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Ein Jahr daaach

Der Katholikentag in Graz hat den steirischen Katholiken bis weit über die Grenzen Österreichs hinaus viel freundliche Anerkennungen gebracht. Das freut uns natürlich, aber es nötigt uns umso mehr, darüber nachzudenken, wie dieser Katholikentag in der heutigen Sicht anzusehen ist. Noch steht das große, hohe Kreuz im Stadtpark, vor dem 80.000 Menschen die Messe gefeiert haben. Es wird zumindest zehn Jahre stehen bleiben und damit so etwas sein wie ein unsichtbarer Wegweiser für das „Jahrzehnt des Evangeliums”, das mit dem Katholikentag begonnen hat.

Doch zurück zum Fest selber: Was hat es gebracht?

Sicher ein neues Selbstbewußtsein. Ein Journalist erzählte mir, wie bei der Bekanntgabe der Teilnehmerzahl am Gottesdienst — wie gesagt, seriös geschätzt waren es 80.000—neben ihm ein paar Leute zu weinen begonnen hätten. Ich kann diese Tränen gut verstehen. Es sind die Tränen vieler treuer, kleiner Katholiken, die jahraus, jahrein in ihrer Pfarre dienstbereit sind. Und die oft von außen, aber auch innerhalb der Kirche schnoddrig von anderen besserwissend und grämlich ständig hören müssen, daß mit der Kirche sowieso nicht mehr viel los sei. Gestalt und Herzlichkeit des Festes waren der deutliche Beweis, daß unsere Kirche noch über ganz andere Reserven verfügt, als mit Statistiken erhebbar sind.

Beim Katholikentag selber kristallisierte sich ein deutlicher Dreiklang heraus: intellektuelle Bemühungen — Fest — geistliche Dichte. Der intellektuellen Bemühung bahnten vor allem die 14 Forum-Veranstaltungen den Weg. Hier wiederum bemerkenswert, welches Forum den größten Zuspruch fand: das Gespräch über Sterben und Tod.

Die Festlichkeit zeigte sich in etwa 150 Veranstaltungen am Samstag und im großen Gottesdienst am Sonntag. Mir will scheinen, daß hier nicht zwei Welten sind, sondern daß die Feier des Todes und der Auferstehung Christi durchscheinend war bis hin zu den Volkstänzen, den Partnerschaften zwischen Stadtpfarren und Landdekanaten, dem Kinderfest und noch weiter.

Die geistliche Dichte wirkte zunächst im Hintergrund: die Anbetung, das Chorgebet der Orden, die ständig frequentierten Beichtstühle, und dennoch waren sie ein tragendes Gerüst. Wer es bisher noch nicht bemerkt hatte, wurde bei diesem Katholikentag auch wieder auf die große Kraft der sichtbaren Zeichen aufmerksam gemacht: das genial ansprechende Signet des dreifachen Herzens, die Kerzen der Pfarren, die drei Tage lang vor dem Grazer Rathaus zu betrachten waren, und schließlich die Zehntausenden Metallkreuze, die beim Gottesdienst verschenkt wurden und nun in den Wohnungen und oft auch in der Hand von aufgebahrten Menschen ihren Platz gefunden haben.

Nun, jedenfalls Zufriedenheit, Freude auf allen Seiten. Und dennoch, was hat es gebracht? Weiterhin treten Leute'aus der Kirche aus, die Mühsal des Religionsunterrichtes ist nicht geringer geworden, die Kinder fehlen beim Gottesdienst, die Pfarren ohne Priester am Ort nehmen noch weiterhin zu, wenn auch der Priester-nachwuchs offensichtlich zu steigen beginnt. Also—hat es sich rentiert?

Zunächst muß hier wohl geantwortet werden, daß sich das Evangelium und die Seelsorge den üblichen Kategorien entziehen. Das müßte wesentlich lauter gesagt werden, denn die Meinung ist nicht selten, mit einem sehr großen Fortschritt der pastoralen Methoden und dem Vorhandensein von nicht geringen materiellen Mitteln sei alles machbar, würden wir noch mehr Leute haben und würde die Kirche endlich einiges neu ordnen. Doch so ist es nicht. Und ich glaube, da liegt auch das wahre Ergebnis unseres Katholikentages.

Zunächst waren es die vier Jahre Vorbereitung. Ein ganzes Jahr haben wir damit verbracht, auf allen Ebenen und auch in den Gremien die Idee zur Sprache zu bringen, zu überlegen und um Zustimmung zu werben. Die Vorbereitungen, die darauf folgten, waren — zweifellos gefördert von einer hervorragenden Leitungsstelle — ein Geschenk. Nämlich das mühsam zu enthüllende Geschenk, daß es um die eine gemeinsame Kirche geht, die mehr ist als eine Addition von Pfarren und Initiativen und daß diese Kirche unerschöpfliche Quellen besitzt.

Je größer die organisatorischen Anforderungen wurden, umso ' deutlicher zeigte es sich, daß es um den einfachen Glauben an Jesus Christus, den Sohn Gottes, geht, um die sakramentale Kirche, um die Gemeinsamkeit mit dem Papst und den Bischöfen und daß sich christliches Leben sehr wohl vom üblichen zu unterscheiden hat. Nochmals: Je komplizierter die Durchführung erschien, umso deutlicher wurden die einfachen Grundlinien unseres Glaubens.

Daraus entstand nun die Folgerung des Katholikentages, die uns eigentlich von Tag zu Tag selbstverständlicher erscheint: Das „Jahrzehnt des Evangeliums”, das in unserer Diözese die achtziger Jahre umfassen soll, trägt den anspruchsvollen Titel „Das Evangelium zu allen”. Das, was zunächst pathetisch und undurchführbar klingen könnte, ist nichts anderes als die Selbstverständlichkeit, mit der Christus zwölf Apostel ausgesandt hat. Oder wie er ihnen ein paar Brote in die Hand drückte, um Tausende zu speisen. Mir scheint es durch den Katholikentag möglich geworden zu sein, wieder daran zu glauben.

Man könnte dieses Vorhaben auch „Landesmission” oder sonstwie nennen. Aber das ist nicht so wichtig. Das, was wir wollen und was nun offensichtlich von immer mehr gläubigen Katholiken in unserem Land aufgegriffen wird, heißt einfach: vergrabene Schätze heben, damit wir auch morgen glauben und leben können!

\ Deshalb geht es uns um eine ) Neuentdeckung der Sakramente, des Sonntags, ohne das Heil allein in neuen Gestaltungen zu suchen. Es geht uns um das Anliegen — nicht um das Buch — eines Katechismus, daß auch der Einfachste seinen Glauben irgendwie artikulieren kann. Es geht uns um die unterscheidende Lebensführung, sei es in der Ehe oder auf anderen Lebenswegen. Es geht uns um Zellen der Evangelisierung, seien es Familien, Dorfgemeinschaften, kirchliche Vereinigungen und so weiter. Und es geht uns ganz besonders um die geistlichen Berufe, die abstrichlos gefördert werden sollen, damit die Kirche ihr ureigenstes Wesen bewahrt.

Gemäß der Anweisung des Evangeliums, und nicht, um uns nicht zu blamieren, wollen wir am Ende des Jahrzehnts keine Bilanzen aufstellen. Wir wissen, daß wir zu säen haben und die Ernte Gott übergeben können.

Im ganzen gesehen meinen wir, daß der Katholikentag uns das gebracht hat, was für ein Christenleben und die ganze Kirche eigentlich selbstverständlich sein sollte: gelassenes Vertrauen und fröhliche Zuversicht.

Das stilvolle hohe Katholikentagskreuz steht weiterhin im Stadtpark. Die zu tragenden Kreuze der Gegenwart und Zukunft werden nicht sehr ästhetisch sein. Aber wir möchten uns vornehmen, sie nicht abschütteln zu wollen.

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