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Kirche geht verloren

Die Zahlen offenbaren brutal: Das katholische Kernland Österreich verliert seine Katholizität. Kirche muss lernen, mit dieser Realität produktiv umzugehen. Der Weg dorthin ist noch weit.

Zuerst die Austrittsstatistik 2011. Auch wenn es nur ein halbes Hunderttausend sind, die letztes Jahr die katholische Kirche verlassen haben: Geht die Entwicklung in dieser Dimension weiter, verliert das katholische Kernland Österreich seine Katholizität. Vielleicht spricht man in ein paar Jahren vom Kulturkatholizismus mit einem versteinerten Zeugnis der Kirchenbauten oder Marterln und Wegkreuze, der vielleicht noch an den Knotenpunkten des Lebens auf ein kirchliches Angebot zurückgreift. Vielleicht geht aber auch das schneller verloren, als man denkt. Wer weiß.

Dann Favoriten: Der Kardinal von Wien selber spricht vom Ende des konstantinischen Zeitalters, die Idee einer Staatskirche für alle sei obsolet und die Ortskirche müsse dem Rechnung tragen. Es könne, so Christoph Schönborn, kein "Business as usual“ mehr geben. Veränderung sei nötig - festgemacht wird das an einem Pilotprojekt für den Wiener Bezirk Favoriten, dessen Kirchenstatistik Bände spricht: Nur mehr ein Drittel der 177.000 Bewohner ist katholisch.

Es muss etwas geschehen

Und von denen gehen nur mehr drei Prozent zum Sonntagsgottesdienst. Die Brutalität der Zahlen macht die Verlorenheit der Institution offenbar. Es nützt wenig, den Arbeiter- und Migrantenbezirk Favoriten als kirchlich besonders hartes Pflaster abzutun. Ähnliches ist landauf landab zu konstatieren. Vor kurzem veröffentlichte die Zeitung Welt der Frau gemeinsam mit dem Pastoraltheologen Paul M. Zulehner eine Studie, nach der die Kirche die Frauen verliert. Auch hier also der nämliche Trend.

Nur mehr ganz Unverbesserliche versuchen, den kirchlichen Status Quo ungeachtet aller Erosionserscheinungen zu perpetuieren. Das in der Erzdiözese Wien vorgestellte Pilotprojekt zur Zukunft von Favoriten ist nur der Ausdruck, dass etwas geschehen muss. Umbau ist angesagt. Reformen stehen an. Dass die Wiener Diözesanleitung da auf den ersten Blick mit technokratischen Vorgaben aufwartet, irritiert: Eine Mindestgröße von Pfarren (4000 Schäfchen) wird dekretiert, die budgetierten Posten (Aufrechterhaltung von Infrastruktur, der Personalstand, die Mittel für "neue Projekte“) werden mit geforderten Prozentzahlen versehen. Ein Großunternehmen, das wirtschaftlich konkurrenzfähig bleiben will, agiert ähnlich. Mag ja sein, dass die Analysten der ökonomischen Kirchensituation solche Maßnahmen argumentieren. Argumentieren müssen.

Doch eine Institution, auch eine religiöse, die der Innovation fähig ist, kann und darf sich nicht mit der Geld-Frage bescheiden. Sie muss eine Auseinandersetzung über ihre Ziele und Aufgaben anzetteln. Etwa - wie die Pastoraltheologin Regina Polak es beim Beispiel Favoriten tut - aufzufordern, sich mit der Situation der Menschen am Ort auseinanderzusetzen und dann zu fragen, welche Aufgaben der Kirche, den Christen, den Gemeinden dort zukommt (Interview umseitig). "Neue Versuche, das Christliche im Säkularen zu behaupten, verlangen auf kirchlicher Seite das produktiv aufzunehmen, was das Großstadtleben ausmacht“: Auf diesen Punkt bringt solches der Kölner Theologe Hans-Joachim Höhn, einer der raren zukunftsweisenden katholischen Denker in seinem Buch "Fremde Heimat Kirche“. (In diesem Band geht er auf viele der hier angedeuteten Probleme bestechend, nachvollziehbar und originell ein.)

An die eigenen Wurzeln gehen

Und es geht darum, sich der eigenen Wurzeln zu versichern: In der Erzdiözese Wien war der Gesprächsprozess der letzten Jahre mit "Apostelgeschichte 2010“ übertitelt, gemeint: am biblischen Buch der Apostelgeschichte sich ein Beispiel zu nehmen und daraus Schlüsse für heute zu ziehen. Mittlerweile heißt der Vorgang - man lebt ja im Internetzeitalter! - "Apostel 2.1“. Der Wiener Pfarrer und Leiter der diözesanen Bibelpastoral, Roland Schwarz, konstatiert dazu jedoch, die gegenwärtigen Strukturüberlegungen in Wien und anderswo (Pfarrzusammenlegungen, Schaffung von Seelsorgeräumen etc.) würden gerade das Gegenteil davon sein, wie sich die Entwicklung kirchlicher Strukturen in den paulinischen Schriften und den frühchristlichen Gemeinden darstellt (Seite 22 des Dossiers).Da fragt sich der katholische Zeitgenosse schon, ob seine Kirche aus der biblischen Erfahrung wirklich zu lernen bereit ist.

Spätestens jetzt sollte klar sein, dass es ans Eingemachte geht: Man mag ja die realpolitischen Fesseln begreifen, denen sich eine Ortskirchenleitung gegenübersieht. Wenn etwa die Wiener Kirchenverantwortlichen betonen, sie müssten und würden sich unter den Gegebenheiten weltkirchlicher Rahmenbedingungen bewegen, so mag man das verstehen. Aber bei allem Verständnis: Ohne die Möglichkeit, auch den Rahmen aufbrechen zu können, wird es keinen Aufbruch geben. Oder eben nur technokratische Kosmetik von der Art: Wenn es zu wenige Pfarrer gibt, müssen es auch weniger Pfarren werden - also kreieren wir größere Einheiten. Man kennt die Gedankengänge.

Um eine neue Gestalt von Kirche ringen

Im Grunde sind die erzbischöfliche Rede über das Ende des konstantinischen Zeitalters und die Überlegungen von Kirchenreformgruppen von der gleichen Einsicht getragen: Es gilt, um eine neue Gestalt von Kirche zu ringen. Die Kontroverse entzündet sich daran, inwieweit Reform gehen darf. Das Gros diesbezüglich bewegter Laien hat sich mittlerweile aus der katholischen Kirche oder in die innere Emigration verabschiedet. Das ist ein intellektueller wie spiritueller Aderlass, den die Kirche nicht verkraften wird. (Der Aufbruch vor dem II. Vatikanum war von Vordenker(inne)n dieser Preisklasse angestoßen worden). Nun haben sich die letzten Getreuen - Stichwort: Pfarrer-Initiative - erhoben und wenigstens ein bisschen öffentliche Auseinandersetzung rund um diese Fragen erreicht.

Wenn aber die Kirchenleitung sich nicht einmal mehr mit ihrem Kernpersonal verständigt, wie soll sich die katholische Kirche dann weiterentwickeln? Es geht dabei um nicht weniger als den Auftrag, wie die frohe Botschaft den Menschen heute verkündet werden kann. Das führt schnurstracks zu altbekannten Reizthemen: von der Frage nach der Verfasstheit von Kirche am Ort bis zur jener nach den Ämtern in der Kirche. Wenn das nicht auch thematisiert werden kann (der ganze Rattenschwanz vom Zölibat bis zur Frauenfrage), dann wird Kirche bald verloren sein. Und: Es handelt sich hier auch nicht um "Organisationsfragen“, sondern die Lösungen, wie immer sie aussehen, berühren den Glauben in Grundfesten.

Beim Deutschlandbesuch 2011 machte Benedikt XVI. mit seiner Freiburger Rede Furore, wo er einer "Entweltlichung“ der Kirche das Wort redete. Der Papst rekurrierte da auf bestimmte deutsche Kirchenzustände. Aber man sollte ihn auch in Bezug auf die Kirchenverfassung insgesamt beim Wort nehmen: Wer sagt, dass etwa wirtschaftliche und finanzielle Letztentscheidungen in der katholischen Kirche ausschließlich den (geistlichen) Amtsträgern vorbehalten sein müssen? Ist das nicht eine "Verweltlichung“ des Amts? Man kann den Reformbedarf also auch ganz päpstlich begründen.

Fremde Heimat Kirche

Glauben in der Welt von heute

Von Hans-Joachim Höhn

Herder 2012.

180 Seiten, geb. € 17,50

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