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Einfach komplex

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Religion

Weil es einfach nicht einfach ist ...

1945 1960 1980 2000 2020

Vom Maulwurf der Vernunft und von der Wühlmaus des Glaubens: Wie Komplexitätsverschärfungen und Einfachheitssehnsüchte die Diskurse und die Biografien der Gegenwart durchdringen.

1945 1960 1980 2000 2020

Vom Maulwurf der Vernunft und von der Wühlmaus des Glaubens: Wie Komplexitätsverschärfungen und Einfachheitssehnsüchte die Diskurse und die Biografien der Gegenwart durchdringen.

Does it spark joy? Mit dieser sehr simplen Frage bringt Marie Kondo Ordnung in die Dinge. Die 34-jährige Bestsellerautorin aus Japan ist das, was man Lebensberaterin nennt. Sie verspricht Hilfe, wenn es darum geht, das Chaos in den eigenen vier Wänden zu beseitigen. Das führt nicht nur zu millionenfach verkauften Büchern („Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert“, 2011), sondern bescherte ihr 2019 auch eine eigene Serie auf Netflix: Aufräumen mit Marie Kondo. Immer steht die Frage im Raum: Macht es mir Freude? Tut es das, kann der Gegenstand in der Wohnung und im eigenen Leben bleiben – tut er es nicht, soll man sich nicht länger damit belasten.
Netflix surft damit auf der Welle jenes großen Trends, der self-improvement genannt wird: Letztlich geht es ja nicht bloß um Ordnung in den eigenen vier Wänden, sondern im eigenen Leben. Man mag an Kondo et al. zu Recht mehr als nur zwei Fragen stellen, aufschlussreicher als diese Fingerübung der Kritik ist aber wohl der Blick auf die größeren Konstellationen, in denen Kondos Verheißungen so erfolgreich sind. In einer „beschleunigt komplexer werdenden Gesellschaft“, wie Jürgen Habermas zuletzt in einer Vorlesung zu seinem 90. Geburtstag formuliert hat, in einer Welt, die zunehmend als unglaublich komplex, nicht steuerbar, ja chaotisch erlebt wird, arbeitet Kondo mit dem Versprechen der Komplexitätsreduktion: Mag die große Welt noch so unübersichtlich sein – zumindest die kleine Welt der eigenen vier Wände, des eigenen Körpers, des eigenen mindsets ist es nicht: Sie lässt sich verstehen und bewältigen, in Griff und Ordnung bringen.

Silicon Valley – Ibiza – Kirchen

Wie in einer Nussschale greifen hier zwei Bewegungen ineinander, die wohl Signaturen der Gegenwart bilden: verschärftes Bewusstsein für die Komplexität der Welt und Sehnsüchte nach Einfachheit. Beide Bewegungen schreiben sich in Biografien ein, gehen aber weit über individuelle Befindlichkeiten hinaus. Drei zeitdiagnostische Tagesausflüge sollen diese Vermutung anreichern.
Ein erster Ausflug führt ins Silicon Valley zu den großen Technologiekonzernen. Es ist bezeichnend, dass diese aktuell forciert auf künstliche Intelligenz und deep learning setzen und damit das Versprechen der Komplexitätsreduktion für Anwender(innen) verbinden. Dabei geht es präzise nicht bloß um das Lösen komplizierter Probleme, sondern um die Bewältigung von Komplexität. Der Unterschied ist uns aus dem Alltag bekannt: So kompliziert etwa die Salzburger Verkehrsführung für sich ist, komplex wird sie erst durch die anderen Verkehrsteilnehmer, das heißt durch Interaktionen. Google, Apple & Co. setzen hier an, sie sehen ihre Zukunft im Lösen nicht bloß komplizierter, sondern komplexer Probleme: Artifical Intelligence setzt nicht einfach auf bessere Karten – sie soll uns vielmehr rascher ans Ziel bringen, weil sie in der Lage ist, die dynamischen Reaktionen der anderen vorherzuberechnen und in die Routenplanung einzupreisen.
Ein zweiter Ausflug bringt uns in eine Villa auf Ibiza. In ihr wird geradezu exemplarisch sichtbar, wie populistische Politik die Schnittstellen von komplexen Problemlagen und Einfachheitsbedürfnissen bespielt. Ihr Paradigma ist nicht das Verstehen, sondern der Wille, ist nicht die (künstliche oder natürliche) Intelligenz, sondern primär die Fiktion von Souveränität: das Zack Zack Zack. Wenn man nur entschlossen genug draufhaut, so suggeriert der politische Grundgestus des Populismus, lässt sich der gordische Knoten der Weltprobleme schon lösen – oder das Ei des Kolumbus zum Stehen bringen. Das Entschlossen genug ist keine beiläufige Wendung, sondern konstitutiv: Entschlossen genug ist man nur, wenn alle zusammen an einem Strang ziehen. Das Ideal einer Konformität im Fühlen und Wollen übersetzt sich so in die Forderung absoluter Parteidisziplin und nationaler Schulterschlüsse. Pressekonferenzen ohne Rückfragemöglichkeit sind ihr bezeichnendes Sinnbild: Rückfragen würden jene Komplexität wieder sichtbar machen, die die Inszenierung (die vornehmlich über das Bild funktioniert) unsichtbar machen soll.

Does it spark joy? Mit dieser sehr simplen Frage bringt Marie Kondo Ordnung in die Dinge. Die 34-jährige Bestsellerautorin aus Japan ist das, was man Lebensberaterin nennt. Sie verspricht Hilfe, wenn es darum geht, das Chaos in den eigenen vier Wänden zu beseitigen. Das führt nicht nur zu millionenfach verkauften Büchern („Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert“, 2011), sondern bescherte ihr 2019 auch eine eigene Serie auf Netflix: Aufräumen mit Marie Kondo. Immer steht die Frage im Raum: Macht es mir Freude? Tut es das, kann der Gegenstand in der Wohnung und im eigenen Leben bleiben – tut er es nicht, soll man sich nicht länger damit belasten.
Netflix surft damit auf der Welle jenes großen Trends, der self-improvement genannt wird: Letztlich geht es ja nicht bloß um Ordnung in den eigenen vier Wänden, sondern im eigenen Leben. Man mag an Kondo et al. zu Recht mehr als nur zwei Fragen stellen, aufschlussreicher als diese Fingerübung der Kritik ist aber wohl der Blick auf die größeren Konstellationen, in denen Kondos Verheißungen so erfolgreich sind. In einer „beschleunigt komplexer werdenden Gesellschaft“, wie Jürgen Habermas zuletzt in einer Vorlesung zu seinem 90. Geburtstag formuliert hat, in einer Welt, die zunehmend als unglaublich komplex, nicht steuerbar, ja chaotisch erlebt wird, arbeitet Kondo mit dem Versprechen der Komplexitätsreduktion: Mag die große Welt noch so unübersichtlich sein – zumindest die kleine Welt der eigenen vier Wände, des eigenen Körpers, des eigenen mindsets ist es nicht: Sie lässt sich verstehen und bewältigen, in Griff und Ordnung bringen.

Silicon Valley – Ibiza – Kirchen

Wie in einer Nussschale greifen hier zwei Bewegungen ineinander, die wohl Signaturen der Gegenwart bilden: verschärftes Bewusstsein für die Komplexität der Welt und Sehnsüchte nach Einfachheit. Beide Bewegungen schreiben sich in Biografien ein, gehen aber weit über individuelle Befindlichkeiten hinaus. Drei zeitdiagnostische Tagesausflüge sollen diese Vermutung anreichern.
Ein erster Ausflug führt ins Silicon Valley zu den großen Technologiekonzernen. Es ist bezeichnend, dass diese aktuell forciert auf künstliche Intelligenz und deep learning setzen und damit das Versprechen der Komplexitätsreduktion für Anwender(innen) verbinden. Dabei geht es präzise nicht bloß um das Lösen komplizierter Probleme, sondern um die Bewältigung von Komplexität. Der Unterschied ist uns aus dem Alltag bekannt: So kompliziert etwa die Salzburger Verkehrsführung für sich ist, komplex wird sie erst durch die anderen Verkehrsteilnehmer, das heißt durch Interaktionen. Google, Apple & Co. setzen hier an, sie sehen ihre Zukunft im Lösen nicht bloß komplizierter, sondern komplexer Probleme: Artifical Intelligence setzt nicht einfach auf bessere Karten – sie soll uns vielmehr rascher ans Ziel bringen, weil sie in der Lage ist, die dynamischen Reaktionen der anderen vorherzuberechnen und in die Routenplanung einzupreisen.
Ein zweiter Ausflug bringt uns in eine Villa auf Ibiza. In ihr wird geradezu exemplarisch sichtbar, wie populistische Politik die Schnittstellen von komplexen Problemlagen und Einfachheitsbedürfnissen bespielt. Ihr Paradigma ist nicht das Verstehen, sondern der Wille, ist nicht die (künstliche oder natürliche) Intelligenz, sondern primär die Fiktion von Souveränität: das Zack Zack Zack. Wenn man nur entschlossen genug draufhaut, so suggeriert der politische Grundgestus des Populismus, lässt sich der gordische Knoten der Weltprobleme schon lösen – oder das Ei des Kolumbus zum Stehen bringen. Das Entschlossen genug ist keine beiläufige Wendung, sondern konstitutiv: Entschlossen genug ist man nur, wenn alle zusammen an einem Strang ziehen. Das Ideal einer Konformität im Fühlen und Wollen übersetzt sich so in die Forderung absoluter Parteidisziplin und nationaler Schulterschlüsse. Pressekonferenzen ohne Rückfragemöglichkeit sind ihr bezeichnendes Sinnbild: Rückfragen würden jene Komplexität wieder sichtbar machen, die die Inszenierung (die vornehmlich über das Bild funktioniert) unsichtbar machen soll.

Die Existenz von vier Evangelien weist darauf hin, dass die christliche Tradition absolute Ein-Stimmigkeit skeptisch einschätzt.

Ein dritter Kurzausflug führt uns in die Kirchen Europas und Österreichs. Es ist kein soziologisches Spezialwissen nötig um zu sehen, wie sehr sie sich gegenwärtig in Transformationsprozessen befinden, etwa im Übergang zu nachvolkskirchlichen Strukturen. Diese betreffen nicht nur Sozialformen, sondern auch unser Verständnis des Glaubens, wie gerade stärker werdende fundamentalistische und evangelikale Spielarten zeigen: Diese wollen vielfach nicht nur der Welt, sondern auch heiligen Texten ihre Ambivalenzen austreiben – um den Preis, weder den Texten noch den Menschen gerecht zu werden. Allein die Existenz von vier Evangelien ist ein ständiger Hinweis darauf, dass die christliche Tradition den Zug zur absoluten Ein-Stimmigkeit von Beginn an skeptisch einschätzte. Tatsächlich gehört es wohl zu den größten Leistungen theologischer und kirchlicher Meisterdenker, beides zusammengehalten zu haben: das Bekenntnis, das Klarheit erfordert, und das Bewusstsein für die Komplexität des eigenen Glaubens – und es gehört vermutlich zu den größten Herausforderungen der Gegenwart, diese Balance zu halten oder neu zu etablieren.

Jürgen Habermas’ Appell zu mehr Mut

Brechen wir den zeitdiagnostischen Tagestourismus an dieser Stelle ab. Die Ausflüge sollten einen Eindruck davon vermittelt haben, wie Komplexitätsanforderungen und Einfachheitssehnsüchte als Hefen in Diskursen und Biografien der Gegenwart fungieren. Aber die Beobachtung selbst sagt noch nichts darüber, wie damit umzugehen ist. Vielleicht kann man sich diesbezüglich an die simple Überlegung halten, dass man es sich nicht zu einfach machen sollte – und zwar zweifach nicht: weder durch die Desavouierung von Einfachheitsbedürfnissen noch das gebannte Starren auf Komplexitätszumutungen.
Im oben erwähnten Vortrag hat interessanterweise gerade Jürgen Habermas, einer der profiliertesten Anwälte einer komplexitätssensiblen Vernunft, Letzteres deut­lich kritisiert: Allzu oft verkommt der Hinweis auf Komplexität zur ideologischen Ausrede, um nichts ändern zu müssen. Habermas mahnt demgegenüber den Mut zu gestaltender Politik ein und weiß dabei jene Hartnäckigkeit auf seiner Seite, die in seiner Lesart der Rationalität zu eigen ist. Das Bild, das er dafür verwendet, ist von den minimalistisch weißen Wohnträumen Kondos denkbar weit entfernt und so nüchtern wie verschmitzt: „Der Maulwurf der Vernunft ist nur in dem Sinne blind, dass er den Widerstand eines ungelösten Problems erkennt, ohne zu wissen, ob es eine Lösung geben wird. Dabei ist er hartnäckig genug, um sich trotzdem in seinen Gängen voranzubuddeln.“
Mitunter, so ließe sich anmerken, trifft er darin auf die Wühlmaus des Glaubens. Es ist zu hoffen, dass sie sich wechselseitig als Mitstreiter erkennen, wenn es darum geht, die großen Probleme der Gegenwart zu bearbeiten. Zwischen Komplexitätsherausforderungen und Einfachheitssehnsüchten hindurch.

Der Autor ist Fundamentaltheologe an der Universität Salzburg sowie Obmann der Salzburger Hochschulwochen