Cover - © Illustration: Rainer Messerklinger
Religion

Salzburger Hochschulwochen: Warum es so attraktiv ist, das Leben zu ändern

1945 1960 1980 2000 2020

Die Heilsversprechen der Zeit insinuieren, dass es möglich ist, vom „Lauch“ (Verlierer) zum „Boss“ zu werden. Wenn man nur will. Eine nicht nur religiöse Vermessung der Befindlichkeiten des „Ich“.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Heilsversprechen der Zeit insinuieren, dass es möglich ist, vom „Lauch“ (Verlierer) zum „Boss“ zu werden. Wenn man nur will. Eine nicht nur religiöse Vermessung der Befindlichkeiten des „Ich“.

Wie fährt man das Leben nach den schwierigen Monaten der ersten Jahreshälfte wieder hoch? Und wie bereitet man sich am besten für eine zweite Jahreshälfte vor, die voller Unsicherheiten und Unwägbarkeiten steckt? Geht es nach Felix Blume, ist die Antwort auf diese Fragen relativ klar: Was es braucht, ist eine „Bosstransformation“. Im Juni legte der Rapper, der besser unter seinem Künstlernamen „Kollegah“ bekannt ist, eine Neuauflage seines Trainingsprogramms vor. Für knapp 200 Euro kann man sich damit, so das Versprechen, in zwölf Wochen von einem „Lauch“ (Verlierer) zu einem „Boss“ transformieren – fit und souverän genug, um zu bewältigen, was immer kommen mag.

Interessanter als das Marketingvokabular ist freilich das, was sich an Angeboten wie diesen zeitdiagnostisch festmachen lässt: Die aktuelle Pandemie scheint die sogenannte self improvement industry nur in Teilen getroffen zu haben – Coachings unterschiedlichster Art sind im häuslichem Rückzug nicht nur möglich, sondern vielmehr gefragt: Schließlich kommt es gerade jetzt auf ein fittes, ruhiges, ausgeglichenes Ich an, um durch die Wirren der Zeit zu kommen. Leadership-Kurse, Mentoring-Groups, Meditations-Apps, Selbstliebe-Seminare, Schrittzählen via Smartwatch, Ratgeber-Literatur, Kalorientracking, Ernährungskurse – all das stellt einen Milliardenmarkt dar, in dessen Zentrum die Vision eines besseren Ich steht. Besonders die sogenannten Millenials, die zwischen den 1980ern und den späten 1990ern geboren sind, seien süchtig nach solchen Angeboten, schreibt die Journalis- tin Jules Schroeder prominent im US-Wirtschaftsmagazin Forbes: Du musst dein Leben ändern! ist nicht selten die zentrale Regieanweisung zeitgenössischer Lebensstücke – und es lohnt sich, ihre Spuren (auch abseits des bekannten gleichnamigen Buchs von Peter Sloterdijk) zu verfolgen, wenn man unsere Gegenwart verstehen will.

Selbstoptimierung und Authentizität

Eine erste Spur führt zurück zum Topos, der bereits Thema war: Be a better version of yourself! Der Imperativ der Selbstoptimierung ist reizvoll, weil er verheißungsvoll impliziert, dass man mehr und besser sein kann, als man aktuell ist; zugleich mag er besonders da attraktiv werden, wo wir eine komplexe Welt als Bedrängung erfahren. Das eingangs skizzierte Marketing macht es transparent: Wo äußere Umstände komplex, unsicher und unkontrollierbar sind, wird es umso attraktiver, zumindest dort Kontrolle und Struktur zu haben, wo dies noch möglich scheint: beim eigenen Körper, der eigenen Ernährung, dem eigenen mindset. Wenn die großen gesellschaftlichen Fortschrittserzählungen brüchig werden, ist es nur naheliegend, sich auf sich selbst zu konzentrieren, eigene Potentiale zu optimieren und eine individuelle Erfolgsgeschichte anzustreben.