Kerngeschäft - © iStock/ChrisRinckes (Bildbearbeitung: Rainer Messerklinger)

Krise der katholischen Kirche: Der „Fluch“ des Kerngeschäftes

1945 1960 1980 2000 2020

Egal ob in Linz, Trier, St. Pölten oder Wien: Vielen katholischen Diözesen stehen große Veränderungen in ihrer Struktur bevor. Die Verantwortlichen stehen dabei jedoch vor systemischen Problemen, denen sie nicht einfach entrinnen können.

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Egal ob in Linz, Trier, St. Pölten oder Wien: Vielen katholischen Diözesen stehen große Veränderungen in ihrer Struktur bevor. Die Verantwortlichen stehen dabei jedoch vor systemischen Problemen, denen sie nicht einfach entrinnen können.

Wenn morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Bäumchen pflanzen“, soll Martin Luther gesagt haben. Zwar ist dieses Zitat dem Reformator aus Wittenberg wohl fälschlicherweise in den Mund gelegt worden, doch würden sogar heute noch zahlreiche Unternehmensberater Beifall klatschen.

Nicht zufällig liest man seit Monaten angesichts der Coronakrise über gehäufte Unternehmensfusionen, Verlagerung von Unternehmensprofilen in „neue Bereiche“, über Stärkung regionaler Stand­orte, Neuinvestitionen oder Schritte zu einer veränderten Kundenorientierung. Die Devise einer „Investition in Krisenzeiten“ findet sich wohl nach wie vor auf der To-do-Liste vieler Management­ebenen – in wirtschaftlich renta­blen Zeiten feinsäuberlich in der Schublade verstaut, in kriselnden Momenten schnurstracks wieder auf den Schreibtisch befördert.

Die christlichen Kirchen ticken bekanntlich ein wenig anders. Zwar muss das nach mehr als sechs Jahrzehnten Talfahrt in Mitglieder-, Priester- und Gottesdienstzahlen wohl nicht mehr eigens betont werden, doch fördert besonders die „Dauerkrise“ vieler kirchlicher Bereiche ständig neue Problemfelder einer kränkelnden Institution zutage. Doch das Fazit bleibt: Die „großen“ christlichen Konfessionen scheinen nicht in der Lage, ihre Existenzen aus eigener Kraft zu retten.

Hausgemachte Krisenherde

Dabei ist – das sollte keinesfalls unerwähnt bleiben – ein Großteil der kirchlichen Krisenherde hausgemacht: Nicht die „böse“ Welt von außen hat es in der säkularisierten Gesellschaft auf die christlichen Institutionen abgesehen, vielmehr stolpern die Verantwortlichen immer wieder über eigene Führungsschwäche, mangelnde Transparenz und schlichtweg schwer durchschaubare Entscheidungen, die die Glaubwürdigkeit der gesamten Gemeinschaft schwer schädigen. Die verfassungsrechtlich neutralen Staaten vieler westlicher Länder würden es durchaus begrüßen, wenn sich die christlichen Konfessionen aus ihren krisengebeutelten Tiefpunkten befreien könnten, um ihre vielfältigen Dienste für die Gesellschaft im Bereich von Bildung, Gesundheitswesen, Vereinskultur und Lebensberatung zu verstärken bzw. wiederaufzunehmen.

Die Lage der Kirchen ist jedoch prekär: Ihre Verantwortungsträger stehen vor der Aufgabe, sich innerhalb schwächelnder Institutionen um eine Lösung umzusehen, ohne die Bedingungen dieser Systeme selbst ändern zu können. Was auf den ersten Blick unternehmenstechnisch als Katastrophe erscheint, war jedoch jahrhundertelang der große Vorteil dieser Einrichtung: Der Fokus auf Tradition, lange geformte (und erprobte) Gemeinschaftsformen und eine gewisse Reflexionszeit gegenüber allzu spontanen Lösungsversuchen gaben ihr Beständigkeit. Es wurden zentrale, unerlässliche Bereiche kirchlichen Lebens definiert, die von anfallenden Änderungen ausgenommen und deren Relevanz indiskutabel war.

Gegenwärtig macht sich vielerorts jedoch eine Stimmung breit, die nicht zufälligerweise an panische Reaktionen zahlreicher Anleger im Jahr 1929 erinnern dürfte, die bei der Wirtschaftskrise am Schwarzen Donnerstag alles verloren hatten: Die Unfähigkeit, in einem lange scheinbar florierenden System über zukunftsfähige Alternativen nachzudenken, holt die Betroffenen spätestens in einer systemgefährdenden Notsituation ein.

In der modernen, schnelllebigen Welt passiert das jedoch mit einer Geschwindigkeit, die von den Agierenden nicht kontrolliert werden kann, sondern auf die sie allenfalls nur reagieren können. Damit werden solche bedrängenden Momente zu offenbarenden Geschehen: An ihnen wird sichtbar, was zuvor verabsäumt wurde, sie zeigen schonungslos auf, welche Bereiche im toten Winkel einer allzu geruhsamen Selbstsicherheit ausgeblendet wurden.

Diese Krisenzeiten jedoch bleiben nicht nur punktuell, sondern sie breiten sich auf die Existenz einer gesamten Gesellschaft aus. Auf die Kirche umgelegt bedeutet das, dass sich Krisenherde in einem solchen reaktiven Handeln verschieben, nicht aber einfach auslöschen lassen. Das bringt die Verantwortlichen noch einmal mehr unter Druck, weil allzu einfache Lösungen möglicherweise nur zu einer punktuellen und begrenzten Beruhigung beitragen, aber ebenso keine langfristige Perspektive ermöglichen.

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