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UM CHRISTI WILLEN AUS DEM RAHMEN FALLEN

1945 1960 1980 2000 2020

Für Priesterseminare und Priesterausbildung in Österreich ist in der Österreichischen Bischofskonferenz der Grazer Diözesanbischof Johann Weber zuständig. Wie sieht er die Situation?

1945 1960 1980 2000 2020

Für Priesterseminare und Priesterausbildung in Österreich ist in der Österreichischen Bischofskonferenz der Grazer Diözesanbischof Johann Weber zuständig. Wie sieht er die Situation?

FURCHE: Herr Bischof, seit Jahren geht nicht nur die Zahl der Priesterweihen, sondern auch der Seminaristen zurück. Wo sehen Sie dafür die tieferen Ursachen?

DIÖZESANBISCHOF JOHANN WEBER: Wer nach dem Priester fragt, muß sofort die Frage nach der Kirche dazu setzen. Wie ist es, sich unserer Kirche ganz anzuvertrauen, und zwar nicht als vorübergehende Beschäftigung, sondern in einem Lebenseinsatz? Das bringt dann sofort die nächste Stufe. Was bedeutet uns Christus? Die Frage des Priestermangels hat sicher viele periphere Ursachen, aber es geht schon darum: Wie wirklich ist einem Christus, daß man diesen Weg der Nachfolge riskieren kann? Das ist keine rein persönliche Entscheidung, sondern das hängt auch sehr stark vom allgemeinen Klima, in dem ein Mensch lebt und heranwächst, ab.

FURCHE: Häufig wird der Zölibat als Hindernis genannt, daß sich junge Männerfür diesen Beruf entschließen können. Welche Rolle spielt er?

WEBER: Er spielt sicher eine große Rolle. Er geht ganz in die Existenz eines Menschen hinein. Die Sorge, sich durch Lebensentscheidungen zu binden, ist überhaupt groß geworden. Wir sehen das genauso bei der Ehe. Es geht um Entscheidungen, die man ein Leben,lang durchtragen will, es ist aber oft eher ein „Probieren wir es halt”. Die Meinung „Heben wir den Zölibat auf, und die Probleme sind gelöst” ist aber sicher falsch.

FURCHE: Es gibt Länder, wo etliche Bischöfe dafür eintreten, dort verheiratete Männer, sogenannte viri probati, zu Priestern zu weihen, einfach, um dort die Eucharistie sicherzustellen, die sonst in weiten Landesteilen nicht jeden Sonntag gewährleistet ist. Herrscht hier in der Kirche, die ja universal denkt, sofort die Befürchtung, ein solches Modell würde dann auch in Ländern, wo diese Situation nicht gegeben ist, gefordert werden?

WEBER: Unsere Kirche ist sicher eine univerale Kirche, und das bringt zugleich auch einen ungeheuren Vorteil: Ich möchte nicht in einer Kirche leben wo man das Gefühl hat, es kann sehr leicht passieren, daß sie sich in sehr verschiedene Denominationen auf der ganzen Erde auflöst. Hier muß die Kirche sehr abwägen. Ich glaube, man soll ruhig darüber sprechen, aber man soll nachdenken: Wie hoch ist der Preis? Der Preis ist sicher sehr hoch, wenn ich dieses Zeichen aufgebe, daß uns Christus so viel bedeutet, daß man auch diesen sehr großen Schritt tun kann,. Wenn dieses Zeichen verblassen würde, ein Zeichen des Himmelreiches, ist das schon sehr ernsthaft zu bedenken.

Es muß noch ein Aspekt genannt werden. Durch den Priestermangel, den ich in keiner Weise beschönigen möchte, ist auf einmal etwas sehr Gutes gewachsen, die Zahl von Menschen, die ohne große Reden einfach erkennen: Früher haben wir uns vielleicht auf einen Pfarrer, einen Kaplan verlassen, jetzt ist er nicht da, wir sind doch alle selber getauft und gefirmt. Ein ungeheures, auch zahlenmäßig großes Erwachen von Menschen ist zu registrieren.

FURCHE: Wenn Sie jetzt vorausschauen ins nächste Jahrtausend, unabhängig davon, wo ihre Präferenz liegt: Glauben Sie daß sich am Zölibat etwas ändern wird?

WEBER: Ich bin im Laufe meines Lebens mit Prognosen überaus vorsichtig geworden. Unter den Büchern, die ich kenne, gibt es sehr viele, wo es heißt: So wird die Kirche in zehn

Jahren ausschauen. Es ist dann sehr oft ganz anders gekommen. Ich meine, daß eine persönliche Freistellung - wer will, soll den Zölibat ergreifen -nicht viel bringt. Es würde ein sehr großer Gesellschaftsdruck entstehen.

Wenn ich schon eine Prognose geben muß oder soll, dann würde ich so sagen: Es muß in der Kirche immer wieder Menschen geben, Laien, Priester, Ordensleute, die in irgendeiner Weise deutlich machen: Mir bedeutet Christus sehr, sehr viel. Ich vertraue auf sein Reich, und deshalb unterscheidet sich auch meine Lebensform von der anderer. Wer weiß, vielleicht wird es in absehbarer Zeit heißen, ja da gibt es Leute, die sich komischerweise nicht scheiden lassen, was doch allgemein üblich geworden ist, und da gibt es Leute, die etwa einen Betrieb in sozialer Hinsicht ganz anders führen, sodaß man ein wenig Kopf schüttelt, weil der Gewinn dann vielleicht kleiner ist. Wir können nicht Kirche sein ohne dieses Zeugnis. Von Anfang an gab es gegenüber der Christenheit dieses erstaunte Hinschauen: Da gibt es Leute, die um eines Jesus Christus willen aus dem Rahmen fallen.

FURCHE: Es gibt Kollegen von Ihnen, die meinen, in naher Zukunftwerde das Priestertum auch Verheirateten und vielleicht auch Frauen offen stehen. Wäre das von Ihrem Glaubensverständnis tragbar, wenn auch nicht in der bisherigen Tradition begründet?

WEBER: Das ist eine hypothetische Frage auf die man sehr schwer antworten kann. Es ist völlig klar, daß es nicht das unumstößliche Glaubensgut ist, aber etwas, was geworden ist. Ich vertraue mit sehr heiterem Gemüt darauf, daß die Kirche, wenn sie sich nicht auseinanderdividieren läßt miteinander Wege finden wird, die gut sind.

Man soll nicht vergessen, daß zum Beispiel jetzt erst 35 Jahre seit dem

Tod Pius XII., der der Endpunkt einer ganzen Entwicklung war, vergangen sind. Wie viel ist in diesen 35 Jahren nicht nur durch das Konzil, sondern überhaupt mit der Kirche anders geworden? Die Kirche entwickelt sich in ihrem Leben, und dieses Leben wird fruchtbar sein, wenn in der Kirche ganz stark das Element des Vertrauens, das für mich eine der ersten Übersetzungen der Nächstenliebe ist, existiert. Wenn sich Leute nur mißmutig gegenseitig anschauen, ausspielen, anklagen, dann wird auch nicht viel Neues hervorgehen.

FURCHE: Welche wären für Sie die wichtigsten Eigenschaften für einen Priester der Zukunft?

WEBER: Ich glaube, das sind auch Eigenschaften für einen Priester der Gegenwart. Wenn die Menschen spüren, da ist jemand, der uns einfach gut will, nicht bloß, weil er ein netter Mensch ist, sondern wo man das Gefühl hat, hier kann ich meine Sorgen anvertrauen, hier sind sie aufgehoben. Ein Mensch etwa nach dem Bild eines der berühmten Aussprüche

Johannes XXIII.: „Alles sehen, vieles übersehen, möglichst wenig tadeln.” Ein Mensch, der spüren läßt: Ich nehme euch ganz ernst in euren Lebensumständen. Und ich tue das aus einer Geborgenheit, die ich bei Gott suche, wenn ich ein betender Mensch bin. Ein Mensch, der nicht ständig wie eine Mimose reagiert, sondern auch etwas aushält. Ein Mensch der bei den Leuten ist und der zugleich bei Christus ist.

Und dann kommt etwas sehr Wesentliches dazu: Ein Mensch, der sagt, das ist mein Lebenskonzept, ich mache das nicht ein paar Jahre, ich will von mir aus nicht widerrufen, sondern das ist mein Lebenskonzept, das von der Kirche angenommen ist. Wir nennen das Weihe. Tatsache ist, daß unsere Priester eine sehr hohe Annahme, eine sehr große Hochachtung in unserem Volk haben.

FURCHE: Man hat den Eindruck, daß in den letzten Jahren die frühere Priesterkarriere, kleines Seminar, Priesterseminar, dann Weihe, abgelöst wurde. Jetzt kommen mehr Leute mit abgeschlossenem Studium und Berufserfahrung erst nach einigen Jahren zum Priesterberuf. Sehen Sie das als positive Entwicklung?

WEBER: Das ist, glaube ich, eine ganz natürliche Entwicklung. Ich bin 1950 als 23jähriger geweiht worden, habe allerdings bereits Kriegsdienst hinter mir gehabt, und da war man irgendwo älter als es im Taufschein steht. ,

Inzwischen gibt es sicher die allgemeine Erscheinung einer langsameren Reife. Es ist heute das Mindestalter 25, aber die Leute sind auch 27,28 Jahre und, wie Sie richtig sagen, gibt es eine eher zunehmende Zahl von Leuten die schon eine andere Ausbildung hatten oder einen anderen Beruf ausübten. Ich halte das, ohne eine Regel daraus machen zu wollen, für eine gute Sache. Das Gespräch führte Heiner Boberski.

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