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"Das sind eben zwei Kirchen"

dieFurche: Abt Heinrich, kommt es oft vor, daß ein Bischof einen Ordensmann als Pfarrer absetzt - wie jetzt Bischof Kurt Krenn Pater Udo Fischer als Pfarrer von Paudorf?

Heinrich Ferenczy: Ich kann mich nicht erinnern, daß so etwas in der jüngeren Vergangenheit in dieser Form jemals praktiziert wurde. Ich glaube, daß die Situation sowohl in Paudorf als auch in Göttweig als auch in St. Pölten - besonders was die Causa Udo Fischer betrifft und auch die Causa Groer - so verfahren ist, daß zumindest für einige Zeit eine Besinnungspause sehr gut täte, um sich genau zu überlegen, wo man neu beginnt.

dieFurche: Ist dieser Fall Teil einer Zerreißprobe in der ganzen Kirche?

Ferenczy: Ich habe das Gefühl, daß alle diese Affären weit überzeichnet sind. Wenn ich ins innere Geschehen der Kirche schaue, so liegen die Probleme ganz woanders. Was Bischof Stecher sehr klar in seinen beiden Briefen aufgezeichnet hat, das sind die echten Probleme der Kirche. Daß wirklich Hunderte Pfarrer, Priester, Laien, die in der Kirche tätig sind, keine Orientierung haben, weil sie hoffnungslos überfordert sind. Ich helfe zum Beispiel Sonntag für Sonntag im Weinviertel aus, jetzt ist wieder ein Pfarrer dort gestorben, man weiß nicht mehr, wie man die einzelnen Posten besetzen soll. Darüber machen sich offensichtlich nicht sehr viele Gedanken. Der Gedanke der viri probati ist einfach weggewischt. Das sind die echten Probleme, daß so viele Priester einfach nicht mehr können, daß man das Evangelium nicht mehr zu den Menschen hintragen kann. Was so marktschreierisch im Fernsehen zu sehen ist, das halte ich für Randprobleme.

dieFurche: Geht es nicht auch um die Glaubwürdigkeit der Amtsträger? Ist nicht Pater Udos Abberufung gerade jetzt vor der Visitation äußerst seltsam?

Ferenczy: Wobei man sagen muß, daß Pater Udo einer der getreuesten Parteigänger von Groer war, einer seiner ersten Jünger und wirklich mit ihm engst geistig verbunden. Dieses Kippen ist mir ein Rätsel, vielleicht wäre auch da ein persönliches Gespräch gut gewesen.

Ich glaube, das Problem der Kirche in Österreich besteht einerseits darin, daß die Bischöfe selbst zu keinem gemeinsamen Nenner kommen. Wie einer, der sehr gerne bei uns Gast war, Bischof Stecher, einmal gesagt hat: Seit dieser eine Bischof dabei ist, ist die herzliche, brüderliche Atmosphäre weg. Zweitens kann die Kirche mit den Medien ganz bestimmt noch nicht umgehen. Ich war im letzten Monat im Spital, da habe ich ein bißchen mehr ferngesehen, ich habe auch "Vera" gesehen, es ist wirklich jämmerlich. Wenn ich an die Stelle denke, wo Vera Pater Udo direkt fragt: Was hat er mit Ihnen gemacht, das ist doch ein schwerwiegender Vorwurf, den sie Kardinal Groer machen? Der konnte darauf eigentlich nichts sagen - das ist ins Leere gelaufen.

dieFurche: Kardinal Groer selbst ist zu keiner Äußerung bereit. Verstehen Sie das?

Ferenczy: Ich verstehe es nicht, nur hätte das schon längst sein sollen, Bischof Stecher hat sehr pointiert gesagt: Hat er es gemacht, soll er es zugeben, hat er es nicht gemacht, soll er entsprechend dagegen auftreten. Etwas anderes gibt es nicht. Ich glaube, es liegt ein psychologisches Phänomen vor, das man nicht unterschätzen darf, ein eklatanter Fall von Verdrängung. Richard Picker, der Therapeut, hat etwas Ähnliches gemeint: Er hat es so verdrängt, daß es ihm wahrscheinlich gar nicht mehr bewußt ist. Das ist durchaus möglich. Da gehört eine Therapie her.

dieFurche: Wie sollten nun Bischöfe, die uneinig sind, weiter vorgehen, damit die Kirche wieder etwas darstellt?

Ferenczy: Es ist ein dringendes, rein menschliches Gebot, daß sich die einzelnen auf einen gemeinsamen Nenner einigen. Es ist höchst unglaubwürdig, wenn die wichtigsten Vertreter der Kirche ein derartiges Bild bieten. Da müssen sie einmal Bischof Krenn dazu bringen, daß er hier eine gewisse Linie hält. Er tut der Kirche nichts Gutes, wenn er immer wieder in der Öffentlichkeit so auftritt. Für mich ist sie abstoßend, diese präpotente Art und Weise, die Leute einfach so abzufertigen, das ist nicht im Sinn des Evangeliums. Das ist sehr traurig.

dieFurche: Wenn er es nicht tut, nimmt er da nicht die ganze Bischofskonferenz in Geiselhaft?

Ferenczy: Zu diesem Zweck ist der Nuntius da. Der Apostolische Nuntius hat die wichtige Funktion, auch solche Leute in der Öffentlichkeit in die Pflicht zu nehmen. Bischof Krenn hat von Pater Udo verlangt, daß er Buße und Umkehr tun soll, besonders vor der Fastenzeit. Das gilt für ihn genauso. Auch er soll sich besinnen, wie er der Kirche durch diese Art schadet. Ich glaube nicht, daß sehr viele damit einverstanden sind, wie er vorgeht.

dieFurche: Was bedeutet diese Vorgangsweise für die Orden und Äbte?

Ferenczy: Ich bin nicht unmittelbar betroffen, aber ich habe sehr guten Kontakt zu den niederösterreichischen Äbten und weiß, daß sie unter dieser Situation sehr leiden, weil ein brüderliches Gespräch der Äbte mit dem Diözesanbischof einfach nicht möglich ist. Das ist sehr schade.

dieFurche: Das heißt, es gibt mehrere Kirchen ...

Ferenczy: Zwei: eine Kirche, die auf eine amtliche Linie gebracht werden soll, und eine andere, die eben oft in aller Stille ihre Pflicht zu erfüllen versucht und sich sehr wenig darum kümmert. Etwas anderes bleibt ihnen nicht übrig.

dieFurche: Die Spaltung hat mit dem Eintritt Bischof Krenns in die Bischofskonferenz begonnen. Aber kann man das Problem auf eine Person beschränken?

Ferenczy: Es wäre sehr einseitig das ganze Problem auf Bischof Krenn zu verdichten, das stimmt ganz sicher nicht. Es gibt innerhalb der Kirche allgemein zwei verschiedene Tendenzen. Die eine liegt auf der Ebene des Zentralismus, es müsse von oben her, von Rom, von der Kurie her alles auf Linie gebracht werden. Es gibt ja angeblich einen Brief von Kardinal Ratzinger an die Bischöfe Österreichs, das Kirchenvolks-Begehren nicht ernst zu nehmen, einfach links liegen zu lassen. Da bewundere ich den Mut von Bischof Weber, der mir in seiner ganzen Art sehr zusagt, der sagt, das wird man sicher nicht machen können. Man muß auf das, was immerhin 500.000 Vertreter der Kirche Österreichs meinen, eingehen.

Der einzige, der nicht darauf eingehen möchte, ist, und darum wahrscheinlich auch die Geschichte mit Paudorf, Bischof Krenn. Das sind eben zwei Kirchen. Die Kirche, wie sie die beiden Stecher-Briefe deutlich machen, möchte auf Probleme eingehen, die die Leute wirklich bewegen: die Lebensweise der Priester, die wiederverheirateten Geschiedenen.

Da hat sehr viel an Aversion gegen die Amtsführung von oberster Stelle her begonnen. Und Modelle, wie sie zum Beispiel in der Ostkirche seit Jahrhunderten vorgelebt werden, wären sehr passabel: In beiden Fällen, was den verheirateten Priester betrifft als auch die Behandlung der Geschiedenen, die wieder heiraten möchten, wird uns das in einer menschlich nahen Weise vorexerziert. Man bräuchte nur darauf einzugehen, auch im Sinn der Ökumene. Das ist ein Kirchenbild, das mir viel sympathischer ist: daß man einfach auf die Menschen eingeht, die letztlich die Basis der Kirche bilden. Die Basis der Kirche sind die getauften Christen, die Gläubigen, das Kirchenvolk. Eine Stelle aus der Traditio apostolica - "superkonservativ", der Text stammt immerhin aus dem frühen 3. Jahrhundert - lautet zum Beispiel: "Zum Bischof soll eingesetzt werden, wer vom ganzen Volk gewählt wurde, und der untadelig ist."

dieFurche: Sind Sie dafür, daß diese Modelle der Bischofsfindung wieder aufgegriffen werden?

Ferenczy: Selbstverständlich. Diese Kandidatenliste, die in der Nuntiatur aufliegt und nach eigenen Kriterien Bischöfe aussucht, zeigt oft ein Bild eines Bischofs, wie ihn das Volk wahrscheinlich gar nicht so sehr haben möchte. Ich glaube, eine Rückbesinnung auf Kirche, wie sie in der Verfolgung gelebt wurde, wäre heilsam. Zumindest müßte man darüber nachdenken.

dieFurche: Was wäre das wünschenswerte Ende für den Konflikt in der Diözese St. Pölten?

Ferenczy: Das schönste, das christliche Ende wäre, daß die zwei zueinander finden. Es würde sich dann auch herausstellen, daß in manchem beide sehr ähnlich sind. Der ständige Drang, in die Medien zu gehen, sich in Szene zu setzen, ist uns ja wirklich nicht angenehm. Man hat den Fernsehschirm vor sich und kann nichts dazu sagen, man muß erdulden, was über einen hergeht. Die einzige Lösung liegt in der Versöhnung der beiden, und daß sich beide auf eine gewisse Marschroute einigen. Etwas anderes kann es nicht geben.

Das Gespräch führten Heiner Boberski und Otto Friedrich.

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