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Haben die Priester abgedankt?

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Das Bedürfnis ist da, über die wunden Punkte des Lebens auch wieder mit Seelsorgern zu reden, stellt der Pastoraltheologe Paul M. Zulehner fest.

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Das Bedürfnis ist da, über die wunden Punkte des Lebens auch wieder mit Seelsorgern zu reden, stellt der Pastoraltheologe Paul M. Zulehner fest.

dieFurche: Warum finden viele Menschen mehr Trost und Rat bei Psychotherapeuten oder in TV- Talkshows als in den kirchlichen Beichtstühlen3

Professor Paul M. Zulehner: Das hat sicher etwas zu tun mit der Wi-derwilligkeit der Bevölkerung, sich dauernd das Leben definieren lassen zu müssen. Hier bekommt die Kirche eine Quittung ausgestellt für jahrhundertelange Bevormundung und Entmündigung.

Ich glaube, hier geht es aber auch um eine langfristige Entwicklung: Die Menschen haben sich von allen autoritären Institutionen zurückgezogen, haben ihr Leben in die eigene Hand genommen. Besonders in den letzten 20 Jahren. Der Niedergang des Bußinstituts ist völlig deckungsgleich mit dem Niedergang des Autoritaris-mus in unserer Kultur. Wobei Autori-tarismus heißt: recht hat, wer oben ist, und ich unterwerfe mein Leben der Fremdsteuerung durch andere. Auch die Priester wurden als Vertreter des Autoritären gesehen und nicht als Vertreter der Freiheit oder gar der Heilung. Sie wurden gesehen als Vertreter der Kontrolle. Mit dem Bußsakrament hatte sich die Kirche ja zum Anwalt eines autoritären, beleidigbaren Gottes gemacht. £>ie hat aus der biblischen Leidensmoral eine autoritäre Beleidigungsmoral gemacht.

diefürche: Wurde damit auch gleichzeitig die Erfahrung von Schuldgefühlen beseitigt?

Zulehner: Keineswegs. Menschen werden natürlich auch jetzt schuldig, aber sie sind meist allein damit. Denn im Zuge ihrer Befreiung haben sie vermeint, auch nicht mehr auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen zu sein. Aber die brachliegende Schuld „wurmt" die Leute - früher hat man ja auch von einem „Gewissenswurm" gesprochen -, macht sie unter Umständen krank. Buchstäblich, weil es natürlich auch Kränkun- > gen gibt. Selbstkränkungen beispielsweise durch ein beschädigtes Leben. Jetzt taucht wieder Heilungsbedarf auf. Der ist nicht erst von Vera Russwurm oder den „Help-TV'-Sendun-gen des ORF aufgegriffen worden, sondern ist primär zu jenen Berufsgruppen gewandert, die die Kleriker als Beichtväter wirklich abgelöst haben; nämlich die Therapeuten. Die sind die eigentlichen modernen Beichtväter geworden mit sehr starken heilenden Kräften.

dieFurche: Das Beichten hat nicht aufgehörl, sondern nur eine andere Form gefunden?

Zulehner: Ja. Sie wird mehr zu einer Lebensberatung und Lebensbegleitung. Die ganz guten Therapeuten sagen allerdings, daß sie an einer Stelle anstehen, nämlich dort, wo sie nicht im Namen Gottes Versöhnung zusprechen können. Ich glaube, daß immer noch ein Bodensatz von Vergebungsbedürftigkeit für den Menschen bleibt; an der Wurzel seiner Seele. Dort ist die Heilung durch Gott ein Bedürfnis des Menschen. Immer wieder wird gesagt: „Und jetzt brauche ich noch die sakramentale Vergebung." Die Menschen merken zwar, daß Beratung gut ist, aber daß es auch hervorragend ist, wenn ihnen gesagt wird: „Du hast Ansehen vor Gott". Dieses Bedürfnis kommt wieder. Zwar ganz diskret und in neuen Formen und auch nicht unbedingt gleich in den Beichtstühlen.

dieFurche: Liegen hier die Grenzen der Kompetenz für die neuen Beichtväter?

Zulehner: Ja. Sie können nämlich nur einen Teil des Problems bearbeiten. Sie können den Leuten helfen, ihre Probleme hinauszuschreien.

dieFurche: Sehen Sie keine Gefahr, daß die Menschen letztlich nichts mehr für sich behalten, mit sieh selbst ausmachen können?

Zulehner: Hier habe ich auch meine Bedenken. Aber für Talkshows im Fernsehen beispielsweise ist ohnehin nur ein bestimmter Persönlichkeitstyp in der Lage. Das sind Leute mit einer ganz niedrigen Mitteilungsschwelle. Ins Fernsehen begibt sich ja nur jemand, der die Mitteilungsscheu schon längst verloren hat oder nie eine hatte.

Ich glaube, daß sich das alles sehr schnell abnützen wird. Die Menschen haben einen sicheren Instinkt dafür, daß diese mediale Veröffentlichung nicht die heilende Kraft hat, die sie sich erhoffen. Und gerade, wo es um Schuld geht, ist ein Höchstmaß an Verletzlichkeit da und daher auch die Pflicht zur Intimität. Sehr schnell werden die Menschen draufkommen, daß hier die Schuld zu einem Spektakel umgeformt wird, regelrecht zu einer Schauschuld wird. Was hier via Fernsehen geschieht, ist im Grund nichts anderes als ein intimer Schau-prozess. Es ist faszinierend zu sehen, daß unsere Mediengesellschaft in Freiheit produziert, was der Kommunismus immer als Machtmittel gegen den Menschen mißbraucht hat, nämlich Schuldobszönität und Schuldprostitution. Aber ich glaube, daß bald auch das zerstrittenste Ehepaar sagen wird: Du kannst mir alles antun, aber ins Fernsehen gehen wir mit unserer Geschichte nicht! Was sind außerdem die Auftritte von ein paar Menschen pro Sendung gegenüber jenen Millionen, die das nicht tun?

dieFurche: Darunter gibt es viele, die die wunden Punkte in ihrem Leben lieber verschämt verbergen Was ist mit denen?

Zulehner: Die leiden sehr und tun sich schwer, sich mitzuteilen. Ich glaube, daß auf der Spur des Fernsehens hier aber nicht sehr viel weitergehen wird. Wir müssen daher von einer autoritären Seelsorge wegkommen, die nur über den Menschen wacht, statt ihn dienend zu heilen. Dann werden auch die Leute wiederkommen. Aus meiner persönlichen Erfahrung weiß ich, daß die Menschen reden wollen. Ich denke mir, daß vielleicht der Pater Martin von den Jesuiten, der die Beichte über Internet angeboten hat, hier auch erste Brücken schlagen kann (siehe nebenstehenden Beitrag, Anm. d. Red.). Das ist ein interessantes Projekt. Möglicherweise sind die Begegnungsschwellen zum Seelsorger - trotz der Anonymität speziell in Großstädten -doch schon viel zu hoch. Vielleicht ist Internet so ein erster Steg, über den man sich drübertraut. Später kann man sich dann vielleicht sogar gegenübersitzen.

dieFurche: Wenn die Beichte einem therapeutischen Gespräch gleichen soll, bedarf es dementsprechender Tröster und Helfer. Sind die Priester das?

Zulehner: Der Pfarrermangel führt sicherlich dazu, daß immer weniger Zeit bleibt für solche heilenden und beratenden Gespräche. Wir können ausbilden, soviel wir wollen, wenn dann letzlich der Betreffende keine Zeitressourcen mehr hat. Wir machen natürlich sehr viel Ausbildung in Pastoralpsychologie an der Universität, um genau diesen heilenden Grundton des Bußsakramentes auch ein wenig nach vorne zu spielen.

Früher mußte man wissen, welche Sünden es gibt und welche dem Bischof vorbehalten sind, dann hat man noch gelernt, wie das entsprechende Bußritual abläuft. Da gab es eigentlich wenig Wissen um die Seele des Menschen, die verworrenen Zusammenhänge, in denen er lebt und seine individuelle Leidensgeschichte. Es wurde nur der Richter hervorgekehrt, der die Sünden aufspürt und schaut, daß er sie wieder in Ordnung bringen kann.

Es gehe aber nicht darum, etwas in Ordnung zu bringen. Das Leben selbst muß eine Chance bekommen, sich zu entfalten. Die Auszubildenden müssen in den Genuß jener Erfahrungen kommen, die die Pastoralpsychologie in den letzten Jahrzehnten extrem gut entwickelt hat, nämlich die Einführung in die Sensibilität.

Das Gespräch

fiihrte Elfi Thiemer

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