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Religion hat Zukunft auch die Kirche?

1945 1960 1980 2000 2020

In dieser Überschrift schwingt ein „noch" mit. Lohnt es sich noch, soll man noch bleiben? Die Meinungsforschungen wollen ein Sinken des Schiffes Religion oder wenigstens der Kirchlichkeit registrieren. Sie selber leben vom urtümlichen Bedürfnis, die Welt zu entschleiern. Nachdem wir die Welt gründlich enträtselt haben, hat sie uns neue Rätsel aufgegeben. A n die Stelle des Philosophen scheint der Meinungsforscher zu treten, dessen hohe Prozentsätze oft genug als erstrebenswerte Normen verstanden werden. Aber dennoch - und hier ist ein Wort absichtlich gewählt - zum Teufel, wer sagt uns denn, wie man eigentlich leben soll?

1945 1960 1980 2000 2020

In dieser Überschrift schwingt ein „noch" mit. Lohnt es sich noch, soll man noch bleiben? Die Meinungsforschungen wollen ein Sinken des Schiffes Religion oder wenigstens der Kirchlichkeit registrieren. Sie selber leben vom urtümlichen Bedürfnis, die Welt zu entschleiern. Nachdem wir die Welt gründlich enträtselt haben, hat sie uns neue Rätsel aufgegeben. A n die Stelle des Philosophen scheint der Meinungsforscher zu treten, dessen hohe Prozentsätze oft genug als erstrebenswerte Normen verstanden werden. Aber dennoch - und hier ist ein Wort absichtlich gewählt - zum Teufel, wer sagt uns denn, wie man eigentlich leben soll?

Zunächst können nur Ahnungen skizziert werden, warum die Menschen nicht loskommen von dem, was Religion heißt: Offensichtlich hat sie etwas mit naturhafter Fülle, Uberschweng-lichkeit zu tun, womit nicht gleich spornstreichs Ekstase gemeint ist. Weiters hat sie etwas mit Mut im Leiden und mit Gehorsam zu tun.

Sie hat die Universalität der ganzen Welt im Sinn. Reine Nationalkirchen haben keine Chance, und man erinnert sich ratlos an einen recht ernst gemeinten Vorschlag in den Siebzigerjahren: Der Papst solle nur mehr Generalsekretär der vereinigten katholischen Kirchen sein!

Schließlich hat Religion etwas mit Schönheit zu tun - das Wort von Dostojewski, das Schöne werde die Welt retten, ist beinahe unerschöpflich und „Die Kirche kann aus ihrem Wesen heraus nicht darauf verzichten, gezeichnete Menschen zu haben, die wir Amts träger nennen."

wahr. Religion hat dann etwas mit Aufopferung zu tun und schließlich damit, daß normale Dinge zu heiligen Gestaltungen werden.

Was ist nun aber der entscheidende Punkt? Was ist Religion in ihrem Innersten? Ist sie Projektion, Traum, Ekstase, Ethik?

Oder ist sie von jemandem gegeben? Von einem Seienden, der denken kann, wollen und lieben? Wenn dies aber so wäre, dann ist sie letztlich unabhängig und unverfügbar. Und die Zugänge zu diesem Seienden sind unerschöpflich, müssen aber wohl ihm gemäß mit Denken, Wollen und Lieben durchschritten werden.

So meine ich, daß die Religion Zukunft aus sich selber heraus hat und daß die Zukunft der Religion uns letzten Endes entzogen ist.

Was wir aber mit Kirche meinen, ist nicht denkbar ohne die Menschwerdung des Seienden. Damit hören sich alle Harmlosigkeiten endgültig auf. Dies alles hat nun brisante Konsequenzen.

Etwa: Die Kirche muß behutsam damit umgehen, was im allgemeinen Demokratisierung genannt wird. Andererseits darf sie aber nicht - oft könnte dies allein aus Denk- und Seelenfaulheit geschehen - in eine selbstgenügsame lebensferne Gottesverehrung verfallen.

Dies scheint derzeit nicht aktuell zu sein. Aber es gibt sie verkleidet: Im Insider-Betrieb kirchlicher Art, wo sich dieselben Leute endlos über dieselben Probleme ergehen.

Die Kirche kann aus ihrem Wesen heraus nicht darauf verzichten, gezeichnete Menschen zu haben, die wir Amtsträger nennen, weil sie wirklich tragen und oft schleppen unter ihrem Amt. Es ist schwer, das Seiende, Unveränderliche oder besser, den Seienden, mit Gesetzen und Ordnungen zu beschreiben; so wird der Zugang zu ihm ergänzt und nähergebracht dadurch, daß es Gottesnachfolger und Gottesbeauftragte gibt, die nun ihrerseits wieder das große Gesetz Gottes oft nur stammelnd, aber dennoch sagen müssen.

Hier zeigen sich wohl die tieferen Dimensionen, die etwa einem Papst, einer Synode, dem Lehramt zukommen und die nicht mit dem Krämerzollstab gemessen werden dürfen in der Annahme, sie hätten sich bloß etwas ausgedacht. Und so einfach ist es mit dem Zölibat auch nicht - seine eigentliche Begründung heißt: „um des Himmelreiches willen". Diese Begründung aber reicht, ihn mit aller Ernsthaftigkeit zu wollen.

Ferner ist das Phänomen Gebet zu bedenken. An Stelle der gewohnten Geläufigkeit des absolvierten Gebetes ist oft Literatur getreten. Oder Gefühlsbeschreibungen, wobei zu oft das beschrieben wird, was zu fühlen schon vorher vorgesehen war. Oder das Gebet wird erstickt in allgemeinen Erläuterungen über die Weltsituation und Alternativprobleme.

Aber dann bricht es auf einmal wieder durch: schweigend auf das Antlitz fallen oder in einen Dienst des Gebetes treten. Demütige Zucht des Chorals wird wieder gemocht. Man ist nie sicher vor dem Gebet und man ist nie sicher davor, was das Gebet mit einem anrichten kann.

Nun soll noch etwas darüber gesagt werden, was man mit einem Hilfswort „Parallelkirche" nennen könnte:

Es gibt zwei denkbare verschiedene Ansätze: Die Kirche, die aus der Zuneigung Gottes kommt, und die Kirche aus dem Zusammenschluß von Menschen. Beide Ansätze verwirklichen sich nie in Reinkultur. Sie müssen einander auch gar nicht feindselig gegenüberstehen. Dennoch könnte zu der Kirche des Gegebenen eine Parallelkirche entstehen, die keineswegs einfachhin als schismatisch, häretisch, glaubensschwach, kirchenfern bezeichnet werden darf.

Und dennoch ist sie vorhanden. Es gibt Symptome, die harmlos zu sein scheinen, die aber doch einiges andeuten. Solche Symptome sind etwa: das Desinteresse an der Idee der Orden, das Verlöschen des Apostolats, die unbekümmerte Sorglosigkeit um das Entstehen einer dritten Konfession ...

Es wäre zu einfach, dies als Versuch zu sehen, in einem zweiten Anlauf die Reformation nun auch bei uns nachzuholen. Dennoch scheint es die Konturen einer möglichen Parallelkirche zu geben. Es gibt die nicht zu übersehende Spannung zwischen Institution und Gewissen, zwischen Sakrament und Glauben. Es sind ernste und notwendige Spannungen, vor denen man sich nicht fürchten soll. Sie werden aber tödlich, wenn sie nicht mehr in der Kirche selbst bleiben.

So glaube ich, daß es ein gefährliches Spiel mit dem Feuer ist, etwa über den ersten Träger und Garanten der Einheit in der Kirche, den Papst, bloß mit gönnerhaftem Ton zu reden. Dies nicht deshalb, weil er vorzeitig glorifiziert werden soll, sondern weil man in diesem Fall die Spannung der ganzen Katholi-zität nicht aushält, die besonders in der Person und im Amt des Papstes ruht.

Man will diese Spannung liquidieren, indem man den Papst unerheblich machen möchte. Und dann wird es ernst mit einer parallelen Kirche.

Damit kommen wir zum Problem der Artikulation: Freiwillig zu einer Gemeinschaft dazuzugehören, hat zwei Voraussetzungen: wenigstens unbeholfen seine Sache artikulieren zu können und eine starke Beherbergung durch die Gemeinschaft.

Es ist sogar möglich, daß eine der beiden Voraussetzungen die andere zum Teil ersetzt. Beherbergung in der Gemeinschaft der Kirche ist aber in der heutigen schonungslos mobilen, informierten, anonymen Massengesellschaft schwierig geworden. Man hat anscheinend einfach nicht Zeit, zur Kirche reflektiert dazuzugehören. Sie hält auch gar nicht mehr so viel aus.

Um so wichtiger ist die Artikulation in sagbaren Sätzen, Feiern, Gebeten, Liedern, Gebräuchen, Ordnungen bis hin zum Kirchenbeitrag. Und hier plädiere ich für den Straßenbahnschaffner mit seiner Wortarmut: Der Kleine, Einfache muß in die Lage gesetzt werden, seinen Glauben wenigstens annähernd artikulieren zu können.

Ich weiß nicht, ob der Religionsunterricht ganz gut beraten ist, wenn er zu sehr auf formulierte Sätze verzichtet.

„Umso wichtiger ist die Artikulation in sagbaren Sätzen, Feiern, Gebeten, Liedern, Gebräuchen bis hin zum Kirchenbeitrag.quot;

Die Zukunft liegt nicht in der elitären Gemeinde, die für sich bleibt, sich selbst beschäftigt und über alles zu reden versteht.

Zur Elite zu gehören, ist eine Gnade. Und diese geschenkte Gnade größeren Wissens muß dem Volk weitergeschenkt werden. Der Straßenbahnschaffner soll etwas davon haben. Die Bibel preist jedoch die Kleinen selig, das heißt: Diese sind reicher, als sie und andere es wissen!

Noch ein Wort zur moralischen Nachdenklichkeit. Der normale Mensch fühlt sich scheinbar nicht mehr von den moralischen Aussagen der Kirche betroffen. Er läßt den Papst samt seinen Genossen einen guten Mann sein. Oder er nimmt die exegetischen Kunststücke moralischer Anwendung flüchtig zur Kenntnis. Oder er sitzt mit grimmiger Mietfe auf Tagungen, auf denen gesagt wird, man solle doch endlich überholte Dummheiten wie Ablehnung der Pille und Zölibat lassen.

Interessant ist allerdings, daß trotz aller Beteuerungen etwa das Thema der Sexualität nach wie vor aktuell und beunruhigend bleibt. Auch bei jenen, die sich der sexuellen Befreiung verschrieben haben und mitteilen, sie seien nun entkrampft.

Doch dies nur zum Beispiel - mir will scheinen, daß es auch auf vielen anderen Gebieten der Kirche aufgegeben bleibt, trotz aller Totsagungen und Kompliziertheiten des heutigen Lebens hartnäckig der Natur nachzudenken, weil sie darin einen Hinweis Gottes sieht.

Damit hat sie aber auch Aussicht, zu einer unübertrefflichen Kraft der Befreiung zu werden und eine solche zu bleiben. Sie könnte eines Tages einem verlegenen Gewinner des großen Loses gleichen, wenn sie nämlich entdeckt, daß sie nicht bloß überlebt, sondern mit Leidenschaft und Wehmut erhofft ist.

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