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Religion

Offenes "Ohr der Kirche" sein

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"Wo drückt der Schuh?": Am Wiener Brunnenmarkt startete das "Zukunftsforum", mit dem Österreichs katholische Kirche den offenen Austausch mit der Gesellschaft des Landes sucht.

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"Wo drückt der Schuh?": Am Wiener Brunnenmarkt startete das "Zukunftsforum", mit dem Österreichs katholische Kirche den offenen Austausch mit der Gesellschaft des Landes sucht.

Papst Franziskus war vergangenen Samstag am Yppenplatz in Wien-Ottakring fast so allgegenwärtig wie der Herbstwind. Während Sturmböen übers Publikum hinwegfegten, wurde auf der Bühne nicht nur einmal auf den Bischof von Rom verwiesen. "So wie Papst Franziskus träumen viele von einer Kirche, die nicht ängstlich um sich selbst kreist, sondern ihre Tore weit öffnet, um hinauszugehen zu den Menschen, die nicht mehr hereinkommen in die Kirchen", zog Gerda Schaffelhofer, Präsidentin der Katholischen Aktion Österreich (KAÖ), die Linie von Rom in den multikulturellen Schmelztiegel des Wiener Brunnenviertels. Dort fand vor einigen hundert Besuchern die Auftaktveranstaltung zum Zukunftsforum der katholischen Kirche statt.

Als die Idee für den Prozess geschmiedet wurde, war ein Papst Franziskus freilich noch Zukunftsmusik. Anfang Jänner 2013 verkündeten die Bischofskonferenz und die KAÖ, "im Konsens ein Signal für einen Aufbruch in der Kirche setzen" zu wollen. Geplanter Start des Prozesses war 2014. Letztendlich ging alles etwas schneller. 30 Jahre nach dem letzten Österreichischen Katholikentag stellten Kardinal Christoph Schönborn und Gerda Schaffelhofer am 5. Oktober den Menschen in Österreich die Frage: "Wo drückt der Schuh?"

Perspektive zur Gesellschaft hin

Nicht nur der Zeitplan wurde im letzten Halbjahr revidiert. Auch an den Themenstellungen wurde geschraubt. In der ersten Ankündigung zum Zukunftsforum fand sich noch die dezidiert binnenkirchliche Frage nach der Partizipation der Laien in der Kirche. Diese Thematik ist jetzt einer Perspektive gewichen, die sich noch stärker auf die Gesamtgesellschaft hin öffnet. Vier Arbeitskreise sollen sich gesellschaftlichen "Druckpunkten" widmen, eine Online-Umfrage diese im Vorfeld in Erfahrung bringen. An dieser "sollen sich alle, denen an Verbesserungen in unserem Land liegt, beteiligen", heißt es auf der zugehörigen Webseite www. wodruecktderschuh.at. Denn, so betonte Schönborn auch am Samstag: "Eine kirchliche Nabelschau interessiert niemand in diesem Land".

Etwas anders sieht man dies innerhalb der "Laieninitiative". "Priester ohne Eheverbot" und "Frauenweihe jetzt" stand auf den Transparenten, die vier junge Vertreter der kirchlichen Reformbewegung zu Beginn der Veranstaltung hochhielten. Sie seien verwundert, dass diese Themen im Zukunftsforum keine Rolle spielten, so die Jugendlichen. Am Prozess beteiligen will sich die "Laieninitiative" aber dennoch - ebenso wie andere kirchliche Gruppierungen und Bewegungen wie die Gemeinschaft Emmanuel, die Fokolar-Bewegung oder die Caritas. Auch die Plattform "Wir sind Kirche" hat ihre Mitarbeit zugesagt: "Da wir seit vielen Jahren zu einem Dialog aufrufen, können wir nicht einfach sagen: Nein, da machen wir nicht mit", sagt Plattform-Vorsitzender Hans-Peter Hurka. Die Kirche müsse aber ihre Hausaufgaben erledigen, um "glaubwürdig und vor allem hilfreich ein Angebot an den Rändern der Gesellschaft machen zu können", mahnt Hurka einen Dialog an, "der auch die innerkirchlichen Reformen im Auge hat".

Innen- und Außenwahrnehmung

Die Wechselwirkungen zwischen Innen- und Außenwahrnehmung betont auch die Pastoraltheologin Regina Polak. Sie verweist auf "eine wunderschöne Passage" in "Gaudium et Spes" - einem der zentralen Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils. "Da steht", so Polak, "dass die Kirche, um auf die Herausforderungen der Zeit eingehen zu können, der Experten außerhalb der Kirche bedarf. Und zwar egal, ob die gläubig sind oder nicht. Um die geoffenbarte Wahrheit besser verstehen, tiefer erfassen und angemessener verkünden zu können."

Die an der Uni Wien tätige Pastoraltheologin wird den Arbeitskreis zu Pluralität und Zusammenleben in der Gesellschaft leiten. Sie ist nicht die einzige Wissenschaftlerin, die sich Bischofskonferenz und KAÖ ins Boot geholt haben. Wolfgang Mazal, Sozialund Arbeitsrechtler sowie Präsident des Österreichischen Instituts für Familienforschung, nimmt sich der Thematik Beziehung und Familie an. Die Fragen zu Ökologie und Nachhaltigkeit werden unter der Leitung des Umweltreferenten der Diözese Gurk Ernst Sandriesser behandelt. Für den Bereich Bildung und Arbeit ist die Wiener Religionspädagogin Andrea Lehner-Hartmann zuständig. Auch sie möchte in ihrem Arbeitskreis auf Experten außerhalb der Kirche zurückgreifen: "Wir suchen gezielt Personen aus den Bereichen Unternehmen, Gewerkschaft und dergleichen." Stattfinden sollen diese Expertenrunden dann - in guter Wiener Tradition - in Kaffeehäusern "und eben nicht im abgeschlossenen Kämmerchen".

In die Gesellschaft hinausgehen, sich der Öffentlichkeit stellen und sich einbringen: diese Schlagworte begegnen häufig rund ums Zukunftsforum. Von einem "Prozess des aufeinander Zugehens, des aufeinander Hörens und des Findens eines anderen Blickwinkels", spricht der Kärntner Bischof Alois Schwarz, der innerhalb der Bischofskonferenz für die Laienbewegungen zuständig ist. Welche Antworten und Fragen der Menschen an die Kirche er konkret erwarte, verrät er aber nicht: "Ich will da gar nichts vermuten. Sonst nehme ich schon wieder die Antwort vorweg", so der Bischof.

Herausforderungen identifizieren

Da passt das von Regina Polak gebrauchte Bild, die die Arbeitskreise als "Ohr der Kirche" bezeichnet: "Ich verstehe die Aufgabe, die wir da zu erbringen haben, als ein Sammeln von unterschiedlichen Perspektiven und Identifizieren von Herausforderungen, Chancen und Problemen", so die Pastoraltheologin. Danach liege der Ball freilich wieder bei der Kirchenleitung: "Was dann zu tun ist, ist im Gespräch mit der Kirche und der Gesellschaft gemeinsam zu entwickeln. Zumindest in einer demokratischen und aufgeklärten Gesellschaft und Kirche geht das gar nicht anders."