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Was würden Sie dem PAPST ERZÄHLEN?

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Vom 27. bis 31. Jänner sind Österreichs katholische Bischöfe in Rom zum Ad-Limina-Besuch. Was sollen Österreichs Katholiken davon erwarten? Die FURCHE lud drei prominente Laien zum Round-Table-Gespräch.

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Vom 27. bis 31. Jänner sind Österreichs katholische Bischöfe in Rom zum Ad-Limina-Besuch. Was sollen Österreichs Katholiken davon erwarten? Die FURCHE lud drei prominente Laien zum Round-Table-Gespräch.

Ad Limina Apostolorum, zu den Gräbern der Apostel reisen die Bischöfe jedes Landes etwa alle fünf Jahre, um Rom über ihre Ortskirche zu informieren. Demnächst fahren Österreichs Bischöfe an den Tiber.

DIE FURCHE: Ab Sonntag sind die Bischöfe zum Ad-Limina-Besuch in Rom. Würden Sie zum Papst fahren, was würden Sie ihm erzählen?

Hans Peter Hurka: Ich würde ihm berichten, dass in jüngsten Umfragen ein Sensus Fidelium, ein Glaubenssinn der Gläubigen, erhoben wurde, der nicht besonders neu ist und in zwei Richtungen geht: Einmal, dass die Individuen sehr viel stärker Verantwortung übernehmen wollen und mit ihrem gebildeten Gewissen auch entscheiden wollen. Hier fühlen sich viele nicht ernst genug genommen. Ein zweites ist, dass Ergebnisse der Humanwissenschaften eingefordert werden: Die (Moral-)Lehre der Kirche wird weithin gekannt, aber sie wird gerade im Hinblick auf die Humanwissenschaften als unverständlich und nicht praktikabel bezeichnet.

Gerda Schaffelhofer: Mit Papst Franziskus ist ein neuer Wind in die Kirche gekommen. Ich würde ihm sagen, wie dankbar wir ihm dafür sind. Und ich würde ihm jede mögliche Unterstützung für seinen Reformkurs anbieten. Als zweites würde ich berichten, dass wir uns in Österreich in der letzten Zeit bemüht haben, innerhalb der Laien herauszufinden, wo Handlungsbedarf in der Kirche gegeben ist. Ich erwarte mir, dass nun unsere Bischöfe die Ergebnisse, die wir in diversen Umfragen bekommen haben, auch in Rom thematisieren. Da ist etwa in Familienfragen ein Schmerzensschrei laut geworden über die geschiedenen Wiederverheirateten. Hier fühlen sich viele von der Kirche vor den Kopf gestoßen. Ich glaube, das muss man ganz klar aus-und ansprechen. Als drittes würde ich vorbringen, was auch in der Umfrage "Wo drückt der Schuh" deutlich geworden ist: Dass man der Kirche in Fragen wie Armut, Frieden, Gerechtigkeit, auch Gleichberechtigung usw. durchaus Kompetenz zutraut. Da erwarten sich die Menschen etwas von der Kirche, und zwar nicht nur diejenigen, die zur engsten Klientel gehören. Das ist erfreulich, aber zugleich auch eine Verpflichtung.

Bernd Wachter: Wenn ich beim Papst wäre, würde ich mich zuerst einmal sehr bedanken für sein neuestes Opus Evangelii Gaudium, in dem ich ganz viele Dinge wiederfinde, die meine Organisation, die Caritas, intensiv berühren. Ich würde ihm dann vom längst verstorbenen Caritas-Präsidenten Leopold Ungar erzählen, der ihm möglicherweise sehr nahe stehen würde, und der einmal gesagt hat: Christus hat die Kirche nicht zum Jasagen gegründet, sondern als Zeichen des Widerspruchs. Und dem würde ich, frei nach dem Schriftsteller Ilja Trojanow, hinzufügen: Wir müssen den Widerspruch dort artikulieren, wo Menschen Gefahr laufen, überflüssig zu werden. Ich würde dem Papst erzählen, dass Österreich ein sehr reiches Land ist, aber dass es kein Markenzeichen dieses Landes sein kann, wenn dort 1,2 Millionen armutsgefährdete Menschen leben. Ich würde ihm erzählen über die große Not der Menschen, die in Pflegesituationen kommen, aber auch dass es gute Ansätze im Hospizbereich gibt. Ich würde ihm erzählen, dass vor einem Jahr in einer Kirche Asylwerber Wochen um Wochen gefroren haben, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Das sind Menschen, die sich in Europa und Österreich überflüssig fühlen.

DIE FURCHE: Also neben dem Bericht über Österreich auch ein Dank an Papst Franziskus.

Schaffelhofer: Auch ich würde dem Papst danken, weil ich das Gefühl habe, dass er es schafft, das, was er sagt, mit dem, was er tut, in Einklang zu bringen. Das schafft wieder Glaubwürdigkeit in der Kirche. Etwa nach Lampedusa zu gehen - denn predigen allein genügt nicht. Und ich würde ihm für seinen Mut danken: den Mut, vieles auch zurückzulassen, wie er in Evangelii Gaudium schreibt, und auch für den Mut, Dinge, die zum Kern der christlichen Botschaft gehören, völlig unmissverständlich zur Sprache zu bringen -egal ob das jetzt opportun ist oder nicht. Diesen Mut wünsche ich auch unseren Bischöfen bei ihrem Ad-Limina-Besuch, diesen Mut wünsche ich auch uns Laien.

Hurka: Ich anerkenne den Mut des Papstes, neben dem bisherigen Meinungsmonopol der Bischöfe auch die Gläubigen zu befragen. Das Problem ist aber: Das wird nicht reichen. Wir brauchen Mut nicht nur im Öffnen von Debatten, sondern auch im Tun: Etwa dass die geschiedenen Wiederverheirateten ihren Platz in der Gemeinde finden können wie alle anderen Sünder ja auch. Da muss eine andere Praxis da sein. Da gehört mehr Mut gemacht. Dazu gehört auch die Achtung von gleichgeschlechtlich liebenden Menschen in der Kirche, die Achtung der Menschenrechte in der Kirche -Beispiel die Absetzung des slowakischen Erzbischofs Bezák. Hier braucht es den Mut des Papstes, für den ich dankbar bin. Aber es braucht dringend auch die Bischöfe: Wenn die jetzt schweigen, besteht die Kluft zwischen Teilen der mittleren Kirchenhierarchie und den Gläubigen weiter.

Schaffelhofer: Das stimmt schon. Wir haben aber keinen Anlass zu behaupten, dass unsere Bischöfe schweigen werden. So hat z. B. der neue Salzburger Erzbischof Franz Lackner explizit erklärt, sich als Brückenbauer zu verstehen und die Anliegen seiner Diözese in Rom einzubringen. Ich gehe nicht davon aus, dass die Bischöfe eine Kindesweglegung aller Aktivitäten und Umfragen machen. Ich habe das Vertrauen, dass sie die Ergebnisse in Rom zur Sprache bringen.

Hurka: Na ja, sie sitzen da schon noch ein bisserl hinter dem Busch. Sie könnten durchaus hervorkommen und sich zeigen. Ich spreche den Bischöfen nicht grundsätzlich den guten Willen ab. Ich weise nur darauf hin, was notwendig ist.

Schaffelhofer: Das ist wichtig -und wird auch vom Papst dringend gebraucht. Denn so unwidersprochen ist sein Neuaufbruch im Vatikan oder in der Gesamtkirche nicht. Es ist höchst notwendig, ihm jede Unterstützung zu geben. Da sind auch unsere Bischöfe gefordert.

DIE FURCHE: Geht es da vor allem um kirchliche Strukturreformen?

Wachter: Innerkirchliche Strukturfragen sind sehr wichtig. Auch ich halte den Umgang mit geschiedenen Wiederverheirateten für eine Großbaustelle. Ich hinterfrage den Fokus auf innerkirchliche Themen dennoch: Kirche ist für die Welt geschaffen und nicht als in sich kreisender Verein. Der Blick auf die sozialen Realitäten, die Armutsbekämpfung : da hat die Kirche in Österreich an Boden verloren. Beim Austausch mit Gesellschaft, Politik, Wissenschaft hatten wir schon stärkere Zeiten. Es ist Aufgabe jeder Christin, jedes Christen und jedes Bischofs, sich um diese sozialen Kernfragen zu kümmern und dort den Blick zu schärfen.

Hurka: Ich würde innen nicht gegen außen ausspielen wollen. Beides ist notwendig. Die Kirche ist kein Bereich, der nur im Inneren kreisen kann -völlig richtig. Das ist aber kein Gegenargument. Wir können nur dann glaubwürdig für die Armen in der Gesellschaft eintreten, wenn wir im Inneren diese Glaubwürdigkeit tatsächlich leben. Wenn wir mit Schuld und Versöhnung umgehen können. Mit Macht. Mit Vermögen und Eigentum. Wenn wir das selber nicht können, dann können wir keine Ratgeber für die Gesellschaft sein...

Wachter: wenn wir im Inneren Frauen nicht wirklich befähigen, Verantwortung zu übernehmen und so weiter...

Hurka:... genau! Und niemand, der in der Kirche Strukturreformen verlangt, ist gegen das Engagement der Caritas

Wachter:...ich sehe das wie Sie: Das eine kann ohne das andere nicht getan werden.

Schaffelhofer: Es kann nur sowohl als auch sein. Mit den Strukturreformen allein werden wir die Probleme nicht lösen. Man muss schon sehen, dass sich 80 Prozent der Menschen ante portas nicht so viele Sorgen um die innere Befindlichkeit der Kirche machen wie wir. Aber diese 80 Prozent dürfen wir nicht vernachlässigen. Wir müssen mit der säkularen Welt wieder ins Gespräch kommen. Das muss uns ein zentrales Anliegen sein. Eine Wagenburgmentalität, sich Verbarrikadieren kann nie eine legitime Form der Nachfolge Jesu sein.

DIE FURCHE: 2013 hat ein Prozent die Kirche verlassen. Geht der Trend so weiter, wird Österreich in 15 Jahren nicht mehr mehrheitlich katholisch sein. Muss man das nicht auch dem Papst erzählen?

Wachter: Es ist eine Frage, ob die Mitgliedschaft schon die Dimension des Katholischen ausmacht. Ich sage mit dem Papst: Die Kirche ist kein Verein. Es ist allerdings eine zentrale Herausforderung, wirklich gut hinzuschauen, warum immer mehr Menschen die Kirche verlassen. Ich glaube, weil sie mit der Kirche nicht mehr auf Tuchfühlung kommen. Und da denke ich schon, dass wir uns in den letzten Jahrzehnten schon sehr mit Binnenthemen beschäftigt haben; viele, auch junge Menschen fragen: Gibt mir das etwas für mein Leben? Wenn die Kirche es schafft, Antworten auf diese Suche nach spiritueller Wahrnehmung zu geben, und wenn sie es schafft, auch in einer zeitgemäßen Form auf die Menschen zuzugehen, dann kommen wir einen Schritt weiter.

Schaffelhofer: Es gibt eine enorme spirituelle Sehnsucht der Menschen, die sehr unterschiedlich befriedigt wird. Die einen bauen sich die eigene Wellness-Religion, die anderen suchen bei asiatischen Religionen das Heil, die Esoterik boomt weiter: Welches Angebot haben wir für diese vielen Suchenden? Und wie schaffen wir es, die frohe Botschaft, dieses Heilende in der Sprache des dritten Jahrtausends so zu verkünden, dass die Menschen es annehmen.

Wachter: Wir haben dazu für die Caritas strategisch formuliert: Wir brauchen viele Menschen, die den Weg mit uns gehen. Wir brauchen Projekte, wo sich Menschen involvieren können. Es ist für die Kirche wichtig, Tools zu entwickeln, wo sich auf Höhe der Zeit Menschen einbringen. Da hat die Kirche einen immensen Schatz. Leider Gottes hat sie in den letzten Jahrzehnten an Repertoire eingebüßt. Da sind uns die Philosophie, die Musikalität, die Wachsamkeit und das Interesse abhanden gekommen.

Schaffelhofer: Es ist uns die Begeisterung abhanden gekommen. Manchmal frage ich mich schon, warum auch wir Laien nicht ein bisschen mehr Begeisterung versprühen! Da müssen wir uns selber an der Nase nehmen! Warum schwappt unsere Begeisterung nicht über -auch auf die Bischöfe?

DIE FURCHE: Aber scheitert die Begeisterung nicht oft auch an strukturellen Komponenten?

Wachter: Ich kenne viele, die sagen: Meine Pfarrgemeinde ist jetzt zur sechsten Filiale einer Großraumpfarre degradiert worden, ich finde mich da nicht mehr wieder. Diese strukturellen Themen wirken oft begeisterungsdämpfend: Machen sollt ihr alles selber, aber dürfen tut ihr fast nix...

Hurka: Natürlich ist ein zeitgemäßes Angebot für möglichst viele wichtig. Aber auch das braucht eine inhaltliche Dimension: Partizipation, Mitbestimmung, Eigenverantwortung, Entscheidungsfähigkeit und Mündigkeit. Wenn ich nicht einmal entscheiden kann, ob der Pfarrsaal vermietet wird, sondern einen weit entfernten Pfarrer holen muss, der dann einen Mietvertrag unterschreibt: Unter solchen Bedingungen ist es unmöglich, vernünftig zu arbeiten. Und dazu noch die Frage der Barmherzigkeit: Bitte nicht die vom Herrn Pfarrer oder dem Herrn Bischof oder von einem Menschen zum anderen! Es geht um Gottes Barmherzigkeit. Hier geht es um Menschenrechte, auf die man ein Anrecht hat.

Wachter: Es heißt ja im Konzilsdekret über die Laien, man "darf nicht als Liebesgabe anbieten, was schon aus Gerechtigkeit geschuldet ist". Ich halte die Aushöhlung der Pfarrgemeinden in den letzten 30 Jahren für eine dramatische Entwicklung. Ich würde da dem Papst auch sagen: Ich glaube nicht, dass die "Import-Export-Variante" zielführend ist -so schön es ist, dass Priester aus aller Herren und Frauen Ländern hier arbeiten...

Schaffelhofer: Auch ich glaube, dass uns der Schwung des II. Vatikanums abhanden gekommen ist. Nach vielen Jahren der Dürre könnten wir jetzt aber einen neuen Aufbruch schaffen und das, was von Rom zeichenhaft angedacht ist, unterstützen. Die Frage der Partizipation der Laien ist dabei ganz wesentlich. Ich wünsche mir schon, dass wir mit den Bischöfen nach dem Ad-Limina-Besuch in einer größeren Dichte die Kommunikation wieder aufnehmen und überlegen, wie wir den Neuaufbruch in Österreich anpacken.

Hurka: Das wünsche ich mir auch. Doch ich erlebe, dass viele Gläubige durch das Auftreten von Amtsträgern in Unmündigkeit gehalten werden.

Schaffelhofer: Empowerment ist nötig. Aber wir sollten nicht warten, dass uns die Bischöfe für mündig erklären. Denn eines wäre eine Katastrophe: Wenn wir jetzt alle diese Befragungen gemacht hätten und wir nun mit diesen Ergebnissen nicht transparent umgehen, oder wenn nichts danach folgen würde. Plaudern allein ist zu wenig. Wir können jetzt mutiger sein, weil wir von Rom her einen anderen Wind verspüren. Wir dürfen uns aus den Umfragen auch nicht nur die Rosinen herauspicken und uns nur damit beschäftigen, was uns an den Ergebnissen zusagt. Das würde die Glaubwürdigkeit der Kirche zunichte machen.

DIE FURCHE: Das ist jetzt aber vor allem ein Appell an die Bischöfe...

Schaffelhofer:...ja: Diese Meinung, die jetzt erhoben wurde, wirklich ernst zu nehmen, verantwortungsvoll umzugehen und im Gespräch mit allen Gruppen neue Lösungsansätze zu erarbeiten. Ich gebe zu, wenn wir es rein innerweltlich sehen, dann kann einem schon angst und bang werden, vor welchen Herausforderungen wir stehen. Aber Kirche ist nicht nur ein innerweltliches Gebilde. Sondern hängt auch vom Wirken des Geistes ab. Das hat sich deutlich bei der Papstwahl gezeigt, die bei diesem Kardinalskollegium niemand für möglich gehalten hat. Der Geist weht, wo er will. Das würde ich auch für die österreichische Kirche annehmen. Mit der Hoffnung, dass wir mit diesem Geist bestärkt in dieser Kirche etwas zustande bringen, will ich die Arbeit angehen.

Wachter: Wenn der Heilige Geist weht, wo er will, dann sind die Bischöfe jedenfalls angehalten, ihm gute Landeplätze zu bieten.

DIE DISKUTANTEN

Gerda Schaffelhofer

Die Geschäftsführerin der Styria-Buchverlage und der FURCHE ist seit 2013 als Präsidentin der Katholischen Aktion quasi "oberste Laiin" Österreichs. Sie will das Engagement der Laien in der säkularen Gesellschaft wie in der Kirche voranbringen.

Hans Peter Hurka

Die Plattform "Wir sind Kirche", die aus der Initiative des 1995 von einer halben Million unterzeichneten Kirchenvolks-Begehrens hervorging, ist die bekannteste Kirchenreformgruppierung. Hurka ist seit 2004 deren Vorsitzender.

Bernd Wachter

Der gebürtige Vorarlberger ist seit 2010 Generalsekretär von Caritas Österreich. Zuvor leitete er die Kommunikations-und Bildungsabteilung der Caritas Tirol. In der Öffentlichkeit macht Wachter immer wieder auf die große Zahl der Armutsgefährdeten aufmerksam.

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