die Verantwortung, darauf hinzuweisen, wie vielfältig die Literatur in islamischen Gesellschaften der Vormoderne war, man war überhaupt nicht „religiös“ oder engstirnig. Oder darauf hinzuweisen, wie vielfältig Korankommentare waren, die nie beanspruchten, eine eindeutige Bedeutung eines Koranverses festzulegen; oder dar­auf wie das ganze Rechtssystem auf der Basis von Meinungsverschiedenheiten akzeptiert wurde etc. Darauf muss man hinweisen – auch wenn es den Leuten nicht gefällt. Inzwischen glaubt man ja Wissenschaftlern auch nicht mehr. Man glaubt ja eher seinen eigenen Gefühlen. Das ist auch ein Problem.

DIE FURCHE: Sie haben verschiedenen Soziale Medien mit ihren Shitstorms angesprochen: Wie beurteilen Sie deren Rolle?
Bauer: Die Vorstellung: Wenn nur alle Menschen miteinander vernetzt sind, wird sich mehr Demokratie und Meinungsvielfalt durchsetzen, hat sich in ihr Gegenteil verkehrt. Die „Internetblase“ ist zur Selbstverständlichkeit geworden. Wenn die Menschen Eindeutigkeit suchen, suchen sie Bestätigung durch andere, die dieselbe Meinung vertreten. Und weil man so schnell die Bestätigung findet, sinkt die Bereitschaft, sich mit anderen Argumentationen auseinanderzusetzen – oder ganz einfach die Fähigkeit, sich auf längere Texte zu konzentrieren. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass immer weniger Menschen imstande sind, einen längeren Text konzentriert durchzulesen. Damit schwindet auch die Fähigkeit, abgewogen zu argumentieren.

DIE FURCHE: Welche Möglichkeiten gibt es, dem gegenzusteuern?
Bauer: Das Rezept, das ich vorschlage, das aber auch nur leicht schmerzlindernd ist, ist, in der Erziehung jene Bereiche zu stärken, die nicht auf Effizienz, sondern auf Kreativität ausgerichtet sind – Musik, Kunst, Literatur. Das andere, worüber ich nachdenke, ist: Ist es wirklich sinnvoll, Schüler immer nur mit Texten zu konfrontieren, die genau auf ihr Alter zugeschnitten sind, sodass man davon ausgehen kann, dass sie wirklich alles verstehen? Ich halte in der Erziehung auch die Erfahrung für wichtig, einen Text nicht ganz zu verstehen, dass man nicht alles in der Welt restlos verstehen kann, dass etwas Rätselhaftes bleibt: also nicht immer nur die Selbstbestätigung ermöglichen, sondern auch das Sich-in-Frage-Stellen.

Ich halte in der Erziehung auch die Erfahrung für wichtig, einen Text nicht ganz zu verstehen, dass man nicht alles in der Welt restlos verstehen kann, dass etwas Rätselhaftes bleibt.

DIE FURCHE: Hat das auch damit zu tun, dass man generell zu gegenwartsfixiert ist und sich mit Goethe oder einem Bildungskanon, der vor 50 Jahren noch selbstverständlich war, viel weniger beschäftigt?
Bauer: Der Islamwissenschaftler und Schriftsteller Stefan Weidner spricht von einem „Gegenwartsstau“: Heute passiert so viel, dass man einfach keinen Platz oder keine Zeit mehr hat, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Das führt dann auch dazu, dass man die Dinge, wie sie heute sind, für selbstverständlich hält – für alternativlos, denn: „Es ist ja so.“ Aber alles hat ja eine Geschichte. Wenn man das Islam-Bild und den Islam als Ganzes nimmt, dann muss dieses nicht notwendigerweise so sein, wie es jetzt ist: Es war einmal auch schon anders.

DIE FURCHE: Gleichzeitig wird immer wieder auch ein Trend zur Individualisierung konstatiert.
Bauer: Ein Grundübel der Ambiguitätsvernichtung ist die Ich-Fixiertheit: Was hat das mit mir zu tun? Das Ich ist in dieser komplexen, widersprüchlichen Welt, aus der man weg will, die letzte Bastion, bei der man glaubt, Sicherheit zu finden. Das ist natürlich eine Illusion. Wenn man sich ganz darauf konzentriert, dann bin ich selber das authentische Ich, und dieses fragt sich dann: Was hat denn Goethe mit mir zu tun – der ist ja schon lange tot? Aber Goethe hat mit der Menschheit zu tun, mit einer Gedankenwelt und einer ästhetischen Welt, die allgemein relevant ist. Die Ich-Fixiertheit verhindert so gerade die Einbeziehung der Welt.

DIE FURCHE: Haben Sie eine Hoffnung, dass sich Gesellschaft und Kultur wieder in eine ambiguitätstolerantere Richtung entwickeln?
Bauer: Das Hauptproblem ist, dass wir in einer durch und durch kapitalistischen Welt leben, in der alle Menschen auf die Rolle als Produzent und Konsument festgelegt werden, in der der Konsum eine große Ambiguitätsvermeidungsstrategie darstellt. Das heißt, ich horche in mich hinein nach meinen Bedürfnissen und lasse mir dann die Bedürfnisse auch von der Werbung erzählen. Das mache ich – und bin dann eins mit mir selbst. In der kapitalistisch strukturierten Welt ist die omnipräsente Werbung die größte Umerziehungsstrategie, die es in der Menschheitsgeschichte je gegeben hat. In einer solchen Welt kann sich die Mentalität schwerlich ändern. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt. Interessant ist da zum Beispiel die Diskussion über Künstliche Intelligenz: Da wird einerseits die technische Möglichkeit diskutiert, die sie bietet. Andererseits werden auch ethische Probleme gestellt. Das ist auch gut so. Aber keiner denkt darüber nach, welche Folgen das für die Mentalität der Menschen hat. Maschinen sind nun einmal nicht ambiguitätstolerant. Das heißt also, die ohnehin vorhandene Tendenz zu weniger Ambiguitätstoleranz wird durch etwas wie Künstliche Intelligenz nur noch verstärkt. Darin sehe ich eine Gefahr. Und bin im Moment mit Optimismus eher vorsichtig.

Karl-Josef Kuschel
Buch

Die Vereindeutigung der Welt

Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt
Von Thomas Bauer
Reclam 2018
104 Seiten, kt., € 6,20

Salzburger Hochschulwochen - © Salzburger Hochschulwochen
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Vorlesung

Auf der Suche nach Eindeutigkeit.

Wie die Flucht vor Ambiguität Gesellschaft und Kultur verändert
Vorlesung von Prof. Thomas Bauer, Münster
Mi 31.7., 10.15 • Große Aula der Uni Salzburg
Diskussion dazu: Do 1.8., 10.15–12 • Große Aula
Infos, Anm.: www.salzburger-hochschulwochen.at