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Widerstand gegen die Geistlosigkeit

Sein jüngstes Buch ist mit "Ein neues Pfingsten" übertitelt: Der Pastoraltheologe Paul Zulehner sorgt sich auch im FURCHE-Gespräch um den Geist in der Welt - und in seiner Kirche. Das Gespräch führten Otto Friedrich und Claus Reitan * Foto: Mirjam Reither

Seit 1984 hatte er den weltältesten Lehrstuhl für Pastoraltheologie inne. 2008 wurde Paul Zulehner an der Universität Wien emeritiert. Sein Engagement für die Weiterverbreitung des "Gottesgerüchts" - so eine der frühen Zulehner'schen Wortschöpfungen - bleibt ungebrochen wie eh und je.

Die Furche: Herr Professor, Sie warnen immer wieder - zuletzt am Pfingstsonntag bei der Weizer Pfingstvision -, die Kirche laufe Gefahr, dass der Geist ausgelöscht wird.

Paul M. Zulehner: Da komme ich aus der Schule von Karl Rahner, der gesagt hat: Die Kirche steckt im Zeitalter des Geistes. Und Geist heißt Mut, Horizont, Innovation. Das wäre generell ein Programm für die Kirche, damit es ein neues Pfingsten gibt. Es wäre gut, wenn wir einen neuen Aufbruch erleben könnten. Doch da müssten wir alles Erdenkliche tun, um den auch in Gang zu setzen. Ich habe aber den Eindruck, wir sind schon zufrieden, wenn es ruhig ist und nichts besonders Schlimmes passiert. Das ist zu wenig. Da stirbt die Kirche weiter vor sich hin.

Die Furche: Was kann man dagegen tun?

Zulehner: Was wir zuvorderst brauchen, ist ein neuer Zugang zu den jungen Leuten. Das wäre wichtig.

Die Furche: Die dieser Tage veröffentlichte Studie zum Wertewandel der Österreicher konstatiert aber, dass die Kirche gerade bei den Jungen sowie am Land und bei den Frauen besonders stark abnimmt.

Zulehner: Das ist ein substanzieller Einbruch in den Kernschichten - und zwar bei denen, wo wir gehofft haben, dort funktioniere die Tradierung des Glaubens wie gehabt. Das heißt, die Kirche ist in einer Situation, wo sie jede Generation neu gewinnen muss. Die Zahlen ergeben eine doppelte Rechnung: Zum einen bezahlen wir für den pastoralen Super-GAU - Groër, Krenn usw. - und zum anderen fürchte ich, dass auch vom Kirchenvolks-Begehren bloß eine monatelange negative Image-Kampagne der Kirche geblieben ist. Ich habe gerade eine Doktorarbeit laufen über das Image der Kirche bei Mittelschüler/inne/n, die ergibt: Die Kirche ist bei den jungen Leuten out. Wenn das stimmt, dann muss die Kirche sehr besorgt sein. Denn das heißt, dass wir in 10, 15 Jahren bei 30 Prozent liegen. Nimmt man dann noch den ökonomischen Druck, so werden viele Leute aus den Kirchen austreten, nicht weil sie etwas gegen die Kirche haben, sondern weil sie das Geld brauchen.

Die Furche: Die Diagnose ist klar. Aber noch einmal: Was kann die Kirche da tun?

Zulehner: Das ist ein wirklich schwieriges Geschäft. Um durch neue Netzwerke und eine neue Image-Politik auch bei den jungen Leuten etwas in Gang zu setzen, braucht es viel Mut, Fachwissen und Experimentierfreude. Meine Freunde von der Weizer Pfingstvision nutzen da Obama-artig Facebook oder Youtube - gehen da voll hinein, wo man heute in einen Dialog mit jungen Leuten tritt. Aber wie stabilisiert man das dann und organisiert mehr als flüchtige Begegnungen? Wir wissen es eigentlich nicht, wie wir die Generation, die nach uns kommt, an das Evangelium binden können. Aber wenn uns das nicht gelingt, dann ist das nicht sehr gut.

Die Furche: Haben die Leute, die Sie da gewinnen wollen, spirituell nicht längst schon anderswo angedockt?

Zulehner: Vor allem qualitativ interessiert es sehr, was da im Aufbruch ist und warum die Leute spirituell vagabundieren. Man sollte sich aber über die quantitativen Ausmaße nicht täuschen lassen. Denn wir haben ein schrumpfendes kirchliches Feld und ein wachsendes alltagspraktisches Feld eines "Atheismus light", das ist mittlerweile das größte Feld: Leute, die ohne das Thema Religion sehr sinnvoll auskommen und leben, solange sie lieben, arbeiten, gesund sind und Frieden haben. Wenn das passt, interessiert niemanden der Sinn oder Gott. Was mein großer Mentor Kardinal König mit seinen großen Fragen: "Woher kommen wir, wohin gehen wir, was ist der Sinn des Lebens?" meinte, bewegt einen 25-Jährigen da nicht mehr. Dieses unaufgeregte, völlig ohne Gott Auskommen ist auch ein irgendwie faszinierendes Leben. Es gibt sehr viele derartige "unbekümmerte Alltagspragmatiker". Doch spüren Leute sowohl im kirchlichen wie im atheisierenden Feld, dass es dort Erschöpfungserscheinungen gibt. Eine erschöpfte Moderne. Erschöpfte Altkirchen. Und die sind als drittes Feld dann die Klientel, die spirituell vagabundiert: Spirituelle wandern aus den Kirchen und zum Teil auch aus der erschöpften Moderne aus.

Die Furche: Sie sprechen von denjenigen, die sich dem traditionellen Christentum entfremdet haben. Wie ist das nun aber bei den Muslimen, die in unseren Gesellschaften immer präsenter werden?

Zulehner: Das muslimische Feld ist für Europa von großer Bedeutung - und kommt als vierte Kategorie dazu. Wenn man diese vier Felder gut im Blick hat, dann kann man religionspolitisch sehr gut planen und fragen: Wie sind die Dialoge? Wo sind die Bruchstellen? Kommt es zum Clash der Religionen? Der Friede zwischen den Religionen ist auch in Europa noch nicht gesichert.

Die Furche: Manche in der katholischen Kirche versuchen da, die "Identität" zu schärfen.

Zulehner: Was niemand in der Kirche will, ist völlige Beliebigkeit. Was uns die Konservativen dauernd vorwerfen, dass man alles über Bord werfen will, nur weil es um die Frage geht, ob Laientheolog/inn/en auch bestimmte Aufgaben in der Diözese Linz übernehmen können, ist an den Haaren herbeigezogen. Zurzeit ist die stärkste Gruppe in der Kirche ohnehin die offene Mitte. Dort herrscht klar ein Prinzip, über das ich auch als Forscher nichts kommen lasse: In Zeiten der Diffusion zählt nur die Position. Man muss als Kirche eine Erkennbarkeit haben - aber Erkennbarkeit heißt nicht Fundamentalismus.

Die Furche: Was verstehen Sie da unter Fundamentalismus?

Zulehner: Ein Fundamentalist ist einer, der von innen so verunsichert ist, dass er nach außen angestrengte Sicherheiten braucht. Wenn man sich aber der Nähe Gottes gewiss ist, braucht man diese Unsicherheit nicht zu haben. Man ist frei und kann experimentieren. Man kann dann sagen, dass sich die Gestalt der Kirche wandeln darf. Wenn der Geist wirkt, wird man sagen: Die Kirche bleibt sich nur treu, wenn sie sich wandelt. Daher ist der Nicht-Wandel, den wir heute beobachten, eigentlich eine Untreue dem Geist gegenüber. Theologisch ist das eine Art Geistlosigkeit. Ich verstehe viele Fragen nicht: Warum könnte man nicht im Umkreis junger Menschen ein Networking machen, neue Formen der Liturgie entwickeln? Warum haben wir dort nicht genug engagierte ehren- und hauptamtliche Leute, die auch in der Lage sind, Gottesdienst zu feiern - bis hin zur Eucharistie? Der Priestermangel ist ein künstlich am Leben erhaltenes Problem. Ich glaube, hier nicht in Bewegung zu kommen, ist - von oben her - ein Mitschuldigwerden an der ständigen Entfernung der Kirche von den Leuten. Das findet ja momentan statt.

Die Furche: Lässt sich dem Priestermangel mit einer Änderung der Zulassungsbedingungen - etwa des Zölibats - begegnen?

Zulehner: Ich bin ein Verfechter des Zölibats! Ich halte ihn für eine intelligente, wenn auch riskante Lebensform. Wie übrigens auch die Ehe. Aber warum probieren wir da nichts? Ich habe vorgeschlagen, als Dienst an der Weltkirche zehn Jahre lang in drei Pfarren "gemeindeerfahrene" Personen (personae probatae) - auch verheiratete - auszubilden und zu weihen und das auch zu evaluieren. Es ist irritierend, dass man Möglichkeiten hätte, die überhaupt nicht progressiv sind, sondern nur aufgreifen, was es in anderen Kirchen längst gibt. Und wir schauen lieber zu, wie Gemeinden sich auflösen, die Leute sich entfernen, wie wir keinen Kontakt mehr zu den Leuten haben. Ich war einmal beim Vorstand eines Lebensmittelkonzerns, der referiert hat, wie sein Unternehmen die Kundennähe sichern kann. Die machen genau das Richtige. Und wir? Wir verzichten zurzeit auf die Nähe zu den Menschen, um bestimmte innerkirchliche Werte zu stabilisieren.

P. Zulehner

Geb. 1939 in Wien, Studien der Theologie und Religionssoziologie. Priesterweihe 1964, Habilitation 1973, 1984-2008 Professor für Pastoraltheologie in Wien. 1981 erste Wertestudie "Religion im Leben der Österreicher", 1992 Europäische Wertestudie (Folgestudien 2000 und 2008).

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