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"Haben nicht das Recht, die WELT AUSZUBEUTEN"

1945 1960 1980 2000 2020

Bischof Alois Schwarz über das Weihnachtsevangelium als revolutionäre Botschaft, die Schattenseiten des Wirtschaftssystems und die Aufgaben von Christen und Muslimen in der Integrationspolitik.

1945 1960 1980 2000 2020

Bischof Alois Schwarz über das Weihnachtsevangelium als revolutionäre Botschaft, die Schattenseiten des Wirtschaftssystems und die Aufgaben von Christen und Muslimen in der Integrationspolitik.

Das Jahr 2016 war von Unsicherheit geprägt. Wie soll sich die Kirche zu den großen Themen - Migration, Armut, Ungerechtigkeit, Terror positionieren? Der Bischof von Klagenfurt, Alois Schwarz fordert eine neue Allianz mit den Menschen und von den Bischöfen, dass sie Position beziehen im Sinne des Papstes.

Die Furche: Herr Bischof, das heilige Jahr der Barmherzigkeit, das Papst Franziskus ausgerufen hat, ist soeben zu Ende gegangen. Wie ist denn da ihre Bilanz?

Alois Schwarz: Eigentlich ist eine Grundmelodie seit dem Amtsantritt des Papstes zu hören. Die beiden zentralen Motive dieser Melodie sind Barmherzigkeit und Zärtlichkeit. Für mich war das Jahr der Barmherzigkeit wie ein großes Exerzitienjahr für das Volk Gottes, und der Papst hat uns unter diesem Thema auf den Weg gebracht.

Die Furche: Manchmal hat man den Eindruck, dass die Weltpolitik das Gegenprogramm zeigt.

Schwarz: Das ist ja das Prophetische an Franziskus, dass er Themen aufgreift, die ganz konträr sind zu dem, wie die Welt aussieht. Er sieht die unterschiedlichen Geister. Das fordert ihn heraus und er wird aktiv. Wir sind ja weltpolitisch in einer unübersichtlichen Lage und in einer unsicheren Position. Wirtschaftlich stehen wir an der Schwelle zur digitalen Revolution, von der die Menschen nicht wissen, was das für ihre Arbeitswelt bedeutet.

Die Furche: Sind denn Politik und die Wirtschaft gefestigt genug, um solchen Herausforderungen entgegentreten zu können?

Schwarz: Österreich hat viele klein- und mittelständische Betriebe, die von engagierten und starken Persönlichkeiten geführt werden, das ist ein großer Vorteil. Ich staune, mit welcher Ernsthaftigkeit Menschen für ihre Betriebe da sind und ihr Letztes geben für ihre Arbeitnehmer.

Die Furche: Die Unternehmen sind das eine, aber wie geht es dem Volk? Österreich liegt weltweit an zweiter Stelle, was die Vernetzung mit der globalen Wirtschaft betrifft. Trotzdem haben Politiker großen Zulauf, die eine wirtschaftliche Abschottung fordern.

Schwarz: Ich glaube, dass sich da viele Menschen einer großen Unsicherheit ausgesetzt sehen. Deshalb ist es auch so wichtig, in Bildung, in Forschung und Innovation zu investieren, um die geistigen Kräfte zu mobilisieren und die Zukunft gemeinsam zu bewältigen. Ich möchte hier nicht Ratgeber der Politik sein, weil es sehr komplexe Lösungen braucht. Aber wir müssen neue Allianzen von Menschen finden, die in die Zukunft denken und den Menschen von Heute in seinen Sorgen und Ängsten im Blick haben.

Die Furche: Es scheint aber gerade eine Renaissance des politischen Christentums zu geben. In Frankreich kandidiert mit François Fillon ein Konservativer mit dezidiert katholischem Programm. In Österreich hat Norbert Hofer mit Gott geworben. Halten Sie das für eine gute Entwicklung?

Schwarz: Ich meine, dass Christen in der Politik ihr Christsein nicht verschweigen sollten, aber die Politik soll das Christsein nicht missbrauchen, um Wählerstimmen zu bekommen und zu agitieren. Religion und Staat voneinander zu trennen war ein Fortschritt, den die Kirche in der Aufklärung gelernt hat. Es stimmt, was der deutsche Staatsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde sagte, dass der Staat keine Sinnzusage liefern kann. Er ist angewiesen auf andere Sinninstanzen. Das Zweite Vatikanische Konzil hat Politik eine vornehme Form der Nächstenliebe genannt. So eine Politik würde viel zum Gemeinwohl beitragen. Was wir machen können, ist, in die Politik hineinzuwirken.

Die Furche: Wie weit kann das gehen? Darf sich die Kirche auch direkt einmischen? Wenn Papst Franziskus etwa sagt, "diese Wirtschaft tötet", dann ist das doch eine fundamentale politische Kritik.

Schwarz: Man muss die Dinge richtig lesen. Der Papst sagt: "Diese Wirtschaft tötet" und nicht: "Die Wirtschaft tötet". Die Wirtschaft hat ja zur Beseitigung von Armut geführt. Der Wohlstand hebt den Menschen. Die Armut wird durch Wohlstand beseitigt und nicht durch andere Programme.

Die Furche: Fragen wir anders: Wann ist der Mensch in der Wirtschaft nicht mehr aufgehoben?

Schwarz: Überall dort, wo es Korruption gibt, wo eine Form der Wirtschaft gepflegt wird, die auf Kosten des Menschen geht, wo der Mensch nur noch als Kostenfaktor gesehen wird. Es gibt Bereiche, in denen es zu langfristigen Zerstörungen kommt und wo der Mensch nicht mehr aufgehoben ist. Deshalb ist der Papst auch so wichtig, weil er anspricht, dass unsere Generation nicht das Recht hat, die Welt rücksichtslos auszubeuten.

DIE FURCHE: Die Diagnose des Papstes ist sehr klar, was die Lösung der Probleme der Zeit betrifft. In welcher Rolle sehen Sie die Kirche da?

Schwarz: Wir sollten in der Kirche die gefühlte Wirklichkeit der Menschen ertasten. Wir haben jetzt seit Jahrzehnten Frieden. Wirtschaftlich geht es den Menschen besser als vor 50 Jahren. Vieles hat sich zum Positiven entwickelt. Aber die gefühlte Wirklichkeit ist eine andere. Was die Leute oft erwarten, ist ein Schlagwort oder ein Begriff, an dem sie sich festhalten können. Wir müssen den Menschen aber zumuten, dass in Freiheit zu leben und in Freiheit eine Lebenseinstellung zu entfalten, ein sehr anstrengender Prozess ist, und dass dieser Prozess mühsam ist.

DIE FURCHE: Spielen da die sozialen Medien nicht eine sehr negative Rolle? Dass etwa ein Gedanke, sobald er gefasst ist, auch schon über Twitter verbreitet wird.

Schwarz: Das eine ist die Kurznachricht, die gesendet wird, das andere ist die Frage, wer dahinter steht. Die Menschen schauen schon sehr genau, wer etwas sagt. Wenn diese Persönlichkeit echt und authentisch ist, dann kommt sie auch an. Wenn nicht, ist es ein Tagesphänomen und wird rasch ersetzt werden. Interesse ist dort, wo jemand mit seinem ganzen Wesen überzeugt. Das sieht man ja auch an Papst Franziskus. Der nutzt Twitter ja auch.

DIE FURCHE: Aber haben sich die impulsiven Mechanismen die sich in den Medien widerspiegeln, nicht auch in der Politik durchgesetzt, so dass auch dort nur noch auf die nächste Sekunde geschielt wird?

Schwarz: Tatsächlich müssen wir in der Politik aber auch in der Gesellschaft auf die nächsten Generationen schauen. Ich glaube, dass besonders die junge Generation sensibel dafür ist, denn sie fragt uns: Ist das die Welt, in die wir hineinwachsen wollen? Unser Weg muss sein, mit gutem Beispiel voranzugehen. Wir haben deshalb Nachhaltigkeitsleitlinien für die Kirche beschlossen, für unseren Lebensstil, unseren Energieverbrauch, unsere Mobilität. Man muss heute gleichsam eine Arche Noah bauen und einen anderen Lebensstil vorleben. Das wird Sympathie finden. Vorleben ist natürlich auch schwieriger als vorsagen. Wir müssen uns hinstellen und Position beziehen. Und wahrscheinlich müssen wir da noch profilierter sein und den Papst nicht alleinlassen mit seiner Botschaft sondern auch dahinter stehen. Auch wir Bischöfe sollten das öfter tun.

DIE FURCHE: Die Frage ist ja, lässt sich das immer so einfach tun, ohne in einen politischen Konflikt zu geraten. Gerade in der Flüchtlingsdebatte ist eine Positionierung immer auch eine politischen Positionierung. Wie sehen Sie das?

Schwarz: Als Kirche haben wir das Evangelium zu verkündigen und das ist letztlich auch eine politische Botschaft. Das Evangelium ist nicht wertfrei, es ist ein Programm. Es ist eine Ansage an eine bestimmte Form des Menschseins. Das Weihnachtsevangelium war eine politische Botschaft gegen den römischen Kaiser. Das Evangelium beginnt mit Kaiser Augustus und endet mit Jesus. Der Kaiser hat sich zuvor als Retter der Welt definieren lassen, und dann kommt da eine kleine Gruppe, die sagt: Die Zukunft liegt in diesem Kind in der Krippe. Das war eine politische Ansage in einer hochbrisanten Verfolgungszeit der jungen Kirche. In diesem Sinne sind wir mit unserem Weihnachtsfest eine enorme Provokation für unsere Gesellschaft.

DIE FURCHE: Inwiefern?

Schwarz: Weihnachten wird heute

oft total nivelliert und auf Romantik und Gemeinschaftssinn reduziert. Das ist wichtig, aber nicht die Botschaft von Weihnachten. Wir haben einmal einen Christbaumverkäufer gebeten, er möge seinen Kunden das Weihnachtsevangelium dazugeben. Daraufhin sagt er: Jetzt mischt sich die Kirche auch schon bei Weihnachten ein!

DIE FURCHE: Wenn wir das klassisch weihnachtliche Motiv der Herbergssuche aufnehmen und mit der Flüchtlingsfrage verknüpfen: Wie überzeugen Sie Gemeinden, in denen es soviel Angst vor den Fremden gibt?

Schwarz: Das Evangelium geht immer in den Nahebereich des Menschen. Ich kann aus der Distanz nichts bewirken. Ich muss zu den Menschen gehen. Und man sieht ja: Die Angst vor den Flüchtlingen ist dort am größten, wo es gar keine Flüchtlinge gibt. Wo sie uns nahe sind und ein Gesicht bekommen, ist die Angst verschwunden und die Arbeit miteinander ist eine ganz andere.

DIE FURCHE: Aber hat das wirklich auch jeder Pfarrer verstanden?

Schwarz: Nein.

DIE FURCHE: Darf ein Bischof auch sagen, dass die Flüchtlinge nicht nur Aufnahme, sondern auch die Chance auf einen Arbeitsplatz brauchen?

Schwarz: Wenn wir Menschen, die zu uns kommen, integrieren wollen, müssen wir ihnen helfen, dass sie die Sprache erlernen, einen Arbeitsplatz bekommen und einen Wohnraum haben. Das sind die drei Grundvoraussetzungen, die wir schaffen müssen. Ohne Arbeit gibt es keine Integration.

DIE FURCHE: Dazu kommt dann die Religionsfrage. Es gibt Ängste wegen des Islam, der für viele bedrohlich wirkt. Wie sollen Christen mit der Realität des Islam umgehen und wie kommt man auch da aus der Angst heraus?

Schwarz: Wir haben Muslime schon über 100 Jahre im Land, und es gibt ein vorbildliches Islamgesetz. Österreich ist hier Vorbild. Wir müssen aber sehen, welche Muslime aus welchen Ländern kommen. Die bosnischen Muslime sind Europäer, die in der Gesellschaft bereits verankert sind. Jetzt kommen Muslime aber aus dem arabisch-sprachigen Raum und aus Afghanistan. Das ist eine andere Kultur. Und da stellt sich die Frage: Kennen wir diese Kultur schon und können wir ihnen unsere Kultur vermitteln? Das ist meine Einladung an die Muslime, die schon bei uns und mit uns leben: Erklärt euren muslimischen Schwestern und Brüdern, was in Österreich zur "Hausordnung" gehört: Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, ein gleichberechtigter Umgang von Mann und Frau, Religions- und Meinungsfreiheit. Teilweise geschieht das bereits. Es gab da z. B. eine vorbildliche Aktion der muslimischen Jugend gemeinsam mit der Jugend der Caritas.

DIE FURCHE: Und was ist der Auftrag an die Christen?

Schwarz: Das Wort an uns ist, dass wir uns mit Menschen aus diesen Ländern treffen. Da braucht es, glaube ich, noch mehr Austausch.

DIE FURCHE: Das heißt, es braucht einen veränderten Islam?

Schwarz: Es braucht einen veränderten Islam, der in unser Staatsgefüge passt. Diese Anpassung wird einigen Muslimen nicht erspart bleiben. Wir müssen uns diesen Dialog aber auch gegenseitig zumuten.

DIE FURCHE: Nun gibt es konservative Christen, die das nicht so sehen. Deren Standpunkt ist, dass Muslime hier nichts verloren haben.

Schwarz: Die europäische Kultur ist aber keine Einheitskultur. Früher waren die Milieus geschlossener. Das gibt es heute nicht mehr. Mit Abschottung schaffen wir keine Friedensatmosphäre.

DIE FURCHE: Oft wird heute über den Untergang des Abendlandes diskutiert auch wegen des Schwunds an Gläubigen. Wie weit ist die europäische Kultur noch eine christliche Kultur?

Schwarz: Wenn es darauf ankommt, wird das gefühlte Christsein in den Menschen aktiviert. Sie merken es, wenn sie in die Kirchen gehen: Wir haben sehr viel mehr Beter, viel mehr, als Menschen zur Messe gehen. Von vielen wird das Christentum als wohltuend wahrgenommen, ohne dass sie sich dazu bekennen. Wichtig wäre nun, dass sich diese Menschen zu dem bekennen, was sie im Stillen suchen. Am Heiligen Abend lesen etwa viele, die sonst nicht die Bibel aufschlagen, das Weihnachtsevangelium. Mit Aktivierung meine ich: Es ist auch kein Zufall, dass wir eine so hohe Solidarität in unserem Land haben und dass den Flüchtlingen so viele ganz spontan geholfen haben. Wenn es dafür keine tiefere Basis gäbe, wäre das sicher nicht so geschehen.

KURZPORTRÄT

Der Sinn für Ethik und Zukunftsfragen

Alois Schwarz wurde als Sohn eines Landwirtsehepaars in Niederösterreich geboren. 1970 trat er in das Wiener Priesterseminar ein und studierte Katholische Theologie. Bis 1992 war er Pfarrer in Krumbach (Niederösterreich). 1997 empfing er durch den Wiener Erzbischof Christoph Schönborn die Bischofsweihe und war als Weihbischof für das Vikariat Unter dem Wienerwald zuständig. Am 22. Mai 2001 wurde er zum Bischof der Diözese Gurk-Klagenfurt ernannt. Schwarz sticht unter Österreichs Bischöfen wegen seines Wissens und seines Interesses für Ökonomie und den Menschen in der Wirtschaft hervor. In St. Georgen am Längsee hat Schwarz das Ethikinstitut WEISS eingerichtet, das in Seminaren und Kongressen Denkanstöße für eine nachhaltige Ökonomie vermittelt. Daneben ist der Bischof regelmäßig auf dem Buchmarkt vertreten, zuletzt "Mit Kinderaugen Gott schauen: Biblische Meditationen für Kinder und Erwachsene", erschienen bei Styria. Noch ein Hörtipp: Schwarz moderiert am 23. Dezember ab 20 Uhr im ORF-Radio Kärnten einen Abend zum Thema Weihnachten. Der Titel: "Werst mei Liacht ume sein". (red)

Das Gespräch führten Oliver Tanzer und Otto Friedrich

BUCHTIPP

Unbedingtes Eintreten für die Würde der Tiere

Papst Franziskus macht es möglich, besser gesagt: dringlich: Auch Alois Schwarz argumentiert - ganz in der Linie der Enzyklika "Laudato si" - für eine ökologische Umkehr, die das Verhältnis zum Tier überdenkt. Der Kärntner Bischof schreibt selbiges im neuen Jahrbuch der Diözese Gurk, das dem Thema "Mensch und Tier" gewidmet ist. In gewohnter inhaltlicher Breite und Tiefe spüren die Autor(inn)en des Almanachs den diesbezüglichen brisanten Fragen nach. Dass sich das Verhältnis von Mensch zu Tier vor allem in der aktuellen Tierhaltung grundlegend ändern muss, davon ist in den Beiträgen aus theologischer, biblischer aber auch biologischer Perspektive viel zu lesen. Autoren wie der Linzer Moraltheologe Michael Rosenberger oder der Grazer Sozialethiker Kurt Remele, die etwa in der Frage, ob Fleischkonsum ethisch vertretbar sind, unterschiedliche Positionen einnehmen, treffen sich im Band im unbedingten Eintreten für eine Achtung der Würde gerade der Tiere. (ofri)

Mensch und Tier

Impulse für ein schöpfungsgemäßes Miteinander. Jahrbuch der Diözese Gurk 2017. 94 Seiten, kt., € 12,-

Zu beziehen bei: www.kath-kirche-kaernten.at/jahrbuch

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