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„Die Kirche ist schuld!”

Nichts wirkt so befreiend wie Unlustgefühle, eigene Schuld und eigenes Versagen objektivieren zu können, einen Sündenbock zu finden, auf den man all das abladen kann, mit dem man selbst nicht fertig wird.

Es soll hier der Versuch unternommen werden, einer Objektivation eigenen Versagens dadurch die Spitze abzubrechen, daß man sie vorwegnimmt. Wahlkommentare werden normalerweise nach den Wahlen geschrieben. In Österreich kann man sie auch schon vorher schreiben mit Variationen a, b, c, und manche unter Zeitdruök stehende Journalisten sollen dies auch tun. In Österreich aber führen Wahlen meist auch zu einem Ergebnis, das es den beiden um Entscheidung ringenden Parteien gestattet, sich selbst als Sieger vorzustellen, insofern nämlich, als es doch gelungen sei, die Machtgelüste des Gegners zu brechen.

Zwei Sieger in einer Wahl bedeuten aber, wenn man es von einer anderen Seite betrachtet, auch zwei Verlierer, und es könnte unter Umständen sein, daß die beiden Verlierer insofern auf einen gemeinsamen Nenner kommen, als sie jemanden finden — von verschiedenen Selten her, meist vom konträren Standpunkt aus —, der Schuld daran trägt, daß man die eigenen Ziele nicht erreicht hat. Bevor das öffentlich oder geheim nach der Wahl geschieht, wollen wir das doch schon lieber vorher machen.

„Wenn wir diesmal die Wahl verlieren..

Diese Überlegungen wurden ausgelöst durch die Mitteilung eines Bekannten, der erzählte, er hätte in einem Kreis ehemaliger Schulkollegen vor kurzem einhellig diese Meinung gehört: „Wenn wir diesmal die Wahl verlieren, dann ist nur die Kirche schuld daran.” Ohne uns jetzt: schon festzulegen, welcher Kreis dies wäre, der der Kirche die alleinige Schuld an den für ungünstig gehaltenen Wahlausgang zuschieben will, wollen wir versuchen, alle möglichen Argumente sowohl von der einen als auch von der anderen Seite, die für einen „Schuldspruch” der Kirche herangezogen werden könnte, zu untersuchen. Dies ist nicht bloß ein müßiges Spiel der Gedanken, wie es vielleicht scheinen mag, jeder kann etwas davon verspüren, wenn er nur herumhorcht oder wenn er aufmerksam die Zeitungen liest. Nicht daß die Parteien offiziell eine solche Meinung vertreten, kaum auch, daß sie sie nachher offiziell vertreten werden, aber bei dieser Wahl besonders spielen ja offizielle Stellungnahmen der Parteien eine geringere Rolle gegenüber den im Untergrund weitergereichten Flüsterparolen.

Fangen wir einmal bei der ÖVP an. Sie ist nicht nur die größte Partei, sie ist auch jene Partei, in der der Großteil der österreichischen Katholiken seine politische Heimstatt gefunden hat, sie ist daher auch jene Partei, in der das katholische Milieu am stärksten vertreten ist. Man würde dieser Partei und vor allem ihrer Führung Unrecht tun, würde man annehmen, daß sie jetzt oder auch nach den Wählen allein der Kirche Schuld an Schwierigkeiten verschiedenster Art geben würde. Es liegen Äußerungen führender Männer dieser Partei vor, die eindeutig klarstellen, daß man niemals die Absicht hatte, die Kirche in den Wahlkampf zu ziehen, daß die Distanz der Kirche von der Parteipolitik, von der Tagespolitik nur begrüßt würde, ja manche gehen sogar so weit, daß sie sagen, jedes deutliche Interesse der Kirche für die ÖVP könnte dieser nur schaden.

Niemand darf daher annehmen, daß nach einem Wahlergebnis, das nicht allen hochgesteckten Zielen Erfüllung brachte, die Partei offiziell die Parole von der „Schuld der Kirche” ausgeben wird. Niemand aber mag daran zweifeln, daß es in der Partei Strömungen und Personen aus katholischem, aber auch aus nichtkatholischem Milieu geben wird, die das Wort, die Kirche habe schuld, weitergeben würden.

Wolf und Teufel

Und warum trägt die Kirche Schuld? Weil die Bischöfe zu dieser Wahl keine eindeutige Wahlerklärung abgegeben haben! Denn diesmal, so wird man sagen, sei es ja nicht um irgendeine Wahl gegangen, sondern diesmal ging es um die „Entscheidung”. Und bei Entscheidungen ist man natürlich mit dem Wolf oder dem Teufel rasch zur Hand. Die Bischöfe, so wird man sagen, hätten auch zur Wahlempfehlung der österreichischen Kommunisten geschwiegen. Auch die drohende „Volksfrontgefaihr” hätte sie nicht veranlaßt, für oder, besser gesagt, gegen eine Partei Stellung zu nehmen.

Man sagt zwar meist: die Bischöfe, meint aber oft nur einen. Was soll man dagegen sagen? Daß die Linie der österreichischen Kirche nach 1945 nicht von einem einzigen Bischof, sondern von allen Bischöfen gemeinsam bestimmt wurde, daß die Bischofskonferenz überhaupt nur als gemeinsames Organ handeln kann, daß diese Linie der Kirche in Österreich unbestritten war, ja daß die Bischöfe gerade bei dieser Wahl sehr wohl einen Hirtenbrief herausgegeben haben, der die Katholiken ermahnt, nach reiflicher Prüfung des Gewissens zu entscheiden. Daß es gerade im Zeitalter des Konzils vollkommen undenkbar sei, daß die Bischöfe in ein Gebiet eingreifen, das, wie die Politik, ureigenstes Anliegen der Laien ist. Und was die „Entscheidung” betrifft, so mag es wohl zum Stil der Propaganda gehören, immer den Teufel an die Wand zu malen, nicht aber zum Stil der Kirche, ein solch gefährliches Spiel ,mitzumachen.

Wie sie’s auch macht

Allerdings, die Bischöfe haben nicht das gesagt, was manche vielleicht doch von ihnen erwartet haben, erwartet trotz des geraden Weges, den die Kirche bisher in Österreich gegangen ist, erwartet zum anderen auch trotz aller Erfahrungen der Vergangenheit. Soll man sich trösten damit, daß der Ruf „die Kirche ist schuld” vielleicht auch dann erhoben würde, wenn die Kirche so gehandelt hätte, wie es manche von ihr erwarteten, und eine ausgesprochene Wahlempfehlung ausgegeben hätte. Dann wäre die Kirche schuld gewesen, weil sie dadurch die ÖVP zu einer „klerikalen Partei” gestempelt und ihr dadurch die Stimmen jener entzogen hätte, die keine katholische Partei wählen wollen.

Und die KA?

Und wie ist es mit der Katholischen Aktion? Sie ist doch die Vertretung der Laien in der Kirche? Auch sie hat nicht so gesprochen, wie manche Katholiken es erwarteten; sie hat zwar ebenfalls an das Gewissen der Katholiken appelliert, sie ermahnt, Personen und Programme reiflich zu prüfen, und hinzugefügt, daß niemand im Namen der Kirche, im Namen der Katholiken sprechen könnte. Das könnte doch nur, wird man behaupten, gegen die ÖVP gerichtet gewesen sein. Die Katholische Aktion, so würde man sagen, habe auch nach der Wahlempfehlung der Kommunisten keinen Anlaß gefunden, eine eindeutige Erklärung herauszugeben. Und als die Katholische Aktion einer Diözese eine solche eindeutige Erklärung gegen die Sozialistische Partei veröffentlichte, ist ihr die Katholische Aktion Österreichs nicht beigetreten. Ja, als sich in Wien ein „Wahlkomitee österreichischer Katholiken” bildete, das für die Wahl der Kandidaten der Volkspartei eintrat, da habe man vergeblich auf ein zustimmendes Echo der Bischöfe gewartet. Wohl hätten manche Pfarrer das ihre getan, um das katholische Volk auf diese entscheidende Stunde aufmerksam zu machen, aber die offizielle Kirche habe sie weitgehend alleingelassen. Und alles mündet schließlich in den Refrain: „Kein Zweifel, daß wir die Wahl verloren haben, daran ist nur die Kirche schuld!”

„Kein Zweifel, die Kirche ist schuld, daß wir diese Wahlen verloren haben”, das könnten auch die Sozialisten nach der Wahl sagen. Auch sie werden es vielleicht nicht offiziell tun, aber eine Untergrundpropaganda würde ein mittleres Funktionärskorps, das nur zu gern diese Parole auf nimmt, davon überzeugen, daß die Kirche eben auch heute das sei, was sie immer gewesen, eine „Feindin der Arbeiterklasse”. Mit der politischen Parteinahme bei dieser Wahl hat sie ihre Glaubwürdigkeit weitgehend verloren. Um Argumente wäre man nicht verlegen. Je dünner, um so effektvoller würden sie herausgeputzt werden. Noch nie in Österreich seit 1945, so würde man es flüstern hören, habe die Kirche in einen Wahlkampf so massiv eingegriffen wie in diesen. Hat nicht der oder jener Pfarrer ziemlich unverblümt für die ÖVP Propaganda gemacht? Habe man nicht in der Kirche und vor der Kirche Zettel mit Gebeten an den „heiligen Klaus” verteilt; habe man nicht sogar gehört, daß in steirischen Kirchen für das Ableben des Vizekanzlers gebetet worden sei? Das eine stimmt, das mit den Gebetszetteln. Aber hat nicht eine katholische Zeitung diese Zettel als eine „Geschmacklosigkeit” bezeichnet; hat nicht das Bischöfliche Ordinariat in Graz eine Weisung an alle Pfarrer gegeben, diese Zettel nicht zu beachten? Korrekturen an einem vorgefaßten Bild nimmt man nicht gerne an. Und was die angeblichen Gebete für das Ableben des Vizekanzlers betrifft, so gehören sie in das Gebiet kannibalischer Propaganda. Der Aufforderung, sofort Ort und Zeit eines solchen Gebetes zu nennen, kannte man nicht entsprechen.

Klagen der Sozialisten

Aber, so werden die Sozialisten nach der Wahl sagen, hat man nicht auch in der katholischen Presse weitgehend eine unterschwellige Parteipropaganda bemerkt? Hat man nicht unter dam Decknamen neutraler Information in der Kirchenpresse ÖVP-Funktionären Gelegenheit zu eindeutiger Vertretung eines Parteistandpunktes gegeben? Hat nicht sogar der Generalvikar einer Diözese in aller Öffentlichkeit für eine und gegen eine andere Partei das Wort ergriffen? Und wie ist es mit der Neutralität der Katholischen Aktion bestellt? Hat sich eine Stimme offen gegen das „Wahlkomitee österreichischer Katholiken” ausgesprochen? Kein Bischof und keine Katholische Aktion habe diesen Mißbrauch des katholischen Namens verurteilt. Wurde bei einem der drei Proponenten dieses Wahlkomitees nicht immer bemerkt, er sei früher Präsident der Katholischen Aktion gewesen? Und hat schließlich nicht die Katholische Aktion Tirols sehr eindeutig vor der Wahl der Sozialisten gewarnt? Läßt sich das alles mit der sogenannten Überparteilichkeit der Kirche vereinbaren?

Wer Schlagworte sucht, kann durch Argumente nicht leicht beeindruckt werden. Aber versuchen muß man es trotzdem. Das, was manche Sozialisten unter parteipolitischer Neutralität der Kirche verstehen, ist nichts anderes als Neutralismus. Für sie ist die Kirche nur dann neutral, wenn jeder Katholik sozusagen politisch neutralisiert ist, wenn der Katholik ein politisch geschlechtsloses Wesen ist. So geht es eben nicht! Die Sozialisten haben sich von den Ansprachen der Bischöfe immer nur das herausgesucht, was ihnen genehm war: die Ablehnung eines direkten politischen Engagements der Kirche. Daß aber die politische Distanz der Hierarchie nur dann sinnvoll ist, wenn sie begleitet wird von einem sehr aktiven Engagement der Katholiken, das haben sie überlesen. Ein politisch aktiver Katholik ist für sie meist ein „kulturkämpferischer Klerikaler”. Auch das aber gehört. zur Freiheit des Laien, daß er sich die Plattform seines politischen Wirkens selbst aussucht. Das wird dem einen oder dem anderen nicht immer recht sein. Den Sozialisten war es hier bei diesem Wahlkampf meist nicht recht. Wer hat daher schuld, wenn die Wahlen den Sozialisten nicht den Erfolg bringen, den man sich erhoffte. Die Katholiken, weil sie die SPÖ nicht zur stärksten Partei machten, aber was heißt, die Katholiken; die Kirche hat das alles geduldet, ja vielfach veranlaßt: „Die Kirche ist schuld!”

Minus x Minus = Plus?

Ist die Kirche wirklich schuld? Zwei negative Stellungnahmen von verschiedenen Seiten müssen sich nicht gegenseitig aufheben. Minus mal minus gibt nur in der Mathematik plus.

Was heißt hier überhaupt negative Stellungnahmen? Das ist doch alles nur Verleumdung, Wird man sagen. Niemand hat behauptet und wird je behaupten, daß die Kirche schuld sei, weder vor der Wahl noch nach der Wahl. Das sind typische Gedankengänge eines Beobachters mit allzu lebhafter politischer Phantasie!

Wenn dem so ist — vielleicht ist es wirklich so, vielleicht kommt wirklich so ein Echo —, dann hat dieser Beitrag seine Aufgabe erfüllt. Dann streichen wir gerne den Titel, die Kirche sei schuld; schuld an allen Verwirrungen ist nur der Autor.

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