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Nicht nur formale Kirchenreform!

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Christoph Schönborn: „Es ist wichtig, daß es Partizipation gibt und daß ein Vertrauensverhältnis zwischen dem Bischof und den Gläubigen besteht.”

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Christoph Schönborn: „Es ist wichtig, daß es Partizipation gibt und daß ein Vertrauensverhältnis zwischen dem Bischof und den Gläubigen besteht.”

DIKFURCHE: Herr Erzbisckof, sehen Sie hier in Osterreich so etwas wie eine Verschwörung oder eine allgemeine Mißstimmung gegenüber der Kirche? Erzbischof Christoph Schönborn: Ich habe keine Kenntnis von einer Verschwörung. Ich stelle fest, daß es in nicht unerheblichen Kreisen der Bevölkerung eine Mißstimmung gibt, daß es immer wieder auch Menschen gibt, die der Kirche gegenüber sehr kritisch, zum Teil auch ablehnend gegenüberstehen und das auch äußern.

DIEFURCHE: Im Zusammenhang mit der Forderung einiger, Kreuze aus Schulklassen zu entfernen, ist das Wort Kulturkampf auf getaucht Sehen Sie einen Kulturkampf herauf dämmern? schönborn: Kulturkampf in dem Sinn, wie er unter Bismarck gezielt geführt worden ist, sicher nicht. Daß es bei der Auseinandersetzung um die Kreuze in den Schulen da und dort kulturkämpferische Töne gibt, ist nicht zu leugnen.

DIEFURCHE: Sie haben jüngst betont, daß Sie in der Kirche positive Ansätze sehen, Aufbrüche. Wo zum Beispiel? schönborn: Ich war in den vier Jahren als Weihbischof immer wieder überrascht über den Kontrast zwischen der veröffentlichten Meinung und dem, was man tatsächlich vor Ort in den Gemeinden, in den Gruppierungen findet. Es ist bei weitem nicht so ein Negativbild gerechtfertigt, wie es gelegentlich aufscheint. Es gibt neue Aufbrüche in der Kirche, wie es sie zu jeder Zeit gegeben hat. Ich sehe sie sehr stark in den geistlichen Bewegungen, etwa das Focolar, auch das Opus Dei, das zwar auch Anlaß zur Kritik gibt, das aber zweifellos auch sehr viele positive Früchte bringt. Ich könnte viele andere Gruppierungen nennen wie charismatische Erneuerung, neue Ordensgemeinschaften, ich sehe darin tatsächlich Zeichen einer großen Lebendigkeit. Ich möchte aber betonen, daß für mich die Pfarren die grundlegenden Einheiten sind, aus denen sich die Kirche aufbaut. Erneuerungsbewegung und Pfarre: kein Gegensatz, sondern Ergänzung.

DIEFURCHE: Wollen Sie die momentane Struktur der Hochschulseelsorge, zwei Bereiche, einer davon dem Opus Dei anvertraut, beibehalten? schonborn: Im Moment denke ich nicht an eine andere Lösung. Ich könnte mir vorstellen, daß es angesichts der vielen Universitäten in Wien eher noch mehr solche universitären Zentren geben könnte. Ich glaube, die jetzige Hochschulseelsorge arbeitet gut, aber bei 140.000 Studenten kann sicher nur ein geringer Prozentsatz erreicht werden.

DIEFURCHE: Wie wollen Sie dem Seelsorger- und Priestermangel, vor allem in Pfarren auf dem Land, begegnen3 schönborn: Sicher ist es eine der ganz vorrangigen Aufgaben, Seelsorgerberufe zu fördern, ob Priesterberufe, Ordensberufe, Berufe für neue Gemeinschaften. Ich habe auch den Eindruck, daß trotz der wenigen Seminaristen in den letzten Jahren die Zahl der Berufungen nicht geringer ist. Es ist nur die Frage an uns, ob wir sie genügend fördern, ob wir sie auch bejahen und wollen. Da geht auch die Frage an alle Gemeinden, an die Familien: Freut man sich wirklich darüber, wenn ein junger Mensch sich für den Weg einer geistlichen Berufung entscheidet?

DIEFURCHE: An der Theologischen Fakultät gibt es mitunter Probleme mit Berufungen Liegt das an Vorbehalten in Wien oder gibt es Druck aus Rom? schönborn: Ich habe bisher keinen Druck aus Bom festgestellt, es geht um die eigene Verantwortung des Bischofs. Ich war bisher Bischofsvikar für die Agenden der Fakultät und werde sie auch als Erzbischof verantworten. Mir liegt daran, daß die Berufungen von der Qualität und Kirchlichkeit her gut sind und eine gute Priester-, Theologen- und Religionslehrerausbildung gesichert ist. Da wird es sicher mitunter auch Konflikte geben, die sind manchmal nicht zu scheuen.

DIEFURCHE: Halten Sie Punkte des Kir-chenvolks-Begehrens für unvereinbar mit dem Glauben? schönborn: Ich habe immer gesagt: Mir fehlen sehr wesentliche Anliegen, die unerläßlich sind, wenn man von Kirchenreform spricht. Ich meine vor allem den Bereich des gesellschaftlichen Engagements der Kirche, der völlig ausfällt, und den Bereich der religiösen Vertiefung, der nicht zur Sprache kommt. Ohne diese beiden Dimensionen ist eine Kirchenreform zu formal, zu äußerlich.

DIEFURCHE: Mit dem Glauben absolut unvereinbar würden Sie auf Anhieb keinen der Punkte nennen3 Schönborn: Ich habe immer wieder deutlich gesagt, daß es im Bereich der Frage Priestertum der Frau eine klare kirchliche Lehre gibt. Hier ist eine Grenze. Daß heißt nicht, daß man darüber nicht sprechen kann, daß man sich nicht um die Argumentation bemühen muß. Der Glaube ist ja nicht etwas, das uns übergestülpt wird, ohne daß wir darüber nachdenken dürfen, sondern er hat seine Gründe, bis zu einem gewissen Grad seine Einsichtigkeit, wenn man bereit ist, sich darauf einzulassen.

Hier ist sicher zu fragen: Was hat eigentlich die 2000jährige Tradition der Kirche gemeint, was steckt dahinter, daß das Priesterweihesakrament Männern vorbehalten ist. Das kann nicht einfach nur eine negative Einstellung der Frau gegenüber sein, da gibt es vielleicht auch positive Gründe zu entdecken. Da ist sicher ein großer theologischer Aufholbedarf.

DIEFURCHE: Ein anderer Punkt betrifft Bischofsernennungen Werden Sie in Rom um Weihbischöfe einreichen3 schönborn: Ich habe diesbezüglich noch keinen Entschluß meinerseits gefaßt, und ich möchte auch mit meinem Konsistorium und dem Bischofsrat erst in Ruhe darüber reden.

üiefurche: Sie würden also ein solches Forhaben bekanntgeben und Forschlägefür Kandidaten einholen3 schönborn: Das ist selbstverständlich. Unabhängig von der Frage der Wreih-bischöfe sollen Bischöfe regelmäßig Namen von Personen, die für das Bischofsamt in Frage kommen, nach Rom schicken; so etwas werde auch ich zu tun haben. Da gibt es verschiedene Überlegungen, wie man eine repräsentative Erhebung der Sicht der Gläubigen und der Priester bewerkstelligen kann. Sicher kann es nicht wie eine amerikanische Präsidentenwahl sein, wo man mit großem Werbeaufwand für die Kandidaten ins Feld zieht, das wäre eine Karikatur. Das Wichtige ist das Vertrauensverhältnis zwischen Bischof und Gläubigen. Wie der Bischof dann letztlich in freier Entscheidung vom Papst ernannt wird, wie der Papst seine Information bekommt, ist nicht die erste Frage. Wichtig ist, daß die Information gut ist, ausgewogen ist, und daß sie wirklich zu Namen gelangt, die das Vertrauen der Gläubigen genießen.

DIEFURCHE: Den Modellen Basel und St Gallen gewinnen Sie nichts ab? schönborn: Das sind geschichtlich gewachsene Modelle, die man bei uns so nicht übernehmen kann. Ich bin auch nicht sicher, daß die so übermäßig demokratisch sind.

DIEFURCHE: Es geht ja nicht um Demokratie, sondern um Partizipation schönborn: Die Formen der Partizipation können sehr verschieden sein. Wichtig ist, daß es Partizipation gibt.

DIEFURCHE: Es halten sich hartnäckig Gerüchte, Sie seien ein Idealkandidat für die Glaubenskongregation in Rom Sehen Sie hier in Wien Ihre Lebensaufgabe oder schließen Sie nicht aus, einmal nach Rom zu gehen3 schönborn: Ich habe dieses Gerücht außer in Medienkreisen nirgendwo gehört, sicher nicht von kompetenter Stelle, und ich schlage daher vor, daß man nicht meine Zukunft im Kaffeesud liest. Ich bin Erzbischof von Wien, das ist eine große und verantwortungsvolle Aufgabe, und ich bitte um das Gebet und um das Miteinander, diese Aufgabe dem Willen Christi gemäß zu erfüllen.

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